Während eines Gewitters stürmte ein entflohener Häftling in das Haus einer alten Dame. Doch die Großmutter stellte sich als alles andere als einfach heraus.

Anna Fjodorowna seufzte schwer, während sie einen weiteren Topf unter den hartnäckigen Wasserstrahl stellte, der durch das morsche Dach sickerte.

— Was für ein Unglück! — flüsterte sie und blickte zur Decke, als wolle sie den Himmel durch die Risse erkennen.

— Wann wird das endlich aufhören?

Der Regen scheint verrückt geworden zu sein – er gießt und gießt ohne Pause!

Hat da oben, beim lieben Gott selbst, etwa das Dach ein Leck?

Früher, bei ähnlichen Regenfällen, reichten ihr ein oder zwei Eimer, doch jetzt musste sie zu einem ganzen Arsenal greifen: vier Eimer, ein Kessel und sogar eine alte emaillierte Schüssel – alles kam zum Einsatz.

— Hoffentlich stürzt das Dach nicht ein, — seufzte sie, während sie die schiefen Balken betrachtete.

— Sonst erschlägt es mich, und niemand wird mich unter den Trümmern finden!

Mit einer gewohnten Geste, als wolle sie böse Gedanken vertreiben, bekreuzigte sich die alte Frau weit, als plötzlich draußen ein ohrenbetäubender Donnerschlag ertönte, der die Fenster zum Zittern brachte.

— Ach, Herr, erbarme dich! — rief sie aus und drückte ihr Brustkreuz fest an sich.

— Was für ein Unheil!

Ich kann mich seit zwanzig Jahren, mindestens, an keinen solchen Sturm erinnern!

Anna Fjodorowna war es längst gewohnt, lange Gespräche mit sich selbst zu führen – oder, genauer gesagt, mit der Katze, die ihr jedoch nie antwortete.

Der graue, schnurrbärtige Wächter saß auf dem Ofen und funkelte im Halbdunkel mit grünen Augen wie zwei glimmende Kohlen.

— Was ist, hast du dich erschreckt, Fellknäuel? — sagte sie beruhigend.

— Hab keine Angst, vom Gewitter werden wir nicht untergehen.

Ich habe schon Schlimmeres erlebt…

Kaum waren die Worte über ihre Lippen gekommen, quietschte die Tür, und im Türrahmen erschien eine hohe männliche Gestalt, vom Regen durchnässt.

Die Großmutter schrie auf und wich zurück, ihr Herz schlug wild.

— Hab keine Angst, Mutter, — ertönte eine raue Stimme.

— Ich komme in Frieden.

Sie schaute genauer hin: Vor ihr stand ein erschöpfter Mann, sein Gesicht war bleich, und in seinen Augen lag tiefe Müdigkeit.

— Nun, wenn du in Frieden kommst – dann tritt ein, wärm dich auf, — murmelte sie und trat zur Seite.

Der Fremde machte ein paar Schritte und sank plötzlich wie gefällt auf einen Hocker, atmete schwer.

— Ich bräuchte… etwas zu trinken… — krächzte er.

Sie schöpfte schnell mit einer Holzkelle Apfel-Kwas aus einem Eichenfass und reichte sie ihm.

Der Mann trank gierig alles aus, stellte die Kelle ab und schloss die Augen, als müsse er Kraft sammeln.

— Haben Sie keine Angst vor mir, — sagte er schließlich.

— Es kam so, dass ich fliehen musste, um meine Unschuld zu beweisen.

Aber ich kann nicht mehr weiter – ich wurde verletzt.

Darf ich mich hier etwas verbergen?

Im Keller, auf dem Dachboden – wo auch immer…

Anna Fjodorowna trat langsam auf ihn zu und sah ihm aufmerksam ins Gesicht.

— Wenn du die Wahrheit sagst – bleib.

Wenn du aber lügst – wird Gott dich bestrafen, — sagte sie streng und deutete mit der Hand auf das hintere Zimmer.

— Dort ist ein freier Platz.

Mach es dir bequem.

Der Fremde, der sich als Nikolai vorgestellt hatte, schleppte sich mühsam zum Bett und ließ sich darauf fallen, spürte, wie ihm das Bewusstsein zu entgleiten begann.

Er öffnete seinen nassen Mantel – seine ganze Seite war mit dunklem Blut bedeckt.

— Verdammt… — flüsterte er durch die Zähne.

Mit Mühe zog er seine grobe Kleidung aus, fiel aufs Kissen und hatte das Gefühl, nicht einzuschlafen, sondern in einen Abgrund zu fallen, gegen den er vergeblich ankämpfte.

Kaum hatte er die Augen geschlossen, trat die Hausfrau mit einer Schüssel warmem Wasser ins Zimmer.

Sie betrachtete ihn, schüttelte den Kopf, reinigte vorsichtig die Wunde, stellte fest, dass sie durchgängig war, und schmierte sie dann mit einer dicken, kräuterduftenden Salbe ein.

— Schlaf, mein Lieber, — sagte sie leise.

— Das brauchst du jetzt am meisten.

Nikolai wachte auf, weil ein starker Sonnenstrahl ihm direkt ins Gesicht fiel.

Nichts erinnerte mehr an den gestrigen Sturm – draußen zwitscherten die Vögel, und die Luft war klar und frisch.

Für einen Moment vergaß er, wo er war und wie er hierher gekommen war.

Doch sein Gedächtnis kehrte schnell zurück, und er versuchte, sich aufzurichten.

Ein stechender Schmerz durchzog seine Seite, und im selben Moment öffnete sich wie durch Zauberhand die Tür, und Anna Fjodorowna erschien im Türrahmen.

— Wach!

Gott sei Dank! — freute sie sich.

— Beeil dich nicht, aufzustehen, ruh dich noch aus.

Die Wunde ist frisch, sie muss erst heilen.

— Großmutter, wie lange habe ich geschlafen?

Acht Stunden? — fragte er heiser.

Sie lachte, und in ihrem Lachen klang eine warme, fast mütterliche Note.

— Mehr als einen Tag, mein Lieber!

Na, willst du was essen?

Nikolai stellte plötzlich fest, dass er so hungrig war, dass er alles hätte essen können.

— Und ob!

— Dann komm langsam.

Er stand vorsichtig auf und stellte überrascht fest, dass der Schmerz nicht so schlimm war wie erwartet.

Die Alte deckte den Tisch, stellte ihm einen großen Teller dampfender Kohlsuppe hin, ein Töpfchen Sauerrahm und schnitt eine Scheibe frisches Brot ab.

Nikolai betrachtete mit Bedauern die bescheidene Portion, doch die Gastgeberin lächelte nur:

— Beeil dich nicht, mein Lieber.

Wenn du das schaffst – im Ofen schmort noch etwas Kartoffel.

Er begann mit einem Hunger zu essen, den er lange nicht mehr gespürt hatte.

Anna Fjodorowna setzte sich ihm gegenüber und beobachtete ihn.

— Ich heiße Anna Fjodorowna, und wie heißt du?

— Nikolai.

— Interessant… — murmelte sie, als würde sie über etwas nachdenken.

Nachdem er die Schüssel halb geleert hatte, spürte er, dass er satt war, doch aus Gewohnheit aß er weiter.

Die Großmutter stellte ihm inzwischen einen Becher mit dunklem Kräutertrank hin.

— Trink.

Schmeckt bitter, aber das tut dir jetzt gut.

Er roch daran, verzog das Gesicht, nahm aber einen Schluck – und kein Gedanke daran, dass die alte Frau ihm schaden wollte, kam ihm in den Sinn.

— Nun, Nikolai, jetzt erzähl deine Geschichte, — sagte sie leise.

Er schob die Schüssel zur Seite, seufzte und begann:

— Eigentlich gibt es nicht viel zu erzählen.

Ich hatte alles: Haus, Familie, Geld.

Und eines Tages beschloss meine Frau, dass sie mich nicht mehr braucht, aber mein Vermögen schon.

In der Nacht überfuhren sie – sie und ihr Liebhaber – jemanden, aus Versehen hoffe ich, und flüchteten.

Dann sagte sie aus, ich sei der Fahrer gewesen.

Ihr Geliebter ist Journalist, hat überall Kontakte.

Ich wurde innerhalb eines Tages verurteilt und saß drei Monate im Gefängnis.

Ich konnte nicht länger bleiben – ich muss jemanden finden, der mir helfen kann.

Ich bin zwar geflohen, aber wie ich zu ihm gelange, weiß ich nicht.

— Wenn alles so ist, wie du sagst – wird die Wahrheit siegen, — sagte die alte Frau überzeugt.

— Ach, Anna Fjodorowna, wenn ich nur deinen Glauben hätte! — sagte er bitter lächelnd.

— Ich dachte, wenn man Geld hat – wird man geachtet.

Doch als das Unglück kam – wandten sich alle ab.

Nicht weil ich schuldig war, sondern einfach so…

Die Hausfrau stand auf, räumte das Geschirr ab und holte plötzlich ein abgenutztes Kartenspiel hervor.

Nikolai beobachtete überrascht, wie sie es auslegte und leise etwas murmelte.

Schließlich sammelte sie die Karten ein und sah ihn an.

— In drei Tagen musst du gehen.

Wenn du zur Stunde aufbrichst, die ich dir nenne – wirst du zu deinem Menschen gelangen.

Er hatte nie an Wahrsagerei geglaubt, aber etwas in ihrer Stimme ließ ihn verstummen.

Sie legte die Karten erneut aus, immer wieder, und begann dann zu sprechen:

— Du wurdest weit weg von hier geboren, einziges Kind deiner Eltern.

Deine Eltern leben noch, sitzen dort, schauen auf die Straße und weinen.

Sie warten auf ihren Sohn. Und der beeilt sich nicht…

Nicht nur, weil er im Gefängnis ist, sondern auch früher ließ er sich Zeit.

Nikolai spürte, wie ihn eine heiße Welle der Scham überkam.

Alles stimmte – jahrelang hatte er seinen Eltern Geld geschickt, aber das letzte Mal hatte er sie vor drei Jahren besucht.

— Deine Frau ist schön, aber nur eine Betrügerin, — fuhr die alte Frau fort.

— Sie hatte immer viele Männer: vor dir und mit dir.

Und außerdem… wollte sie dein Kind nicht.

Du hättest einen Sohn haben können, aber es war nicht das Schicksal.

Er senkte den Kopf.

Es schien, diese einfache Frau wusste mehr über ihn, als er selbst.

Er saß da, als wäre er vom Blitz getroffen worden.

Die Gedanken wirbelten durcheinander, sein Kopf klingelte.

Und doch hatte er es vermutet!

Damals sagte Swetka, sie habe „kleine Frauenleiden“, deshalb zog sie für ein paar Wochen ins Gästezimmer.

Und sie fuhr verdächtig oft in die Klinik, blieb dort sogar einige Tage.

Alles lag vor seinen Augen, doch er… distanzierte sich, zog es vor, nicht tiefer zu graben.

— Und dein Freund macht sich Sorgen, sucht dich, — fuhr die Großmutter fort, während sie die Karten mischte.

— Es sind schon Leute bei ihm gewesen, die dich suchen.

Aber er wird dir helfen, dich retten, und wird sich nicht einmal an den Groll erinnern, den du ihm gemacht hast.

Nikolai fiel fast vom Stuhl.

Nun gut, nehmen wir an, die alte Frau ist eine gute Psychologin.

Aber woher weiß sie von Larissa?

Wie er die Schwester seines Freundes wegen Swetka verlassen hat?

Wie diese damals gebrochen weggezogen ist?

Sie hatten sich damals geprügelt, fast gegenseitig die Knochen gebrochen, aber dann… versöhnten sie sich.

Er hatte immer gedacht, dass Larissa ihren Bruder überredet hat, ihm zu verzeihen.

Die Großmutter legte die Karten zusammen. Er seufzte:

— Unglaublich…

Sie lachte — hell, jung, als wäre sie kein altes Weib, sondern ein Mädchen.

— Und wie dachtest du es denn?

Früher war ich im ganzen Bezirk bekannt — die beste Wahrsagerin!

Aber jetzt…

Sie winkte ab.

— Jetzt sehe ich nicht mehr in die Karten.

Ich will nicht.

Es ist schwer, die Schicksale anderer zu sehen, Kolja.

Menschen kommen selten, wenn bei ihnen alles gut ist.

Nur wenn sie schon am Boden sind.

Und was meinst du, sieht man in solchen Fällen?

Meistens — das Ende.

Draußen grollte der Donner, als Bestätigung ihrer Worte.

— Was zum Teufel! — schrie Anna Fjodorowna und hob die Hände.

— Eine Woche Gewitter wie die Verdammten!

Wann hört dieses Chaos endlich auf?

Die Katze huschte wie auf Kommando zum Ofen und rollte sich zusammen.

Nikolai beobachtete erstaunt, wie die Hausherrin geschickt die Becken aufstellte — sie wusste genau, wo es tropfte.

So geschah es: Bei fröhlichem Tropfengeklimper und Donnergrollen verbrachten sie den Abend weiter.

— Im Dorf ist fast niemand mehr, — seufzte die alte Frau.

— Früher, wenn die Städter zu mir zum Wahrsagen kamen, konnte ich Männer schicken — sie reparierten das Dach.

Aber jetzt gibt es niemanden mehr, den ich bitten könnte.

Da frage ich mich: Was passiert zuerst — ich sterbe oder das Dach stürzt auf mich?

Drei Tage vergingen. Nikolai wurde stärker, die Wunde heilte.

Keine neuen Gesichter im Dorf — nur einmal fuhr der örtliche fahrbare Laden vorbei.

Und in der Morgendämmerung des vierten Tages weckte Anna Fjodorowna ihn im Dunkeln:

— Es ist Zeit, Kolja.

Sie sind schon unterwegs.

Er stand mühelos auf — sein Körper gehorchte, als hätte er keine Verletzung.

Er umarmte die alte Frau fest:

— Wir werden uns noch sehen.

Danke euch…

— Geh schon, — murmelte sie und drehte sich weg, — sonst weine ich noch.

Wir sehen uns, da bin ich sicher.

Sie erklärte ihm den Weg durch den Garten zum Bahnhof, wie er besser fahren sollte — mit dem Bus oder der S-Bahn.

Und lange stand sie in der Tür, blickte in den dämmerigen Nebel, wo er verschwunden war.

— Was für ein Unglück… — murmelte sie.

— Was für ein Sommer das war…

Sie musste die Eimer leeren — jene, mit denen sie Wasser aus dem Brunnen holte.

Sie beobachtete, wie neue feuchte Flecken an der Decke entstanden.

Ja, das Dach wird nicht mehr lange halten.

Der Regen hörte genauso plötzlich auf, wie er begonnen hatte.

Überhaupt war das Wetter diesen Sommer wie aus den Fugen geraten: morgens Hitze, dann Sintflut, und abends wieder schwül.

Anna Fjodorowna sammelte die Becken ein, schüttete das Wasser aus, trat in den Hof.

Und blieb stehen.

Zum Haus kam… nicht einfach ein Auto — ein ganzer Koloss!

Ein Lastwagen, aber oben eine Art Korb.

Und dahinter ein großer schwarzer PKW.

— Krieg etwa? — flüsterte sie und machte hastig das Kreuzzeichen.

Die Fahrzeuge hielten an.

Jetzt war sichtbar: Im Laderaum waren Bretter, Pakete, etwas Rotes, das wie Schiefer aussah, aber keiner war.

Aus dem PKW stieg…

— Nikolai!

Der Eimer fiel mit Getöse um.

Sie humpelte zu ihm, traute ihren Augen nicht.

— Guten Tag, Anna Fjodorowna! — er lächelte breit.

— Ich hab doch gesagt — wir sehen uns bald!

— Bald, sagst du… — schnaufte sie.

— Drei Monate — ist das für dich „bald“?

— Das lag kaum an mir.

Sie haben mich wieder aufgenommen, während mein Freund alles regelte.

Nur für einen Monat — solange Gerichte und Ermittlungen dauern.

Ich bin nicht allein gekommen!

Er öffnete die Autotür.

Daraus stieg eine junge Frau, lächelte schüchtern:

— Guten Tag.

Sie aßen draußen zu Abend.

Larissa, Anna Fjodorowna und Nikolai hatten für die ganze Brigade gekocht — drei riesige Töpfe.

Während Larissa den Tisch deckte, legte die Großmutter Karten aus.

Kolia setzte sich neben sie:

— Und, was sagen sie?

— Man sagt, du hast richtig gehandelt, als du in die Vergangenheit zurückgekehrt bist und den Fehler korrigiert hast.

— Sie runzelte die Stirn.

— Gerade wegen deiner Grausamkeit lief damals alles schief.

Aber… — Nikolai spannte sich an.

— Willst du heiraten?

— Ja, am liebsten sofort!

Ich fürchte nur, sie wird ablehnen.

— Wird sie nicht. — Anna Fjodorowna lächelte listig.

— Für ein Kind ist es nicht gut, ohne Vater zur Welt zu kommen.

Kolia starrte Larissa verblüfft an.

Sie errötete, aber ihr Lächeln verschwand nicht von den Lippen.

Spät abends, als die alte Frau schon schlief und die Arbeiter sich hingelegt hatten, setzten sich Larissa und Nikolai ins Auto.

— Lar… — plötzlich sprach er und schaute zur Decke.

— Wie stehst du dazu, dein Leben mit einem Ex-Häftling zu verbinden?

Sie drehte sich überrascht um, doch er studierte weiter den Sternenhimmel.

— Das… was, ein Heiratsantrag? — flüsterte sie.

— Ja.

— Hm… — Larissa runzelte gespielt die Stirn.

— Die Perspektive ist nicht toll: ein Mann im Gefängnis und ich mit einer Horde Kinder.

— Sie seufzte und wandte sich dem Fenster zu.

Nikolai zuckte, stieß mit dem Kopf gegen das Dach.

Larissa lachte:

— Ja, Dussel, natürlich ja!

Ich habe all die Jahre auf diese Worte gewartet.

Obwohl… — machte traurige Augen, — ich dachte, es gäbe einen Ring, Blumen…

— Donnerwetter! — Er sprang aus dem Auto, schaute sich um, riss die erste Lilie aus dem Garten der Großmutter und sprang zurück.

— Blumen!

Den Ring kaufen wir morgen.

Und noch was… — sagte er ernst, — wir fahren zu meinen Eltern.

— Natürlich, wir fahren.

Anna Fjodorowna, die sie aus der Sommerküche beobachtete, lächelte und bekreuzigte sich:

— So ist es gut.

Jetzt ist alles an seinem Platz.