Agafja wurde von niemandem genommen.
Aber wer hätte sie auch gewollt – so unvollständig, wie sie war?

Ihr Gesicht war gar nicht schlecht, galt sogar als hübsch, aber sie war zu klein – kaum mehr als einen Meter groß.
Und vor allem – dürr wie ein Weidenzweig.
Dürr, fast kindlich gebaut – was sollte aus ihr für eine Hausfrau werden?
Die Jungs warfen ihr Blicke zu, aber sie zu heiraten wagten sie nicht: wer weiß, vielleicht erdrückt man sie im Schlaf – und dann muss man sich noch vor dem Dorfältesten rechtfertigen.
Die Zeit verging, die Jahre flogen dahin, wie schnelle Pfade zwischen Birken und Kiefern.
Die Alten schauten manchmal nachdenklich auf die Bäume und wunderten sich: wie groß sie über die Jahre geworden sind!
Aber sie selbst wachsen nicht mehr – sie müssen sich ein Grab aussuchen.
So schnell vergeht das Leben – wie Sand zwischen den Fingern.
So lebte Agafja ihr ganzes Leben allein.
Sie wurde alt, runzlig, aber blieb genauso zierlich und zerbrechlich.
Die Zeit hatte sie nicht gebeugt – sie hielt sich aufrecht, ging leicht, fast laufend.
Manchmal sah man sie von hinten und dachte wirklich, da läuft ein junges Mädchen.
Aber wenn sie sich umdrehte, sah man ein Gesicht – faltig, trocken, wie ein ausgewrungenes Tuch.
Doch ihre Augen – freundlich, hell, mit einem kindlichen Vertrauen.
Sie lächelte immer, grüßte jeden.
Schon vor dreißig bekam sie den Spitznamen – Altjungfer.
Nicht böse gemeint – der Name blieb einfach hängen.
Zuerst sagte man es nur hinter ihrem Rücken, dann gewöhnten sich die Jungen daran, sie einfach „die Alte“ zu nennen.
Und tatsächlich – was für ein Mädchen war sie denn noch?
Vielleicht nur vom Gang und der Figur her.
Sie lebte in einem kleinen Häuschen am Rande des Dorfes, abseits von allen.
Früher war es dort ruhig, doch mit den Jahren wuchs der Friedhof und kam fast bis zu ihrem Zaun.
Vorbeigehende traf man selten – manche gingen in den Garten, andere nach Beeren oder Pilzen.
Die Altjungfer saß auf einer schiefen Bank am Zaun und lächelte jeden Wanderer an.
– Hast du keine Angst, hier allein zu wohnen, Großmutter? – fragten manche.
– Nein, mein Lieber, mit den Toten ist es ruhiger.
Die tun doch niemandem etwas.
Und ein Fremder verirrt sich hier ohnehin nicht.
Ihr Haus alterte mit der Besitzerin.
Ohne Männerhände – niemand, der das Dach repariert oder die Fensterläden richtet.
Die Hütte neigte sich, wurde dunkel, war bereit, zur Seite zu kippen.
Im Alter ging die Altjungfer oft zu den Nachbarinnen – mal zu der einen, mal zur anderen.
Sie hörte mehr zu, als dass sie sprach, aber alle verstanden – sie wollte einfach nur unter Menschen sein.
Sie liebte auch die Abendtreffen.
Sie kam zu einem Haus, wo sich die Jugend versammelt hatte, stellte sich in den Eingang und blieb den ganzen Abend dort stehen, lächelte, freute sich, dass man sie nicht wegschickte.
Die Jugend hatte nichts dagegen – sollte sich das alte Mütterchen doch freuen.
Doch mit der Zeit bemerkten die Leute: Agafja zeigte sich nur noch abends.
Am Tag hatte sie niemand mehr gesehen.
Bei ihr brannte kein Licht, im Winter kam kein Rauch aus dem Schornstein, der Hof war zugewachsen – früher gab es wenigstens einen Pfad, jetzt war da eine Wiese.
Man redete, tuschelte, vergaß dann aber – jeder hatte genug mit sich selbst zu tun.
Im selben Dorf lebte Jefimka – ein lebhafter Bursche.
Schön, lustig, ein Anführer.
Wo eine Feier war – da war er der Erste, wo getanzt wurde – er war in der Mitte, wo Mädchen waren – war er der erste Verehrer.
Die Hähne versteckten sich, wenn er auf die Straße trat, die Frauen kicherten, die Männer murrten zwar, aber stimmten doch zu: ein verrückter Kerl, aber mit gutem Herzen.
Wenn er zu tanzen anfing – pfiffen seine Beine nur so!
Der Harmonikaspieler Trofim zwinkerte: „Dich sollte man ins Zirkus holen – du würdest selbst einen Bären ins Grab tanzen!“
Und Jefimka schlug nur noch härter auf, der Staub wirbelte, die Mädchen kreischten, die Männer schüttelten den Kopf: „Was für eine Show!“
Aber wo Jefimka war – da war auch immer etwas los.
Mal verschüttete er das Kwas des Dorfältesten, mal sprang er vom Ofen, mal prügelte er sich mit Zigeunern auf dem Jahrmarkt.
Einmal schlug er so auf den Tisch, dass die Kohlsuppe bis an die Decke flog und die Löffel durch die ganze Stube flogen.
Überall, wo Lärm war – da war auch er.
Auch die Mädchen hatten keine Ruhe: mal sang er unter dem Fenster, mal warf er die Eimer um – und rannte lachend davon.
Doch heimlich freuten sie sich – so ein draufgängerischer Kerl, auch wenn er unruhig war.
So lebte Jefimka – mit Tanz, Prügeleien und Flirts.
Doch eines Tages traf er auf Agafja, die Altjungfer – und diese Begegnung veränderte sein unbeschwertes Leben grundlegend.
Eines Abends, bei den Korowins, begannen sie, über Tote zu sprechen.
Der alte Nikifor, mit wenigen Zähnen und einem spitzen Bart, erzählte gruselige Geschichten: dass die Toten nachts umherwandern, an Fenster klopfen, durch die Schornsteine heulen.
Die Mädchen rückten erschrocken zusammen, die Jungen bekreuzigten sich und spuckten über die Schulter – wer weiß, was man heraufbeschwört…
Doch Jefimka, ohne jegliche Angst, ließ sich auf die Bank fallen und schnaubte:
— Ach, kommt schon, was redet ihr da? Welche Toten? Selbst jetzt auf dem Friedhof — ich habe keine Angst!
Alle waren sprachlos. Die Frauen kreuzigten sich und flüsterten:
„Oh, Efimuska, sei nicht überheblich, das ist eine Sünde!“ Und der alte Nikifor schielte und neckte ihn:
— Na dann, beweis es, Held. Renn zur alten Mühle hinter dem Friedhof. Man sagt, nachts streift dort ein schwarzer Hund mit feurigen Augen herum.
Wer ihn sieht, lebt nicht länger als drei Tage. Traust du dich?
Die Männer rutschten unruhig auf ihren Plätzen, jemand räusperte sich nervös. Efimka schnaubte nur, setzte seine Mütze schief auf und rief laut:
— Mir sind zehn solcher Hunde recht — ich werde sie alle am Schwanz festbinden! Wartet hier, ich komme bald zurück — und nicht allein! Ich werde auch die Alte Agafja mitnehmen, damit sie keine Angst hat.
Er wandte sich zu Bobyliha um, die in der Tür stand und lächelte:
— Kommst du mit, Alte Agafja?
Die Alte nickte freudig, ihre Augen strahlten vor unerwarteter Aufmerksamkeit.
So machten sie sich auf den Weg — Efimka, der den Helden spielte, und Bobyliha, ganz in Falten und Kopftuch gehüllt.
Er schritt munter voran, hob die Beine hoch, blickte aber aus dem Augenwinkel immer wieder ins Dunkel — ob nicht irgendwo ein Tier mit feurigen Augen aufblitzt?
Doch um sie herum war es still — nur die Grillen zirpten und der Wind raschelte im Laub.
— Na, Alte, — rief er munter, — ich sehe, ich bin nicht gerade der große Ritter für dich, oder? In deinem Alter hast du solche Typen nicht getroffen?
— Oh, ich habe sie getroffen, mein Lieber, — flüsterte Agafja, — aber nicht so dumm wie du.
Efimka schnaubte, zeigte es aber nicht.
Und da tauchte ihre Hütte auf — schief gebaut, mit einer schiefen Veranda und Fensterläden, die kaum noch an den Angeln hingen.
— Komm rein, Schatz, — flüsterte Bobyliha, — verschmähe das armselige Haus nicht.
Efimka schluckte. Seine Beine verlangsamten sich von selbst. Doch zurückzugehen wäre Schande gewesen.
— Ich gehe sogar in die Hölle! — rief er, mehr zu sich selbst als zu ihr.
Er sprang auf die Veranda — knarr-knarr. Die Tür war nicht verschlossen, sie öffnete sich von selbst — ebenfalls knarrend.
Er schritt über die Schwelle…
— Da drüben bei der Bank liegt ein Pechlicht und Streichhölzer, — ertönte es hinter ihm, — zünd sie an, mein Lieber.
Efimka erstarrte. Im Haus war es dunkel wie im Keller. Nur das Pechlicht knackte und der Zug pfiff durch die Ritzen.
Auf dem Ofen lag… eben jene Agafja, aber nicht mehr lebendig.
Ihr Gesicht war trocken wie Pergament, die Hände auf der Brust gefaltet, der Körper knochig, als wäre sie längst verwest, doch von der Zeit nicht berührt.
Er drehte sich um — hinter ihm war niemand. Nur der Schatten des Feuers glitt über die Wand.
„Da hast du deinen Ritter…“ — ging ihm durch den Kopf, und zum ersten Mal bekreuzigte er sich mit zitternder Hand.
Doch Efimka, obwohl verrückt, hatte ein gutes Herz. Er stand da, hob den Kopf und dachte:
„Nicht umsonst hat sie mich hierher geführt. Ein anderer wäre geflohen, aber ich… ich bin kein Feigling. Gottes Seele will Frieden. Also muss ich helfen.“
Er spuckte über die Schulter, richtete seinen Gürtel und ging entschlossen auf den Ofen zu.
„Na, Alte Agafja, — sprach er innerlich zu der Verstorbenen, — wenn du mich brauchst — sag, was du willst. Ich bin zwar mutig, aber kein Priester und kann keine Messe halten. Ich werde dich einfach beerdigen — verzeih mir.“
Er nahm die alte Decke vom Nagel, wickelte vorsichtig Bobyliha darin ein — leicht wie trockenes Holz! — und trug sie auf die Veranda hinaus. Das Mondlicht beleuchtete sanft ihr faltiges Gesicht.
„Jetzt, Alte, werde ich dir ein richtiges Haus bauen“, murmelte er.
Er krempelte die Ärmel hoch, fand Bretter im Hof — einige noch stabil. Mit der Axt arbeitete er geschickt — Späne flogen überall.
Bis zum Morgen stand der Sarg — nicht schön, aber stabil, von Herzen gemacht.
Als die Sonne aufging, kamen die Nachbarn heraus. Sie sahen Efimka, ganz verschwitzt, mit der Axt — sie konnten ihren Augen nicht trauen.
— Was machst du da? — riefen sie.
— Ich begrabe Bobyliha, — antwortete er schlicht. — Wer helfen will — ist willkommen, wer nicht — soll nicht stören.
Die Männer sahen sich an — und nahmen die Schaufeln. Bis zum Mittag war das Grab fertig.
Der Sarg wurde gesenkt, jemand begann „Herr, gib ihr die ewige Ruhe“, andere kreuzigten sich einfach.
Als die Erde das Grab bedeckte, sagte Efimka laut:
— Nun, Alte Agafja, ruh dich aus. Ich gehe wohl in die Kirche.
Und zum ersten Mal im Leben — ging er, um eine Kerze anzuzünden.
Seit jener Nacht schien Efimka verwandelt. Wo er früher der Erste beim Tanz war — lehnte er nun Feste ab:
„Ich habe zu tun, den Haushalt.“
Wo er kämpfte — schlichterte er nun: „Hört auf, ihr Narren, das ist Sünde!“
Und die Mädchen? Früher folgten sie ihm wie Brot, nun fürchteten sie sich, sich zu nähern — er sah sie an, als wären sie Familie.
Das Dorf seufzte und flüsterte: „Ganz bestimmt hat Alte Agafja ihn vom Jenseits geleitet!“
Efimka jedoch kreuzigte sich schweigend und ging immer öfter zur Kirche.
Ein Jahr später, am Gedenktag von Agafja, verkündete er bei der Versammlung:
— Brüder, Lebt wohl. Ich gehe ins Nikolauskloster — um meine Seele zu retten.
So etwas konnte sich niemand vorstellen! Die Männer waren wie erstarrt, die Frauen schlugen die Hände zusammen:
„Du, Efimka? Bist du verrückt geworden?“
Und er, in die Ferne blickend, antwortete leise:
— Meine Eltern lehrten mich zwanzig Jahre lang — ich habe nichts gelernt. Und Alte Agafja… hat mir in einer einzigen Nacht alles klar gemacht.
Und er ging. Ohne Harmonika, ohne Lieder — in einfachem Hemd, mit einem Sack auf dem Rücken.
Und im Dorf erzählte man noch lange, dass in der Nacht seines Aufbruchs zur alten Mühle nicht der schwarze Hund mit den feurigen Augen gesehen wurde, sondern zwei Schatten: eine hohe, in Mönchskutte mit Stab… und eine kleine, zerbrechliche alte Frau, die ihm nachnickte, als wollte sie sagen:
— So ist es recht, mein Lieber. So ist es recht…







