Mein Mann erzählte mir, dass sein Bruder dringend Geld brauche.

Ich wollte gerade meine Karte holen, als ich zufällig ein Foto auf seinem Handy sah.

— Polja, zieh die Schürze aus, wir haben ein Problem!

Wir brauchen dringend Geld, sonst wird Slawka morgen alles verlieren, oder sie schleppen ihn sogar noch in den Wald!

Anton stürmte zusammen mit Schwaden eisiger Novemberluft in den Flur.

Er zog nicht einmal seine Jacke aus, sondern warf nur seine Mütze auf die Kommode.

Die Augen meines Mannes wirkten völlig verrückt, und auf seinen Wangen glühten rote Flecken vor Aufregung und Kälte.

Polina, die in der Küche am Herd stand, drehte langsam die Hitze unter der Pfanne herunter, in der Kartoffeln mit Pilzen goldbraun wurden.

Sie wischte sich die Hände an einem Waffeltuch ab und ging in den Flur, während sie spürte, wie sich in ihrem Inneren alles vor einer bösen Vorahnung zusammenzog.

Wenn es um den jüngeren Bruder ihres Mannes ging, waren die Nachrichten immer schlecht und die Ausgaben gewaltig.

— Was ist diesmal passiert?

— fragte sie ruhig, obwohl ihre Stimme leicht zitterte.

— Ist wieder der Geschäftsplan des Jahrhunderts zusammengebrochen?

— Polja, jetzt ist wirklich nicht der Moment für Sarkasmus!

— Anton öffnete nervös seine Jacke.

— Er hat ein Lager für exklusive Sanitäranlagen gemietet und Waren im Wert einer riesigen Summe auf Kommission genommen.

Und dort ist ein Rohr geplatzt!

Die ganze Nacht ist kochend heißes Wasser herausgeströmt.

Die Ware ist zerstört, der Vermieter verlangt Schadenersatz für die Reparaturen, und die Lieferanten rufen an und drohen ihm.

Er hat bis morgen früh Zeit, vierhunderttausend Rubel einzuzahlen, sonst erstatten sie Anzeige wegen Betrugs und treiben die Schulden mit Zinsen ein.

Polja, er könnte ins Gefängnis kommen!

Polina lehnte sich mit der Schulter an den Türrahmen.

Vierhunderttausend.

Das war genau die Summe, die sie und Anton in den vergangenen drei Jahren für die grundlegende Renovierung ihres Landhauses gespart hatten.

Sie träumten davon, das Dach neu zu decken, ein neues Gewächshaus aufzustellen und eine richtige Heizung einzubauen, damit sie auch im Winter aufs Land fahren konnten.

Polina arbeitete als leitende Technologin in einer städtischen Molkerei.

Ihre Schicht begann um sechs Uhr morgens.

Sie kannte sämtliche staatlichen Normen auswendig, konnte den Fettgehalt von Quark am Geruch erkennen und trug jeden Tag die Verantwortung für Tonnen von Produkten.

Es war eine harte, zermürbende Arbeit.

Anton arbeitete als Motorenschlosser in einer großen Autowerkstatt und kam mit dem Geruch von Motoröl und Benzin nach Hause, der tief in seine Haut eingedrungen war, und oft waren seine Fingerknöchel blutig aufgeschlagen.

Jeder einzelne Tausender auf ihrem Sparkonto war durch ehrliche, schwere Arbeit verdient worden.

Slawa hingegen, der vor Kurzem achtunddreißig geworden war, gehörte zu einer ganz anderen Sorte Mensch.

Er nannte sich Unternehmer, obwohl keines seiner Geschäfte länger als ein halbes Jahr überlebt hatte.

Er verkaufte chinesische Turnschuhe, eröffnete einen Laden für elektronische Zigaretten, versuchte, Rassehunde zu züchten, und kaufte irgendwelche dubiosen Aktien.

Und jedes Mal endete alles mit einem Zusammenbruch, Schulden und tränenreichen Bitten um Hilfe.

Normalerweise half die Mutter von ihm und Anton, aber diesmal war die Summe für eine Rentnerin viel zu hoch.

— Anton,

— Polina seufzte schwer.

— Das ist unser Geld für das Landhaus.

Wir wollten doch im Frühling Bauarbeiter engagieren.

— Polja, ich verstehe das alles!

— Ihr Mann trat näher und nahm ihre Hände.

Seine Handflächen waren rau und heiß.

— Ich könnte ihn selbst umbringen.

Aber hier geht es um Gefängnis!

Oder um irgendwelche Gangster.

Ich schwöre dir, wir werden alles wieder ansparen.

Ich nehme zusätzliche Schichten und werde an den Wochenenden in der Garage Autos reparieren.

Aber jetzt müssen wir ihn retten.

Ich könnte nicht damit leben, wenn ihm etwas passiert.

Polina sah ihrem Mann in die Augen.

Sie liebte ihn wegen dieser unglaublichen Loyalität, seines guten Herzens und seiner Bereitschaft, anderen immer zu helfen.

Anton hatte sie nie verraten, und sie wusste, dass es zu einem Riss in ihrer Ehe kommen würde, wenn sie jetzt Nein sagte.

Er würde sich selbst nie verzeihen, wenn er seinen Bruder im Stich ließ, und unbewusst würde er es auch ihr nicht verzeihen.

— Gut,

— sagte sie leise.

— Gib mir die Daten.

Ich überweise das Geld.

Anton atmete so laut aus, als hätte man ihm eine Betonplatte von den Schultern genommen.

Er umarmte seine Frau fest und drückte sie an sich.

— Danke, Poljuschka.

Du bist ein Goldstück.

Ich wasche mir nur schnell die Hände, die sind voller Öl, und dann sage ich dir die Nummer.

Er hat mir alle Daten und ein Foto von diesem überschwemmten Albtraum im Chat geschickt.

Das Handy liegt auf dem Küchentisch.

Anton verschwand im Badezimmer, und kurz darauf war das Rauschen des Wassers zu hören.

Polina kehrte in die Küche zurück.

Auf dem Tisch neben dem Salzstreuer lag tatsächlich das Smartphone ihres Mannes.

Der Bildschirm leuchtete, denn Anton hatte die Chat-App geöffnet gelassen.

Polina nahm das Handy, um die Kartennummer in ihre Banking-App zu übertragen.

Im Chat standen mehrere hysterische Nachrichten von Slawa:

„Bruder, rette mich!“

„Ich bin erledigt.“

„Die werden mich vergraben.“

Darunter stand eine lange Kontonummer.

Etwas weiter oben befand sich das besagte Foto vom Ort der Katastrophe.

Polina wollte lediglich die Zahlen kopieren, doch ihr Blick blieb zufällig an dem Bild hängen.

Slawa hatte offenbar versucht, das Ausmaß der Tragödie zu zeigen.

Auf dem Foto war ein dunkler Raum zu sehen, auf dem Boden standen Wasserpfützen und überall lagen Stücke aufgeweichter Pappe.

Im Vordergrund war Slawas vom Leid verzerrtes Gesicht zu sehen.

Doch Polina war Technologin.

Ihre berufliche Angewohnheit, kleinste Details wahrzunehmen und nach Fehlern bei Kennzeichnungen und Haltbarkeitsdaten zu suchen, setzte automatisch ein.

Sie war es gewohnt, sich nicht auf das Gesamtbild zu verlassen, sondern Kleinigkeiten zu überprüfen.

Sie berührte den Bildschirm mit zwei Fingern und vergrößerte das Bild.

Links im Hintergrund war am Bildrand ein Stück eines trockenen Tisches aus dunklem Holz zu sehen.

Auf dem Tisch stand ein hohes Glas, und daneben lag ein weißer rechteckiger Zettel, der von Autoschlüsseln beschwert wurde.

Polina vergrößerte diesen Bereich so weit wie möglich.

Slawas Handykamera war ausgezeichnet, und die Auflösung war hoch.

Der weiße Zettel entpuppte sich als Restaurantrechnung.

Die Buchstaben waren etwas verschwommen, aber der Name des Lokals und die Gesamtsumme waren problemlos zu erkennen.

„Restaurant-Bar Berggipfel.“

„Anzahlung für einen VIP-Tisch.“

„Summe: 150.000 Rubel.“

Und auch das Datum war zu sehen.

Das heutige Datum.

Uhrzeit: 13:45 Uhr.

Nur wenige Stunden zuvor.

Polina spürte, wie in ihrem Inneren alles zu Eis erstarrte.

Sie richtete den Blick auf die Schlüssel, die auf der Rechnung lagen.

Darauf war das bekannte Logo eines deutschen Premium-SUVs zu sehen.

Slawa hatte niemals ein solches Auto besessen.

Er fuhr einen alten koreanischen Kleinwagen.

Neben den Schlüsseln war außerdem ein Teil einer Frauenhand mit perfekter, frischer Maniküre und einem massiven Goldarmband zu sehen.

Die Hand gehörte Karina, Slawas Frau.

Polina legte das Handy ihres Mannes auf den Tisch.

Ihr Herz schlug ruhig, doch in ihrem Kopf wurde es plötzlich so klar, als hätte sie ein Glas Eiswasser auf einen Zug getrunken.

Sie zog ihr eigenes Smartphone aus der Tasche.

Karina, die Frau ihres Schwagers, arbeitete nirgendwo, hielt sich jedoch für eine erfolgreiche Bloggerin.

Polina hatte sich nie für ihre Seite in den sozialen Netzwerken interessiert, weil sie das für reine Zeitverschwendung hielt, doch jetzt gab sie gezielt ihren Namen in die Suche ein.

Das Profil war öffentlich.

Um das Profilbild leuchtete ein roter Kreis als Zeichen dafür, dass neue Beiträge veröffentlicht worden waren.

Polina tippte darauf.

Auf dem Bildschirm erschien ein Video.

Karina trug einen luxuriösen Skianzug und drehte sich vor einem Spiegel in der geräumigen Lobby eines teuren Hotels.

„Na, Mädels, wir sind in Sotschi!“

— zwitscherte sie.

„Mein Mann wollte mich zu unserem Jahrestag überraschen und hat ein Chalet gemietet.“

„Und heute Abend gehen wir im besten Restaurant des Resorts feiern!“

„Angeblich ist die Anzahlung dort astronomisch hoch, aber mein Schatz hat gesagt, für mich sei ihm nichts zu schade!“

Der nächste Beitrag war ein Foto.

Darauf waren genau derselbe Tisch aus dunklem Holz, dieselben Autoschlüssel und Karinas Hand mit dem Armband zu sehen, die ein Glas hielt.

Die Bildunterschrift lautete:

„Wir haben uns für diese Tage dieses Schätzchen gemietet, damit wir bequem über die Serpentinen fahren können.“

Polina erstarrte.

Sie blickte auf die Pfanne, in der die Kartoffeln bereits anzubrennen begannen, dann auf das abgenutzte Linoleum auf dem Boden, das sie und Anton eigentlich austauschen wollten, aber wegen des Landhauses verschoben hatten.

Sie erinnerte sich daran, wie Anton gestern Abend selbst seinen Arbeitspullover gestopft hatte, um kein Geld für einen neuen auszugeben.

Sie erinnerte sich daran, wie ihre Beine nach zwölf Stunden Arbeit in der Fabrikhalle schmerzten.

Das Wasser im Badezimmer verstummte.

Anton kam in die Küche und trocknete sich das Gesicht mit einem Handtuch ab.

— Und?

Hast du überwiesen?

— fragte er hoffnungsvoll.

— Ich rufe ihn gleich an und beruhige ihn.

Der arme Kerl dreht dort vor Angst völlig durch.

Polina hob den Blick zu ihrem Mann.

In ihren Augen lagen weder Wut noch Tränen.

Nur kalte, berechnende Entschlossenheit.

— Komm mal her, Toscha,

— sagte sie mit ruhiger Stimme.

Anton spannte sich an, weil er spürte, dass etwas nicht stimmte.

Er trat an den Tisch.

Polina schob ihm sein Handy mit dem vergrößerten Foto hin.

— Sieh dir dieses überschwemmte Lager genau an.

Fällt dir nichts Merkwürdiges auf?

— Pfützen, aufgeweichte Pappe …

— murmelte Anton unsicher und kniff die Augen zusammen.

— Na ja, ein Lager eben.

— Schau weiter rechts.

Auf den Tisch.

Anton sah genauer hin.

Tiefe Falten erschienen auf seiner Stirn.

Er sah die Rechnung.

Er sah die Summe.

Er sah die Autoschlüssel.

— Was ist das?

Hundertfünfzigtausend?

Für ein Abendessen?

Wessen Schlüssel sind das?

— Anton blinzelte verständnislos.

Statt zu antworten legte Polina schweigend ihr eigenes Handy daneben und spielte das Video von Karinas Seite ab.

Eine bekannte Frauenstimme verkündete fröhlich in der ganzen Küche etwas über die Überraschung zum Jahrestag und den gemieteten Wagen.

In der Küche herrschte plötzlich ein schweres, zähes Schweigen.

Man hörte nur den Wind vor dem Fenster heulen und die vergessenen Kartoffeln auf dem Herd zischen.

Antons Gesicht begann sich zu verändern.

Zuerst war da Verwirrung.

Dann Verleugnung.

Mehrmals blickte er vom Handy seiner Frau zu seinem eigenen.

Dann wurde seine Haut aschfahl, seine Wangenknochen traten hervor, und er biss die Zähne so fest zusammen, dass man sie knirschen hörte.

Die Erkenntnis traf ihn mit voller Wucht.

Sein eigener Bruder, für den er bereit gewesen war, sich zu verschulden, ohne freie Tage zu arbeiten und seinen Traum aufzugeben, saß in diesem Moment in einem Luxusresort, trank teuren Wein und wollte ihm auch noch den letzten Rest Geld aus der Tasche ziehen.

Anton sank langsam auf einen Hocker.

— Er hat gesagt …

— Die Stimme ihres Mannes war heiser und gebrochen.

— Er hat am Telefon geweint.

Er sagte, die Schuldeneintreiber würden schon an seiner Tür hämmern.

Er sagte, Mutter würde völlig zusammenbrechen, wenn sie ihn mit eingeschlagenem Schädel ins Krankenhaus bringen würden.

Polina trat hinter ihn und legte ihre Hände auf seine Schultern.

Sie spürte, wie sein großer, kräftiger Körper leicht zitterte.

— Toscha.

Wir werden keinen Streit anfangen.

Wir machen es anders.

Sie schaltete den Herd aus, nahm das Handy ihres Mannes und tippte schnell eine Nachricht an Slawa:

„Die Bank hat die Überweisung wegen der hohen Summe blockiert.“

„Zu verdächtige Transaktion.“

„Kommt mit Karina sofort zu uns.“

„Wir hatten Bargeld für das Landhaus abgehoben, es liegt zu Hause im Safe.“

„Wir geben es euch persönlich, dann gibt es keine Probleme.“

Die Antwort kam drei Sekunden später.

„Brüderchen, danke!“

„Ihr seid unsere Retter!“

„Wir sind in einer Stunde da.“

„Wir schaffen es gerade noch, die Gangster haben uns vorerst einen Aufschub gegeben!“

— Also sind sie jetzt nicht einmal in Sotschi,

— stellte Anton düster fest, nachdem er die Antwort gelesen hatte.

— Dann sitzen sie irgendwo hier in der Stadt in einem Restaurant, und Karinka veröffentlicht die Fotos zeitversetzt, oder es ist irgendein schickes Hotel hier in der Gegend.

— Das finden wir gleich heraus,

— antwortete Polina ruhig.

— Wir haben eine Stunde.

Zieh dir ein sauberes Hemd an.

Wir werden unsere lieben Verwandten gebührend empfangen.

Und ich drucke in der Zwischenzeit etwas aus.

Fünfzig Minuten später klingelte es an der Tür.

Anton stand mit verschränkten Armen im Flur.

Polina öffnete die Tür.

Vor ihr standen Slawa und Karina.

Slawa hatte zur besseren Wirkung eine alte Jacke angezogen, seine Haare zerzaust und das Gesicht eines Märtyrers aufgesetzt, der die Sünden der gesamten Menschheit auf seinen Schultern trug.

Karina hatte versucht, den auffälligen Lippenstift abzuwischen, doch der starke Duft eines teuren Nischenparfüms und ihre perfekte Frisur verrieten sie sofort.

Außerdem versuchte sie erfolglos, mit der Hand eine neue Tasche einer bekannten Luxusmarke zu verdecken, die so viel kostete wie zwei Monatsgehälter von Polina.

— Ach, Poljuschka, Anton …

— Slawa seufzte schwer und fasste sich ans Herz.

Slawik seufzte so tragisch, als würde er gerade die Rolle des Kisa Worobjaninow aus der Komödie „Die zwölf Stühle“ proben, als dieser in drei Sprachen um Almosen bat.

— Wenn ihr nicht wärt …

Ich dachte, ich wäre erledigt.

Da sind solche Leute gekommen.

Sie haben so furchtbare Dinge gesagt …

— Kommt in die Küche,

— sagte Polina gleichmäßig und trat zur Seite.

— Möchtet ihr Tee?

Oder bekommt ihr vor lauter Stress gerade keinen Bissen herunter?

— Was für Tee, Polina,

— Karina verdrehte dramatisch die Augen, während sie die Wohnung betrat.

— Wir nehmen seit heute Morgen Beruhigungstabletten.

Slawa hat die ganze Nacht nicht geschlafen, sein Blutdruck spielt verrückt.

Lasst uns das schnell klären.

Wir müssen das Geld danach noch zu diesen Gangstern bringen.

Sie setzten sich an den Küchentisch.

Polina stellte Tassen mit Tee vor ihnen ab.

Anton stand am Fenster und sah seinen Bruder mit schwerem, unbeweglichem Blick an.

Polina öffnete eine Schublade und holte einen dicken Papierumschlag heraus.

Slawas Augen leuchteten sofort auf, und Karina leckte sich nervös über die Lippen.

— Hier sind vierhunderttausend,

— sagte Polina und legte die Hand auf den Umschlag.

— Das ist unser Geld für die Renovierung des Landhauses.

Anton wollte den ganzen Winter ohne freie Tage arbeiten, damit wir diese Summe wieder zusammensparen können.

— Wir geben alles zurück!

— Slawa nickte eifrig und streckte die Hände nach dem Umschlag aus.

— Ich schwöre es!

In einem Monat starte ich mein Geschäft neu und zahle euch jeden Rubel zurück!

— Daran zweifle ich überhaupt nicht,

— Polina lächelte sanft, doch ihre Augen blieben kalt.

— Aber bevor ihr das Geld nehmt, möchte ich als jemand, der in einer Fabrik für Dokumentation verantwortlich ist, noch ein paar Details für die Unterlagen klären.

Mit der freien Hand zog sie einige gefaltete Blätter aus der Tasche ihrer Schürze, die sie auf dem heimischen Drucker ausgedruckt hatte.

— Slawa, du hast ein Foto vom Lager geschickt.

Sag mal, ist dort Süßwasser oder Mineralwasser aus den Rohren gekommen?

Slawa blinzelte.

Seine Hand blieb mitten in der Luft stehen.

— Was?

Normales Wasser.

Kochend heißes Wasser.

— Merkwürdig,

— Polina entfaltete das erste Blatt.

Es war ein vergrößerter Ausdruck der Rechnung.

— Denn nach diesem Dokument zu urteilen, das auf dem Tisch in deinem überschwemmten Lager lag, war dieses Wasser ausgesprochen teuer.

Anzahlung für die VIP-Zone des Restaurants „Berggipfel“ — hundertfünfzigtausend.

Slawas Gesicht verlor schlagartig jede Farbe.

Karina reckte den Hals, um das Blatt besser sehen zu können.

— Das …

Das ist nicht meine Rechnung!

— Slawa fand schnell eine Erklärung.

— Die hat der Vermieter dort liegen lassen!

Er ist ein reicher Kerl.

Er kam, um den Schaden zu begutachten, und hat sie vergessen!

— Was für eine interessante Version,

— Polina nickte.

— Und die Schlüssel von dem gemieteten deutschen SUV hat er auch vergessen?

Sie legte ein zweites Blatt auf den Tisch.

Es war ein Screenshot von Karinas Seite.

— Und deine Frau hat er offenbar auch gleich mitgenommen.

Karina, schöner Skianzug.

Seid ihr gerade direkt von der Skipiste zu uns gekommen oder aus dem Spa?

In der Küche entstand ein schweres, bedrückendes Schweigen.

Slawa schnappte hektisch nach Luft wie ein Fisch, der an Land geworfen worden war.

Karina wurde bis zu den Haarwurzeln rot.

— Du …

Du schnüffelst auf meinen Seiten herum?

— kreischte Karina und wechselte abrupt ihre Taktik.

Die Opferrolle war verschwunden.

Nun kam die Aggression zum Vorschein.

— Du überwachst uns?

Was geht dich an, wie wir Urlaub machen?!

— Euer Urlaub interessiert mich überhaupt nicht,

— sagte Polina und betonte jedes einzelne Wort.

— Zumindest solange ihr nicht versucht, ihn mit unserem Geld zu bezahlen.

Mit dem Geld, für das mein Mann in einer Garage Abgase einatmet und ich in einer kalten Fabrikhalle stehe!

— Das sind alte Fotos!

— brüllte Slawa und sprang vom Stuhl auf.

— Karinka stellt so etwas nur wegen der Reichweite online!

Glaubt ihr eurem eigenen Bruder wegen irgendeines Unsinns im Internet nicht?!

Anton, der bisher geschwiegen hatte, trat langsam zum Tisch.

Er nahm den Umschlag mit dem Geld, steckte ihn sorgfältig in seine Hosentasche und sah seinen Bruder an.

In diesem Blick gab es keine brüderliche Liebe und kein Mitleid mehr.

Da war nur noch völlige Enttäuschung.

— Hör auf zu lügen, Slawa,

— Antons Stimme war leise, aber Polina bekam bei diesem Ton eine Gänsehaut.

— Ich habe dir doch geglaubt.

Ich wollte Mutter anrufen und sie bitten, ihre Rente abzuheben.

Ich wollte in der Autowerkstatt übernachten.

Und du saßt im Restaurant und hast darüber gelacht, wie leicht sich dein dummer großer Bruder hereinlegen lässt.

— Toscha, du verstehst das nicht!

— Slawa versuchte, seinen Bruder am Ärmel zu packen, doch Anton schüttelte seine Hand angewidert ab.

— Ich habe wirklich Probleme!

Na gut, wir haben uns ein bisschen entspannt.

Karina hatte Stress.

Sie brauchte positive Gefühle …

— Ihr seid einfach nur neidische Geizhälse!

— plötzlich schrie Karina los.

Ihr Gesicht verzerrte sich vor Wut.

— Ihr sitzt in eurer alten Plattenbauwohnung mit dem stinkenden Linoleum und seht nichts von der Welt!

Ihr zählt jeden einzelnen Cent!

Slawa rackert sich ab und versucht, etwas aus seinem Leben zu machen.

Er will schön leben, und ihr würdet euch wegen ein paar Papierfetzen am liebsten aufhängen!

Und ihr nennt euch auch noch Familie!

Polina bewegte sich nicht einmal.

Genau diese Reaktion hatte sie erwartet.

Wenn ein Manipulator mit Fakten in die Enge getrieben wird, geht er fast immer zum Angriff über und beschuldigt sein Opfer.

Anton ging zur Küchentür und zeigte mit einer breiten Bewegung in Richtung Flur.

— Raus,

— sagte er knapp.

— Anton, du willst wegen dieser …

Wegen deiner Frau auf deinen eigenen Bruder verzichten?!

— kreischte Slawa.

— Ich verzichte auf einen Parasiten.

Raus aus meinem Haus.

Und ich will keinen einzigen Anruf mehr von dir sehen.

Weder Bitten noch Glückwünsche.

Für mich existierst du nicht mehr.

Karina schnaubte, schnappte sich ihre teure Tasche und marschierte stolz in den Flur, während ihre Absätze laut auf dem Boden klackerten.

Slawa blieb noch eine Sekunde stehen, warf Polina einen hasserfüllten Blick zu, spuckte auf den Boden und ging seiner Frau hinterher.

Als die Eingangstür hinter ihnen zufiel, sank Anton schwer auf einen Stuhl und bedeckte sein Gesicht mit den Händen.

Polina ging zu ihm, umarmte seinen Kopf und drückte ihn an sich.

Er schwieg, aber sie spürte, wie sehr es ihm wehtat.

Der Verrat eines nahestehenden Menschen ist immer eine Wunde, die nur langsam heilt.

— Du hast alles richtig gemacht, Toscha.

Alles richtig,

— flüsterte sie und strich ihm über die Haare.

Fünf Monate vergingen.

Endlich kam der lang ersehnte Frühling.

Polina stand auf der Veranda ihres renovierten Landhauses.

Über ihrem Kopf glänzte das neue Metalldach, und in den Ecken der Zimmer spendeten moderne Heizkörper Wärme.

Im Hof baute Anton, eine fröhliche Melodie pfeifend, den Rahmen für das große Gewächshaus zusammen, von dem Polina schon lange geträumt hatte.

In dieser Zeit hatte sich vieles verändert.

Nach jenem Abend versuchte Slawa denselben Trick bei seiner Mutter.

Er behauptete, Anton habe sich geweigert, ihm in einer lebensgefährlichen Situation zu helfen.

Doch Anton war ihm zuvorgekommen.

Er fuhr zu seiner Mutter und zeigte ihr sämtliche Ausdrucke, Rechnungen und Fotos.

Vor lauter Aufregung erlitt die Mutter eine hypertensive Krise, doch nachdem sie sich wieder erholt hatte, zeigte sie zum ersten Mal in ihrem Leben Entschlossenheit.

Sie ließ die Schlösser ihrer Wohnung austauschen und blockierte die Nummer ihres jüngeren Sohnes.

Ohne die finanzielle Unterstützung seiner Familie musste Slawa sich schließlich der Realität stellen.

Nach Gerüchten, die über gemeinsame Bekannte zu ihnen gelangten, hatte es nie irgendwelche Gangster gegeben, doch die Schulden wegen des luxuriösen Lebensstils und der gemieteten Autos waren tatsächlich real.

Slawa musste genau diesen alten Kleinwagen verkaufen und eine gewöhnliche Stelle als Kurier annehmen, um seine Mikrokredite zurückzahlen zu können.

Karina hielt ein Leben ohne Restaurants und neue Kleider nicht aus und zog zu ihren Eltern in eine andere Stadt.

Polina sah zu, wie Anton geschickt die Polycarbonatplatten am Rahmen des Gewächshauses befestigte.

Er wirkte jünger und ruhiger.

Die ständige Unruhe in seinen Augen war verschwunden.

Auch das Schuldgefühl wegen seines verantwortungslosen Bruders war fort.

Es stellte sich heraus, dass man wieder frei atmen konnte, sobald man die Last eines anderen von seinen Schultern abwarf.

— Polja!

— rief Anton aus dem Hof und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

— Ich bin fertig!

Bring die Setzlinge!

Jetzt pflanzen wir deine Luxustomaten!

Polina lächelte, nahm eine Kiste mit grünen Pflänzchen und ging leichtfüßig die neuen, stabilen Stufen hinunter.

Vor ihnen lagen lange, ruhige Wochenenden, und niemand konnte ihren friedlichen, wohlverdienten Frieden noch stören.

Das Bild ihres gemeinsamen Lebens hatte endgültig klare und helle Konturen angenommen.