— Ich gab meiner Schwiegermutter den leeren Umschlag zurück, den sie uns zur Hochzeit geschenkt hatte.
— Nastja, wo ist mein gestreiftes Hemd?

Dimas Stimme kam aus dem hinteren Teil des Zimmers, begleitet vom Geräusch verschobener Kleiderbügel.
— Auf dem zweiten Regal.
— Es ist zerknittert!
— Das Bügeleisen steht auf dem Balkon.
Das Bügelbrett ist hinter dem Schrank.
Nastja stand vor dem Spiegel im Flur und schloss das Armband ihrer Uhr.
Auf der Kommode lag ein fester bordeauxroter Umschlag.
In der linken unteren Ecke des Kartons war ein kaum sichtbarer, längst eingezogener Fettfleck zu erkennen.
Dima kam in den Flur und zog sich unterwegs das zerknitterte Hemd über.
Er arbeitete als Manager in einem großen Autoteilegeschäft, hing den ganzen Tag am Telefon und verkaufte Bremsbeläge, und zu Hause zog er es vor, dass sich alle alltäglichen Probleme irgendwie von selbst lösten.
— Ich bügle jetzt gar nichts, wir sind sowieso schon spät dran,
— er richtete den Kragen und sah zur Kommode.
— Wie viel hast du hineingelegt?
— Genug.
— Nastja, jetzt keine Rätsel.
Dima trat näher und wollte den Umschlag nehmen, doch seine Frau legte ruhig ihre Hand darauf.
— Mama wird sechzig.
Ein Jubiläum.
Die ganze Verwandtschaft wird da sein, ihre Kollegen von der Hausverwaltung kommen auch.
Ich will neben Lescha nicht wie ein armer Schlucker aussehen.
Er hat immerhin einen Plasmafernseher mitgebracht.
Wir müssen mindestens dreißigtausend reinlegen.
Eine runde Summe.
— Woher sollen wir dreißigtausend Rubel frei verfügbares Geld nehmen, Dima?
Sie steckte den Umschlag in ihre Handtasche.
— In vier Tagen wird die Hypothekenrate abgebucht.
Außerdem hast du letzte Woche neue Alufelgen für dein Auto gekauft.
Unser Budget geht nicht auf, wenn wir jetzt so eine Summe herausnehmen.
— Ach, fang bloß nicht wieder mit deinen Buchhaltungsberichten an.
Dima winkte ab und holte die Autoschlüssel aus seiner Jackentasche.
— Irgendwie kriegen wir das hin.
Ich leihe mir bis zum Vorschuss etwas von den Jungs bei der Arbeit.
Mama hat so viel für uns getan, können wir uns nicht ein einziges Mal richtig erkenntlich zeigen?
— Irgendwie kriegen wir das hin.
Nastja wiederholte es wie ein Echo.
Das war sein Lieblingssatz.
Ein universeller Schutzschild gegen jede Verantwortung.
Vor anderthalb Jahren hatte er genau dasselbe gesagt, als sie in einem Hotelzimmer zwischen zerrissenem Geschenkpapier saßen.
Ihre Hochzeit hatte eine halbe Million gekostet.
Die Hälfte der Summe hatte Nastja angespart, indem sie als Kalkulatorin für Wohnungsrenovierungen gearbeitet hatte, zusätzliche Aufträge annahm und mit dem Maßband durch Neubauten fuhr.
Die andere Hälfte mussten sie auf Kredit aufnehmen, weil Ljudmila Iwanowna erklärt hatte, eine Vorsitzende der Hausverwaltung habe schließlich einen gewissen Status und müsse all ihre Freundinnen und Vorsitzenden aus den Nachbarbezirken einladen.
Beim Bankett selbst hielt die Schwiegermutter einen langen Trinkspruch darüber, wie wichtig es sei, junge Menschen zu unterstützen, und überreichte ihnen unter dem Applaus der Gäste einen festen bordeauxroten Umschlag.
Während des Fotoshootings machte Onkel Kolja eine ungeschickte Bewegung mit der Hand, in der er ein Canapé hielt, und ein Stück roter Fisch fiel direkt auf den Rand dieses Umschlags.
Nastja hatte damals den Fettfleck noch mit einem feuchten Tuch abgewischt.
Und nachts im Hotel fanden sie nach dem Öffnen des bordeauxroten Kartons nichts darin.
Keinen einzigen Geldschein.
Nichts.
Dima lief damals mit offenem Hemd durch das Zimmer und murmelte seine Ausreden:
„Mama war einfach durcheinander.
Das ganze Chaos, das Bankett, sie hat vergessen, das Bargeld hineinzulegen.
Ich rufe sie morgen an, wir kriegen das schon hin, mach dich nicht verrückt.“
Er rief weder am nächsten Tag noch eine Woche später an.
Und Nastja fuhr selbst zu ihrer Schwiegermutter.
Das Büro der Hausverwaltung befand sich im Erdgeschoss eines Plattenbaus.
Ljudmila Iwanowna saß an einem massiven Tisch, wie immer in ihrer gestrickten Weste über einer strengen Bluse, und sortierte Rechnungen.
— Haben Sie es vergessen?
— fragte Nastja damals und legte den Umschlag auf den Tisch.
Die Schwiegermutter musterte sie prüfend.
— Mein Kind, ich vergesse gar nichts.
Ich habe fünf Häuser in meiner Verwaltung und merke mir jeden einzelnen Cent, den die Schuldner noch offen haben.
— Also haben Sie uns absichtlich vor hundert Gästen leeres Papier geschenkt?
— Betrachte es als meine grundsätzliche Entscheidung.
Ljudmila Iwanowna schob damals die Rechnungen zur Seite.
— Du bist in unsere Familie gekommen und alles war schon da.
Du rennst mit deinem Maßband durch fremde Wohnungen und rechnest für staubige Bauarbeiter Kostenvoranschläge aus.
Das ist keine Frauenarbeit, null Prestige.
Mein Dima dagegen ist ein vielversprechender junger Mann.
Ich werde deine Ambitionen nicht aus eigener Tasche finanzieren.
Wenn du beweist, dass du würdig bist, zu unserer Familie zu gehören und dass du ein gemütliches Zuhause schaffen kannst, dann können wir über Unterstützung reden.
Nastja antwortete nichts.
Sie nahm den Umschlag vom Tisch, steckte ihn in die Mappe mit ihren Arbeitszeichnungen und ging.
Dima erzählte sie nichts davon.
Was hätte es gebracht?
Er hätte wieder erklärt, dass seine Mutter einfach müde sei und man Verständnis für sie haben müsse.
— Hey, kommst du?
Die Stimme ihres Mannes holte sie in die Gegenwart zurück.
Dima stand im Treppenhaus und drückte ungeduldig auf den Aufzugsknopf.
— Ich komme.
Nastja schloss die Wohnung ab und ging ihm hinterher.
Während der ganzen Fahrt zum Café gab Dima ihr Anweisungen.
Er lenkte mit einer Hand und gestikulierte mit der anderen lebhaft.
— Nastja, ich bitte dich, nur nicht wieder dieser typische Blick von dir.
Lächle.
Tante Alina kommt aus dem Umland, Onkel Kolja auch.
Mama nimmt Familienfeiern sehr ernst.
Sei ein bisschen freundlicher.
— Ich bin immer ausgesprochen freundlich.
Nastja antwortete, während sie auf die vorbeiziehenden Schaufenster blickte.
Das Café „Gemütlichkeit“ lag in einem Wohnviertel.
Der Bankettsaal war mit goldenen und schwarzen Luftballons mit der Zahl sechzig geschmückt.
Die Gäste saßen bereits an zusammengeschobenen Tischen.
Ljudmila Iwanowna thronte am Kopfende und nahm Glückwünsche entgegen.
Sie trug ein Kleid mit Lurex, und jedes Haar saß perfekt.
— Oh, die Jugend ist auch endlich da!
Onkel Kolja verkündete es laut und hob sein Glas Mineralwasser.
— Dima, Nastja, für eure Verspätung gibt es einen Straftrunk!
— Wir sind pünktlich, Onkel Kolja.
Stau.
Dima drängte sich zu ihren Plätzen und zog seine Frau mit.
Ljudmila Iwanowna nickte ihrem Sohn wohlwollend zu, während sie ihre Schwiegertochter ansah, als wäre diese ohne Unterlagen gekommen, um sich in der Wohnung anzumelden.
— Nastja.
Deine Frisur ist … praktisch.
Die Schwiegermutter deutete mit dem Blick auf den gewöhnlichen Haarknoten am Hinterkopf ihrer Schwiegertochter.
— Immer unterwegs, immer auf deinen Baustellen?
— So ist die Arbeit, Ljudmila Iwanowna.
Ich muss alles selbst kontrollieren.
Nastja antwortete und legte sich die Serviette auf den Schoß.
— Nun ja.
Eine Frau sollte die Welt verschönern und nicht im Betonstaub herumwühlen.
Das Fest verlief nach dem üblichen Schema.
Die Verwandten hielten Trinksprüche und erinnerten daran, wie die Jubilarin heldenhaft Gelder für die Dachreparatur im Haus Nummer achtundvierzig beschafft hatte.
Ljudmila Iwanowna hörte sich das Lob mit dem Gesichtsausdruck eines Menschen an, der seinen eigenen Wert ganz genau kannte.
Nach einer Stunde kamen sie zu den Geschenken.
Dimas Bruder Lescha und seine Frau Alina trugen feierlich eine riesige Schachtel herein.
— Mama, das ist ein Plasmafernseher!
Das neueste Modell, Smart-TV und alles!
Lescha verkündete es begeistert.
— Damit du deine Serien in guter Qualität schauen kannst.
Die Gäste brummten zustimmend.
Ljudmila Iwanowna strahlte.
— Danke, mein Sohn.
Ihr habt mir wirklich eine Freude gemacht.
Na, und jetzt der Älteste.
Sie richtete einen erwartungsvollen Blick auf Dima.
Er straffte die Schultern, räusperte sich und stieß Nastja mit dem Ellbogen in die Seite.
— Mama.
Nastja und ich wünschen dir Gesundheit.
Du bist das Rückgrat unserer ganzen Familie.
Und damit du dir nichts versagen musst, haben wir beschlossen, dir einen Umschlag zu schenken.
Dann kannst du selbst kaufen, worauf du Lust hast.
Nastja stand auf.
Sie öffnete ihre Tasche, nahm den bordeauxroten Umschlag heraus und ging um den Tisch herum.
Die Gäste wurden still und beobachteten sie.
Sie legte das Geschenk direkt vor ihre Schwiegermutter neben deren Teller.
Ljudmila Iwanowna senkte den Blick.
Ihre perfekt geformten Augenbrauen zuckten.
Sie erkannte den festen Karton.
Sie erkannte die Farbe.
Und vor allem sah sie den eingezogenen Fettfleck in der linken unteren Ecke.
— Was ist das?
— Unser Geschenk.
Nastjas Stimme klang völlig ruhig, als würde sie einem Kunden die endgültige Kalkulation vorlesen.
— Öffnen Sie es, Ljudmila Iwanowna.
Damit sich alle mit Ihnen freuen können.
Sie mögen es doch, wenn alles offen und vor Publikum geschieht.
— Nastja, setz dich hin.
Dima zischte es von seinem Platz aus.
Er merkte, dass die Szene nicht nach seinem Drehbuch verlief.
Die Schwiegermutter presste die Lippen zusammen.
Sie nahm den Umschlag mit zwei Fingern, als wäre er mit etwas Giftigem beschmutzt, und riss den Rand auf.
Wie erwartet war er leer.
Auf den Wangenknochen der Jubilarin erschien ein unregelmäßiger roter Fleck.
— Er ist leer.
Ljudmila Iwanowna stellte es fest und warf den Karton auf die Tischdecke.
— Ganz genau.
Nastja nickte.
— Darin befindet sich exakt dieselbe Summe, die Sie uns vor anderthalb Jahren bei unserer Hochzeit geschenkt haben.
Und zwar in genau demselben Umschlag.
Onkel Kolja hörte auf zu kauen.
Alina reckte den Hals, um besser sehen zu können, was geschah.
Über dem Tisch hing eine schwere, peinliche Pause, unterbrochen nur vom Summen der Klimaanlage an der Decke.
— Was redest du da?
Dima sprang auf.
Sein Gesicht wurde fleckig.
— Mama hat damals einfach vergessen, das Geld hineinzulegen!
Ich habe es dir doch erklärt!
Sie hat es im ganzen Trubel vergessen!
Warum veranstaltest du jetzt diese Schande?
— Vergessen?
Nastja richtete ihren ruhigen Blick auf ihren Mann.
— Dann frag deine Mutter, was sie mir am nächsten Tag im Büro der Hausverwaltung gesagt hat.
Sie sah wieder zu ihrer Schwiegermutter.
Ljudmila Iwanowna schwieg und bohrte ihren schweren Blick in die Schwiegertochter.
— Soll ich Ihre Worte wiederholen?
fragte Nastja.
— „Ich werde deine Ambitionen nicht aus eigener Tasche finanzieren.
Betrachte es als meine grundsätzliche Entscheidung.“
War das so?
— Du bist eine schamlose Unverschämtheit.
brachte die Schwiegermutter schließlich hervor und versuchte, vor der erstarrten Verwandtschaft den Rest ihrer Würde zu bewahren.
— Du kommst zu meinem Jubiläum, isst an meinem Tisch und wagst es, mich zurechtzuweisen?
Ich habe ein ganzes Leben gelebt und ich habe das Recht zu entscheiden, wem und wie ich helfe!
— Dieses Recht haben Sie selbstverständlich.
stimmte Nastja zu.
— Und ich habe das Recht, Schulden zurückzuzahlen.
Sie haben uns zur Hochzeit, die ich mit meinem Kredit bezahlt habe, eine leere Hülle geschenkt.
Ich habe Ihnen lediglich Ihr eigenes Geschenk zurückgegeben.
Übrigens ist der Umschlag echt.
Sehen Sie, da ist noch der Fischfleck, den Onkel Kolja damals versehentlich hinterlassen hat.
Bei diesen Worten zog Onkel Kolja den Kopf zwischen die Schultern.
Dima ging um den Tisch herum und packte seine Frau am Ellbogen.
Sein Griff war hart.
— Entschuldige dich bei meiner Mutter.
Sofort.
— Lass mich los.
Nastja riss ihren Arm frei.
— Du bist nicht normal.
Dima hob die Stimme und entschied sich endgültig für eine Seite.
— Du hast uns vor der ganzen Familie blamiert.
Wenn du dich nicht wie ein normaler Mensch benehmen kannst, dann verschwinde von hier.
— Mit Vergnügen.
Die Rechnung ist abgeschlossen.
Nastja drehte sich um und ging zum Ausgang.
Sie holte ihren Mantel aus der Garderobe und ging nach draußen.
Die Luft war kühl.
Sie rief kein Taxi, sondern ging einfach bis zur Haltestelle und stieg in einen leeren Abend-Kleinbus.
Erstaunlicherweise fühlte sie sich innerlich völlig ruhig.
Drei Wochen vergingen.
Nastja stand auf einer Trittleiter in einem leeren Neubau und hielt eine Laserwasserwaage an eine unebene Wand.
Den Mietvertrag für ein kleines Studio hatte sie zwei Tage nach dem Jubiläum unterschrieben, nachdem sie schnell ihre Sachen gepackt hatte, während Dima bei der Arbeit war.
Das Telefon in der Tasche ihres Overalls vibrierte.
Auf dem Bildschirm erschien der Name ihres Mannes.
In der ersten Woche hatte er wütende Nachrichten geschrieben, Entschuldigungen für die verdorbene Feier verlangt und damit gedroht, zuerst die Scheidung einzureichen.
Nastja hatte diesen Strom an Emotionen einfach ignoriert.
Diesmal beschloss sie, den Anruf anzunehmen.
— Ja.
— Hör mal, Nastja.
Dimas Stimme klang alltäglich, als hätten sie sich erst am Morgen vor der Arbeit verabschiedet.
— Wo haben wir eigentlich den Garantieschein vom Saugroboter?
Er erkennt seine Ladestation nicht mehr.
Nastja senkte die Wasserwaage und schmunzelte.
— Keine Ahnung.
— Wie, keine Ahnung?
Du hast doch vor deinem Auszug die ganzen Unterlagen zusammengesucht.
Schau bei dir nach.
Ich muss das Ding zum Service bringen.
Mama hat angerufen und sich beschwert, dass ihr der Rücken wehtut, wenn sie selbst die Böden wischen muss.
— Dima.
Wir leben seit drei Wochen getrennt.
Dein Staubsauger ist dein Problem.
— Ach komm, sei doch nicht beleidigt.
Er seufzte mit dem Tonfall eines älteren Bruders.
— Na gut, du bist ausgerastet, kann passieren.
Komm einfach zurück.
Mama wird sich mit der Zeit beruhigen, irgendwie kriegen wir die Sache schon hin.
Ohne dich habe ich nicht einmal jemanden, der die Nebenkostenrechnungen bezahlt.
Da laufen schon Mahngebühren auf.
— Krieg es selbst hin.
Sie beendete das Gespräch, steckte das Telefon wieder in die Tasche und nahm erneut das Maßband in die Hand.
Vor ihr lag ein großes Projekt, und sie hatte nicht mehr vor, ihre Zeit für die Budgetprobleme anderer Leute zu verschwenden.







