— Gib sofort die Wohnungsschlüssel her, sie gehören meiner Mutter von Rechts wegen! — erklärte der Ehemann mitten in der Küche, und Olga begriff, dass ihre achtjährige Ehe gerade zu Ende gegangen war.

Sie stand mit einem Handtuch in den Händen da.

Der nasse Teller glitt ihr aus der Hand und schlug klirrend gegen den Rand des Spülbeckens — er zerbrach nicht, er klirrte nur.

Und in diesem Geräusch lag mehr Wahrheit als in allem, was Dmitri in den letzten sechs Monaten gesagt hatte.

— Wiederhol das, — sagte Olga.

— Langsam.

— Ol, fang jetzt nicht an.

— Mama hat recht.

— Die Wohnung ist zwar auf dich eingetragen, aber das ist doch ungerecht.

— Sie hat so viel hineingesteckt.

— Deine Mutter hat genau null Rubel in diese Wohnung gesteckt.

— Sie hat sich selbst hineingesteckt!

— Ihre Gesundheit!

— Ihre Nerven!

Olga stellte den Teller vorsichtig in den Abtropfständer.

Ihre Hände zitterten nicht — darüber wunderte sie sich selbst.

Wahrscheinlich deshalb, weil sie tief in ihrem Inneren damit gerechnet hatte.

Jede Schwiegertochter spürt solche Dinge im Voraus, nur haben nicht alle den Mut, sie beim Namen zu nennen.

Alles begann im Februar.

Die Wohnung hatte Olga von ihrer Großmutter geerbt.

Eine Zweizimmerwohnung im Südwesten der Stadt, alt, mit Holzfenstern und Decken, die bei jedem starken Regen undicht wurden.

Ihre Großmutter hatte dort vierzig Jahre gelebt und die Wohnung vor ihrem Tod — ruhig, im Schlaf, mit neunundachtzig Jahren — ihrer Enkelin überschrieben.

Nicht ihrem Sohn.

Nicht ihrer Tochter.

Sondern Olga.

Denn wie sie immer sagte: „Olenka war die Einzige, die nicht wegen des Erbes kam, sondern einfach so.“

Das Erbe wurde über einen Notar geregelt.

Alles war sauber, alles gesetzlich korrekt, niemand focht etwas an.

Olga erhielt die Urkunde und weinte ein Jahr lang, weil es im Kleiderschrank immer noch nach dem Parfüm ihrer Großmutter roch.

Dann renovierten sie und Dima die Wohnung.

Mit den eigenen Händen, mit dem eigenen Geld, an den Wochenenden, fluchend durch zusammengebissene Zähne, wenn der Putz in ganzen Schichten von den Wänden fiel.

Zwei Jahre lang.

Ein Kredit über vierhunderttausend Rubel.

Olga arbeitete als Buchhalterin in einem Transportunternehmen, Dima als Ingenieur in einem Werk.

Sie lebten nicht reich, aber stabil.

Und dann brach sich die Schwiegermutter im Februar das Bein.

— Ol, du musst verstehen, — sagte Dima damals.

— Sie ist allein.

— Wer soll für sie kochen?

— Sie kann bei uns wohnen.

— Bis das Bein verheilt ist.

Olga selbst hatte es vorgeschlagen.

Selbst.

Das war das Lächerlichste daran — Olga dachte manchmal bis heute daran zurück und schüttelte den Kopf.

Die Schwiegermutter, Tamara Nikolajewna, kam mit zwei Koffern.

Für ein gebrochenes Bein und drei Wochen war das irgendwie etwas viel, aber Olga maß dem damals keine Bedeutung bei.

— Olenka, mein Kind, natürlich werde ich euch ein wenig zur Last fallen, — zwitscherte die Schwiegermutter schon an der Tür und stützte sich auf ihre Krücke.

— Aber ich bin ganz still.

— Ihr werdet mich gar nicht hören.

Man hörte sie bereits am ersten Morgen.

— Olga, warum stehen eure Töpfe auf dem oberen Regal?

— Das ist doch unbequem.

— Für mich ist es bequem.

— Na, denk mal darüber nach.

— Ich will dich natürlich nicht belehren.

— Ich habe einfach Erfahrung.

Am Ende der ersten Woche waren die Töpfe auf das untere Regal umgezogen.

Olga entdeckte es, als sie um neun Uhr abends von der Arbeit nach Hause kam.

— Tamara Nikolajewna, Sie laufen doch mit einer Krücke.

— Wie sind Sie da herangekommen?

— Ganz vorsichtig.

— Ich habe es doch für dich besser gemacht.

— Du musst dich nicht bedanken.

Das hatte Olga auch nicht vor.

Die Schwiegermutter stellte das Geschirr um, sortierte die Vorräte neu, warf drei von Olgas Gewürzen weg — „wozu brauchst du dieses Kraut, das riecht so komisch“ — und hängte die Handtücher um.

— Dim, — sagte Olga nachts.

— Rede mit deiner Mutter.

— Worüber?

— Sie will doch nur helfen.

— Sie führt sich in meiner Küche wie die Hausherrin auf.

— In unserer Küche, — korrigierte Dima sie.

Olga schwieg.

Nicht, weil sie zustimmte.

Sondern weil sie in diesem Moment zum ersten Mal hörte, wie ihre Zukunft klang.

Das Bein war im April verheilt.

Über eine Abreise sprach niemand.

Die Schwiegermutter hatte sich eingerichtet.

Sie stand um sechs Uhr auf, schaltete den Fernseher in der Küche ein und sah Gesundheitssendungen in einer Lautstärke, bei der Olga durch die Wand aufwachte.

Sie wusch Olgas Kleidung noch einmal — „du wäschst falsch, Wolle läuft ein“ — woraufhin tatsächlich zwei Pullover einliefen.

Sie kommentierte das Abendessen.

— Olenka, Dimochka mag es nicht, wenn das Fleisch so trocken ist.

— Dima, ist es dir zu trocken?

— Ist okay, — murmelte Dima und sah auf seinen Teller.

— Er will dich nur nicht enttäuschen, — seufzte die Schwiegermutter.

— Ich kenne meinen Sohn schließlich.

— Ich habe ihn neunundzwanzig Jahre lang ernährt.

Sechsunddreißig, wollte Olga sagen.

Er ist sechsunddreißig.

Aber sie schwieg.

Das war ihr größter Fehler — sie schwieg.

Jede Schwiegertochter kennt diese Falle.

Zuerst denkt man, es sei nur eine Kleinigkeit.

Nicht wert, deswegen Streit anzufangen.

Es ist schließlich seine Mutter.

Und irgendwann fügen sich all diese Kleinigkeiten zu einer Wand zusammen, und du bemerkst, dass du in deinem eigenen Zuhause zum Gast geworden bist.

Im Mai packte die Schwiegermutter den zweiten Koffer aus.

Daraus kamen gerahmte Fotos zum Vorschein — Dima im Kindergarten, Dima in der Schule, Dima mit seinem verstorbenen Vater beim Angeln.

Alle wurden auf die Kommode im Wohnzimmer gestellt.

Olgas Foto mit ihrer Großmutter wurde sorgfältig auf die Fensterbank gestellt.

— Es wurde ein bisschen eng, — erklärte die Schwiegermutter.

— Ich dachte, du merkst es gar nicht.

Olga bemerkte es.

Im Juni war Dimas Geburtstag.

Seine Cousins kamen, seine Tante aus Podolsk, ein paar Freunde.

Die Schwiegermutter hatte drei Tage lang einen Kuchen gebacken und erzählte jedem Gast davon.

— Und das ist unsere Olenka, — stellte sie Olga der Tante vor.

— Unsere mit der Wohnung.

Olga erstarrte mit der Salatschüssel in den Händen.

— Wie meinen Sie das — mit der Wohnung?

— Ach, natürlich im guten Sinne, Kindchen!

— Was denkst du denn.

— Das Mädchen hatte eben Glück.

— Die Großmutter ist rechtzeitig … na, du verstehst schon.

— Sonst würden sie heute noch von Mietwohnung zu Mietwohnung ziehen.

Die Tante nickte verständnisvoll.

Dima, der danebenstand, betrachtete die Tischdecke.

— Tamara Nikolajewna, — sagte Olga mit ruhiger Stimme.

— Dima und ich haben sieben Jahre lang gemeinsam diese Wohnung renoviert.

— Auf eigene Kosten.

— Den Kredit zahlen wir noch ein Jahr ab.

— Ach, wer bestreitet das denn.

— Ich sage doch nur, dass du Glück hattest.

Die Gäste lächelten verlegen, und das Gespräch wanderte zu den Preisen.

Olga ging in die Küche, drehte das Wasser auf und stand über dem Spülbecken, bis sie sich beruhigt hatte.

Dima kam zehn Minuten später herein.

— Ol, sie meint es doch nicht böse.

— Sie hat gesagt, ich hätte Glück gehabt, dass meine Großmutter gestorben ist.

— So hat sie das nicht gesagt.

— Genau so hat sie es gesagt.

— Du suchst überall etwas, — seufzte Dima mit genau jenem Seufzer, den Olga in diesen Monaten zu hassen gelernt hatte.

— Mama ist ein älterer Mensch.

— Sie ist müde.

— Sie hat es schwer.

— Und ich?

— Du bist jung.

Er ging zu den Gästen zurück.

Olga blieb beim laufenden Wasser.

Im Sommer begann die Schwiegermutter krank zu sein.

Nicht wirklich — eher mit Andeutungen.

Sie fasste sich an den unteren Rücken, wenn Olga sie bat, den Tisch abzuräumen.

Sie setzte sich auf einen Stuhl und schwieg demonstrativ, wenn Olga länger bei der Arbeit blieb.

— Denk nicht, dass ich mich beschwere, — sagte sie abends zu Dima.

— Es ist nur den ganzen Tag so einsam.

— Olga ist ja bei der Arbeit.

— Und ich sitze hier wie … wie ein Möbelstück.

— Mama, ach was.

— Nein, schon gut.

— Ich halte das aus.

— Ich habe mein ganzes Leben alles ausgehalten.

Nach solchen Gesprächen wurde Dima kühl.

Er sah Olga an, als wäre sie an etwas schuld, das er selbst nicht benennen konnte.

Die Schwiegermutter entwickelte eine neue Methode.

Sie war schweigend beleidigt.

Sie antwortete nicht auf „Guten Morgen“.

Sie stellte ihre Tasse so ins Spülbecken, dass das Klappern deutlich zu hören war.

Sie ging in ihr Zimmer und schloss die Tür mit genau der Kraft, bei der es noch kein Zuschlagen war, aber bereits eine Botschaft.

Und jedes Mal ging Dima zu ihr.

Er klopfte.

Saß eine halbe Stunde dort.

Und kam mit dem Gesicht eines Menschen heraus, der gerade aus einem Kriegsgebiet zurückgekehrt war.

— Mama ist traurig, — verkündete er.

— Weswegen?

— Du hast gesagt, dass sie meinen Schreibtisch nicht anfassen soll.

— Sie hat meine Arbeitsunterlagen weggeworfen.

— Sie dachte, das wäre Müll.

— Das war der Quartalsbericht, Dim.

— Du hast ihn doch wiederhergestellt.

Wiederhergestellt.

In zwei Nächten.

Olga setzte sich damals aufs Bett und dachte zum ersten Mal seit vielen Jahren das Wort „Scheidung“.

Nur gedacht.

Und bekam Angst.

Im September fand Olga einen Briefumschlag im Briefkasten.

Ein ganz normaler Umschlag, an sie adressiert.

Darin lag ein Schreiben aus einem Notariat.

Eine Mitteilung darüber, dass die Bürgerin Tamara Nikolajewna Krawzowa eine Anfrage zu den Eigentumsunterlagen für die Wohnung unter dieser Adresse gestellt hatte.

Olga las es dreimal.

Im Treppenhaus stehend.

Dann ging sie nach oben.

Die Schwiegermutter sah fern.

Olga legte das Schreiben vor ihr auf den Couchtisch.

— Was ist das?

— Ach, — die Schwiegermutter zuckte nicht einmal zusammen.

— Ich habe mich nur ein bisschen erkundigt.

— Wollte einfach etwas wissen.

— Was wollten Sie wissen?

— Na was wohl.

— Ich wohne in dieser Wohnung.

— Ich habe die Renovierung hier miterlebt, ich warte hier übrigens auf Enkel, auch wenn immer noch keine da sind.

— Ich habe das Recht zu wissen, auf welcher Grundlage ich mich hier befinde.

— Auf der Grundlage, dass ich Sie hereingelassen habe.

Die Schwiegermutter hob die Augen zu ihr.

Und in diesem Moment fiel die Maske.

Zum ersten Mal in sieben Monaten, nur für zwei Sekunden, aber Olga sah es.

Dort war weder Freundlichkeit noch Müdigkeit noch verwirrte Hilflosigkeit einer älteren Frau.

Dort war kalte Berechnung.

— Hereingelassen, — wiederholte die Schwiegermutter.

— Hörst du dich eigentlich selbst, Olga?

— Mich.

— Die Mutter deines Mannes.

— Hereingelassen.

— Tamara Nikolajewna …

— Ich sage dir jetzt etwas, Kindchen.

— Dima ist mein Sohn.

— Mein einziger.

— Ich habe ihn allein großgezogen, seit seinem zwölften Lebensjahr war er ohne Vater.

— Ich habe mir keine Kleider gekauft, damit er genug Geld für seine Sportkurse hatte.

— Und du kommst zu allem Fertigen und sagst zu mir: hereingelassen?

— Ich bin in die Wohnung meiner Großmutter gekommen.

— In meine.

— Deine! — Die Schwiegermutter grinste.

— Und dein Mann ist hier was?

— Ein Mieter?

— Er hat hier zwei Jahre lang Wände verputzt.

— Er zahlt den Kredit mit ab.

— Und wenn etwas passiert, landet er auf der Straße?

— Niemand landet auf der Straße.

— Solange du nett bist, nicht.

— Aber morgen kannst du es dir anders überlegen.

Olga nahm das Schreiben vom Tisch.

— Sie haben bei einem Notar nach meinen Unterlagen gefragt.

— Ohne mich zu fragen.

— Ich habe das Recht dazu.

— Nein.

— Haben Sie nicht.

Die Schwiegermutter wandte sich wieder dem Fernseher zu.

Und sagte leise, beinahe beiläufig:

— Dima ist übrigens meiner Meinung.

Er war ihrer Meinung.

Olga begriff das am Abend, als Dima von der Arbeit kam und noch bevor er seine Schuhe ausgezogen hatte, sagte:

— Ol, Mama sagt, du hast sie angeschrien.

— Ich habe nicht geschrien.

— Ich habe ihr den Brief vom Notar gezeigt.

— Na und?

— Sie hat sich doch nur erkundigt.

— Wusstest du davon?

Pause.

Kurz.

Aber Olga arbeitete seit zwölf Jahren mit Zahlen und hatte gelernt, Pausen zu hören.

— Du wusstest davon, — wiederholte sie.

— Ol, was ist denn schon dabei? — Dima zog endlich die Schuhe aus und hängte seine Jacke auf, ohne sie anzusehen.

— Mama und ich haben einfach darüber gesprochen.

— Ganz normal.

— Ich wohne seit acht Jahren hier.

— Ich habe alles in diese Renovierung gesteckt.

— Und ich stehe nirgends in den Papieren.

— Du stehst nicht darin, weil die Wohnung geerbt wurde.

— Sie ist kein gemeinsames Eigentum.

— Da! — Dima drehte sich um, und in seinen Augen lag etwas Neues.

Monatelang aufgestaute Kränkung.

— Jetzt hast du es selbst gesagt.

— Nicht gemeinsam.

— Also bin ich hier niemand?

— Du bist mein Mann.

— Ein Mann ohne Rechte.

— Was willst du? — fragte Olga leise.

— Sag es direkt.

— Zum ersten Mal seit acht Jahren direkt.

Und er sagte es.

Direkt.

— Ich will, dass du die Hälfte auf mich überschreibst.

— Und dass Mama hier angemeldet wird.

— Sie ist ein älterer Mensch, sie braucht Sicherheit.

Olga setzte sich auf den Hocker im Flur.

— Deine Mutter anmelden.

— In meiner Wohnung.

— In unserer.

— Dim.

— Verstehst du, dass ich sie nach einer Anmeldung hier niemals wieder herausbekomme?

— Selbst über ein Gericht würde das Jahre dauern.

— Warum sollte man sie denn hinauswerfen? — fragte Dima ehrlich erstaunt.

— Sie ist doch Mama.

Und genau in diesem Moment — nicht als die Schwiegermutter die Töpfe umgestellt hatte, nicht als sie den Quartalsbericht weggeworfen hatte, nicht als sie sagte, Olga habe „Glück mit der Großmutter gehabt“ — genau in diesem Moment begriff Olga, dass ihre Ehe nicht mehr existierte.

Sie machte keinen Streit.

Sie sagte an diesem Abend überhaupt nichts mehr.

Sie ging einfach ins Schlafzimmer, legte sich hin und starrte bis drei Uhr morgens an die Decke.

Am nächsten Morgen nahm sie auf der Arbeit frei und fuhr zum Notar.

Zu ihrem eigenen Notar, der damals das Erbe geregelt hatte.

Walentina Igorewna, eine sechzigjährige Frau, sah sich das Schreiben an und schnaubte.

— Klassiker.

— Olga Andrejewna, beruhigen Sie sich.

— Ihre Schwiegermutter hat keinerlei Informationen bekommen.

— Wir geben so etwas nicht an Außenstehende heraus.

— Sie wollte Ihnen nur Angst machen.

— Und wenn mein Mann eine Anfrage stellt?

— Auch er ist in Bezug auf Ihr Erbe ein Außenstehender.

— Die Wohnung gehört allein Ihnen.

— Sie wurde zwar während der Ehe geerbt, aber Erbschaft ist persönliches Eigentum.

— Sie wird bei einer Scheidung nicht geteilt.

— Und die Renovierung?

— Wir haben ungefähr eine Million hineingesteckt.

Walentina Igorewna nahm ihre Brille ab.

— Jetzt hören Sie genau zu.

— Wenn er beweisen kann, dass die Investitionen den Wert der Immobilie erheblich erhöht haben, könnte er theoretisch versuchen, sie als gemeinsames Eigentum anerkennen zu lassen.

— Solche Fälle gibt es, aber sie sind kompliziert.

— Er braucht Rechnungen, Gutachten, und die Wertsteigerung muss erheblich sein.

— Tapeten und Laminat reichen nicht aus.

— Wo sind die Belege?

Olga dachte nach.

— Bei mir.

— Alle.

— Ich bin Buchhalterin.

— Auf wessen Namen?

— Auf meinen.

— Ich habe mit meiner Karte bezahlt und eine Ausgabentabelle geführt.

Die Notarin lächelte.

Zum ersten Mal in diesem Gespräch.

— Olga Andrejewna, ich sage Ihnen das jetzt als Mensch und nicht als Fachfrau.

— Überschreiben Sie nichts.

— Keine Hälfte.

— Kein Viertel.

— Und melden Sie niemanden in der Wohnung an.

— Niemals.

Zu Hause öffnete Olga eine alte Mappe.

Genau die Mappe, in die sie acht Jahre lang alle Unterlagen gelegt hatte — eine Gewohnheit, über die Dima immer gelacht hatte: „Ol, du schreibst wahrscheinlich sogar dein Leben in Soll und Haben.“

Das tat sie.

Jeden Kassenzettel.

Jede Quittung.

Den Kreditvertrag — auf ihren Namen.

Die Zahlungen — von ihrer Karte.

Die Baumaterialien — von ihr bestellt und von ihr entgegengenommen.

Dima hatte seine Arbeit hineingesteckt.

Seine Hände.

Seine Wochenenden.

Seinen Rücken.

Das war wahr, und Olga hätte das nie bestritten.

Aber körperliche Arbeit lässt sich nicht an eine Akte heften.

Sie saß auf dem Boden zwischen den Papieren und fühlte nichts als Leere.

Keine Wut.

Nur Leere.

Acht Jahre.

Er hatte ihre Hand in der Poliklinik gehalten, als es ihr schlecht ging.

Er war im Regen ans andere Ende der Stadt gefahren, um sie abzuholen.

Er sang lächerlich unter der Dusche.

Und derselbe Mann hatte hinter ihrem Rücken mit seiner Mutter darüber gesprochen, wie man ihr die Wohnung ihrer Großmutter wegnehmen könnte.

Olga sortierte die Unterlagen.

Ordentlich nach Datum.

Dann brachte sie sie zur Arbeit und legte sie in ihren Schrank.

Die Entscheidung fiel im November.

Olga hatte nichts geplant — es geschah einfach.

Sie kam eine Stunde früher nach Hause.

Öffnete leise die Tür.

Und hörte aus der Küche die Stimme ihrer Schwiegermutter:

— …mach dir keine Sorgen.

— Sie wird euch schon anmelden.

— Wo soll sie denn hin?

— Du musst nur vorsichtig Druck machen, nicht direkt.

— Frauen werden müde, Dimochka.

— Sie werden müde und stimmen irgendwann zu.

— Deinen Vater habe ich zwölf Jahre lang so bearbeitet, bis er mir die Datscha überschrieben hat.

— Mama, und wenn sie sich querstellt?

— Wird sie nicht.

— Sie ist fünfunddreißig.

— Keine Kinder.

— Wo will sie denn hin?

— Wer braucht sie mit ihren ganzen Berichten?

— Sie wird sich mit beiden Händen an dir festhalten.

Pause.

— Und wenn wir uns scheiden lassen?

— Dann lass dich eben scheiden, — sagte die Schwiegermutter ruhig.

— Erst lassen wir uns hier anmelden, und danach sehen wir weiter.

— Jemanden mit Wohnsitzanmeldung hinauszubekommen — damit wird sie ihr halbes Leben verbringen.

— Anwälte kosten Geld, Dimochka.

— Und sie hat noch den Kredit.

Olga stand im Flur.

Im Mantel.

Mit der Tasche über der Schulter.

Dann zog sie absichtlich laut ihre Schuhe aus.

Und ging in die Küche.

Sie saßen am Tisch.

Die Schwiegermutter mit Tee.

Dima mit dem Telefon.

Beide hoben den Kopf.

Und beide begriffen an ihrem Gesicht: Alles war vorbei.

— Olenka, — begann die Schwiegermutter.

— Du hast das falsch verstanden …

— Tamara Nikolajewna, — sagte Olga.

— Sie haben Ihren Mann zwölf Jahre lang bearbeitet.

— Bei mir haben Sie nur neun Monate gebraucht.

— Sie verlieren an Übung.

Die Schwiegermutter wurde dunkelrot.

— Dima!

— Hörst du, wie deine Frau mit mir spricht?!

Dima stand auf.

Olga sah ihn an und wartete.

Eine Sekunde.

Zwei.

Drei.

Er sah zu seiner Mutter.

Das genügte.

— Packt eure Sachen, — sagte Olga.

— Beide.

— Was?! — Die Schwiegermutter sprang auf und vergaß plötzlich ihren schmerzenden Rücken.

— Du setzt mich, eine alte Frau, auf die Straße?!

— Sie haben eine Einzimmerwohnung in Ljublino.

— Sie vermieten sie für fünfunddreißigtausend Rubel.

— Ich weiß davon.

— Dima hat sich im Mai verplappert.

— Sie sind nicht obdachlos.

— Sie haben es sich hier nur bequemer gemacht.

— Olga, — Dima trat einen Schritt vor.

— Lass uns reden.

— Wir haben neun Monate lang geredet.

— Jetzt rede ich.

Sie stellte ihre Tasche auf einen Stuhl.

Sie holte ihr Telefon heraus.

Öffnete den Fotoordner — Kassenzettel, Vertrag, Kontoauszüge.

— Der Renovierungskredit läuft auf meinen Namen.

— Die Materialien wurden mit meinem Geld bezahlt.

— Die Belege laufen auf meinen Namen.

— Die Wohnung ist Erbe und wird bei einer Scheidung nicht geteilt.

— Ich war beim Notar.

— Alles ist eindeutig.

— Ich habe hier zwei Jahre lang die Wände gemacht! — schrie Dima.

— Hast du, — stimmte Olga zu.

— Und dafür bin ich dir dankbar.

— Wirklich.

— Du bist ein guter Handwerker, Dim.

— Aber du hast deiner Mutter gerade den Plan gegeben, wie sie mir die Wohnung meiner Großmutter wegnehmen kann.

— Über die Anmeldung.

— Über eine Scheidung.

— Ich habe doch nicht …

— Du hast nicht widersprochen.

— Das ist dasselbe.

Die Schwiegermutter fing sich wieder und ging zum Angriff über:

— Wer braucht dich denn überhaupt!

— Du bist fünfunddreißig und hast nicht einmal ein Kind bekommen!

— Unfruchtbare Blüte!

In der Küche wurde es vollkommen still.

Olga drehte sich langsam zu ihr um.

— Tamara Nikolajewna.

— Gehen Sie.

— Sofort.

— Dima!

— Sag ihr etwas!

Olga sah ihren Mann an.

Zum letzten Mal in ihrem Leben mit Hoffnung.

Dima senkte den Blick.

Zwei Tage später zogen sie aus.

Zum Abschied schlug die Schwiegermutter die Tür so heftig zu, dass Putz vom Türrahmen rieselte — genau jener Putz, den Dima zwei Jahre zuvor angebracht hatte.

Dima kam noch einmal vorbei, um seine Werkzeuge zu holen.

Er stand im Flur und trat unruhig von einem Fuß auf den anderen.

— Ol.

— Vielleicht …

— Nein.

— Mama meint es doch nicht böse.

— Sie ist einfach …

— Dim.

— In acht Jahren hast du kein einziges Mal „Nein“ zu ihr gesagt.

— Kein einziges Mal.

— Sie wusste es.

— Ich wusste es.

— Nur du wusstest es nicht.

Er nahm seine Werkzeugkiste und ging.

Sie wurden im Februar geschieden, genau ein Jahr nachdem sich die Schwiegermutter das Bein gebrochen hatte.

Ohne Gerichtsverfahren.

Ohne Vermögensaufteilung.

Es gab nämlich nichts zu teilen.

Dimas Anwalt sah sich die Unterlagen an und riet ihm, keinen Prozess anzufangen.

Olga stellte die Wohnung um.

Sie stellte die Töpfe wieder auf das obere Regal.

Sie kaufte neue Gewürze — genau jene mit dem „komischen Geruch“.

Sie stellte das Foto mit ihrer Großmutter wieder auf die Kommode.

In die Mitte.

Den Kredit zahlte sie im Juni vollständig ab.

Allein.

Im Sommer lernte sie einen Nachbarn aus dem Haus kennen — Sergej, Witwer, zweiundvierzig, Ingenieur, der ihr Tomaten von seiner Datscha brachte.

Noch war nichts zwischen ihnen.

Aber als er zum ersten Mal zum Tee hereinkam und sagte:

— Sie haben es schön hier.

— Haben Sie das selbst gemacht?

Antwortete sie:

— Ja.

— Zusammen mit meinem Ex-Mann.

— Er war ein guter Handwerker.

Und es tat ihr nicht weh, das zu sagen.

Die Schwiegermutter rief einmal an.

Im September.

— Olenka?

— Hier ist Tamara Nikolajewna.

— Ich habe nachgedacht …

— Vielleicht versöhnt ihr euch wieder?

— Dimochka leidet.

— Tamara Nikolajewna.

— Ja, Kindchen?

— „Unfruchtbare Blüte“ nennt man eine Blüte, die keine Frucht trägt.

— Wissen Sie, was interessant ist?

— Sie blüht trotzdem.

— Und man sieht sie trotzdem.

Olga legte auf.

Draußen war September.

Die Wohnung ihrer Großmutter roch nach deren Parfüm — Olga hatte ein altes Fläschchen gefunden und sprühte manchmal etwas davon auf die Vorhänge.

Die Töpfe standen dort, wo sie hingehörten.

Der Kredit war abbezahlt.

Und zum ersten Mal seit neun Jahren war es in dieser Wohnung still.

Nicht leer.

Still.

Das sind zwei völlig verschiedene Dinge.

Und Olga kannte jetzt den Unterschied.