Wie konntest du sie Sergej überlassen?
Elena stand im Flur und sah auf die Kinderstiefel an der Tür.

Hinter der Wand weinte ein Kind, und aus der Küche kam der Geruch von Bratkartoffeln — ein fremder, bereits heimisch gewordener Geruch.
— Was ist denn dabei? — antwortete Galina Petrowna ruhig am Telefon.
— Dir reicht doch deine eigene Wohnung, und Sergej mit seiner Familie hat keinen Platz zum Wohnen.
Elena schloss die Augen und lehnte sich an die Wand.
Fünf Jahre lang hatte sie die Hypothek abbezahlt.
Fünf Jahre lang hatte sie an Urlaub, neuer Kleidung und an allem anderen gespart.
Die Renovierung hatte sie selbst gemacht, abends nach der Arbeit.
Jeden Löffel, jeden Teller für ihre Eltern hatte sie selbst ausgesucht.
— Mama, aber die Wohnung läuft auf meinen Namen…
— Na und?
Du wirst doch deinen eigenen Bruder nicht auf die Straße setzen?
Er hat eine Frau und den kleinen Artjom.
Sie müssen doch irgendwo vernünftig wohnen.
Im Flur erschien Sergej, gähnte und kratzte sich durch sein ausgeleiertes T-Shirt am Bauch.
— Ah, Lena ist da, — warf er gleichgültig hin.
Alles hatte drei Jahre zuvor begonnen, als Elena ihre Eltern wieder einmal im Dorf besuchte.
Galina Petrowna klagte über Rückenschmerzen nach der Arbeit im Garten, und der Vater stöhnte schweigend, wenn er sich vom Sofa erhob.
Das alte Dorfhaus brauchte ständig Pflege: Mal leckte das Dach, mal musste der Ofen repariert werden.
— Mama, vielleicht solltet ihr in die Stadt ziehen? — schlug Elena damals vor.
— Hier ist es für euch allein doch zu schwer.
— Ach, wohin sollen wir denn in der Stadt?
Eine Wohnung von unseren Renten mieten?
Es reicht ja so schon kaum.
Elena schlief in dieser Nacht nicht und rechnete im Kopf.
Sie war sechsunddreißig, arbeitete als Buchhalterin in einer Baufirma und hatte eine eigene Einzimmerwohnung, deren Hypothek fast abbezahlt war.
Nach der Scheidung lebte sie allein, Kinder hatte sie keine.
Vielleicht würde ihre Kraft für noch einen Kredit reichen?
Einen Monat später fand sie eine passende Möglichkeit: eine Zweizimmerwohnung in einem alten Haus am Stadtrand.
Nicht teuer, dafür lagen eine Poliklinik und Geschäfte in der Nähe.
Sie nahm eine Hypothek über fünfzehn Jahre auf und ließ die Wohnung auf ihren Namen eintragen — ihren Eltern hätte man in ihrem Alter keinen Kredit mehr gegeben.
— Lenotschka, bist du verrückt geworden? — rief Galina Petrowna erschrocken, als sie davon erfuhr.
— Warum nimmst du solche Schulden auf dich?
Wie willst du das schaffen?
— Mama, ich schaffe das.
Das Wichtigste ist, dass ihr bequem leben könnt.
Das ist mir am wichtigsten.
Das nächste halbe Jahr lebte Elena praktisch für zwei Haushalte: Sie zahlte ihre eigene Hypothek und die neue ab, renovierte an den Wochenenden die Wohnung ihrer Eltern und transportierte Möbel mit ihrem alten Auto.
Ihr Bruder Sergej half genau einmal — er brachte ein Sofa, und selbst dafür bezahlte der Vater ihm das Benzin.
— Serjoscha, kannst du wenigstens helfen, die Tapeten zu kleben? — fragte Elena damals, während sie mit einer Rolle auf einer Trittleiter stand.
— Lena, ich habe eine Familie und ein kleines Kind.
Ich habe keine Zeit dafür, — winkte er ab.
— Und außerdem tut mir nach der Arbeit der Rücken weh.
Die Eltern zogen im September um.
Elena kaufte ihnen einen neuen Fernseher, eine Waschmaschine, Geschirr und Bettwäsche.
Sie richtete die Wohnung so ein, dass sie sich dort wohlfühlen konnten.
Galina Petrowna weinte vor Glück, und der Vater stand schweigend da, umarmte seine Tochter jedoch fest.
— Danke, Töchterchen.
Wir wissen, wie schwer es für dich ist.
Wie sehr du dich für uns bemühst.
Elena lächelte damals.
Es war schwer, aber sie würde es schaffen.
Für sie würde sie alles schaffen.
—
Im ersten Jahr lief alles gut.
Elena besuchte ihre Eltern jedes Wochenende, fuhr sie zu Ärzten und half bei Einkäufen.
Galina Petrowna meldete sich in der Poliklinik zur Heilgymnastik an, und der Vater fand im Hof Leute, mit denen er Schach spielen konnte.
Doch nach und nach begann sich etwas zu verändern.
Die Eltern fuhren immer häufiger ins Dorf zurück — zuerst für ein paar Tage, dann für eine Woche und schließlich für den ganzen Sommer.
— Mama, warum fahrt ihr ständig dorthin?
Ihr seid doch gerade wegen eurer Gesundheit hierhergezogen, — wunderte sich Elena.
— Ach, hier ist es so stickig, Lena.
Im Dorf gibt es frische Luft und unseren eigenen Garten.
Wir sind nach so vielen Jahren einfach daran gewöhnt, dort zu sein, — seufzte ihre Mutter.
Dann begannen die Gespräche über Sergej.
Ihr jüngerer Bruder lebte mit seiner Frau Olga und dem dreijährigen Sohn Artjom in einer gemieteten Zweizimmerwohnung am anderen Ende der Stadt.
Er arbeitete als Verkaufsmanager, aber nach seinen Erzählungen reichte das Geld ständig nicht.
— Stell dir vor, die Vermieterin hat die Miete schon wieder erhöht! — beklagte sich Sergej bei einem Treffen.
— Jetzt will sie zwanzigtausend für dieses Loch.
Das ist Raub!
— Sucht euch etwas anderes, etwas Billigeres, — riet Elena.
— Überall ist es teuer.
Überall wollen sie einen ausnehmen.
Wir bräuchten einfach eine eigene Wohnung…
Galina Petrowna seufzte immer häufiger und schwerer.
— Der arme Serjoscha arbeitet von morgens bis abends, und trotzdem reicht das Geld nicht.
Sie haben doch ein Kind, das größer wird, und sie ziehen von einer Mietwohnung in die nächste.
Elena schwieg.
Sie wusste, dass ihr Bruder die Hälfte seines Gehalts für Zigaretten und Bier mit Freunden ausgab und dass Olga in Elternzeit war und nicht einmal versuchte, sich irgendeine Nebenbeschäftigung zu suchen.
Doch mit ihrer Mutter wollte sie nicht streiten.
— Mama, ich zahle auch jeden Monat Kredite ab.
Ich gebe mein Geld auch nicht für Urlaubsreisen aus.
— Aber du lebst allein!
Du hast viel weniger Ausgaben, — winkte Galina Petrowna ab.
— Er hat eine Familie.
Und Elena begann zu verstehen, worauf das Gespräch hinauslief.
—
Der Anruf kam am Donnerstagabend.
Elena bereitete gerade nach der Arbeit Abendessen zu, stand am Herd und rührte Nudeln um.
— Lenotschka, mach dir keine Sorgen, — begann Galina Petrowna, und Elenas Herz zog sich zusammen.
Wenn ihre Mutter sie bat, sich keine Sorgen zu machen, bedeutete das, dass es einen ernsten Grund dafür gab.
— Was ist passiert, Mama?
— Ach, nichts Besonderes.
Serjoscha ist mit seiner Familie nur vorübergehend in unsere Wohnung gezogen.
Die Vermieterin hat sie aus der Mietwohnung geworfen, kannst du dir das vorstellen?
Und dein Vater und ich leben ohnehin im Dorf, da steht die Wohnung doch nur leer…
Elena stellte den Herd aus.
Ihre Hand zitterte.
— Wie bitte, eingezogen?
Mama, du hast dich nicht einmal mit mir abgesprochen!
Du hättest mich fragen müssen!
— Was gibt es da groß abzusprechen?
Wir sind doch die Eltern und können entscheiden, wer in unserer Wohnung wohnt.
— In meiner Wohnung! — Elenas Stimme überschlug sich zu einem Schrei.
— Ich habe sie gekauft, ich zahle die Hypothek!
Jeden Monat fünfundzwanzigtausend!
Das ist meine Wohnung, Mama!
— Formal gesehen gehört sie dir, — antwortete Galina Petrowna ruhig, beinahe kalt.
— Aber eigentlich ist sie unsere.
Du hast sie doch für uns gekauft, das hast du selbst gesagt.
Also haben wir beschlossen, Serjoscha zu helfen.
Er und seine Familie haben keinen Platz zum Wohnen, und du hast doch deine eigene Wohnung.
Für dich allein reicht sie mehr als genug.
Elena setzte sich auf einen Stuhl.
Ein bitterer Kloß steckte ihr im Hals.
— Wie lange wird er dort bleiben?
— Nun, bis sie etwas Eigenes finden.
Vielleicht ein Jahr, vielleicht zwei.
Sie sparen jetzt doch für die Anzahlung.
Ein Jahr.
Vielleicht zwei.
Elena schloss die Augen.
Drei Jahre lang hatte sie für diese Wohnung bezahlt.
Drei Jahre lang hatte sie von jedem Gehalt etwas zurückgelegt und sich selbst alles Mögliche versagt.
Und jetzt war ihr Bruder, der keinen Finger gerührt hatte, einfach mit seiner Familie dort eingezogen.
— Mama, das ist nicht richtig…
— Was ist daran nicht richtig?
Der Familie zu helfen? — die Stimme ihrer Mutter wurde härter und kälter.
— Oder willst du, dass dein Neffe auf der Straße landet?
—
Am nächsten Tag versammelte Elena alle zu einem Gespräch.
Die Eltern kamen aus dem Dorf, und Sergej saß mit unzufriedenem Gesicht und verschränkten Armen auf dem Sofa.
— Lena, was veranstaltest du hier eigentlich? — begann ihr Bruder.
— Wir leben hier ganz normal, stören niemanden, und du machst so ein Drama daraus.
— Ich veranstalte kein Drama.
Ich will einfach verstehen: Wer hat euch das Recht gegeben, ohne meine Erlaubnis in meine Wohnung einzuziehen?
— Welche deine Wohnung? — Sergej grinste.
— Die Eltern wohnen hier, also haben sie uns erlaubt, hier zu wohnen.
— Die Wohnung läuft auf meinen Namen, — wiederholte Elena ruhig.
— Ich habe sie gekauft, ich zahle die Hypothek.
— Du bist einfach nur geizig! — Sergej hielt es nicht mehr aus.
— Für dich allein zwei Wohnungen, aber deinem Bruder mit Familie gönnst du keine!
— Serjoscha, was hat das mit Geiz zu tun?
Ich habe meine eigene Wohnung, in der ich wohne, und diese hier, die ich für unsere Eltern gekauft habe.
Galina Petrowna seufzte schwer.
— Lenotschka, warum bist du so stur?
Du lebst doch allein, für dich ist es leichter.
Aber Serjoscha hat eine Familie, ein Kind.
Er braucht sie mehr.
— Mama, ich habe diese Wohnung für euch gekauft.
Für euch! — Elenas Stimme zitterte.
— Nicht für Serjoscha, nicht für die ganze Familie.
Für dich und Papa.
— Und was jetzt? — der Vater mischte sich zum ersten Mal in das Gespräch ein.
— Willst du deinen eigenen Bruder rauswerfen?
Elena sah sie alle an.
Ihren Bruder mit seinem frechen Blick, ihre Mutter mit ihrem ewigen „Du bist doch allein“, und ihren Vater, der immer schwieg, wenn er sie hätte verteidigen sollen.
— Ja, — sagte sie fest.
— Ich habe die Wohnung mit meinem Geld gekauft.
Und ich habe das Recht zu entscheiden, wer darin wohnt.
—
Sergej sprang vom Sofa auf.
— Ist das dein Ernst?
Du setzt deinen Neffen auf die Straße?
— Versuch nicht, mich zu manipulieren, — Elena holte einen Ausdruck aus ihrer Tasche.
— Ich habe mich von einem Anwalt beraten lassen.
Die Wohnung gehört mir, und ihr wohnt hier ohne Vertrag.
Du hast einen Monat Zeit, dir eine andere Wohnung zu suchen.
Ich helfe sogar beim Umzug — ich bezahle die Umzugshelfer.
— Lena! — die Mutter griff sich ans Herz.
— Wie kannst du nur?!
— Ganz einfach, Mama.
Drei Jahre lang habe ich für diese Wohnung bezahlt.
Drei Jahre lang habe ich an allem gespart.
Ich habe euch Möbel und Haushaltsgeräte gekauft, euch mit den Ärzten geholfen.
Und ihr habt nicht einmal nach meiner Meinung gefragt, bevor ihr sie meinem Bruder überlassen habt.
— Wir dachten, du würdest es verstehen! — Galina Petrowna begann zu weinen.
— Wir dachten, du würdest der Familie helfen.
— Ich habe der Familie geholfen!
Ich habe euch eine Wohnung gekauft! — Elena spürte, wie etwas in ihr zerbrach.
— Aber ihr habt beschlossen, dass ich nichts brauche, nur weil ich allein lebe.
Dass bei mir alles überflüssig ist.
— Ist es denn nicht so? — Sergej mischte sich wieder streitsüchtig ein.
— Für dich allein brauchst du doch keine zwei Wohnungen.
— Ich habe keine zwei Wohnungen, Serjoscha!
Ich habe eine eigene, in der ich wohne.
Und eine Wohnung für die Eltern, die ich für sie gekauft habe.
Das sind zwei verschiedene Dinge!
Der Vater stand schwerfällig auf.
— Also hast du entschieden.
Gut.
Serjoscha, such dir eine Wohnung.
— Papa!
— Ich habe gesagt: Such dir eine Wohnung.
Deine Schwester hat recht.
Wir haben sie nicht gefragt, obwohl wir es hätten tun müssen.
Galina Petrowna schluchzte in ihr Taschentuch, doch Elena fühlte keine Schuld mehr.
Nur Müdigkeit.
Eine lange, schwere Müdigkeit.
—
Ein halbes Jahr verging.
Sergej und seine Familie mieteten eine Zweizimmerwohnung näher an seiner Arbeit.
Die Eltern kehrten in die Stadt zurück und lebten wieder in ihrer Wohnung, wobei sie gelegentlich am Wochenende ins Dorf fuhren.
Das Verhältnis blieb kühl.
Die Mutter antwortete am Telefon nur knapp, und der Bruder sprach überhaupt nicht mehr mit Elena.
Doch Elena kam weiterhin vorbei, brachte Lebensmittel mit und fuhr ihre Eltern zu Ärzten.
Eines Abends, als sie in der Küche beim Tee saßen, sagte Galina Petrowna plötzlich:
— Weißt du, Lena, ich dachte wirklich, für dich wäre es einfacher.
Dass deine Wohnung irgendwie überflüssig wäre, weil du allein lebst.
Elena legte den Löffel hin.
— Mama, allein zu leben bedeutet nicht, dass man überflüssigen Wohnraum hat.
Und es bedeutet auch nicht, dass man verpflichtet ist, alles den anderen zu geben.
— Ich habe es inzwischen verstanden, — die Mutter nickte.
— Mir kam es nur so vor…
Nun ja, Serjoscha hat eine Familie, für ihn ist es wichtiger.
Und du kommst schon irgendwie allein zurecht.
— Ich komme allein zurecht, Mama.
Immer allein.
Aber dadurch gehören meine Sachen nicht weniger mir.
Galina Petrowna streckte die Hand über den Tisch aus und legte sie auf die Hand ihrer Tochter.
— Verzeih mir.
Bitte verzeih mir wirklich.
Wir hatten Unrecht.
Elena drückte die Hand ihrer Mutter.
Die Narbe war geblieben, doch die Wunde begann zu heilen.
Langsam, aber sicher.
— Ich liebe euch, Mama.
— Und wir lieben dich, Töchterchen.
Und wir lieben dich.







