Einen Monat später erfuhr die Frau, dass sie schwanger war.
Tatjana hätte nie gedacht, dass sie einmal weinen würde, weil in ihrem Haus ein Kind weinte.

Doch als Kirjuscha in der Nacht zum ersten Mal schrie – dünn und verängstigt –, sprang sie aus dem Bett, und die Tränen liefen ihr von selbst über das Gesicht.
— Was ist denn mit dir? — Oleg setzte sich auf und verstand im Halbschlaf nicht, was los war.
— Nichts, — sagte sie.
— Es ist nur… einfach nur so, dass in unserem Haus ein Kind weint.
Verstehst du?
In unserem Haus.
Er nahm sie in die Arme.
Und auch er begann zu weinen.
Neun Jahre lang hatten sie es versucht.
Neun Jahre – seit ihrer Hochzeit.
Am Anfang hatten sie es nicht eilig.
Sie dachten, sie seien jung und hätten noch alles vor sich.
Dann begannen sie zu warten.
Dann begannen sie, die Tage zu zählen, die Monate zu zählen, die Jahre zu zählen.
Dann gingen sie zu Ärzten.
Die Ärzte zuckten nur mit den Schultern.
— Physiologisch ist bei Ihnen alles normal, — sagten sie.
— So etwas kommt vor.
Warten Sie.
Erholen Sie sich.
Wechseln Sie die Umgebung.
Sie wechselten die Umgebung.
Und erholten sich.
Und warteten.
Tatjana trank Kräutertees, die alte Frauen ihr empfohlen hatten.
Oleg hörte auf, Alkohol zu trinken – obwohl er ohnehin fast nie trank.
Sie suchten alle Spezialisten im Bezirkskrankenhaus auf und später auch in der Hauptstadt der Republik.
Dann gaben sie auf – wie Gott es eben wollte.
Doch Gott gab ihnen kein Kind.
Die Nachbarinnen hatten Mitleid.
Die Verwandten machten Andeutungen.
Tatjanas Mutter seufzte: „Töchterchen, vielleicht solltest du dich behandeln lassen?“
Ihre Schwiegermutter schwieg – und das war schlimmer als alle Worte.
Oleg hielt sich tapfer.
Er arbeitete als Maschinist, hatte goldene Hände und war ein verlässlicher Mann.
Das Haus hatte er selbst gebaut – groß, hell, für zwei Familien.
Aber eine Familie gab es eigentlich gar nicht.
Nur sie beide.
— Vielleicht ist es auch gut so, — sagte Tatjana eines Tages.
— Wir werden schon leben.
Es gibt schließlich Menschen, die ganz allein leben.
Oleg nickte.
Doch sie sah, wie er die Kinder der Nachbarn ansah, und seine Augen wurden dabei wie die eines geschlagenen Hundes.
Die Idee kam von der Sanitäterin der Dorfambulanz.
Valentina Stepanowna war eine nicht mehr junge, kluge Frau.
— Hört mal, — sagte sie, als Tatjana wieder einmal Tropfen gegen Bluthochdruck holen kam.
— Habt ihr schon einmal über Adoption nachgedacht?
Tatjana erstarrte.
— Im Kinderheim warten Kinder.
Sie warten jahrelang.
Und ihr lebt hier zu zweit in fünf Zimmern.
Vielleicht ist es euer Schicksal nicht, ein eigenes Kind zur Welt zu bringen, sondern ein fremdes Kind zu eurem eigenen zu machen?
Zu Hause schwieg Tatjana lange.
Oleg aß zu Abend, sah fern und bemerkte nichts.
Dann setzte sie sich neben ihn und sagte:
— Oleg.
Lass uns ein Kind adoptieren.
Er legte die Gabel hin.
Lange sah er auf die Wand.
— Schaffen wir das? — fragte er.
— Es ist schließlich nicht unser eigenes.
Das eigene Kind ist, wie es eben ist, aber es ist unser Blut.
Doch ein fremdes…
— Nicht fremd, — unterbrach sie ihn.
— Unser eigenes.
Wenn wir es lieben, wird es unser eigenes.
Oleg dachte eine Woche darüber nach.
Dann noch eine Woche.
Dann fuhren sie in die Kreisstadt, um sich zu informieren.
Es stellte sich heraus, dass es möglich war.
Dokumente, Bescheinigungen, eine Kommission, eine Schule für Pflege- und Adoptiveltern.
All das dauerte ein halbes Jahr.
Tatjana lief von Behörde zu Behörde, als wäre es ihre Arbeit.
Oleg nahm sich frei und fuhr mit ihr.
Manchmal stritten sie.
Manchmal weinten sie.
Aber sie machten weiter.
Und sie schafften es.
Der Junge hieß Kirill.
Er war vier Jahre alt.
Im Kinderheim in der Hauptstadt der Republik führte man sie in ein Spielzimmer.
Die Kinder spielten auf dem Teppich – eines baute einen Turm aus Bauklötzen, ein anderes ließ ein Auto fahren.
Ein Junge aber saß am Fenster und blickte hinaus.
Klein, blond, mit sehr ernsten Augen.
— Das ist Kirill, — sagte die Leiterin.
— Ein guter Junge.
Ruhig.
Nur…
— Was? — fragte Tatjana.
— Er ist schon zweimal zurückgebracht worden.
— Wie bitte?
— Man hat ihn aufgenommen.
Und dann zurückgebracht.
Eine Familie nach einem Monat.
Die andere nach einem halben Jahr.
Sie sagten, er sei schwierig.
Aber er ist nicht schwierig.
Er glaubt einfach niemandem mehr.
Tatjana ging zum Fenster.
Sie hockte sich hin.
— Hallo, Kirjuscha.
Der Junge drehte sich um.
Er sah sie mit einem langen, erwachsenen, prüfenden Blick an.
So sehen alte Menschen, nicht Kinder.
— Hallo, — sagte er leise.
— Darf ich mich zu dir setzen?
— Setzen Sie sich.
Sie setzte sich direkt auf den Boden und lehnte den Rücken an die Fensterbank.
Er stand da und sah von oben auf sie herab.
Dann fragte er plötzlich:
— Werden Sie mich auch zurückbringen?
Tatjana schnürte es die Kehle zu.
— Nein, — sagte sie.
— Wir werden dich niemals zurückbringen.
— Das sagen alle, — sagte er.
— Und dann bringen sie mich doch zurück.
Oleg stand in der Tür und hörte das Gespräch.
Auch ihm schnürte es die Kehle zu.
Sie durchliefen alle Phasen: das Kennenlernen, Besuchstage, Übernachtungen und schließlich den Umzug.
Zwei Monate später lebte Kirjuscha bereits in ihrem Haus.
In der ersten Woche schwieg er.
Er lief Tatjana wie ein Schatten hinterher.
Er hatte Angst, im Badezimmer das Licht einzuschalten.
Er hatte Angst, um einen Nachschlag zu bitten.
Er hatte Angst zu weinen.
Oleg versuchte, mit ihm zu spielen, doch der Junge zog sich zusammen, als würde er einen Schlag erwarten.
— Er hat Angst vor uns, — sagte Tatjana nachts.
— Verstehst du?
Er hat Angst vor uns.
— Das wird vorbeigehen, — sagte Oleg.
— Es muss vorbeigehen.
Und tatsächlich ging es vorbei.
Nach zwei Wochen lachte Kirjuscha zum ersten Mal.
Oleg zeigte ihm, wie man aus einem Weidenzweig eine Pfeife schnitzt – so etwas hatte ihm sein Großvater in seiner Kindheit beigebracht.
Der Junge sah und sah zu und begann dann plötzlich laut zu lachen – hell und ausgelassen, als wäre in seinem Inneren etwas aufgebrochen.
Tatjana stand in diesem Moment in der Küche.
Und weinte.
Vor Glück.
Einen Monat später stellte sich alles auf den Kopf.
Tatjana war bereits den dritten Tag übel.
Zuerst dachte sie, sie hätte sich vergiftet.
Dann schob sie es auf die Nerven.
Doch als die Übelkeit auch am vierten Tag nicht verschwand, ging sie zur Sanitäterin.
Valentina Stepanowna untersuchte sie.
Sie schwieg eine Weile.
Dann sagte sie:
— Tanja.
Du bist schwanger.
Tatjana setzte sich auf einen Stuhl.
Vor ihren Augen wurde es dunkel.
— Das kann nicht sein.
Wir haben neun Jahre lang…
— Dann hat euch das zehnte Jahr wohl Glück gebracht, — lächelte die Sanitäterin.
— So etwas kommt vor.
Ärzte nennen das manchmal „Adoption als Therapie“.
Wenn eine Frau aufhört, sich ständig auf die Schwangerschaft zu fixieren, wenn sie sich entspannt und beruhigt, kann sich der Körper von selbst regulieren.
Du bist jetzt Mutter, verstehst du?
Schon jetzt eine Mutter.
Und dein Körper hat das verstanden.
Tatjana ging hinaus.
Sie setzte sich auf eine Bank.
Und brach in Tränen aus.
Sie wusste nicht, ob vor Freude oder vor Angst.
Zu Hause erzählte sie Oleg davon.
Er setzte sich.
Dann stand er auf.
Dann setzte er sich wieder.
— Bist du sicher?
— Sicher.
— Mein Gott… — er bedeckte sein Gesicht mit den Händen.
— Mein Gott.
Neun Jahre.
Neun Jahre lang nichts.
Und jetzt…
— Und jetzt sind es zwei, — sagte sie leise.
Er hob den Kopf.
— Was heißt zwei?
— Wir werden jetzt zwei Kinder haben, Oleg.
Kirjuscha und dieses Baby.
Er schwieg lange.
Dann sagte er:
— Und Kirjuscha?
Wie sollen wir es ihm sagen?
Er wird doch denken, dass wir ihn jetzt nicht mehr lieben werden.
Dass das eigene Kind wichtiger ist.
— Wir werden ihn nicht weniger lieben, — sagte Tatjana.
— Ihn haben wir zuerst geliebt.
Er hat uns verändert.
Er hat uns zu Eltern gemacht.
— Das können wir uns selbst sagen.
Aber ihm?
Was sollen wir ihm sagen?
Sie antwortete nicht.
Denn sie wusste es nicht.
Es ihm zu sagen, erwies sich als leichter, als sie gedacht hatten.
Eine Woche später, als Tatjana Kirjuscha für einen Spaziergang anzog, fragte er plötzlich:
— Mama.
Wird dein Bauch groß?
Tatjana erstarrte.
— Warum fragst du?
— Valentina Stepanowna hat es gesagt.
Sie war hier, als du im Garten warst.
Sie hat gesagt, in deinem Bauch ist ein Baby.
Tatjana hockte sich hin und nahm ihn an den Schultern.
— Kirjuscha.
Hab keine Angst.
Du bist für uns der Erste.
Der Wichtigste.
Du bist unser Sohn.
Und dieses Kind wird auch unseres sein.
Und du wirst sein großer Bruder sein.
Verstehst du?
Der Junge sah sie lange an.
Dann fragte er:
— Werdet ihr mich nicht zurückbringen?
— Niemals, — sagte Tatjana.
— Hörst du?
Nie-mals.
Kirjuscha nickte.
Doch sie sah, dass er ihr nicht glaubte.
Zu oft hatte man ihn zurückgebracht.
Zu früh hatte er gelernt, dass Erwachsene lügen können.
Die Monate vergingen.
Tatjanas Bauch wurde größer.
Kirjuscha sah sie mit Sorge an.
Manchmal kam er zu ihr und legte vorsichtig eine Hand auf ihren Bauch, als hätte er Angst, ihn zu zerdrücken.
— Wer ist da drin? — fragte er.
— Deine kleine Schwester, — antwortete Tatjana.
— Oder dein kleiner Bruder.
Wir wissen es noch nicht.
— Wird das Baby mich lieben?
— Natürlich.
Du bist doch der große Bruder.
Kirjuscha dachte darüber nach.
Dann lief er wieder spielen.
Doch Tatjana bemerkte, dass er häufiger launisch wurde.
Er weinte häufiger.
Als würde er prüfen, ob sie aufhören würden, ihn zu lieben, wenn er sich schlecht benahm.
Eines Nachts wachte er schreiend auf.
Tatjana rannte in sein Zimmer und nahm ihn auf den Arm.
— Was ist passiert?
Was ist los?
— Ich habe geträumt, dass ihr mich wieder zurückgebracht habt, — schluchzte er.
— Ihr habt mich ins Auto gesetzt und weggebracht.
Und ihr habt gesagt, ihr braucht mich nicht mehr.
Jetzt habt ihr ja euer eigenes Kind.
Tatjana drückte ihn fest an sich.
Sie strich ihm über den Kopf, wiegte ihn und flüsterte:
— Du gehörst zu uns.
Du bist unser Kind, hörst du?
Wir werden dich niemals verlassen.
Niemals.
Oleg stand in der Tür.
Er hörte zu.
Und seine Augen waren feucht.
Das Mädchen wurde im Dezember geboren.
Gesund und kräftig, 3,6 Kilogramm schwer.
Sie nannten sie Anetschka.
Tatjana lag in der Entbindungsklinik in der Hauptstadt der Republik.
Oleg brachte Kirjuscha mit, damit er seine Schwester sehen konnte.
Der Junge stand am Bett, sah das kleine Bündel an und wirkte völlig verwirrt.
— Sie ist so klein, — sagte er.
— Du warst auch einmal klein, — antwortete Tatjana.
— Und jetzt bist du schon so groß.
Ein Beschützer.
Kirjuscha streckte einen Finger aus.
Anetschka umklammerte ihn mit ihren winzigen Fingern.
Und plötzlich lächelte der Junge breit über das ganze Gesicht, wie noch nie zuvor.
— Sie hält mich fest, — sagte er.
— Schaut mal, sie hält mich fest!
Und alle im Zimmer lachten.
Die ersten Monate waren schwer.
Anetschka weinte nachts.
Kirjuscha war eifersüchtig.
Eines Tages fragte er:
— Mama.
Liebst du mich?
— Ja, — sagte Tatjana.
— Ich liebe dich sehr.
— Und Anetschka?
— Anetschka liebe ich auch.
— Wen liebst du mehr?
Tatjana stellte den Topf auf den Herd, trocknete sich die Hände ab und hockte sich vor ihn.
— Weißt du, Kirjuscha…
Wenn ein Mensch ein zweites Kind bekommt, wird die Liebe nicht geteilt.
Sie wird größer.
Früher hatte ich ein Herz – für dich.
Jetzt habe ich zwei Herzen.
Eines für dich.
Eines für Anetschka.
Verstehst du?
Er dachte nach.
— Dann habe ich auch zwei Herzen.
Eines für dich und eines für Papa.
— Genau, — sie umarmte ihn.
— Jeder Mensch hat so viele Herzen, wie es Menschen gibt, die er liebt.
Kirjuscha war schon fünfeinhalb Jahre alt, als Anetschka zu laufen begann.
Er führte sie an der Hand durch den Hof.
Er zeigte ihr die Küken, das Kätzchen und die Erdbeerbeete.
Sie watschelte hinter ihm her, stolperte, fiel hin, stand wieder auf und ging weiter.
— Sie läuft mir überall hinterher, — erzählte er den Erwachsenen stolz.
— Sie liebt mich.
Oleg sah die beiden an und erinnerte sich an jenen Abend, als Tatjana gesagt hatte: „Lass uns ein Kind adoptieren.“
Damals hatte er Angst gehabt – ein fremdes Kind, schaffen wir das, was ist, wenn wir es nicht lieben können?
Und jetzt sah er diesen blonden Jungen an, der seiner kleinen Schwester Spielzeug brachte und ihr beibrachte, „Bruder“ zu sagen, und konnte sich ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen.
Eines Tages fragte Kirjuscha:
— Papa.
Wenn Mama gleich Anetschka bekommen hätte, hättet ihr mich dann nicht aufgenommen?
Oleg hockte sich vor ihn.
— Mein Sohn, — sagte er.
— Merk dir eines.
Wir haben dich nicht einfach „genommen“.
Wir haben auf dich gewartet.
Neun Jahre lang konnten wir kein Kind bekommen, weil das Schicksal wusste, dass du zu uns kommen solltest.
Du solltest unser Sohn werden.
Und Anetschka ist einfach ein Bonus.
Ein Geschenk.
Dafür, dass wir auf dich gewartet haben.
Kirjuscha lachte.
— Ich bin ein Geschenk?
— Du bist das wichtigste Geschenk, — sagte Oleg.
— Und Anetschka ist das zusätzliche.
Am Abend ging Kirjuscha zum Bett seiner Schwester und flüsterte:
— Hörst du, Anja?
Ich bin das wichtigste Geschenk.
Und du bist das zusätzliche.
Aber sei nicht traurig.
Ich liebe dich trotzdem.
Und er küsste sie auf die Stirn.
Tatjana stand hinter der Tür, hörte zu, und Tränen liefen ihr über die Wangen.
Anetschka war bereits drei Jahre alt, als eine Kommission der Vormundschaftsbehörde ins Dorf kam.
Es war eine routinemäßige Kontrolle, um zu überprüfen, wie Pflege- und Adoptivkinder lebten.
Die Inspektorin – eine strenge, sachliche Frau mit Brille – ging durch das Haus, sah sich die Zimmer, Kirjuschas Bett, seine Spielsachen und Bücher an.
Sie stellte Fragen – Kirjuscha, Tatjana und Oleg.
Sie überprüfte die Dokumente.
Dann setzte sie sich an den Tisch und sagte:
— Ich hatte einmal einen Fall.
Eine Familie adoptierte einen Jungen.
Ein Jahr später bekam sie ein eigenes Kind.
Und wissen Sie, was sie getan haben?
— Was? — fragte Tatjana leise.
— Sie brachten das Adoptivkind zurück.
Sie sagten, jetzt hätten sie ihr eigenes Kind und bräuchten das fremde nicht mehr.
Der Junge war sechs Jahre alt.
Es war bereits das dritte Mal, dass er zurückgebracht wurde.
Sie schwieg eine Weile.
— Ich erzähle Ihnen das aus einem bestimmten Grund.
Ich habe viele solcher Fälle gesehen.
Und als ich zu Ihnen gefahren bin, dachte ich, vielleicht wäre es hier genauso…
Nun, wissen Sie.
Es gibt die unterschiedlichsten Menschen.
Aber bei Ihnen sehe ich, dass alles ehrlich ist.
Alles ist echt.
Kirjuschas Augen leuchten.
Er ist glücklich.
Das ist selten.
Tatjana schwieg.
Oleg nahm ihre Hand.
— Er ist unser Sohn, — sagte Oleg.
— Unser eigener.
Wir geben ihn niemandem.
— Das sehe ich, — nickte die Inspektorin.
— Und das ist gut.
Ich sage Ihnen ganz ehrlich, ich vergebe in meiner Arbeit nicht oft die Bewertung „ausgezeichnete Bedingungen“.
Aber bei Ihnen werde ich sie eintragen.
Und sie tat es.
Heute ist Kirjuscha zehn Jahre alt.
Er geht zur Schule, hilft seinem Vater in der Garage und spielt mit den Jungen Fußball.
Anetschka läuft ihm wie ein Schatten hinterher – sie ist schon fünf, hat lockige Haare, lacht viel und ist sehr stur.
Eines Abends, als die Kinder bereits schliefen, saßen Tatjana und Oleg auf der Veranda.
Es war August.
Der Himmel war voller Sterne.
Die Grillen zirpten.
— Erinnerst du dich, wie viel Angst du hattest? — fragte sie.
— Ich erinnere mich.
— Und jetzt?
— Jetzt habe ich vor etwas anderem Angst, — sagte Oleg.
— Ich habe Angst, dass sie groß werden und wegziehen.
— Das dauert noch lange.
— Trotzdem habe ich Angst.
Tatjana nahm seine Hand.
— Weißt du, was Kirjuscha gestern zu mir gesagt hat?
Er fragte: „Mama, bereut ihr beide eigentlich, dass ihr mich aufgenommen habt?“
Ich fragte: „Wie kommst du denn darauf?“
Und er sagte: „Na ja, ich bin doch nicht euer richtiges Kind.
Nicht vom Blut her.“
Und ich sagte zu ihm: „Verwandt ist man nicht durch Blut.
Verwandt ist man durch das Herz.“
Da dachte er nach und sagte: „Dann bin ich euch am allernächsten, weil mich schon zweimal jemand zurückgebracht hat, ihr aber nicht.“
Oleg schwieg.
Er sah zu den Sternen.
— Klug ist unser Junge, — sagte er schließlich.
— Er versteht alles.
— Alles, — stimmte Tatjana zu.
— Sogar das, was wir selbst nicht immer verstehen.
Sie dachte darüber nach, wie seltsam das Leben eingerichtet war.
Neun Jahre lang hatten sie Gott um ein einziges Kind gebeten.
Und er hatte ihnen zwei gegeben.
Nein.
So war es nicht.
Neun Jahre lang hatten sie gedacht, dass sie um ein Kind baten.
In Wirklichkeit hatten sie einfach gewartet.
Sie hatten darauf gewartet, dass ein kleiner Junge im Kinderheim aufhörte, Angst zu haben.
Darauf, dass Kinderlachen in ihrem Haus zu hören sein würde.
Darauf, dass Tatjana aufhörte, von Arzt zu Arzt zu gehen, und einfach Mutter wurde.
Und als es geschah – als sie Mutter wurde, nicht durch das Blut, sondern durch Liebe –, kam alles andere von selbst.







