Michail ging durch eine enge, schattige Gasse, hielt sich das Telefon ans Ohr und hatte ein breites, fast jungenhaftes Lächeln im Gesicht.
Die Sonne glitt zwischen den Bäumen hindurch, streichelte sein Gesicht, und in seiner Seele sang etwas Warmes, Vertrautes – als hätte die Zeit einen Schritt zurück gemacht und er befände sich wieder in jener sorglosen Zeit, als das Leben wie eine endlose Reihe von Abenteuern erschien.

— Max! Stell dir das mal vor! Wie viele Jahre sind vergangen?! Was einem da alles durch den Kopf geht! Das war doch eine ganze Ära! Wir waren damals einfach zwei freche Jungs, und jetzt — erwachsene Männer mit einer Menge Lebenserfahrung!
Aus dem Hörer ertönte die lebhafte, leicht heisere Stimme seines Freundes:
— Ja, wirklich, keine Jahre – eine ganze Ewigkeit! Ein ganzes Jahrzehnt! Weißt du überhaupt, wie viel Zeit vergangen ist? Ich habe sogar schon Alexander angerufen und gesagt:
„Wir treffen uns, und zwar ohne Diskussion!“ Das ist keine Verhandlungssache, Mischka. Die Zeit ist so – man darf keine Minute verlieren.
— Du bist unglaublich… — lachte Michail und spürte, wie eine warme Welle der Erinnerungen ihn durchströmte.
— Aber diesmal nicht wie früher, verstehst du? Ich bin nicht mehr dieser sorglose Romantiker. Jetzt bin ich ein vorbildlicher Familienvater.
Ich habe eine wunderschöne Frau, zwei bezaubernde Töchter, die mich jeden Tag daran erinnern, dass Vatersein eine wahre Kunst ist.
Also wird es ein ruhiger, familiärer Abend, vielleicht mit einer Kinderdecke und Tee unter der Decke.
Und du, alter Freund? Hast du dich auch beruhigt oder bist du noch immer frei?
Diese Frage begegnete Michail immer mit einem innerlichen Seufzer.
Er liebte seine Unabhängigkeit, aber tief in seinem Inneren fühlte er, wie die Einsamkeit an seinem Herzen kratzte.
Sein Liebesleben hatte ihn stets umgangen, obwohl er in allen anderen Bereichen viel erreicht hatte.
Karriere – auf dem Höhepunkt, Geld – vorhanden, Ruf – makellos. Aber das Glück mit Frauen hatte irgendwie nie seine Adresse gefunden.
Einmal war es sogar fast zur Hochzeit gekommen, aber ein paar Tage vor dem Standesamt beschloss Michail, mehr über die Braut herauszufinden.
Und je mehr er erfuhr – desto weniger wollte er heiraten.
Dann gab es einen zweiten Versuch, aber da stellte sich heraus, dass das Mädchen nicht ihn liebte, sondern sein Bankkonto.
Danach beschloss er endgültig: „Nein, danke. Ruhe fürs Herz, Weite fürs Leben.“
Obwohl Sashka, sein alter Freund, ihn ständig auf dieses Thema ansprach – gutmütig, aber hartnäckig.
— Noch nicht verheiratet, aber ich bin nah dran, — antwortete Michail und bemühte sich, dass seine Stimme sicher und ein wenig geheimnisvoll klang.
Maxim nahm die Nachricht begeistert auf:
— Was?! Glückwunsch, mein Freund! Eine richtige Frau ist nicht nur eine Stütze, sondern das Fundament des Erfolgs. Also warum warten?
Wir versammeln uns alle – mit Familien, mit Kindern, mit Geschenken, mit Trinksprüchen!
Wir organisieren einen ordentlichen, würdigen Abend, nicht wie früher – mit Gitarre auf dem Dach und Polizei am Ende der Nacht!
Beide lachten, denn trotz ihres respektablen Alters blieben sie immer noch jene Jungs, für die Abenteuer der schönste Teil des Lebens waren.
Natürlich war Max schon lange ins Ausland gezogen und lebte seit einigen Jahren in Europa, hatte sich an das ruhige europäische Leben gewöhnt.
Michail und Sashka aber trafen sich weiterhin, fanden gemeinsame Freunde, und manchmal organisierten sie sogar noch kleine Abenteuer wie früher.
Aber diesmal sollte alles anders sein – ruhig, mit Kindern, mit familiärer Wärme.
— Wenn ihr einen ruhigen Abend wollt, dann kommt zu mir nach Hause, — schlug Michail vor.
— Ich habe mir vor Kurzem ein Haus außerhalb der Stadt gekauft, das Grundstück hergerichtet, Blumen, Grillplatz, Pavillon. Das Wetter soll großartig werden. Das Wochenende – perfekte Zeit. Abgemacht!
— Bis bald! — rief Maxim freudig.
— Und, Mischka, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich freue, dass du dich endlich zur Ruhe setzt.
Sashka und ich waren schon ein bisschen neidisch, ehrlich gesagt! Kleiner Scherz natürlich. Sag das bloß nicht meiner Frau – die bringt mich um.
Michail schmunzelte, erwiderte aber nichts Spitzfindiges – die gute Laune hatte ihn ganz erfasst.
Doch kaum hatte er das Telefon aufgelegt, überrollte ihn die Realität mit neuer Wucht.
Das Problem war nämlich, dass er gar keine Verlobte hatte. Und seine Freunde zu täuschen – das war riskant.
Wenn er später zugäbe, dass alles nur ein Scherz war, würden die Freunde ihn natürlich nicht verurteilen, aber er würde das Gesicht verlieren.
Und er musste immer obenauf sein. Eine schöne Frau an seiner Seite – das war nicht nur ein Accessoire, das war ein Symbol für Stabilität, Reife, Selbstbewusstsein.
Er dachte nach. Woher eine passende Kandidatin nehmen? Eine Schauspielerin – zu teuer und unzuverlässig.
Eine Bekannte – riskant: was, wenn sie sich verliebt, Treffen fordert, Geschenke, und dann kommt es wirklich zur Ehe.
Es blieb nur eines – unter den Mitarbeiterinnen zu suchen.
Im Büro arbeiteten etwa fünfzig Frauen. Es musste doch eine geben, die die Rolle seiner Verlobten spielen konnte.
Wichtig war, dass sie nicht verheiratet war. Sashka, als Einheimischer, kannte alle „Vergebenen“.
Also musste die Wahl heute getroffen werden, bevor es zu spät war.
Michail begann, das Büro zu durchstreifen, schaute in die Abteilungen und beobachtete die Mitarbeiterinnen genau.
In der Buchhaltung fiel sein Blick auf eine Glaswand und einige Gestalten an den Tischen.
„Hm… Diese beiden – zu alt. Swetotschka will eindeutig Model sein, aber sicher nicht für diese Rolle. Die am Fenster – hübsch, aber hat kürzlich geheiratet, gab ein Geschenk vom Team. Also – weiter.“
Am Ende des Tages kehrte Michail verärgert und müde in sein Büro zurück. Keine der Mitarbeiterinnen passte.
Weder vom Charakter noch vom Aussehen noch von der Lebenssituation her.
„Was für ein Pech…“ — dachte er und ließ sich erschöpft in den Sessel fallen.
In diesem Moment betrat jemand das Büro. Es war die Reinigungskraft.
Sie bewegte sich leise durch den Raum, wischte Regale ab und versuchte, den Chef nicht zu stören. Als sie ihn bemerkte, drehte sie sich verlegen um:
— Entschuldigen Sie, Lena sagte, dass Sie nicht da seien, also dachte ich, ich räume ein wenig auf.
Michail lächelte und hob beruhigend die Hand:
— Schon gut, keine Sorge. Ich habe mich nur verspätet. Arbeiten Sie ruhig, ich störe Sie nicht.
Er setzte sich an den Tisch und schaltete den Laptop ein, doch sein Blick glitt erneut durch den Raum.
Etwas an diesem Mädchen erregte seine Aufmerksamkeit. Sie war schlank, jung, gepflegt.
Keine typische Putzfrau. Ihre Bewegungen waren weich, ruhig. Warum arbeitet so ein attraktives Mädchen hier?
— Wie heißen Sie? — fragte er unerwartet für sich selbst.
Das Mädchen drehte sich um, ihre Augen funkelten mit einem Lächeln:
— Kristina. Und Sie, Michail Sergejewitsch, kenne ich natürlich.
— Sind Sie schon lange bei uns? Ich habe Sie vorher nie bemerkt.
— Seit drei Monaten. Ich komme meistens, wenn Sie schon weg sind, deshalb haben wir uns wohl nie gesehen.
Ihre Sprache war erstaunlich korrekt. Kein Dialekt, keine umgangssprachlichen Ausdrücke. Das fiel ihm auf.
— Warum haben Sie sich für diesen Job entschieden? Nur so aus Interesse. Ihrem Verhalten und Sprechweise nach könnten Sie auch woanders arbeiten.
Kristina lächelte und zuckte leicht mit den Schultern:
— Jede Arbeit verdient Respekt. Meinen Sie, eine Reinigungskraft muss ungepflegt und unangenehm sein und nach Alkohol riechen?
Michail schmunzelte:
— Nein, natürlich nicht. Aber es ist trotzdem interessant…
Sie erklärte:
— Vor einem Jahr wurde mein Sohn geboren. Sein Vater hat uns verlassen, also musste ich arbeiten, wie es gerade ging, und mein Studium wollte ich auch nicht abbrechen.
Solange meine Tante bei Jegor war, war es einfacher, aber sie ist zu ihrem Sohn gezogen. Diese Arbeit passt mir: während ich beschäftigt bin, passt die Nachbarin auf ihn auf.
Michail wunderte sich unwillkürlich:
— Das ist finanziell sicher nicht einfach?
Kristina lächelte, diesmal etwas trauriger:
— Nein, da kann man nicht gerade aus dem Vollen schöpfen. Aber wir schlagen uns durch.
Als die Reinigung beendet war, begann das Mädchen, ihre Sachen zu packen, aber Michail hielt sie auf.
— Warten Sie. Ich hätte da ein Angebot.
Sie schaute ihn aufmerksam und misstrauisch an:
— Sie sind doch ein anständiger Mensch, oder?
Michail lachte:
— Natürlich, denken Sie nichts Schlechtes.
Nur ein geschäftlicher Vorschlag. Setzen Sie sich, ich werde es erklären.
Kristina setzte sich vorsichtig hin und hörte ihm zu.
Nach ein paar Minuten lachte sie bereits:
— Und wozu brauchen Sie das alles?
Was sagen Sie ihnen dann?
— Ich sage, dass ich jemanden noch Besseren gefunden habe, – antwortete Michail mit einem schelmischen Lächeln.
Sie sah ihn aufmerksam an:
— Sie haben wirklich nichts anderes im Sinn?
— Ich schwöre, – sagte er und hob die Hände, als wolle er sich ergeben.
Kristina sagte:
— Wissen Sie, ich wollte früher einmal zur Schauspielschule.
Das ist wohl meine Chance…
Aber was ist mit Jegor?
— Ganz einfach, – versicherte Michail.
— Zieh für ein paar Tage zu mir.
Wir denken uns eine Geschichte über seinen Vater aus.
Sollen sie denken, er hätte kalte Füße bekommen und sei vor der Verantwortung davongelaufen.
So war es ja auch.
Kristina dachte nach, als würde sie auf unsichtbaren Waagschalen alles abwägen: ihre Vergangenheit, ihre Gegenwart und mögliche Zukunft.
Ihre Augen verdunkelten sich vor einem tiefen, noch nicht ganz erkannten Gefühl.
Dann sagte sie leise, aber entschlossen:
— Gut.
Ich bin einverstanden.
Michail spürte, wie ihn Erleichterung überkam, als würde er in einen Abgrund stürzen und plötzlich gerettet werden.
Er war sogar etwas verwirrt – er hatte nicht erwartet, dass sie so einfach zustimmen würde.
— Im Ernst?
Kristina, Sie machen keine Scherze?
Sie haben mich einfach gerettet! Das… das ist unglaublich!
Sie werden es nicht bereuen, ich verspreche es!
Ich schulde Ihnen eine großzügige Belohnung, wie besprochen!
Ein paar Stunden später traf Michail sie erneut im Büroflur.
Sie war gerade im Begriff zu gehen und zog vorsichtig ihre Jacke an.
— Na, seid ihr fertig?
Dann fahren wir zu mir.
— Ja, aber zuerst holen wir Jegor aus dem Kindergarten.
Zwei Stunden später standen sie bereits in Michails geräumigem Haus.
Die Luft war erfüllt von sanftem Licht und dem Duft frischen Holzes.
Kristina blickte sich langsam um, als würde sie sich an eine neue Welt gewöhnen.
— Sie wohnen hier? Ganz allein?
Ist das nicht unheimlich?
Es ist so… leer, düster.
Michail sah sich in den Räumen um, die ihm früher selbstverständlich erschienen, und erkannte plötzlich, wie wahr ihre Einschätzung war.
Dieses Haus erinnerte mehr an eine kalte Galerie als an ein gemütliches Familiennest.
„Was für ein Designer!“, dachte er ärgerlich.
„Hat behauptet, Minimalismus sei stilvoll und cool. Ich werde alles umgestalten!“
— Wollen Sie, dass wir für mehr Gemütlichkeit den Kamin anzünden? – schlug er mit einem leichten Lächeln vor, spürend, wie zwischen ihnen etwas Größeres als nur ein geschäftliches Abkommen entstand.
In den wenigen Tagen, die Kristina und Jegor mit ihm verbrachten, spürte Michail zum ersten Mal, wie es ist, nach Hause zu kommen und erwartet zu werden.
Wo der Duft von frischem Gebäck in der Luft liegt.
Wo jemand das Geschirr nach dem Abendessen spült.
Wo ein kleines Paar Stiefel an der Tür steht.
Und du weißt – dahinter steht ein kleines Herz, das geliebt werden will.
Er ertappte sich bei dem Gedanken, dass er morgens mit dem Wunsch aufwacht, ihre Gesichter zu sehen.
Dass der Kaffee, den er nicht selbst zubereitet, zu einem wahren Ritual geworden ist – fast festlich.
Einsamkeit erschien ihm nicht mehr natürlich.
Sie war fremd geworden, wie alte Kleidung, der man entwachsen ist.
Doch er wusste: Ein Fest dauert nicht ewig.
Früher oder später kehrt alles zum Alten zurück.
Am Vorabend des Treffens mit seinen Freunden bat Michail Kristina um Rat:
— Ich kann mich einfach nicht entscheiden, wo ich das Essen für die Gäste bestellen soll.
Welche Küche magst du?
Sie zog überrascht die Augenbrauen hoch:
— Aber du wirst doch nur wenige Gäste haben.
Wozu überhaupt etwas bestellen?
In den letzten Tagen war ihr Umgang einfacher, herzlicher geworden – sie duzten sich, als wären sie schon immer befreundet gewesen.
— Du bist doch jetzt fast ein Familienvater, – fügte sie mit einem schelmischen Lächeln hinzu.
— Wir machen alles selbst.
Du wirst das Fleisch auf dem Grill braten, wie es sich für ein Familienoberhaupt gehört, und ich kümmere mich um die Vorspeisen.
Michail sah sie etwas verwundert an, dann grinste er:
— Bist du sicher, dass wir das hinkriegen?
Was, wenn wir alles verderben?
Ich habe noch nie Fleisch gegrillt.
— Wir werden nichts verderben, – versicherte sie.
— Wir müssen nur alles vorher einkaufen.
Dieser Abend wurde für Michail zu einer wahren Entdeckung.
Er, Kristina und der kleine Jegor lachten und alberten in der Küche herum, marinierten Fleisch, holten Gewürze heraus, probierten Soßen.
Und da fiel ihm zum ersten Mal auf, dass sich in diesem Raum, in den er früher nur für einen Kaffee gekommen war, ganze Sets von Töpfen, Pfannen, Gewürzen und anderen Kochutensilien befanden, die er noch nie benutzt hatte.
Als Kristina ihn bat, Kartoffeln zu schälen, hob Michail theatralisch die Augenbraue:
— Das ist zu viel.
Ich bin schließlich Geschäftsmann, kein Koch.
— Kartoffeln schälen ist zu viel? – lachte sie.
— Dann übernimm die Zwiebeln.
Da kann man sich wenigstens über das harte Geschäftsleben beklagen!
Zur vereinbarten Zeit trafen die Gäste ein.
Michail, Maxim und Sascha umarmten sich lange und herzlich, als hätten sie sich seit Jahren nicht gesehen.
Die Kinder verstanden sich auf Anhieb mit Jegor und verschwanden im Garten, wobei ihre fröhlichen Rufe durch die Umgebung hallten.
Auch die Ehefrauen blieben nicht außen vor: Eine von ihnen lächelte und streckte Kristina die Hand entgegen.
— Guten Tag, ich bin Angelina, und das ist Olga.
Wir sind die Ehefrauen zweier „erwachsener Teenager“, – sagte sie mit einem schelmischen Lächeln.
Kristina, die ihre Nervosität verbarg, lächelte ebenfalls:
— Sehr erfreut.
Ich bin Kristina.
Noch in einem anderen Status, aber schön, Sie kennenzulernen.
Bitte kommen Sie herein.
Als die Männer dazukamen, spürte Kristina, wie sie genau gemustert wurde.
Schließlich konnte sich Maxim nicht mehr zurückhalten:
— Was soll ich sagen?
Unser Mischka hat endlich Geschmack gefunden!
Ich freue mich für dich, Bruder.
— Hör auf, – lachte Michail und zog seinen Freund zur Seite.
Alle machten es sich auf der Veranda gemütlich.
Sascha, der beobachtete, wie Michail geschickt Schaschlik wendete, konnte sein Erstaunen nicht verbergen:
— Misch, willst du mir sagen, dass du das jetzt alles selbst machst?
— Ich grille und habe auch selbst mariniert, – antwortete er ruhig und richtete sich stolz auf.
— Sag jetzt nicht, dass das nicht vom Restaurant ist, – glaubte Sascha nicht.
— Nein, und diese Frau hat mich sogar dazu gebracht, Zwiebeln zu schneiden, – klagte Michail.
— Ich habe geweint wie nach „Titanic“.
Sascha lachte:
— Bruder, jetzt bin ich mir sicher: Du bist auf dem richtigen Weg!
Der Abend verging in einer warmen und herzlichen Atmosphäre.
Später in der Nacht, als alle vom Garten ins Wohnzimmer umzogen, sagte Angelina verträumt:
— Ach, jetzt ein bisschen romantische Musik…
Kristina lächelte, stand auf und ging zum Klavier, das in der Ecke des Raumes stand.
Michail verfolgte erstaunt jede ihrer Bewegungen, bis ihre Finger die Tasten berührten.
Leichte, fließende Akkorde erfüllten den Raum, und es trat ehrfürchtige Stille ein.
Die Melodie ließ alle innehalten, und in Michails Herz entstand ein seltsames Gefühl – gleichzeitig zärtlich und schmerzlich.
Verzweifelt suchte er nach einem Grund, warum Kristina und Jegor wenigstens einen weiteren Tag bleiben könnten.
Die Gäste fuhren nach Hause.
Als Jegor, auf Michails Schoß sitzend, mit dem Kopf zu nicken begann, sagte Michail besorgt zu Kristina:
— Ihr wollt doch jetzt nicht wegfahren?
Jegor ist völlig erschöpft.
Bleibt bis morgen, ich bringe euch dann selbst.
Sie sah ihn an und antwortete leise:
— Morgen wird es noch schwerer zu gehen.
An Schönes gewöhnt man sich schnell.
Jegor schlief bereits, und Kristina, während sie Michail ansah, fügte fast flüsternd hinzu:
— Der Abend ist so schnell vergangen…
Später, allein auf der Terrasse, beobachtete Michail die Nachtfalter, die um die Lampe kreisten, als wollten sie das Licht berühren.
In der Hand hielt er ein Glas Whiskey, seine Gedanken wirbelten durcheinander, als suchten sie nach einer Antwort auf eine Frage, die er selbst noch nicht formuliert hatte.
In der Stille vibrierte plötzlich sein Handy: eine Nachricht von Sascha.
„Wenn du sie gehen lässt, bist du einfach ein Idiot.“
Michail lächelte, legte das Handy zur Seite, aber kurz darauf kam eine neue Nachricht – diesmal von Maxim.
„Ich beneide dich.
Für mich ist das alles schon vorbei, aber für dich liegt es noch vor dir.
Verspiel deine Chance nicht.“
Er stand auf und fasste einen festen Entschluss.
Er ging zu Kristinas Zimmer, klopfte leise an und öffnete vorsichtig die Tür.
— Kommst du mit auf die Terrasse? – schlug er sanft vor.
Kristina sah ihn überrascht an und trat hinaus:
— Was ist passiert?
Michail drehte sich zu ihr um, legte ihr die Hände auf die Schultern und sagte:
— Bleib.
— Wie meinst du das? – fragte sie verwirrt.
— Du und Jegor.
Wollt ihr bleiben?
Für immer. Sie sah ihn an, ohne zu wissen, was sie sagen sollte.
— Aber wir kennen uns doch erst seit drei Tagen, Misch.
Du weißt fast nichts über mich.
— Es kommt mir vor, als würde ich dich schon mein ganzes Leben kennen, – antwortete er ernst.
— Ich kann mir mein Leben ohne euch nicht mehr vorstellen.
Kristina schwieg, dann sagte sie fast flüsternd:
— Ehrlich gesagt… ich weiß auch nicht, wie ich jetzt ohne dich leben soll.
Ich habe schon darüber nachgedacht, wie ich zurechtkommen werde, aber…
Bevor sie zu Ende sprechen konnte, nahm Michail ihre Hände, sah ihr lange in die Augen und sagte leise, während er ihre Lippen berührte:
— Ich habe dich mein ganzes Leben lang gesucht.
Wo warst du all die Zeit?
— Ich habe gewartet, bis du mich findest, – antwortete sie, und ihre Stimme zitterte wie das erste Frühlings-Eis, das unter den Strahlen der Sonne zu schmelzen beginnt.
Und in diesem Moment, inmitten der Nacht, unter dem Sternenhimmel und dem Rascheln der Blätter, wurde in dem Haus, das einst leer und kalt war, zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder echtes familiäres Glück geboren.







