Ich bin zwei Tage hierher unterwegs gewesen!
— Die Schwiegermutter hatte beschlossen, dass sie wie früher zum Urlaub in das Haus ihrer ehemaligen Schwiegertochter kommen könne.

— Wo ist Lena?
Was zum Teufel ist mit dem Schloss?
Walentina Petrowna stand mit zwei Koffern vor der vertrauten Tür.
Der alte Schlüssel drehte sich nutzlos im Schloss.
Sie zog an der Klinke — vergeblich.
Sie versuchte es noch einmal und drückte mit der Schulter gegen die Tür.
Nichts.
Sie holte ihr Telefon heraus.
Sie wählte.
— Lena, ich bin angekommen.
Bist du zu Hause?
— Ich werde nicht kommen, Walentina Petrowna.
— Was soll das heißen?
Ich stehe doch vor deiner Tür!
— Ich habe Sie nicht eingeladen.
Nach allem, was passiert ist, möchte ich Sie nicht in meinem Haus sehen.
Dann hörte sie nur noch das Freizeichen.
Walentina Petrowna erstarrte mit dem Telefon in der Hand.
Sie war ans Meer gekommen, als hätte sich nichts verändert.
Als hätte es keine Scheidung gegeben.
Als wären sie immer noch eine Familie.
Die Koffer standen neben ihr.
Die Nachbarin aus dem Häuschen nebenan schaute aus dem Fenster und blickte neugierig herüber.
Walentina Petrowna drehte sich weg.
—
Als Lena Ilja kennenlernte, war sie zweiunddreißig.
Ein Jahr später heirateten sie.
Die Hochzeit war klein und ohne unnötigen Aufwand.
Walentina Petrowna verhielt sich beim Fest freundlich, aber zurückhaltend.
— Nun, das Wichtigste ist, dass ihr glücklich miteinander seid, — sagte sie damals und hob ihr Glas.
Sie wurden keine Freundinnen, aber Streit gab es ebenfalls nicht.
Es war etwas dazwischen: höfliche Gespräche an Feiertagen, seltene Anrufe wegen alltäglicher Dinge und ein paar gemeinsame Einkaufstouren im Jahr.
Lena erwartete nicht mehr.
Das reichte ihr.
Sie besaß ein kleines Haus am Meer.
Winzig, mit einer Terrasse und Weinreben vor den Fenstern.
Sie hatte es noch vor der Ehe gekauft — von ihrem Ersparten und ohne Kredit.
Es war ihr Rückzugsort.
Jeden Sommer verbrachte sie zwei oder drei Wochen am Meer.
Einmal im Jahr erlaubte sie sich, einfach nur zu leben.
Nach der Hochzeit wurde das Häuschen zu ihrem gemeinsamen Ort.
Ilja liebte es genauso sehr wie seine Frau.
Morgens gingen sie auf den Markt, abends kochten sie gemeinsam und saßen mit Wein bis spät unter den Sternen.
— Wie schön wäre es, irgendwann ganz hierherzuziehen, — sagte Lena einmal.
— Dagegen hätte ich nichts, — antwortete Ilja.
— Aber wo würden wir dann arbeiten?
Lena lachte und winkte ab.
Damals wirkte es einfach wie ein Gespräch.
Walentina Petrowna begann im dritten Jahr zu kommen.
Am Anfang lud Lena sie selbst ein — aus Höflichkeit.
— Wenn Sie möchten, kommen Sie für ein paar Wochen.
Es ist genug Platz für alle da.
Dann wurde es zur Gewohnheit, und Einladungen waren nicht mehr nötig.
Die Schwiegermutter kam einfach.
Ungefähr immer zu denselben Terminen.
Mehrere Jahre lang lief alles problemlos.
Lena gewöhnte sich an den Gedanken, dass der Sommer nicht nur ihren Mann bedeutete, sondern auch seine Mutter.
Zwei oder drei Wochen.
Das war auszuhalten.
Allmählich begannen Lena und Ilja immer häufiger zu streiten.
Zuerst wegen Kleinigkeiten: wer das Geschirr spült, wer die Reparaturen bezahlt, wofür sie Geld zurücklegen sollten.
Dann wegen größerer Dinge.
Nach und nach wurden aus Ehepartnern bloß Mitbewohner.
Lena versuchte, mit ihm zu reden.
— Ilja, wir sprechen doch fast gar nicht mehr normal miteinander.
Stört dich das überhaupt nicht?
Er nickte und versprach, dass sich alles ändern würde, aber nichts änderte sich.
Eines Tages begriff Lena, dass es keinen Sinn mehr hatte, so weiterzumachen.
—
— Ich möchte mich scheiden lassen.
Ilja erstarrte mit der Tasse in der Hand.
— Meinst du das ernst?
— Ja.
— Lena, vielleicht sollten wir es trotzdem noch einmal versuchen?
— Das haben wir schon versucht.
Und nicht nur ein Jahr lang.
Er stellte die Tasse auf den Tisch und schwieg lange.
Dann ging er in ein anderes Zimmer.
Ilja dachte offenbar, dass Lena sich wieder beruhigen würde, wie es früher schon passiert war.
Doch diesmal hatte Lena ihre Entscheidung längst getroffen.
Walentina Petrowna erfuhr von der Scheidung durch ihren Sohn und rief fast sofort an.
— Lena, wollt ihr euch wirklich scheiden lassen? — in ihrer Stimme lag Anspannung.
— Vielleicht solltest du eine solche Entscheidung nicht im Affekt treffen?
Ilja ist natürlich kein perfekter Ehemann, aber ihr seid doch eine Familie.
— Walentina Petrowna, ich habe alles gründlich überlegt.
Die Entscheidung steht fest.
— Aber ihr seid schon so viele Jahre zusammen…
— Genau deshalb weiß ich, dass ich so nicht mehr leben möchte.
Die Schwiegermutter fragte nicht, was zwischen ihnen passiert war.
Sie versuchte nicht, etwas zu verstehen.
Sie stellte sich sofort auf die Seite ihres Sohnes.
Das verletzte Lena mehr, als sie erwartet hatte.
Nach einem weiteren Anruf hörte sie auf, ihre Anrufe anzunehmen.
Die Scheidung verlief ohne Skandale und lange Streitigkeiten.
Das Häuschen blieb bei Lena — es hatte ihr bereits vor der Ehe gehört.
Walentina Petrowna verschwand nach der Scheidung aus ihrem Leben: Sie rief nicht an, kam nicht vorbei und schrieb nicht.
Als hätte sie zusammen mit der Ehe ihres Sohnes einen Schlussstrich gezogen.
Lena suchte ebenfalls keinen Kontakt.
Nach der Scheidung begann für jeden ein eigenes Leben.
So war es einfacher.
—
Der Sommer kam überraschend schnell.
Lena packte ihre Sachen und fuhr zum ersten Mal seit vielen Jahren allein ans Meer.
Es war ein seltsames Gefühl.
Früher war diese Reise mit Ilja, gemeinsamen Frühstücken, Abenden auf der Terrasse und den Besuchen der Schwiegermutter verbunden gewesen.
Jetzt gab es nur Stille.
Ihre Stille.
Sie kam am Samstag an, öffnete alle Fenster, wischte die Böden und kaufte auf dem Markt Pfirsiche und Tomaten.
Sie stellte einen kleinen Tisch auf die Terrasse und kochte Tee.
Dann setzte sie sich hin und hörte dem Rauschen des Meeres zu.
Sie erwartete niemanden.
Walentina Petrowna packte am selben Tag ihre Koffer.
Sie rief Lena nicht an.
Sie dachte nicht einmal daran.
In ihrem Kopf war alles einfach: Seit vielen Jahren fuhr sie an diesen Ort am Meer, das Häuschen war längst vertraut geworden, und seit der Scheidung war bereits ein halbes Jahr vergangen.
Es war Zeit, die Kränkungen zu vergessen.
Ilja erfuhr zufällig von ihren Plänen — am Telefon erwähnte sie, dass sie „für ein paar Wochen ans Meer“ fahren wolle.
— Mama, hast du das mit Lena abgesprochen?
— Wozu?
Ich fahre doch nicht zu ihr, sondern ans Meer.
— Aber das ist ihr Haus.
— Iljuscha, wir sind doch keine fremden Menschen.
Sie wird mich schließlich nicht hinauswerfen.
Ilja wollte widersprechen, doch sie verabschiedete sich bereits und legte auf.
—
Walentina Petrowna kam gegen Abend an.
Zwei Koffer, eine Strandtasche und eine Tüte mit Lebensmitteln.
Sie holte den Schlüssel heraus, steckte ihn ins Schloss — er passte nicht.
Sie versuchte es noch einmal.
Nichts.
Sie sah genauer hin.
Das Schloss war neu.
Ihr Herz rutschte ihr in die Hose.
Sie wählte Lenas Nummer.
— Lena, ich stehe vor der Tür.
Was ist mit dem Schloss?
— Ich habe es ausgetauscht, — antwortete Lena ruhig.
— Wie ausgetauscht?
Ich bin doch jedes Jahr gekommen!
— Früher habe ich Sie eingeladen.
Jetzt nicht mehr.
— Lena, ich möchte nicht streiten.
Ich bin einfach gekommen, um mich wie immer auszuruhen.
— Walentina Petrowna, nach der Scheidung gibt es kein „wie immer“ mehr.
Das ist mein Haus.
Ich entscheide, wer hier wohnen darf.
— Aber ich…
— Sie haben nicht gefragt.
Sie sind einfach gekommen.
Ich möchte das nicht.
Dann ertönte nur noch das kurze Freizeichen.
Walentina Petrowna stand mit dem Telefon in der Hand da, und die Welt um sie herum schien zu schwanken.
Sie war überzeugt gewesen, dass das Schlimmste längst vorbei sei.
Dass Lena sich beruhigen würde.
Dass sich alles irgendwie wieder einrenken würde.
Nicht einmal im Traum war ihr eingefallen, dass die Tür sich vielleicht nicht öffnen würde.
—
Sie rief Ilja an.
Ihre Stimme zitterte.
— Sie lässt mich nicht rein!
Hörst du?
Ich stehe mit meinen Koffern draußen wie… wie irgendeine Obdachlose!
— Mama, ich habe dir doch gesagt, dass du es vorher absprechen musst…
— Ich dachte, das wäre nicht nötig!
Wir haben doch so viele Jahre…
Ilja, rede mit ihr!
Er rief Lena an.
Er versuchte, sie zu überreden.
— Len, sie ist doch schon da…
Vielleicht kannst du sie wenigstens für ein paar Tage hineinlassen?
— Ilja, das ist mein Haus.
Ich bin nicht verpflichtet, jemanden hineinzulassen.
Schon gar nicht jemanden, der es nicht einmal für nötig gehalten hat, um Erlaubnis zu fragen.
— Aber sie ist meine Mutter…
— Die mich nach der Scheidung aus ihrem Leben gestrichen hat.
Und jetzt kommt sie her, als wäre nichts passiert.
Tut mir leid, aber nein.
Walentina Petrowna stand noch eine Weile vor der Tür und rief dann ein Taxi.
Sie fuhr in das nächstgelegene Hotel.
Sie rief Bekannte an, beschwerte sich und empörte sich.
Doch nichts änderte sich.
Lena blieb im Häuschen.
Sie kochte Tee, setzte sich auf die Terrasse und wickelte sich in eine Decke.
Zum ersten Mal seit vielen Jahren musste sie sich nach niemandem richten.
Sie musste mit niemandem absprechen, wann sie an den Strand ging, was sie zum Abendessen kochte oder wann sie das Licht ausschaltete.
Es war ihr Leben.
Nur ihres.
—
Walentina Petrowna erzählte ihren Bekannten noch lange, wie Lena sie „gedemütigt“ habe.
Wie sie sie „ohne Grund“ hinausgeworfen habe.
Wie sie Gutes mit Bösem vergolten habe.
Lena bekam davon mit.
Und sie versuchte nicht, sich zu rechtfertigen.
Sie erinnerte sich an die ersten Jahre: wie sie zusammen auf den Markt gefahren waren, abends am Meer gesessen hatten und wie sie Walentina Petrowna damals wirklich als Teil ihrer Familie betrachtet hatte.
Und sie begriff: Nach der Scheidung hatte sich alles verändert.
Nicht nur zwischen ihr und Ilja.
Die Schwiegermutter hatte selbst eine Seite gewählt.
Sie hatte selbst deutlich gemacht, dass Lena für sie nur die Ex-Frau ihres Sohnes war.
Niemand.
Eine Fremde.
In diesem Sommer behandelte Lena sie genauso.
Man kann keine Nähe von einem Menschen verlangen, von dem man sich nach der Scheidung selbst abgegrenzt hat.
Man kann nicht ungefragt in das Haus eines anderen kommen.
Man kann nicht glauben, dass alles wieder so wird wie früher, wenn man selbst diese Verbindung zerstört hat.
Lena trank ihren Tee aus, blickte aufs Meer und dachte: Zum ersten Mal seit vielen Jahren war sie wirklich frei.







