Am nächsten Tag schloss ich den Kühlschrank ab.
Im Flur roch es nach gebratenem Speck und ungewaschenem Körper.

Auf der Fußmatte lagen schmutzige Damenstiefel herum.
Von den Sohlen war eine graue Pfütze auf die Fliesen gelaufen.
Aus der Küche waren schmatzende Geräusche und das Dröhnen des Fernsehers zu hören.
Marina zog ihre Schuhe aus.
Dann legte sie ihren Mantel ab.
Nach der Schicht schmerzten ihre Beine.
Sie wollte nur heißen Tee und Ruhe.
In der Küche saß Dascha.
Die Schwester ihres Mannes.
In Marinas Bademantel.
Dascha aß Nudeln mit Hackfleisch direkt aus der teuren Teflonpfanne.
Sie aß mit einer Metallgabel.
Das Kratzen des Metalls auf der Beschichtung tat in den Ohren weh.
— Hallo — sagte Dascha mit vollem Mund.
Marina blieb in der Tür stehen.
Auf dem Tisch stand der leere Topf, in dem vorher Borschtsch gewesen war.
Daneben lag eine geöffnete Packung mit aufgeschnittenem Käse.
In der Spüle türmte sich ein Berg fettiger Teller.
— Wo ist die Suppe? — fragte Marina mit ruhiger Stimme.
Dascha zuckte mit den Schultern.
— Haben wir aufgegessen.
Kostja ist zum Mittagessen vorbeigekommen.
Ihm hat sie geschmeckt.
Marina sah auf den Fünf-Liter-Topf.
— Fünf Liter?
An einem Tag?
— Na ja, ich habe auch davon gegessen.
Und Kostja hat einen Behälter mit zur Arbeit genommen.
Was ist denn dabei?
Gönnst du deinem eigenen Mann etwa keine Suppe?
Dascha legte die Gabel beiseite.
Auf dem Boden der Pfanne waren tiefe weiße Kratzer zu sehen.
Die Pfanne hatte viertausend Rubel gekostet.
In Marina schloss sich etwas ab.
Kalt und schwer wie ein Schloss.
Sie ging zum Kühlschrank.
Sie öffnete die Tür.
Drinnen war es leer.
Keine Joghurts, kein Hähnchenfilet und keine Kochwurst.
Nur ein Glas billiger Senf.
— Wo sind die Frikadellen? — fragte Marina.
— Die haben wir doch schon gestern aufgegessen.
Marinka, warum regst du dich so auf?
Soll ich etwa hungrig herumsitzen?
Marina holte die Kassenbons aus ihrer Tasche.
Sie bewahrte sie immer auf.
— In diesem Monat habe ich fünfundvierzigtausend Rubel für Lebensmittel ausgegeben.
Dascha verdrehte die Augen.
— Ach, jetzt geht das wieder los.
Die Buchhalterin meldet sich zu Wort.
— Du wohnst seit acht Monaten hier.
Acht Monate.
Du hast nicht einmal einen Laib Brot gekauft.
— Ich suche Arbeit! — erhob die Schwägerin ihre Stimme.
— Du suchst bei Tinder nach einem Sponsor.
Und fressen tust du auf meine Kosten.
Marina nahm die leere Pfanne.
Sie stellte sie in die Spüle.
Dann drehte sie das eiskalte Wasser auf.
— Hey!
Ich war noch nicht fertig! — empörte sich Dascha.
— Dein Essen ist vorbei.
Meines ebenfalls.
Raus aus der Küche.
Dascha schnaubte.
Sie zog Marinas Bademantel aus, warf ihn auf einen Stuhl und ging ins Wohnzimmer.
Marina wusch das Geschirr nicht ab.
Sie goss sich ein Glas Wasser ein.
Sie trank es in einem Zug aus.
Dann nahm sie ihr Handy heraus und schrieb ihrem Mann.
„Geh bitte im Laden vorbei.
Zu Hause gibt es nichts zu essen.“
Die Antwort kam eine Minute später.
„Ich bin müde.
Bestell etwas beim Lieferservice.
Du hast doch Geld.“
Marina lächelte spöttisch.
Geld hatte sie tatsächlich.
Aber nur ihr eigenes.
Am Abend fiel die Eingangstür laut ins Schloss.
Kostja kam herein.
— Marina!
Was gibt es zum Abendessen?
Marina saß mit ihrem Laptop auf dem Sofa.
— Es gibt nichts zu essen — sagte sie.
Kostja kam ins Zimmer.
Ohne seine Schuhe auszuziehen.
— Was heißt, es gibt nichts?
Gestern war der Kühlschrank doch noch voll.
— Deine Schwester hat alles aufgefressen.
Mit deiner Hilfe.
Kostja seufzte schwer.
Er wischte sich unsichtbaren Staub aus dem Gesicht.
— Ira, jetzt fängst du schon wieder damit an.
Daschka ist jung und hat einen schnellen Stoffwechsel.
— Schnell ist bei ihr nur die Dreistigkeit.
Ich zahle achtunddreißigtausend Rubel für die Hypothek.
Das ist meine Wohnung.
— Wir sind eine Familie! — brüllte Kostja.
— Ich bezahle die Nebenkosten!
— Die Nebenkosten betragen sechstausend.
Das Essen kostet fünfundvierzigtausend.
Deine Schwester hat mich in diesen acht Monaten dreihundertsechzigtausend Rubel gekostet.
— Du misst alles nur in Geld!
Kostja drehte sich um und ging in die Küche.
Kurz darauf war dort das Klappern von Töpfen zu hören.
— Marina! — rief er.
— Hier gibt es nicht einmal Eier!
— Ich weiß.
Kostja kam wütend zurück.
Sein Gesicht war von roten Flecken übersät.
— Gib mir tausend Rubel.
Ich hole Schawarma.
Marina sah ihn an.
Aufmerksam.
Wie einen fremden Menschen.
— Deine Bankkarte ist in deiner Tasche.
— Ich habe die Rate für das Auto bezahlt.
Du weißt doch, dass ich bis zum nächsten Gehalt nichts mehr habe.
— Dann habt ihr heute eben einen Fastentag.
Kostja schlug mit der Faust gegen den Türrahmen.
— Willst du mich verarschen?
Meine Schwester sitzt hungrig da!
Ich bin hungrig!
Bist du meine Frau oder was?
— Ich bin dein Sponsor, Kostik.
Aber meine Aktion grenzenloser Großzügigkeit ist beendet.
Er fluchte schmutzig.
Dann schlug er die Eingangstür hinter sich zu.
Eine Stunde später kam er mit zwei Schawarmas und einer Dose Cola zurück.
Dascha begrüßte ihren Bruder freudig im Flur.
Marina boten sie nichts an.
Es war ihr vollkommen egal.
Am nächsten Tag war Samstag.
Am Morgen wurde ein fremder Schlüssel ins Schloss gesteckt.
Die Tür öffnete sich mit einem leisen Quietschen.
Marina lag im Bett.
Sie hörte Schritte.
Schwere, schlurfende Schritte.
Galina Petrowna.
Ihre Schwiegermutter.
— Kostik!
Daschutka!
Ich habe Pfannkuchen mitgebracht! — ertönte eine laute Stimme im Flur.
Marina zog ihren Bademantel über und verließ das Schlafzimmer.
Galina Petrowna zog sich mit der Selbstverständlichkeit einer Hausherrin die Stiefel aus.
In ihren Händen hielt sie eine Plastikdose.
— Ach, du schläfst immer noch, Marischka?
Es ist schon elf Uhr.
— Heute habe ich frei.
Die Schwiegermutter presste die Lippen zusammen.
— Eine Ehefrau sollte ihrem Mann Frühstück machen und nicht faul im Bett herumliegen.
Wo ist denn mein Söhnchen?
Die zerzauste Dascha kam aus dem Wohnzimmer.
— Mama, sie hat uns gestern hungrig gelassen.
Sie hat wegen der Suppe einen hysterischen Anfall bekommen.
Galina Petrowna schnappte nach Luft.
Dann sah sie Marina an.
— Hast du völlig den Verstand verloren?
Du lässt das Kind hungern?
— Das Kind ist vierundzwanzig Jahre alt — antwortete Marina.
— Und das Kind frisst wie ein Möbelpacker.
— Wie kannst du es wagen! — Die Schwiegermutter ging auf sie zu.
Marina wich nicht zurück.
— Den Schlüssel auf den Tisch.
Galina Petrowna erstarrte.
— Was?
— Meinen Wohnungsschlüssel.
Legen Sie ihn auf die Kommode.
Die Schwiegermutter wechselte einen Blick mit ihrer Tochter.
— Ich werde gar nichts hinlegen.
Das ist die Wohnung meines Sohnes.
— Die Wohnung wurde vor der Ehe gekauft.
Mit meinem Geld.
Ihr Sohn ist hier nur vorübergehend gemeldet.
Den Schlüssel auf den Tisch.
Galina Petrowna warf die Schlüssel auf die Holzoberfläche.
Das Klirren hallte durch den Flur.
— Mein Gott, sie gönnt ihrer Familie nicht einmal ein Stück Brot!
Armer Kostik.
Er hat eine geizige Hexe geheiratet.
Die Schwiegermutter ging in die Küche.
Dascha lief ihr hinterher.
Marina hörte, wie sie miteinander tuschelten.
Eine Stunde später ging Galina Petrowna fort.
Marina ging ins Badezimmer, um sich zu waschen.
Auf dem Regal standen ihre Cremetiegel.
Einer fehlte.
Ihre Nachtcreme für siebentausend Rubel war verschwunden.
Marina ging in den Flur.
— Dascha.
Wo ist meine Creme?
Dascha blickte nicht von ihrem Handy auf.
— Keine Ahnung.
Mama hat irgendetwas genommen, um ihre Hände einzucremen.
Sie waren so trocken.
— Ihre Hände?
Mit meiner Anti-Aging-Creme mit Retinol?
— Ach, was macht das schon für einen Unterschied?
Warum jammerst du wegen eines Tiegels?
Du kaufst dir eben einen neuen.
Du verdienst doch so viel.
Marina sagte nichts.
Sie ging ins Schlafzimmer zurück.
Sie zog sich an.
Dann nahm sie ihre Tasche.
Sie musste in den Baumarkt.
Der Baumarkt war fünfzehn Minuten zu Fuß entfernt.
Das Wetter war widerlich.
Der Novemberwind drang unter ihre Jacke.
Marina ging schnell.
Im Baumarkt nahm sie einen Einkaufswagen.
Sie ging in die Abteilung für Befestigungsmaterial.
Sie wählte zwei dicke Stahlplatten mit Ösen aus.
Dazu nahm sie Metallschrauben, starken Poxipol-Kleber und ein Schloss.
Das Schloss war schwer.
Es war ein Vorhängeschloss mit Zahlenscheibe.
Ohne eine Trennschleifmaschine konnte man es nicht öffnen.
Danach fuhr sie in ein Elektrogeschäft.
Sie kaufte einen kleinen Kühlschrank.
Er war ungefähr so groß wie ein Nachttisch.
Sie bestellte eine Expresslieferung.
Marina kehrte gegen drei Uhr nach Hause zurück.
Die Wohnung war leer.
Dascha war ausgegangen.
Kostja war mit seinen Freunden in der Garage.
Marina machte sich an die Arbeit.
Sie holte den Akkuschrauber heraus.
Ihren eigenen Akkuschrauber.
Sie hielt die Stahlplatten an die Türen des großen weißen Bosch-Kühlschranks in der Küche.
Es war schwer, die Schrauben in den Kühlschrank zu drehen.
Das Metallgehäuse leistete Widerstand.
Doch ihre Wut verlieh ihr Kraft.
Eine halbe Stunde später befanden sich zwei massive Ösen an der Kühlschranktür.
Marina steckte den Bügel des Vorhängeschlosses hindurch.
Es klickte.
Sie zog daran.
Es saß bombenfest.
Danach brachte sie alle Getreidevorräte, Nudeln und Konserven aus den Küchenschränken in ihr Schlafzimmer.
In die Schlafzimmertür baute sie ein gewöhnliches Einsteckschloss mit Schlüssel ein.
Das war einfacher.
Gegen fünf Uhr abends brachten die Lieferanten den Minikühlschrank.
Marina stellte ihn neben ihr Bett.
Sie steckte den Stecker in die Steckdose.
Danach bestellte sie einen Kurier bei einem teuren Supermarkt.
Sie bestellte Forelle, Ribeye-Steaks, Bauernquark, teuren Käse und Obst.
Für insgesamt fünfzehntausend Rubel.
Alle Lebensmittel legte sie sorgfältig in ihren neuen persönlichen Kühlschrank im Schlafzimmer.
Der große Kühlschrank in der Küche war leer, vom Strom getrennt und mit einem Vorhängeschloss abgeschlossen.
Marina duschte.
Sie machte sich eine Gesichtsmaske.
Dann kochte sie Kaffee.
Sie setzte sich mit der Tasse in die Küche.
Sie wartete.
Dascha kam als Erste zurück.
In ihren Händen hielt sie eine Tüte Chips und einen billigen Energydrink.
— Igitt, ist das kalt — sagte sie gleich an der Tür.
Sie warf ihre Jacke auf den Hocker.
Dann ging sie in die Küche.
Marina trank schweigend ihren Kaffee.
Dascha griff nach dem Kühlschrank.
Sie zog am Griff.
Die Tür öffnete sich nicht.
Sie zog stärker.
Das Schloss schlug klirrend gegen das Metall.
Dascha starrte auf die Stahlösen.
— Was ist das?
— Ein Schloss — antwortete Marina ruhig.
— Wozu?
— Damit du nicht alles auffrisst.
Dascha wurde blass.
— Bist du krank?
Mach sofort auf.
Ich will Ketchup zu meinen Chips nehmen.
— Da ist kein Ketchup drin.
Da ist überhaupt nichts drin.
Der Kühlschrank ist ausgeschaltet.
Mein Essen befindet sich in meinem Zimmer.
Das Zimmer ist abgeschlossen.
Dascha ballte die Fäuste.
— Kostik wird das nicht gefallen!
— Kostik kann im Badezimmer darüber weinen.
Dascha schnappte sich ihr Handy und wählte nervös die Nummer ihres Bruders.
— Kostja!
Diese Psychopathin hat ein Scheunenschloss an den Kühlschrank gehängt! — schrie sie ins Telefon.
— Ja!
Sie hat es direkt mit Schrauben befestigt!
Marina trank ihren Kaffee aus.
Sie spülte die Tasse ab.
Dann ging sie in ihr Zimmer und schloss die Tür zweimal ab.
Eine Stunde später stürmte Konstantin herein.
Marina hörte, wie die Eingangstür zuknallte.
Sie hörte, wie er durch den Flur stampfte.
Dann hörte sie, wie er in der Küche brüllte.
Kurz darauf wurde gegen die Schlafzimmertür gehämmert.
— Marina!
Mach sofort auf!
Marina legte ihr Buch beiseite.
Sie drehte den Schlüssel im Schloss.
Dann öffnete sie die Tür.
Kostja stand vor Wut rot angelaufen vor ihr.
— Was machst du da?
Warum hast du den Kühlschrank kaputt gemacht?
— Ich habe ihn modernisiert.
— Nimm das Schloss ab!
Ich will etwas fressen!
Wir haben den ganzen Tag in der Garage gearbeitet!
Marina lehnte sich an den Türrahmen.
— Ich werde das Schloss nicht abnehmen.
Von heute an trennen wir unsere Finanzen.
Ich bezahle die Hypothek.
Du bezahlst für deine Schwester und eure Mägen.
— Ich bin dein Mann!
Du bist verpflichtet, mir Abendessen zu kochen!
— Wo steht das geschrieben?
— Beim Standesamt!
Marina lächelte spöttisch.
— Beim Standesamt bekommt man eine Heiratsurkunde.
Keine Adoptionsbescheinigung für einen erwachsenen Idioten und seine Schwester.
Kostja versuchte, Marina zur Seite zu schieben und ins Zimmer zu gelangen.
— Lass mich rein!
Du hast dort Essen!
Ich kann es riechen!
Marina stieß ihn mit beiden Händen gegen die Brust.
Kräftig.
Kostja taumelte zurück in den Flur.
— Wenn du mich oder meine Tür noch einmal anfasst, rufe ich die Polizei.
Ich sage, dass du versucht hast, mich anzugreifen.
— Du bluffst.
— Probier es aus.
Sie schloss die Tür und drehte den Schlüssel um.
Hinter der Tür waren Schreie, Flüche und Schläge zu hören.
Kostja rief seine Mutter an.
Galina Petrowna riet ihm offenbar, die Tür aufzubrechen.
Aber er traute sich nicht.
Er trat gegen die Wand und ging in die Küche.
Marina hörte, wie die Eingangstür zufiel.
Kostja ging zum Einkaufen.
Der Montag verging.
Dann kam der Dienstag.
Die neuen Regeln wurden streng eingehalten.
Marina kochte in ihrem Schlafzimmer mit dem Multikocher oder bestellte fertiges Essen.
Das schmutzige Geschirr wusch sie sofort ab und brachte es zurück in ihr Zimmer.
In der Küche herrschte Verwahrlosung.
Dascha und Kostja kauften eine Packung Pelmeni und billige Würstchen.
Aber sie hatten nichts, worin sie sie kochen konnten.
Marina hatte ihre Töpfe ins Schlafzimmer gebracht.
Am Mittwochabend ging Marina in die Küche, um Wasser zu holen.
Kostja briet Würstchen auf Daschas Haarglätter.
Der Geruch war widerlich.
— Du wirst das Gerät kaputt machen — bemerkte Marina.
Kostja warf ihr einen bösen Blick zu.
Unter seinen Augen lagen dunkle Schatten.
— Das ist deine Schuld!
Du hast uns dazu gebracht!
Dascha saß am Tisch und knabberte trockene Instantnudeln.
— Marina, bitte — sagte sie kläglich.
— Lass mich wenigstens den Wasserkocher benutzen.
Ich möchte heißen Tee.
— Der Wasserkocher gehört mir.
Ich habe ihn für sechstausend Rubel gekauft.
Ihr könnt das Wasser mit einem Tauchsieder in einer Tasse erhitzen.
Sofern ihr einen habt.
— Schlampe — zischte Kostja.
Marina wandte sich ihrem Mann zu.
— Morgen zieht ihr aus.
Ihr beide.
Die Worte fielen schwer wie Steine.
Kostja hörte auf, das Würstchen zu braten.
— Wohin?
— Zu deiner Mutter.
Oder ans Ende der Welt.
Das ist mir egal.
— Ich bin hier gemeldet! — brüllte er.
— Du bist hier nur vorübergehend registriert.
Ich habe heute beim Bürgerzentrum einen Antrag auf Aufhebung deiner Anmeldung gestellt.
Die Begründung lautet, dass unsere familiäre Beziehung beendet ist.
Morgen reiche ich die Scheidung ein.
Dascha ließ die Nudeln fallen.
Die Stückchen verteilten sich auf dem Tisch.
— Was heißt Scheidung?
Und was ist mit mir?
Marina lachte kurz auf.
Nicht aus Freude.
Sondern weil sie nicht glauben konnte, wie dumm diese Frage war.
— Dich habe ich nicht adoptiert.
Also schnapp dir deine Sachen.
— Wir gehen nirgendwohin! — Kostja warf den Haarglätter auf den Tisch.
— Das ist auch mein Zuhause!
Ich habe hier renoviert!
— Du hast die Tapete im Flur erneuert?
Du kannst sie abreißen und mitnehmen.
Sie drehte sich um und ging ins Schlafzimmer.
Donnerstag.
Am Abend.
Marina kam früher als gewöhnlich von der Arbeit nach Hause.
In der Wohnung war es still.
Sie ging ins Wohnzimmer.
Auf dem Boden standen zwei Reisetaschen.
Daneben lagen drei schwarze Müllsäcke.
Dascha saß auf dem Sofa.
Sie trug eine Daunenjacke und eine Mütze.
Ihre Augen waren vom Weinen gerötet.
Kostja rauchte auf dem Balkon.
Marina schaltete das Licht ein.
— Gut gemacht.
Ihr habt es geschafft, eure Sachen zu packen, bevor ich gekommen bin.
Kostja kam vom Balkon zurück.
Er blies den Rauch direkt ins Zimmer.
— Wir gehen.
Aber du wirst uns das Geld zurückzahlen.
Für die Nebenkosten.
Und für die Renovierung.
— Natürlich — nickte Marina.
— Ich überweise es auf deine Karte.
Sobald du mir die Hälfte der Hypothekenzahlungen für unsere drei Ehejahre überweist.
Das sind eineinhalb Millionen Rubel.
Sollen wir nachrechnen?
Kostja biss die Zähne zusammen.
Seine Kiefermuskeln zuckten.
— Du kannst an deiner Wohnung ersticken.
Du Miststück.
Er griff nach einer der Taschen.
Dascha stand auf.
Sie nahm ihren Rucksack.
Marina ging zur Wohnzimmertür.
Sie versperrte ihnen den Weg.
Sie sah Dascha an.
Auf ihre neue Daunenjacke.
Auf ihre Stiefel aus echtem Leder.
Auf die Einkaufstasche einer bekannten Marke.
Marinas Blick blieb am Ärmel von Daschas Daunenjacke hängen.
— Zieh die Jacke aus.
Dascha erstarrte.
— Was?
— Zieh die Jacke aus, habe ich gesagt.
Und öffne deinen Rucksack.
Kostja ließ die Tasche fallen.
— Bist du völlig verrückt?
Draußen sind minus zwei Grad!
Marina sah nur Dascha an.
— Diese Jacke wurde im September gekauft.
Von meiner Prämie.
Als Geschenk für deine „Arbeitssuche“.
Du hast keine Arbeit gefunden.
Das Geschenk wird zurückgenommen.
— Marina, bitte! — Dascha drückte sich gegen die Wand.
— Ich werde erfrieren!
Ich habe keine andere Winterkleidung!
Mama hat beim Umzug alles weggeworfen.
— Das geht mich nichts an.
Zieh sie aus.
Dascha sah ihren Bruder an.
Sie suchte Schutz bei ihm.
Doch Kostja schwieg.
Er sah nur auf den Boden.
— Kostja, sag doch etwas! — schluchzte Dascha.
Marina machte einen Schritt nach vorn.
— Entweder die Jacke bleibt hier, oder ich rufe jetzt die Polizei und melde einen Diebstahl.
Du hast meine Creme für siebentausend Rubel gestohlen.
Ich habe die Kassenbons.
Dann können wir auf der Polizeiwache beweisen, ob Galina Petrowna damit ihre Hände eingecremt hat oder nicht.
Tränen liefen über die Wangen ihrer Schwägerin.
Mit zitternden Fingern öffnete sie den Reißverschluss.
Die Jacke fiel zu Boden.
Darunter trug sie nur einen dünnen Pullover.
Marina schob die Jacke mit dem Fuß in Richtung Sofa.
— Und jetzt ist dort der Ausgang.
Sie gingen in den Flur.
Kostja schleppte die Müllsäcke.
Dascha lief nur in ihrem Pullover und hielt sich selbst mit beiden Armen fest.
Marina stand in der Tür und sah zu, wie sie auf den Aufzug warteten.
Die Aufzugtüren öffneten sich.
Kostja stieg als Erster ein.
Dascha drehte sich um.
Ihre Lippen zitterten.
— Du bist einfach ein Monster — zischte sie.
Marina drückte schweigend auf den Knopf, mit dem sich die Aufzugtüren schlossen.
Das schwere Schloss klickte.
Sie kehrte in die Küche zurück.
In der Wohnung herrschte eine vollkommene, beinahe klingende Stille.
Kein Geruch nach fremdem Schweiß.
Kein Geruch nach gebratenen Zwiebeln.
Keine fremde Anwesenheit.
Marina holte den kleinen Schlüssel aus ihrer Tasche.
Sie öffnete das Vorhängeschloss am großen weißen Kühlschrank.
Drinnen war es sauber.
Sie lächelte.
Und wie hätten Sie an Marinas Stelle gehandelt?
Hätten Sie die Schwester Ihres Mannes in einem dünnen Pullover im Treppenhaus frieren lassen oder hätten Sie Menschlichkeit gezeigt?







