Ksenia nahm den Ring ab, noch bevor die Kellner das warme Essen servierten.
Eine Feier, die mit drei Handys gefilmt wurde

Ksenia spürte Antons Hand an ihrem Hinterkopf eine Sekunde, bevor sie die weiße Creme vor sich sah.
Sie schaffte es noch zu denken, dass ihr Mann sie küssen wollte.
Die Gäste riefen:
— Küssen!
Anton stand vom Stuhl auf, legte den Arm um ihre Schultern und beugte sich näher zu ihr.
Ksenia lächelte und wandte ihm das Gesicht zu.
Im nächsten Moment drückte er plötzlich ihren Nacken nach unten.
Vor ihren Augen blitzte die Spitze der Hochzeitstorte auf – Zuckerzweige, beige Blumen und Figuren von zwei Vögeln.
Dann versank ihr Gesicht in einer weichen, kalten Masse.
Ksenia schlug mit der Nase gegen den festen Tortenboden.
Jemand schnappte erschrocken nach Luft.
Mehrere Menschen begannen sofort zu lachen.
Am lautesten lachte Anton.
Er ließ sie los, trat zurück und schlug sich vor Lachen auf die Knie.
— Habt ihr das gesehen?
— Habt ihr ihr Gesicht gesehen?
Ksenia richtete sich langsam auf.
Die Creme lief von ihrem Kinn auf das Kleid.
In ihren Haaren steckten Biskuitstücke, Zuckerblätter und die Hälfte einer dekorativen Blume.
Das linke Auge konnte sie nicht öffnen.
Vor ihr standen fast siebzig Gäste.
Einige lachten.
Andere taten so, als würden sie ihre Teller betrachten.
Antons Tante filmte alles mit dem Handy.
Sein Freund Schenja hielt die Kamera waagerecht und wiederholte:
— Antocha, das hätte man in Zeitlupe aufnehmen müssen!
Der Moderator sagte verlegen ins Mikrofon:
— So beginnt also das … süße Familienleben unseres jungen Paares.
Aus den Lautsprechern spielte noch immer fröhliche Musik.
Anton ging zu seiner Frau und wischte mit dem Daumen Creme von ihrer Wange.
— Was ist denn?
— Schmoll nicht.
— Du wäschst dich gleich ab.
Er leckte die Creme von seinem Finger und lachte wieder.
— Schmeckt übrigens gut.
Ksenia sah auf die Torte.
Vom oberen Stockwerk war nur noch eine zerdrückte Mulde übrig.
Ein Zuckervogel lag auf der Tischdecke, der zweite war auf den Boden gefallen.
Die Torte hatte sie selbst entworfen.
Drei Wochen lang hatte sie Skizzen gezeichnet.
Zwei Abende lang hatte sie mit der Konditorin über die Farbe der Glasur diskutiert.
Sie wollte weder goldene Ringe noch Figuren von Braut und Bräutigam aus Zucker noch rote Rosen.
Nur eine helle Struktur, dünne Zweige und zwei Vögel, die nebeneinandersaßen.
Jetzt lag einer der Vögel am Tischbein und war von der Schuhsohle eines Kellners beschmutzt.
— Ksjucha, steh da nicht herum, — sagte Anton.
— Geh auf die Toilette.
— Die Mädchen helfen dir.
Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen.
Die Wimperntusche hatte sich mit der Creme vermischt.
Auf ihren Fingern blieben schwarze Schlieren zurück.
— Hast du dir das vorher ausgedacht?
— Natürlich.
— Schenja hat mir die Idee gegeben.
Antons Freund hob die Hand, als hätte man ihn zum Gewinner eines Wettbewerbs erklärt.
— Ich habe das im Internet gesehen.
— Da war die Braut zuerst beleidigt und hat danach selbst den Bräutigam in die Torte gedrückt.
— Das war lustig.
— Hast du dich mit dem Moderator abgesprochen?
— Na klar.
— Er hat extra eine Pause gemacht.
— Und mit dem Fotografen?
— Alle wussten Bescheid, außer dir.
— Sonst wäre es doch keine Überraschung gewesen.
Anton strahlte.
Er war wirklich überzeugt, dass alles hervorragend gelungen war.
Ksenia sah zu ihrer Mutter.
Sie stand am Tisch und zerknüllte eine Serviette in den Händen.
Ihr Vater sah Anton so an, als würde er noch überlegen, ob er mit ihm reden oder ihn schlagen sollte.
Die Schwiegermutter kam ihrem Sohn als Erste zu Hilfe.
— Ksjuscha, mach nicht so ein Gesicht.
— Junge Leute sollen Spaß haben.
— Bei unserer Hochzeit hat Nikolai sogar meinen Schuh aus dem Fenster geworfen.
— Und deshalb haben Sie beschlossen, ihr Kleid zu ruinieren? — fragte Ksenias Vater.
— Ach, was ist schon mit dem Kleid?
— Die Reinigung bekommt das alles wieder raus.
Anton streckte erneut die Hand nach seiner Frau aus.
— Komm.
— Ich helfe dir.
Ksenia trat zurück.
— Fass mich nicht an.
Er hörte auf zu lächeln.
— Jetzt geht das wieder los.
Diesen Satz hatte sie schon oft gehört.
So sprach Anton, wenn Ksenia ihn bat, ihre unvorteilhaften Fotos nicht in den gemeinsamen Chat zu stellen.
So sprach er, wenn sie wütend wurde, nachdem sie Salz in der Zuckerdose entdeckt hatte.
So sprach er, wenn sie ihm erklärte, dass man Menschen nachts nicht anrufen und von einem erfundenen Unfall erzählen dürfe.
„Jetzt geht das wieder los.“
Als wäre ihre Unzufriedenheit keine Reaktion auf seine Handlungen, sondern eine eigene Charaktereigenschaft – unangenehm, anstrengend und völlig unbegründet.
Ksenia nahm ihre kleine Tasche von der Stuhllehne.
— Wohin willst du? — fragte Anton.
— Nach Hause.
— Und das Bankett?
— Macht weiter.
— Willst du wirklich deine eigene Hochzeit verlassen?
Sie sah ihn mit ihrem offenen Auge an.
— Meine Hochzeit gibt es hier nicht mehr.
Der Mann, der immer scherzte
Es war leicht, Anton kennenzulernen.
Mit ihm war am Anfang überhaupt alles leicht.
Er konnte sogar einen schweigsamen Menschen zum Reden bringen, erinnerte sich an die Namen der Kellner und kam nie mit leeren Händen zu Besuch.
Er arbeitete als Abteilungsleiter in einem Unternehmen, das Baumaschinen verkaufte.
Er verdiente gut, fuhr Auto und konnte selbst einen Wasserhahn austauschen oder einen Schrank zusammenbauen.
Als sie sich auf dem Geburtstag einer gemeinsamen Bekannten kennenlernten, erzählte Anton den ganzen Abend Geschichten.
Von einem Chef, der auf der Toilette stecken geblieben war.
Von einem Kollegen, der Schuhcreme mit Autopolitur verwechselt hatte.
Von einer Frau am Flughafen, die auf einem fremden Koffer eingeschlafen war.
Ksenia lachte.
An diesem Abend wirkten seine Witze freundlich.
Vielleicht deshalb, weil keiner davon sie betraf.
Zwei Monate später zogen sie zusammen.
Die Wohnung gehörte Ksenia.
Es war eine kleine Zweizimmerwohnung in einem alten Haus, die sie von ihrer Großmutter geerbt hatte.
Anton ersetzte sofort die ausgetrockneten Türen der Küchenschränke, reparierte eine Steckdose und kaufte eine gute Matratze.
— Jetzt haben wir unser Familiennest, — sagte er.
Das Wort „Familie“ gefiel Ksenia.
Sie arbeitete als Verpackungsdesignerin in einer Druckerei und fertigte abends Illustrationen an.
Anton nannte ihre Arbeit „Bonbonpapiermalerei“, sagte es aber liebevoll.
— Sei nicht beleidigt, Künstlerin.
— Ich bin doch stolz auf dich.
Die ersten beunruhigenden Vorfälle wirkten wie Kleinigkeiten.
Eines Tages öffnete Ksenia während einer Arbeitsbesprechung ihren Laptop und entdeckte als Hintergrundbild ein Foto von sich, das im Schlaf aufgenommen worden war.
Ihr Mund war leicht geöffnet, ihre Haare bedeckten die Hälfte ihres Gesichts und auf ihrer Wange war der Abdruck des Kissens zu sehen.
Anton hatte das Foto absichtlich eingestellt.
— Dafür haben deine Kollegen dich einmal so gesehen, wie du wirklich bist, — lachte er am Abend.
Ein anderes Mal schmierte er Zahnpasta auf die Türklinke.
Ksenia war spät dran und beschmutzte ihren neuen Mantel.
Später vertauschte Anton bei ihren Eltern Zucker und Salz.
Ksenias Mutter nahm einen Schluck Tee und verschluckte sich.
— Lydia Pawlowna, man hätte Ihr Gesicht sehen sollen!
Ihr Vater lachte nicht.
Ksenia nahm Anton mit in die Küche.
— Mach keine solchen Witze mit meinen Eltern.
— Was habe ich denn getan?
— Ein Mensch hat salzigen Tee probiert, und du redest, als hätte ich die Wohnung angezündet.
— Mama hatte eine Operation.
— Sie darf sich nicht aufregen.
— Ksjuscha, deine ganze Familie ist ja wie aus Glas.
Er entschuldigte sich.
Eine Woche später brachte er ihrer Mutter Blumen und teuren Tee.
Lydia Pawlowna verzieh ihm.
Ksenia ebenfalls.
Am unangenehmsten war ein Vorfall im Winter.
Sie machten mit Freunden Urlaub in einem Ferienzentrum.
Auf einer Holztreppe rutschte Ksenia aus und fiel hin.
Ein stechender Schmerz fuhr durch ihr Bein, und sie konnte nicht aufstehen.
Anton holte als Erstes sein Handy heraus.
— Warte, steh nicht auf!
— Du hast gerade so ein Gesicht!
Er filmte ein kurzes Video, auf dem seine Frau auf den Stufen saß und ihr Knie festhielt.
Erst danach half er ihr aufzustehen.
Es stellte sich heraus, dass Ksenia sich die Bänder verstaucht hatte.
In der Notaufnahme bat sie ihn, die Aufnahme zu löschen.
— Ja, ich lösche sie doch.
— Du bist wie ein Kind.
Am Abend tauchte das Video im Freundeschat auf.
Anton hatte darunter geschrieben:
„Die Anmut unserer Familie.“
Ksenia packte ihre Sachen und fuhr allein nach Hause.
Neun Tage lang sprachen sie nicht miteinander.
Anton war zunächst empört.
Dann schickte er Blumen.
Danach kam er selbst.
— Ich habe alles verstanden, — sagte er, während er im Flur stand.
— Manchmal fehlen mir einfach die Bremsen.
— Aber ich mache das doch nicht aus Bosheit.
— Warum dann?
— Wegen meines Charakters.
— Dein Charakter verletzt andere Menschen.
— Ich werde besser auf mich achten.
Eine Zeit lang tat er das tatsächlich.
Wenn jemand hinfiel, half Anton zuerst und grinste erst danach.
Zu Hause veranstaltete er keine Streiche mehr.
Er stellte keine Fotos anderer Menschen ohne deren Erlaubnis ins Internet.
Ksenia glaubte, dass er seine Lektion gelernt hatte.
Ein Jahr später machte er ihr einen Heiratsantrag.
Den Ring versteckte er in einer Box mit chinesischen Nudeln.
Ksenia entdeckte ihn, als sie ihn beinahe mit den Essstäbchen aufgenommen hätte.
— Bist du eigentlich normal? — fragte sie, während sie den Ring mit einer Serviette abwischte.
— Dafür wirst du dich daran erinnern.
Sie lachte und sagte Ja.
Jetzt, als sie mit Creme in den Haaren im Restaurant stand, begriff Ksenia: Anton hatte sich nicht verändert.
Er hatte nur auf den Tag gewartet, an dem sein Witz besonders laut werden würde.
Der Weg nach Hause
Draußen nieselte es.
Es war warm, aber das nasse Hochzeitskleid wurde schnell schwer.
Ksenia stand unter dem Vordach des Restaurants und versuchte, ein Taxi zu bestellen.
Ein Fahrer nach dem anderen lehnte die Fahrt ab.
Wahrscheinlich sahen sie die Adresse des außerhalb gelegenen Restaurants und wollten abends nicht dorthin fahren.
Schließlich nahm ein Mann in einem grauen Kombi den Auftrag an.
Er kam fünfzehn Minuten später, stieg aus und öffnete die hintere Tür.
Als er die Braut mit dem verschmierten Gesicht sah, fragte er nichts.
Er holte nur eine alte Decke aus dem Kofferraum.
— Die legen wir auf den Sitz.
— Ihr Kleid ist nass.
— Danke.
Ksenia setzte sich ins Auto.
Ihr Telefon vibrierte ohne Pause.
Anton.
Mama.
Papa.
Ihre Freundin Olesja.
Die Schwiegermutter.
Wieder Anton.
Ksenia schaltete den Ton aus.
Nach einigen Kilometern reichte ihr der Fahrer eine Packung Feuchttücher.
— Die lagen im Handschuhfach.
— Ich habe welche.
— Diese sind größer.
Sie nahm eines.
Der Mann schaute nur auf die Straße.
— Wollen Sie gar nicht fragen? — sagte Ksenia plötzlich.
— Was denn?
— Warum eine Braut allein fährt.
— Wenn Sie erzählen möchten, erzählen Sie.
Ksenia wischte sich die Wange ab.
— Mein Mann wollte einen Scherz machen.
— Er hat mein Gesicht in die Torte gedrückt.
Der Fahrer runzelte die Stirn.
— Warum?
— Damit alle lachen.
— Haben sie gelacht?
— Einige.
Er schwieg einige Sekunden.
— Auf der Hochzeit meines Bruders haben seine Freunde die Braut entführt und in den Wald gebracht.
— Sie saß zwei Stunden in einem fremden Auto, während sie tranken und über das Lösegeld verhandelten.
— Danach waren alle beleidigt, weil sie angeblich die Feier ruiniert hatte.
— Und was wurde aus der Ehe?
— Sie sind noch zusammen.
— Aber sie hasst bis heute jeden, der damals in diesem Auto war.
Ksenia sah auf die dunklen Felder hinter dem Fenster.
— So will ich nicht leben.
— Dann tun Sie es nicht.
Eine einfache Antwort.
Ohne Gespräche über das investierte Geld, die Meinung der Verwandten, die gemeinsamen Jahre oder darüber, dass man vernünftiger sein müsse.
Wenn du nicht willst, dann musst du nicht.
Vor dem Haus half ihr der Fahrer beim Aussteigen.
Ksenia holte Geld hervor.
— Die Fahrt ist über die App bezahlt.
— Das ist für die Decke.
— Die ist alt.
— Dann für die Feuchttücher.
Der Mann lächelte.
— Gehen Sie nach Hause.
— Sonst erkälten Sie sich noch.
Sie ging in die Wohnung.
Im Flur standen Antons Schuhe.
An einem Haken hing seine Jacke.
Neben dem Spiegel lag ein Kamm, den er nie benutzte, aber den sie nicht wegräumen durfte.
Auf dem Regal stand ein gemeinsames Foto vom Meer.
Am Morgen hatte Ksenia diese Wohnung noch als gemeinsames Zuhause betrachtet.
Jetzt sah sie, wie viel Platz darin ein Mensch eingenommen hatte, der in der Lage war, sie vor allen zu demütigen und es Unterhaltung zu nennen.
Im Badezimmer zog sie das Kleid aus.
Die Creme war in dicken Klumpen in ihren Haaren getrocknet.
Auf ihrem Nasenrücken war vom Aufprall auf den Tortenboden eine rote Stelle entstanden.
Ksenia stand lange unter der Dusche.
Danach zog sie einen Bademantel an, setzte Wasser auf und schaltete ihr Telefon ein.
Sie hatte dreiundvierzig verpasste Anrufe.
Als Erstes rief sie ihren Vater an.
— Ksjuscha, bist du zu Hause?
— Ja.
— Wir kommen jetzt.
— Das müsst ihr nicht.
— Ich komme trotzdem.
Im Hintergrund sagte ihre Mutter:
— Frag sie, ob sie sich verletzt hat.
— Mir geht es gut.
— Anton sagt, du übertreibst, — sagte ihr Vater.
— Ich kann nicht mehr mit ihm reden.
— Seid ihr gegangen?
— Die Hälfte der Gäste ist schon weg.
— Seine Mutter erklärt allen, dass du einen Nervenzusammenbruch hattest.
Ksenia schloss die Augen.
— Papa, bringt mir bitte meine Tasche aus dem Hotel.
— Und die Dokumente.
— Welche?
— Die Heiratsurkunde.
Koffer ohne Creme
Ksenia zerstörte Antons Sachen nicht.
Dabei hatte sie Lust dazu.
Während ihre Eltern unterwegs waren, öffnete sie den Kleiderschrank und betrachtete die ordentlich aufgereihten Hemden.
Sie hätte sie mit Farbe übergießen können.
Die Ärmel zerschneiden können.
Zucker in die Taschen schütten können.
Alles ins Treppenhaus stellen können.
Aber dann hätte Anton eine bequeme Erklärung gehabt.
Er war der Spaßvogel.
Sie war die Hysterische.
Er hatte ihr Kleid ruiniert.
Sie hatte seine Garderobe zerstört.
Alle waren schuld, alle hatten überreagiert und man könnte sich wieder versöhnen.
Ksenia wollte ihm diese Möglichkeit nicht geben.
Sie holte zwei Koffer aus der Abstellkammer.
Sie packte seine Kleidung ein.
Dokumente.
Ladekabel.
Bücher.
Lautsprecher.
Die Spielkonsole.
Den Laptop ließ sie auf dem Tisch liegen, weil er der Firma gehörte.
An jeden Koffer befestigte sie einen Zettel:
„Vollständig übergeben.
Inhalt fotografisch dokumentiert.“
Ihr Vater kam gegen Mitternacht.
Als er die Koffer sah, nickte er zustimmend.
— Richtig.
— Ich habe noch nicht entschieden, was ich machen werde.
— Doch, hast du.
— Papa …
— Wenn jemand noch nachdenkt, sitzt er herum.
— Du hast aber bereits seine Socken eingepackt.
Ihre Mutter brachte saubere Kleidung und einen Behälter mit Essen.
— Iss etwas.
— Ich will nicht.
— Doch.
— Du weißt es nur gerade noch nicht.
Sie saßen in der Küche.
Ihre Mutter versuchte nicht, sie davon zu überzeugen, die Ehe zu retten.
Sie sagte auch nicht, dass die Hochzeit viel Geld gekostet hatte.
Lydia Pawlowna war selbst mehrmals Opfer von Antons Witzen geworden und hielt ihn schon lange für einen Menschen „mit einer unangenehmen Ader“.
Sie hatte nur geschwiegen, weil ihre Tochter glücklich gewirkt hatte.
— Ich habe gesehen, wie er dich gedrückt hat, — sagte sie.
— Das war keine zufällige Bewegung.
— Er hatte alles geplant.
— Ja.
— Und trotzdem war ich überrascht.
— Weil du geglaubt hast, dass er damit aufgehört hat.
Ksenia sah auf ihre Hände.
An ihrem Ringfinger glänzte der neue Ring.
Sie zog ihn ab und legte ihn neben die Zuckerdose.
— Die Ehe hat sechs Stunden gehalten.
Ihr Vater schüttelte den Kopf.
— Nein.
— Sechs Stunden lang bestand der Eintrag im Register.
— Meiner Meinung nach war die Ehe schon vorher vorbei.
— Du hast es nur später erfahren.
Familienrat vor verschlossener Tür
Anton kam um halb zwei in der Nacht.
Nicht allein.
Mit ihm kamen seine Mutter Walentina Grigorjewna und sein Freund Schenja, der die Idee mit der Torte gehabt hatte.
Sie klingelten.
Ksenia öffnete nicht.
— Ksjuch, hör auf mit diesem Zirkus! — rief Anton vom Treppenabsatz.
— Morgen früh müssen wir zum Flughafen!
Ksenias Vater ging zur Tür.
— Gehen Sie.
— Alexej Pawlowitsch, ich möchte mit meiner Frau sprechen.
— Sie möchte nicht mit Ihnen sprechen.
— Das ist unsere Familienangelegenheit.
— Familienangelegenheiten bespricht man nicht zusammen mit dem Erfinder des Streichs und der Mutter.
Schenja murmelte:
— Ich habe doch nur das Auto gefahren.
Walentina Grigorjewna klopfte mit den Fingerknöcheln an die Tür.
— Ksenia, mach auf.
— Blamier dich nicht vor den Nachbarn.
Aus der gegenüberliegenden Wohnung schaute die Rentnerin Nina Iwanowna heraus.
— Was ist denn passiert?
Die Schwiegermutter senkte sofort die Stimme.
— Nichts.
— Nur ein familiäres Missverständnis.
Ksenia trat an die Tür.
— Ihre Sachen stehen drinnen.
— Ich stelle sie hinaus, wenn Sie zum Aufzug zurückgehen.
— Ksjuscha, bist du verrückt geworden? — fragte Anton.
— Ich wohne hier.
— Du hast hier gewohnt.
— Ich bin hier gemeldet.
— Nein.
— Wir sind verheiratet.
— Noch.
Hinter der Tür wurde es still.
— Willst du dich wegen einer Torte scheiden lassen?
— Nicht wegen der Torte.
— Weswegen dann?
Ksenia hätte beinahe die Tür geöffnet.
Sie wollte sein Gesicht sehen.
Sie wollte verstehen, ob er es wirklich nicht begriff oder nur so tat.
Ihr Vater hielt sie am Ellenbogen fest.
— Nicht.
Sie blieb im Flur stehen.
— Wegen dir, Anton.
— Das erklärt gar nichts.
— Man hat dir schon oft erklärt, dass man sich nicht an der Demütigung anderer Menschen unterhalten darf.
— Du hast immer nur so lange zugehört, wie du Angst hattest, dass ich gehe.
— Ich habe dich nicht gedemütigt.
— Du hast mein Gesicht vor siebzig Menschen in die Torte gedrückt.
— Das ist eine Hochzeitstradition!
— So eine Tradition gibt es nicht.
— Im Internet gibt es jede Menge Videos davon.
— Im Internet gibt es auch jede Menge Schlägereien.
— Dadurch wird eine Schlägerei nicht zur Hochzeitstradition.
Schenja schnaubte.
— Ksjuch, du übertreibst wirklich.
— Anton wollte nur alle zum Lachen bringen.
— Haben sie gelacht?
Der Freund schwieg.
Walentina Grigorjewna übernahm das Gespräch.
— Ksenia, jeder Mann kann einmal etwas Dummes tun.
— Eine Frau muss wissen, wie man die Wogen glättet.
— Warum muss ein Mann nicht wissen, dass man seine Frau nicht mit dem Gesicht ins Essen drücken darf?
— Weil Männer einen anderen Charakter haben.
— Einen sehr bequemen Charakter.
Anton schlug mit der Hand gegen die Tür.
— Mach auf.
— Ich werde nicht durchs ganze Treppenhaus schreien.
Ksenia trat zurück.
— Geht zum Aufzug.
Ihr Vater brachte die Koffer hinaus.
Anton sah die Anhänger.
— Hast du sogar eine Bestandsliste gemacht?
— Ja.
— Du bist wirklich unglaublich kalt.
— Hättest du lieber gehabt, dass ich deine Sachen mit Creme beschmiere?
Er sah sie an.
Vielleicht begriff er zum ersten Mal, dass ihr dieser Gedanke tatsächlich gekommen sein könnte.
— Es war ein Witz, — sagte Anton nun leiser.
— Ein dummer.
— Ein misslungener.
— Aber ein Witz.
— Wenn einem Menschen etwas wehtut und du darüber lachst, ist es kein Witz.
— Soll ich jetzt auf Knien vor dir kriechen?
— Nein.
— Geh einfach.
Er packte den Griff des Koffers.
— Morgen hast du dich wieder beruhigt.
— Morgen reiche ich die Scheidung ein.
— Morgen sollten wir nach Griechenland fliegen!
— Flieg mit Schenja.
Der Freund protestierte:
— Was habe ich denn damit zu tun?
Ksenia schloss die Tür.
Das Video
Am Morgen erschien die Aufnahme im Internet.
Zuerst im privaten Chat der Gäste.
Dann auf Schenjas Seite.
Er veröffentlichte das Video mit der Bildunterschrift:
„Wenn der Bräutigam es ein bisschen übertreibt.“
Auf dem Video lächelte Ksenia.
Anton umarmte sie.
Dann drückte er sie plötzlich nach unten.
Die Gäste schrien und lachten.
Danach hob sie ihr mit Creme bedecktes Gesicht und sah ihren Mann an.
Das Video endete mit seinem Satz:
— Schmoll nicht!
Schenja hatte mit lustigen Kommentaren gerechnet.
Es kam anders.
Die ersten Bekannten schrieben:
„Die Frau tut mir leid.“
„War der Schlag mit der Nase gegen den Tortenboden auch Teil des Spaßes?“
„Ist der Typ fünf Jahre alt?“
„Sie ist völlig zu Recht gegangen.“
Bis zum Mittag war das Video gelöscht.
Aber jemand hatte es rechtzeitig gespeichert und weitergeschickt.
Anton rief Ksenia an.
Sie ging nicht ans Telefon.
Dann schrieb er:
„Bist du jetzt zufrieden?
Jetzt haben sie mich zu einem Monster gemacht.“
Ksenia las die Nachricht noch einmal.
Kein „Entschuldige“.
Kein „Ich habe verstanden“.
Kein „Tut dir etwas weh?“.
Ihn beschäftigte nur, wie er selbst aussah.
Danach kam eine zweite Nachricht:
„Schenja wird auf der Arbeit schon fertiggemacht.
Er kann überhaupt nichts dafür.“
Die dritte lautete:
„Ruf mich an.
Wir müssen uns überlegen, wie wir das stoppen.“
Ksenia blockierte seine Nummer.
Eine Stunde später rief Walentina Grigorjewna an.
— Anton hat Probleme bei der Arbeit.
— Warum?
— Sein Vorgesetzter hat das Video gesehen.
— Er sagte, er wolle nicht, dass sein Mitarbeiter in der Öffentlichkeit so auftrete.
— Ich habe das Video nicht veröffentlicht.
— Wenn du aber in den Saal zurückgekommen wärst und darüber gelacht hättest, hätte niemand gedacht, dass etwas Schlimmes passiert ist.
Ksenia wusste zunächst gar nicht, was sie darauf antworten sollte.
— Also bin ich schuld, weil ich nicht so getan habe, als hätte ich Spaß?
— Ich sage nur, dass eine kluge Frau über die Folgen nachdenkt.
— Ihr Sohn hätte ebenfalls darüber nachdenken können.
— Ein Mann ist bei seiner Hochzeit nervös.
— Er war nicht nervös.
— Er hatte es geprobt.
Die Schwiegermutter seufzte schwer.
— Du zerstörst alles wegen einer einzigen Minute.
— Es ist nicht in einer Minute zerbrochen.
— Diese eine Minute hat nur alles sichtbar gemacht.
Flitterwochen ohne Ehemann
Es war zu spät, die Reise zu stornieren.
Die Flugtickets waren nicht erstattungsfähig.
Das Hotel erklärte sich gegen Aufpreis bereit, den Namen des zweiten Gastes zu ändern.
Ksenia schlug ihrer Mutter vor, mitzufahren.
Lydia Pawlowna lehnte ab.
— Ich lebe seit siebenundzwanzig Jahren mit deinem Vater zusammen.
— Wenn ich statt meines Mannes in deine Flitterwochen fliege, denkt er noch, dass wir uns ebenfalls scheiden lassen.
Olesja fuhr mit.
Ihre beste Freundin zögerte zunächst.
— Wird das nicht seltsam sein?
— Alles ist bereits seltsam.
Drei Tage nach der Hochzeit flogen sie los.
Am Flughafen empfand Ksenia zum ersten Mal seit vielen Jahren Erleichterung darüber, dass ihr Telefon ausgeschaltet war.
Niemand konnte anrufen.
Niemand verlangte Erklärungen.
Niemand erinnerte sie an das Geld, die Gäste und die Ehe, die man angeblich wegen schöner Fotos retten müsse.
In Griechenland wohnten sie in einem kleinen Hotel am Meer.
Morgens aßen sie Brot mit Käse und Tomaten.
Tagsüber liefen sie am Ufer entlang.
Abends saßen sie auf dem Balkon.
Olesja versuchte nicht, ihre Freundin aufzuheitern.
Sie schlug auch nicht vor, sofort neue Männer kennenzulernen.
Eines Tages fragte sie:
— Hast du ihn geliebt?
Ksenia sah lange auf das dunkle Wasser.
— Wahrscheinlich.
— Warum „wahrscheinlich“?
— Ich habe den Menschen geliebt, der er hätte sein können, wenn er aufgehört hätte, über andere zu lachen.
— Und er?
— Er liebte eine Frau, die seinen Humor verstehen sollte.
— Eure Charaktere haben also nicht zusammengepasst?
Ksenia lächelte schwach.
— Offenbar war es so.
Am letzten Tag gingen sie in eine Konditorei.
In der Auslage stand eine Schichttorte mit Vanillecreme.
Olesja sah ihre Freundin an.
— Willst du nicht?
— Doch.
Sie bestellten zwei Stücke.
Ksenia aß langsam.
Eine Torte war wieder einfach nur eine Torte.
Kein Werkzeug zur Demütigung.
Kein Symbol einer Familie.
Kein Grund, beweisen zu müssen, dass sie Humor hatte.
Nur etwas ganz gewöhnlich Süßes auf einem Teller.
Das letzte Gespräch
Nach ihrer Rückkehr reichte Ksenia die Scheidung ein.
Anton kam eine Woche später zu ihr.
Diesmal allein.
Er klingelte und sagte:
— Ich muss meinen Laptop holen.
— Die Firma verlangt ihn zurück.
Ksenia ließ ihn herein.
Er sah sich im Flur um, als würde er dort Spuren eines anderen Mannes oder völlige Verwüstung erwarten.
Aber alles stand an seinem Platz.
Nur seine Jacken und Schuhe waren verschwunden.
— Bist du wirklich mit Olesja gefahren?
— Ja.
— Hast du dich gut erholt?
— Ja.
— Und ich saß hier wie ein Idiot.
— Nicht hier.
— An einem anderen Ort.
— Häng dich nicht an Worten auf.
Anton ging ins Zimmer und nahm den Laptop.
— Ich wurde degradiert.
— Mein Beileid.
— Wegen des Videos.
— Wegen dessen, was auf dem Video zu sehen war.
— Jetzt sind plötzlich alle Heilige.
— Als hätte noch nie jemand einen Witz gemacht.
Ksenia schwieg.
Er setzte sich auf das Sofa.
— Ich habe die Aufnahme mehrmals angesehen.
— Und?
— Von außen sieht es ziemlich grob aus.
— Nur von außen?
— Ksjuscha, ich gebe zu, dass ich es übertrieben habe.
— Warum hast du es getan?
— Ich wollte, dass die Hochzeit in Erinnerung bleibt.
— Das ist sie.
— Du weißt, was ich meine.
— Nein.
Anton fuhr sich mit den Händen übers Gesicht.
— Du warst den ganzen Tag angespannt.
— Du hast auf die Blumen geachtet, auf die Sitzordnung, auf die Kellner.
— Ich wollte, dass du dich entspannst.
— Deshalb hast du mein Gesicht in die Torte gedrückt?
— Wenn man es so sagt, klingt es dumm.
— Es war auch dumm.
— Ich dachte, du würdest eine Minute wütend sein, danach lachen und mich im Gegenzug in die Torte drücken.
— Du hast meine Reaktion für mich geplant.
— Als ich anders reagiert habe, war plötzlich wieder ich schuld.
Anton sah auf den Ring, der auf dem Regal lag.
— Wir könnten es noch einmal versuchen.
— Was sollen wir versuchen?
— Zusammenzuleben.
— Wie früher?
— Ohne Streiche.
— Das hast du schon einmal versprochen.
— Jetzt habe ich es wirklich verstanden.
Ksenia erinnerte sich an alle früheren Male.
An das Foto auf dem Laptop.
An das Salz in der Zuckerdose.
An das Video auf der Treppe.
Jedes Mal hatte Anton es genau bis zu dem Moment verstanden, in dem ihm wieder langweilig wurde.
— Du hast das Falsche verstanden, — sagte sie.
— Was muss ich denn verstehen?
— Du machst nicht einfach nur gern Witze.
— Dir gefällt der Moment, in dem es einem anderen Menschen schlecht geht und alle zuschauen.
— In diesem Moment fühlst du dich wichtig.
— Unsinn.
— Vielleicht.
— Aber ich möchte nicht mehr mit dir leben und herausfinden, ob ich recht habe.
Anton stand auf.
— Warum waren wir dann überhaupt so viele Jahre zusammen?
— Damit ich endlich aufhöre zu warten, dass du ein anderer Mensch wirst.
— War also alles umsonst?
— Nein.
— Ich habe viel verstanden.
— Zum Beispiel?
— Dass ein ruhiger Mann und ein freundlicher Mann nicht dasselbe sind.
Er nahm den Laptop.
An der Tür blieb er stehen.
— Du wirst es noch bereuen.
— Normale Männer sind selten.
— Und lustige gibt es viele?
Anton antwortete nicht.
Keine Überraschungen mehr
Zwei Monate später wurden sie geschieden.
Ksenia gab den Ring zurück.
Anton wollte ihn nicht nehmen.
— Behalt ihn.
— Dann bleibt wenigstens etwas übrig.
— Mir bleibt die Erfahrung.
Nach der Scheidung sahen sie sich nicht mehr.
Die gemeinsamen Freunde teilten sich nach und nach auf.
Einige blieben mit beiden in Kontakt.
Einige fanden, Ksenia habe zu radikal reagiert.
Mehrere Menschen sagten:
— Ich wäre auch beleidigt gewesen, aber gleich Scheidung …
Ksenia stritt nicht.
Jeder setzt seine Grenze selbst.
Für den einen ist eine Demütigung vor Gästen nur ein unangenehmer Vorfall.
Für den anderen ist es der Punkt, nach dem man nicht länger so tun kann, als wäre alles in Ordnung.
Ein halbes Jahr später verließ Ksenia die Druckerei.
Zusammen mit einer ehemaligen Kollegin mietete sie ein kleines Atelier, in dem sie Verpackungen für Konditoreien, Cafés und kleine private Bäckereien entwickelten.
Ihre erste große Kundin war eine Frau namens Margarita, die eine Familienkonditorei eröffnete.
— Ich habe nur eine Bitte, — sagte Margarita.
— Keine Bräutigame, die ihre Braut in eine Torte drücken.
— Ich kann solche Fotos nicht ausstehen.
Ksenia hob den Kopf.
— Warum sagen Sie das?
— Ich habe vor Kurzem ein Video gesehen.
— Die Braut tat mir leid.
— Ich weiß nicht einmal, wie die Geschichte ausgegangen ist.
— Mit einer Scheidung.
Margarita sah sie überrascht an.
— Kennen Sie sie?
— Ein bisschen.
Für die neue Konditorei entwarf Ksenia Schachteln ohne goldene Kronen, Herzen oder Sprüche über ewige Liebe.
Auf dem Deckel stand nur ein einfacher Satz:
„Süßes soll Freude machen.“
Am Tag der Eröffnung brachte Margarita eine Torte ins Atelier.
— Für unsere erste richtig gute Verpackung.
— Welche Sorte?
— Napoleon.
Ksenia lachte.
— Aber wir essen sie mit Gabeln.
— Wie denn sonst?
Sie schnitten die Torte an und legten die Stücke auf Teller.
Niemand packte den anderen am Nacken.
Niemand schaltete eine Kamera ein.
Niemand musste so tun, als hätte er Spaß, um den Ruf eines anderen zu retten.
Ksenia probierte die Creme.
Der Geschmack war ganz gewöhnlich – Vanille, leicht süßlich.
Und das war gut so.
Denn manchmal ist der beste Witz der, nach dem man einem Menschen nicht erklären muss, warum es ihm eigentlich nicht wehtun sollte.







