Galina Petrowna brachte Möbelpacker mit, um die Möbel aus der Wohnung ihrer Schwiegertochter abzuholen.
Sie war überzeugt, dass sie dazu das Recht hatte.

Doch Vera kam mit einem einzigen Blatt Papier aus dem Schlafzimmer, und der Lieferwagen fuhr leer wieder weg.
Es klingelte um sieben Uhr morgens.
Nicht das Telefon.
Die Türklingel.
Vera stand barfuß auf dem kalten Laminat und blickte durch den Türspion.
Draußen auf dem Treppenabsatz zeichnete sich eine bekannte Gestalt in einem bordeauxroten Jackett ab, und etwas weiter hinten standen zwei Männer in blauen Overalls und traten von einem Fuß auf den anderen.
Sie öffnete die Tür.
— Guten Morgen, Verotschka.
Habe ich dich geweckt?
Galina Petrowna wartete keine Antwort ab.
Sie trat bereits über die Schwelle und musterte den Flur so, wie man ein Lager vor einer Inventur begutachtet.
Ein scharfer Blick, zusammengepresste Lippen und um den Hals eine Perlenkette, die sie zu jedem Anlass trug, sogar zum Arztbesuch.
— Das sind die Möbelpacker, — sagte die Schwiegermutter und nickte nach hinten.
— Jungs, wartet vorerst im Treppenhaus.
Vera blinzelte.
Dann noch einmal.
— Welche Möbelpacker?
— Ganz normale.
Der Lieferwagen steht unten.
Ich habe dich doch gewarnt, dass ich Kostjas Sachen abhole.
Sie hatte sie nicht gewarnt.
Es hatte vor drei Wochen ein einziges Telefongespräch gegeben, in dem Galina Petrowna beiläufig gesagt hatte: „Na ja, die Möbel haben schließlich wir gekauft, das weißt du doch.“
Vera hatte damals geschwiegen.
Und offenbar hatte die Schwiegermutter ihr Schweigen als Zustimmung verstanden.
Kostja war im November gegangen.
Nicht wegen einer anderen Frau und nicht wegen eines Streits.
Er war einfach gegangen.
Er hatte gesagt: „Ich muss nachdenken.“
Er nahm einen Rucksack, seinen Laptop und das Ladekabel fürs Handy mit.
Sonst nichts.
Dieses „Nachdenken“ dauerte nun schon den sechsten Monat.
Sie waren nicht geschieden.
Sie hatten keinen Antrag gestellt.
Kostja rief seine Tochter manchmal per Videoanruf an, fragte nach der Schule, versprach am Wochenende zu kommen und kam dann doch nicht.
Unterhalt zahlte er nicht, weil sie offiziell noch eine Familie waren.
Vera arbeitete als Buchhalterin in einer Baufirma.
Ihr Gehalt betrug siebenundvierzigtausend Rubel.
Die Wohnung hatte zwei Zimmer, lag in Bibirewo und befand sich im vierten Stock.
Als sie und Kostja vor fünf Jahren hier eingezogen waren, hatte Galina Petrowna tatsächlich bei der Einrichtung geholfen.
Sie hatte ein Sofa, einen Küchentisch, eine Waschmaschine und einen Einbauschrank im Flur gekauft.
Daran erinnerte sie regelmäßig.
— Ich habe damals übrigens hundertvierzigtausend ausgegeben, — sagte sie am Telefon.
— Das waren meine Ersparnisse aus der Rente.
Vera widersprach nicht.
Ob es wirklich hundertvierzigtausend waren oder nicht, wusste sie nicht, und die Kassenbons hatte sie nie gesehen.
Aber sie widersprach auch deshalb nicht, weil Galina Petrowna die Angewohnheit hatte, jeden Einwand in einen Krieg zu verwandeln.
Jetzt stand die Schwiegermutter im Flur und öffnete ihr Jackett.
Darunter kam eine weiße Bluse mit perlmuttfarbenen Knöpfen zum Vorschein.
Galina Petrowna kleidete sich zum Möbelabtransport wie zu einem Geschäftstermin.
— Also, — begann sie im Tonfall einer Schuldirektorin.
— Das Sofa, den Küchentisch, die Waschmaschine, den Schrank.
Und den Sessel im Zimmer.
Der Sessel gehört auch uns.
Vera lehnte sich an die Wand.
In ihrem Bauch wurde es kalt.
— Galina Petrowna, wir haben das nicht besprochen.
— Was gibt es da zu besprechen?
Kostja ist weg, die Sachen gehören uns.
Ich habe jedes Recht dazu.
— Wir sind nicht geschieden.
— Na und?
Das ist mein Eigentum.
Ich habe es gekauft, ich habe die Quittungen.
Quittungen.
Vera hätte fast gelächelt.
Nach fünf Jahren Nutzung des Sofas, auf dem Lisa ihre Hausaufgaben machte und auf dem sie an den Wochenenden zu dritt Zeichentrickfilme gesehen hatten, hatten diese Quittungen wohl kaum die juristische Macht, die die Schwiegermutter ihnen zuschrieb.
Aber Galina Petrowna gehörte nicht zu den Menschen, die sich von juristischen Feinheiten beeindrucken ließen.
Aus dem Zimmer war ein Geräusch zu hören.
Lisa.
Neun Jahre alt, dünne Knie, Pony bis zu den Augenbrauen und die Angewohnheit, auf der Kappe eines Stiftes zu kauen.
— Mama?
— Geh dich waschen, mein Schatz.
Oma ist zu Besuch gekommen.
Galina Petrowna sah ihre Enkelin an und wurde ein wenig weicher.
Aber nur ein wenig.
— Lisotschka, guten Morgen.
Geh nur, geh, deine Mama und ich klären das hier schnell.
Lisa sah die Großmutter an, dann ihre Mutter und dann die Möbelpacker, die durch die offene Tür zu sehen waren.
Dann ging sie wortlos ins Badezimmer.
Im ersten Ehejahr hatte Vera geglaubt, man könne sich mit ihrer Schwiegermutter einigen.
Man müsse einfach höflich und aufmerksam sein und nicht auf Konfrontation gehen.
Sie kochte Borschtsch nach Galina Petrownas Rezept.
Sie hörte sich Ratschläge zur Erziehung von Lisa an.
Sie ertrug Bemerkungen über die Ordnung in der Wohnung.
Im zweiten Jahr begriff sie: Eine Einigung war nicht möglich.
Man konnte nur nachgeben oder Widerstand leisten.
Dazwischen gab es nichts.
Galina Petrowna kam ohne Vorankündigung.
Sie öffnete den Kühlschrank und kommentierte seinen Inhalt.
Sie stellte die Blumen auf der Fensterbank um.
Einmal hatte sie Veras Kleiderschrank durchsortiert und die Sachen nach ihrem eigenen System gefaltet, „damit es ordentlich aussieht“.
Kostja ging in solchen Situationen auf den Balkon rauchen.
— Mama, jetzt hör doch auf, — sagte er manchmal.
— Ich helfe doch nur, Kostik.
Du siehst doch, Vera kommt nicht zurecht.
Vera kam sehr wohl zurecht.
Sie arbeitete, kochte, brachte Lisa zum Zeichenunterricht und zum Kieferorthopäden, bezahlte die Nebenkosten und zwang sich einmal im Monat ins Schwimmbad, obwohl sie Schwimmen hasste.
Doch in Galina Petrownas Weltbild war die Schwiegertochter ein schwaches und undankbares Wesen, das ständige Kontrolle brauchte.
Als Kostja gegangen war, rief die Schwiegermutter zwei Tage später an.
— Ich bin nicht überrascht, — sagte sie.
— Du konntest ihn nicht halten.
Vera legte auf.
Dann nahm sie den Hörer wieder in die Hand und legte noch einmal auf, weil sie beim ersten Mal die falsche Taste gedrückt hatte.
Die Möbelpacker rauchten im Treppenhaus.
Der Tabakgeruch kroch durch die angelehnte Tür in die Wohnung.
— Galina Petrowna, — Vera sprach leise, damit Lisa sie im Badezimmer nicht hörte.
— Sie können nicht einfach so kommen und die Möbel abtransportieren.
— Warum nicht?
Die Möbel gehören mir.
— Sie haben sie uns geschenkt.
Kostja und mir.
Zur Einweihung.
— Ich habe gar nichts geschenkt.
Ich habe sie euch zur Nutzung überlassen.
Und jetzt nehme ich sie zurück.
Vera spürte, wie sich ihre Finger anspannten.
Sie lockerte sie langsam, einen nach dem anderen.
— Wohin wollen Sie die Sachen bringen?
— Zu mir.
Kostjas Zimmer ist jetzt frei, er braucht ein Sofa.
Ach so war das also.
Kostja lebte seit einem halben Jahr bei seiner Mutter.
Und seine Mutter richtete ihm ein Nest mit Möbeln ein, die in der Wohnung standen, in der seine Tochter lebte.
— Weiß Kostja von den Möbelpackern?
— Kostja vertraut mir.
Das war keine Antwort.
Vera verstand das, und Galina Petrowna verstand es ebenfalls, denn sie wandte den Blick ab.
— Rufen Sie ihn an, — sagte Vera.
— Wozu?
Er ist bei der Arbeit.
— Rufen Sie ihn an.
Vor mir.
Die Schwiegermutter richtete sich auf.
Die Perlenkette bewegte sich.
— Verotschka, mach hier kein Theater.
Die Jungs warten, sie werden stundenweise bezahlt.
Lass es uns im Guten regeln.
Im Guten.
Galina Petrownas Lieblingsausdruck.
Er bedeutete: Tu, was ich sage, und niemandem passiert etwas.
Im Badezimmer rauschte Wasser.
Lisa putzte sich die Zähne.
Sie hatte eine elektrische Zahnbürste, rosa, mit einem Timer, der alle dreißig Sekunden piepte und daran erinnerte, die Seite zu wechseln.
Vera sah ihre Schwiegermutter an.
Das bordeauxrote Jackett, die perlmuttfarbenen Knöpfe, die schmalen Lippen und die Falten um den Mund, die tiefer wurden, wenn sie den Kiefer zusammenpresste.
Zweiundsechzig Jahre alt, einen Meter sechzig groß, kein Gramm zu viel.
Galina Petrowna hatte sich immer und überall unter Kontrolle und verlangte dasselbe von allen anderen.
Vera dagegen stand barfuß da, in einem zerknitterten T-Shirt, mit offenen Haaren, und sah genauso aus wie eine Frau, die um sieben Uhr morgens vom Klingeln an der Tür geweckt worden war.
— Ich lasse niemanden in die Zimmer, — sagte sie.
— Dann rufe ich die Polizei.
— Machen Sie das.
Pause.
Mit dieser Antwort hatte Galina Petrowna nicht gerechnet.
Sie war daran gewöhnt, dass Vera nachgab.
Dass Vera mit den Schultern zuckte und zur Seite trat.
Dass Vera die Ruhe dem Konflikt vorzog.
Aber in diesen sechs Monaten hatte sich etwas verändert.
Nicht plötzlich, nicht in einem einzigen Moment.
So wie Wasser einen Stein aushöhlt.
Tropfen für Tropfen.
Zuerst war Kostja gegangen, und es tat weh.
Dann verging ein Monat, und es wurde leer.
Dann noch ein Monat, und diese Leere begann sich mit etwas anderem zu füllen.
Nicht mit Wut.
Eher mit Klarheit.
Vera hörte ungefähr im dritten Monat auf darauf zu warten, dass er zurückkam.
Eines Morgens wachte sie einfach auf und wusste: Er kommt nicht zurück.
Und es wurde leichter.
Nicht gut, aber leichter.
— Also die Polizei, — wiederholte die Schwiegermutter.
Sie nahm ihr Handy heraus.
Sie sah auf den Bildschirm.
Dann steckte sie es wieder weg.
— Na gut.
Ohne Polizei.
Aber ich warne dich: Das bleibt nicht so.
Ich habe die Quittungen, ich habe Zeugen.
Die Nachbarin Ljudmila war mit mir im Geschäft.
— Galina Petrowna.
Sie haben uns diese Sachen geschenkt.
Vor Zeugen.
Bei der Einweihung.
Ihre Schwester Tamara war dabei, meine Eltern waren da, Kostja war da.
Sie selbst haben gesagt: „Das ist für euch, für die Jungen, damit ihr euer Leben nicht auf nacktem Boden anfangen müsst.“
Die Schwiegermutter blinzelte.
— Das habe ich nie gesagt.
— Doch.
Meine Mutter hat mit dem Handy ein Video aufgenommen.
Wie Sie uns einen Umschlag mit Geld für das Sofa geben und genau diese Worte sagen.
Stille.
Das Wasser im Badezimmer verstummte.
Lisa drückte die Türklinke herunter.
— Mama, was gibt es zum Frühstück?
— In fünf Minuten, mein Schatz.
Lisa ging an ihrer Großmutter vorbei in die Küche.
Sie öffnete den Kühlschrank.
Sie nahm einen Joghurt heraus.
Ein ganz normaler Morgen für einen neunjährigen Menschen, der an das Unnormale gewöhnt war.
Galina Petrowna schwieg.
Vera sah, wie eine Ader an ihrer Schläfe pochte.
Klein, bläulich, direkt am Rand der Stirn.
Das Video existierte.
Das war die Wahrheit.
Ihre Mutter hatte es vor fünf Jahren mit einem alten Handy bei der Einweihung aufgenommen.
Die Qualität war schrecklich: dunkel, hallender Ton, verschwommene Gesichter.
Doch Galina Petrownas Stimme war unverkennbar.
Und der Satz war deutlich zu hören: „Das ist für euch, für die Jungen, damit ihr euer Leben nicht auf nacktem Boden anfangen müsst.
Sucht euch aus, was ihr wollt, kauft es und richtet euch ein.“
Ein Umschlag mit Geld.
Ein Geschenk.
Kein Darlehen, keine vorübergehende Nutzung.
Ein Geschenk.
Vera hatte erst zwei Monate zuvor zufällig von diesem Video erfahren.
Ihre Mutter hatte ein altes Handy durchsucht, Fotos auf den Computer übertragen und war darauf gestoßen.
— Schau mal, was ich gefunden habe, — hatte sie bei einem Videoanruf lachend gesagt.
— Erinnerst du dich an eure Einweihung?
Vera erinnerte sich.
Damals war sie im vierten Monat mit Lisa schwanger gewesen, hatte ein grünes Kleid getragen und geglaubt, vor ihnen liege nur Gutes.
— Mama, schick mir dieses Video.
— Wozu?
— Schick es mir einfach.
Ihre Mutter schickte es.
Vera speicherte es in der Cloud, auf einem USB-Stick, auf ihrem Arbeitscomputer und im Chat mit ihrer Freundin Natalja.
Vier Kopien.
Denn schon damals hatte sie gespürt: Galina Petrowna würde nicht nachgeben.
Und dann ging sie vorsichtshalber zu einem Anwalt.
Der Anwalt empfing sie in einem kleinen Büro im Erdgeschoss eines Wohnhauses nahe der Metrostation „Altufjewo“.
Auf dem Schild an der Tür stand: „Familien- und Zivilrecht“.
Drinnen roch es nach Kaffee und Papier.
— Die Sache ist einfach, — sagte er und blätterte durch seine Notizen.
— Ein Geschenk bleibt ein Geschenk.
Wenn das Geld als Geschenk für einen bestimmten Zweck übergeben wurde und Sie davon Möbel gekauft haben, dann gehören diese Möbel Ihnen.
Die Quittungen der Schenkenden spielen hier keine Rolle, weil Sie den Kauf getätigt haben.
— Und wenn sie behauptet, sie hätte uns das Geld geliehen?
— Gibt es das Video?
— Ja.
— Mit dem Video und den Zeugen hat sie keine Chance.
Das Gericht wird die Klage nicht annehmen.
Und wenn doch, wird sie verlieren.
Vera nickte.
Und bat ihn, alles schriftlich festzuhalten.
Der Anwalt verfasste ein zweiseitiges Dokument.
Eine kurze und klare rechtliche Einschätzung: juristische Bewertung der Situation, Verweise auf Artikel des Zivilgesetzbuches und die Schlussfolgerung, dass Eigentum, das mit geschenktem Geld erworben wurde, dem Beschenkten gehört.
Vera faltete die Blätter zweimal und steckte sie in ihren Pass.
Sie trug sie drei Wochen lang mit sich herum.
Sie wartete.
Und jetzt war der Moment gekommen.
— Galina Petrowna, warten Sie eine Minute.
Sie ging ins Schlafzimmer.
Sie nahm ihren Pass aus der Schublade des Nachttisches.
Sie zog die gefalteten Blätter heraus.
Sie faltete sie auseinander.
Dann kehrte sie in den Flur zurück.
— Hier.
Lesen Sie.
Die Schwiegermutter nahm das Papier mit zwei Fingern, als würde sie etwas Unangenehmes anfassen.
Sie setzte die Brille mit der Kette auf, die an ihrer Brust hing.
Dann begann sie zu lesen.
Vera sah sie an und zählte die Sekunden.
Nicht absichtlich.
Ihr Kopf funktionierte in angespannten Momenten einfach so: Er zählte irgendetwas.
Galina Petrowna las bis zur zweiten Seite.
Dann hob sie den Blick.
— Was ist das?
— Eine juristische Stellungnahme.
Möbel, die mit geschenktem Geld gekauft wurden, gehören demjenigen, dem das Geld geschenkt wurde.
Also mir und Kostja.
Nicht Ihnen.
— Das ist nur ein Stück Papier.
Das bedeutet gar nichts.
— Es bedeutet, dass ich die Polizei rufen werde, wenn Sie versuchen, die Möbel ohne meine Zustimmung mitzunehmen.
Und ich werde das Video von der Einweihung zeigen, auf dem Sie uns das Geld schenken.
Und dieses Papier.
Und die Kassenbons aus dem Möbelgeschäft auf meinen Namen.
Die Schwiegermutter nahm die Brille ab.
Sie faltete sie zusammen.
— Du hast die Quittungen?
— Ich habe alles.
Die Quittungen waren tatsächlich da.
Zwei von vier.
Für das Sofa und den Schrank.
Die Quittung für die Waschmaschine war nicht mehr vorhanden, aber die Seriennummer stand im Garantieschein, der auf Vera ausgestellt war.
Galina Petrowna stand mitten im Flur und schwieg.
Auch die Möbelpacker im Treppenhaus schwiegen.
Einer von ihnen hustete.
Der Moment, in dem alles entschieden wurde, sah anders aus, als Vera es sich vorgestellt hatte.
Sie hatte gedacht, es würde einen Skandal geben.
Schreien.
Drohungen.
„Du wirst das bereuen.“
„Ich werde schon Mittel und Wege gegen dich finden.“
„Kostja wird davon erfahren.“
Aber Galina Petrowna tat etwas anderes.
Sie legte das Papier ordentlich auf die Kommode neben der Tür.
Sie richtete ihre Perlenkette.
Dann drehte sie sich zu den Möbelpackern um.
— Jungs, Abbruch.
Es war ein Irrtum.
Einer von ihnen, der größere mit rasiertem Kopf und einer Tätowierung am Handgelenk, fragte:
— Bekommen wir den Einsatz trotzdem bezahlt?
— Ja.
Geht zum Wagen.
Sie gingen.
Schritte im Treppenhaus, das Knarren der Haustür, Stille.
Galina Petrowna stand im Flur und knöpfte ihr Jackett zu.
Ihre Finger zitterten leicht am obersten Knopf.
— Du glaubst, du hast gewonnen, — sagte sie leise.
— Ich glaube gar nichts.
Ich werde einfach nicht die Möbel hergeben, auf denen meine Tochter schläft.
— Unsere Enkelin.
— Ihre Enkelin schläft auf dem Sofa, das Sie mitnehmen wollten.
Denken Sie darüber nach.
Die Schwiegermutter sah sie an.
Lange, vielleicht fünf oder sechs Sekunden.
In diesem Blick lag vieles: Wut, Verwirrung, etwas, das fast wie Respekt wirkte, und sofort auch Ärger darüber, diesen Respekt überhaupt zu empfinden.
Dann drehte sie sich um und ging.
Die Tür fiel leise ins Schloss.
Galina Petrowna schlug niemals Türen zu.
Das war unter ihrer Würde.
Vera stand im Flur und hörte ihr eigenes Herz schlagen.
Laut.
Als wäre sie gerade die Treppe hochgerannt und würde nicht einfach barfuß auf dem Laminat stehen.
Sie ging zur Tür und schloss ab.
Dann legte sie die Sicherheitskette vor.
Danach lehnte sie die Stirn gegen das kalte Kunstleder der Tür und schloss die Augen.
In der Küche klirrte ein Löffel.
— Mama, was wollte Oma?
— Nichts Wichtiges, mein Schatz.
Wir haben geredet, das ist alles.
— Und warum waren die Möbelpacker da?
— Sie hatten die Adresse verwechselt.
Lisa schwieg einen Moment.
Mit neun Jahren waren Kinder bereits alt genug, um Lügen zu spüren, aber noch jung genug, sie zu akzeptieren, wenn sie ruhig ausgesprochen wurden.
— Okay.
Mama, können wir Pfannkuchen machen?
— Können wir.
Vera ging in die Küche.
Sie holte eine Schüssel, Eier und Milch.
Ihre Hände zitterten leicht, und das erste Ei schlug sie neben der Schüssel direkt auf den Tisch.
Das Eigelb breitete sich auf der Wachstischdecke in einer Form aus, die entfernt an ein Herz erinnerte.
Sie wischte es weg und schlug das zweite Ei auf.
Diesmal traf sie die Schüssel.
Kostja rief mittags an.
Vera saß gerade bei der Arbeit und aß Salat aus einer Plastikbox an ihrem Schreibtisch, umgeben von Lieferscheinen und Rechnungen.
— Mutter hat mir alles erzählt, — sagte er.
Seine Stimme klang schuldbewusst, wie immer, wenn es um etwas Unangenehmes ging.
— Und?
— Sie hat überreagiert.
— Sie kam mit Möbelpackern, Kostja.
Um sieben Uhr morgens.
Lisa hat alles gesehen.
— Ich wusste nichts davon.
Wirklich nicht.
Vera kaute auf einer Tomate und schwieg.
Die Tomate war wässrig und schmeckte nach Winter, obwohl es bereits Mai war.
— Vera, ich rede mit ihr.
— Lass es.
— Warum?
— Weil du reden wirst, sie wird nicken, und eine Woche später steht sie wieder hier.
Nur dann vielleicht nicht mit Möbelpackern, sondern mit dem Bezirkspolizisten oder irgendeinem Notar, den sie im Internet gefunden hat.
Stille am anderen Ende.
— Ich wollte nicht, dass es so läuft, — sagte er schließlich.
— Und wie wolltest du es?
Er antwortete nicht.
Vera warf die Plastikbox in den Müll und wandte sich wieder ihren Rechnungen zu.
Am Abend, als Lisa eingeschlafen war, setzte sich Vera auf genau dieses Sofa.
Es war schon abgenutzt und hatte eine Delle in der rechten Ecke, wo Kostja immer gesessen hatte.
Der Stoff an der Armlehne war bis auf die helle Unterlage durchgescheuert.
Dieses Sofa wusste mehr über sie, als sie selbst voneinander wussten.
Sie öffnete ihr Handy.
Im Messenger war eine Nachricht von Natalja.
„Na, wie lief es?
War sie da?“
„Ja.
Mit Möbelpackern.“
„Du machst Witze.“
„Nein.
Ich habe ihr das Papier gezeigt.
Sie ist wieder gefahren.“
„Vera, du bist eine Heldin.“
Vera lächelte schief.
Eine Heldin in einem zerknitterten T-Shirt, die wegen zitternder Hände beinahe ein Ei auf dem Tisch zerschlagen hatte.
Sie schrieb: „Ich bin keine Heldin.
Ich habe es nur satt, Angst zu haben.“
Sie schickte die Nachricht und legte das Handy weg.
Am nächsten Tag schickte Galina Petrowna eine Nachricht.
Kurz, ohne Begrüßung.
„Ich habe mich bei einem Anwalt beraten lassen.
Rechtlich hast du recht.
Aber menschlich ist das unfair.“
Vera las die Nachricht im Bus auf dem Weg zur Arbeit.
Draußen zogen die Pappeln im Mai vorbei, und erste Pappelflocken begannen durch die Luft zu schweben, obwohl es erst der zehnte Tag des Monats war.
Sie überlegte, was sie antworten sollte.
Sie tippte und löschte.
Tippte wieder und löschte erneut.
Schließlich schrieb sie: „Galina Petrowna, kommen Sie am Samstag vorbei.
Lisa vermisst Sie.“
Die Schwiegermutter antwortete eine Stunde später: „Um wie viel Uhr?“
„Gegen zwölf.
Ich backe Scharlotka.“
Punkt.
Kein Frieden, kein Krieg.
Etwas dazwischen, wie es oft zwischen Menschen ist, die einander nicht gewählt haben, aber ein Kind miteinander teilen müssen.
Am Samstag kam Galina Petrowna genau um zwölf.
In der Hand hatte sie eine Einkaufstüte aus dem Supermarkt „Pjaterotschka“: Weintrauben, Saft für Lisa und Kekse.
Sie zog im Flur die Schuhe aus.
Sie sah auf den Einbauschrank.
Dann blickte sie weg.
— Die Scharlotka riecht gut, — sagte sie.
— Noch fünf Minuten, dann ist sie fertig, — antwortete Vera.
Lisa rannte aus dem Zimmer und umarmte ihre Großmutter um die Taille.
Galina Petrowna strich ihr über den Kopf und blinzelte schnell, während sie sich zum Kleiderhaken wegdrehte.
Sie setzten sich an den Küchentisch.
An genau den Tisch, den die Schwiegermutter hatte mitnehmen wollen.
Vera schnitt die Scharlotka an.
Lisa schenkte ihrer Großmutter Tee ein.
Galina Petrowna rührte lange darin, obwohl sie weder Zucker noch Honig hineingetan hatte.
— Schmeckt gut, — sagte sie nach dem ersten Stück.
— Danke.
Stille.
Aber nicht diese schwere Stille von früher.
Eine andere.
Als hätten beide gleichzeitig ausgeatmet, ohne sich abzusprechen.
Lisa erzählte von der Schule.
Davon, wie Arkascha Wolkow einen Hamster mit in die Klasse gebracht hatte, der Hamster ausgebrochen war und die ganze Jahrgangsstufe nach ihm gesucht hatte, bis man ihn schließlich im Lehrerzimmer in einer Schreibtischschublade fand.
— In einer Schublade? — fragte Galina Petrowna nach.
— Ja!
Zwischen den Heften!
Er hat dort geschlafen!
Die Schwiegermutter lachte.
Kurz und durch die Nase, aber sie lachte.
Vera stand auf und schenkte sich noch Tee ein.
Durch das Fenster drang der Geruch von Pappelflaum und warmem Asphalt.
Mai.
Fünfundzwanzig Grad.
Samstag.
Kostja rief am Abend an.
— Mutter sagte, sie war bei euch.
Sie sagt, die Scharlotka war lecker.
— War sie.
— Vera…
— Was?
— Nichts.
Ich wollte nur wissen, wie es Lisa geht.
— Lisa geht es gut.
Komm vorbei, dann siehst du es selbst.
Stille.
— Vielleicht nächste Woche.
— Vielleicht.
Sie legte auf.
„Vielleicht“ bedeutete „nein“, und beide wussten das.
Aber Vera zählte diese „Vielleichts“ nicht mehr und stapelte sie auch nicht länger zu einem Berg aus Enttäuschungen.
Sie waren einfach da, wie das Wetter oder Staus auf der Dmitrowskoje-Chaussee.
Zwei Wochen später kam Galina Petrowna wieder.
Diesmal mit einer Tüte voller Setzlinge.
— Tomaten und Basilikum, — sagte sie und stellte die Töpfe auf die Fensterbank.
— Deine Fenster gehen nach Süden, die werden wachsen.
— Meine Fenster gehen nach Südosten.
— Sie werden wachsen.
Sie stellte die Töpfe auf, goss Wasser hinein und erklärte Lisa, wie sie sie gießen sollte.
Lisa hörte ernst zu und fuhr mit dem Finger über die Erde im Topf.
Vera sah den beiden zu und dachte darüber nach, wie seltsam Beziehungen zwischen Menschen aufgebaut waren.
Vor zwei Wochen war diese Frau mit Möbelpackern gekommen, um das Sofa mitzunehmen.
Jetzt pflanzte sie Tomaten auf der Fensterbank und brachte ihrer Enkelin bei, Keimblätter von echten Blättern zu unterscheiden.
Beides war wahr.
Und genau das war das Schwierigste daran.
Am Abend, als Lisa eingeschlafen war, holte Vera eine Schachtel aus dem Schrank.
Darin lagen Fotos von der Einweihung.
Sie hatte sie lange nicht mehr angesehen.
Hier trug Kostja einen Karton mit Geschirr.
Hier stand sie, schwanger, in einem grünen Kleid am Fenster.
Hier reichte Galina Petrowna ihnen einen Umschlag.
Ihr Gesicht sah anders aus: weicher, jünger, ohne diese tiefen Falten um den Mund.
Sie lächelte, und das Lächeln war echt.
Fünf Jahre.
Ein Umschlag, eine Renovierung, ein Sofa, eine Waschmaschine, Lisas erste Schritte auf diesem Laminat, tausend Abendessen an diesem Tisch, ein Weggang, sechs Monate Schweigen und ein Morgen mit Möbelpackern.
Vera legte die Fotos zurück.
Sie schloss die Schachtel.
Dann stellte sie sie wieder ins Regal.
Auf der Fensterbank standen die Töpfe mit den Setzlingen.
Die Erde war feucht, und an einem der Triebe zeigte sich bereits das zweite Blatt.
Sie machte das Licht in der Küche aus und ging schlafen.
Das Papier lag weiterhin in ihrem Pass.
Vera hatte es nicht herausgenommen.
Nicht, weil sie auf einen neuen Angriff wartete.
Sie hatte sich einfach daran gewöhnt, dass es dort lag.
Wie die Schlüssel in der Tasche oder das Handy in der Handtasche.
Manche Dinge räumt man nicht weg.
Man trägt sie einfach mit sich.







