— Du hast die Datscha doch deinem Bruder überschrieben?

Dann soll er dich jetzt auch unterhalten, — erklärte der Ehemann seiner Mutter.

Das Telefon klingelte am Samstagmorgen um halb acht.

Olga sah nicht einmal auf den Bildschirm – sie wusste ohnehin, wer um diese Uhrzeit mit der Hartnäckigkeit einer Feuersirene anrufen konnte.

Tamara Iljinitschna hatte noch nie Rücksicht auf den Schlaf anderer genommen.

— Olenka, schläfst du nicht? — die Stimme der Schwiegermutter klang munter wie die einer Nachrichtensprecherin am Morgen.

— Ich brauche Brühe.

Diese Hühnerbrühe, bei der das erste Kochwasser abgegossen wird.

Und schneide die Karotte nicht in Scheiben hinein, ich habe dir hundertmal gesagt: in Streifen.

— Tamara Iljinitschna, heute ist Samstag.

Wir wollten ausschlafen.

— Ausschlafen könnt ihr in der Rente.

Ich bin eine schwer kranke Frau, ich brauche meine Mahlzeiten nach Zeitplan.

Und bring Mineralwasser mit, aber ohne Kohlensäure.

Von dem mit Kohlensäure brodelt in mir alles wie in einer Waschmaschine.

Olga legte auf und starrte an die Decke.

Neben ihr bewegte sich Pawel.

Er hatte gestern bis Mitternacht im Theater an einem Hebemechanismus gearbeitet, der unmittelbar vor der Premiere blockiert hatte.

Mechaniker für Bühnentechnik war ein nervenaufreibender Beruf: Wenn eine Kulisse auf einen Schauspieler stürzte, war man selbst schuld und nicht der Schauspieler.

— Schon wieder Brühe? — fragte er dumpf, ohne die Augen zu öffnen.

— Brühe, Mineralwasser und Karotten in Streifen.

In Scheiben verträgt ihr Organismus sie offenbar nicht.

Offenbar sind Scheiben Gift und Streifen Medizin.

— Sei nicht so sarkastisch.

Sie ist ein älterer Mensch.

— Dieser ältere Mensch ist gestern drei Stunden mit ihrer Freundin Sinaida über den Markt gelaufen und hat um den Preis einer Strickjacke gefeilscht.

Ich habe sie aus dem Trolleybus gesehen.

Die kranke Frau raste zwischen den Ständen herum wie ein Jagdhund.

Pawel setzte sich im Bett auf und rieb sich die Augen.

Er widersprach nicht – mit Fakten zu streiten war sinnlos, und davon hatten sich in den letzten Jahren ganze Mengen angesammelt.

Gedämpfte Diätfrikadellen.

Fahrten zu Ärzten, bei denen die Ärzte nur mit den Schultern zuckten und Vitamine verschrieben.

Putzen, Rechnungen bezahlen, Medikamente kaufen, die anschließend nicht eingenommen wurden.

— Na gut, — sagte er.

— Koch ihr diese Brühe.

Ich fahre vorbei und bringe sie hin.

Dann kann ich gleich noch den Wasserhahn in der Küche ansehen, sie hat gesagt, dass er tropft.

— Pascha, bei ihr tropft nicht der Wasserhahn.

Bei ihr ist das Gewissen undicht.

Aber Gewissen kann ich nicht reparieren, ich mache Puppen.

Olga arbeitete als Theaterpuppenmacherin – sie schnitzte Gesichter aus Lindenholz, nähte winzige Wämser und malte Marionetten Augen.

Die Puppen gehorchten ihr.

Menschen nie.

Die Datscha war die Karotte an der Schnur.

Genau jene Karotte, wegen der ein Esel weiterläuft, ohne zu bemerken, dass der Wagen mit fremdem Zeug beladen ist.

— Die Wohnung bekommt ihr beide, je zur Hälfte, da bin ich gerecht, — verkündete Tamara Iljinitschna feierlich beim Sonntagsessen und hob den Finger zur Deckenlampe.

— Aber die Datscha, Paschenka, gehört ganz dir.

Laut Testament.

Igorchen ist in Deutschland, er braucht unser Land nicht.

Er hat dort eine Hypothek bei München und eine Frau, die Borschtsch mit Hilfe eines Übersetzers kocht.

— Mama, wir machen das doch nicht wegen des Testaments, — winkte Pawel ab.

— Ich weiß, ich weiß.

Aber Ordnung muss sein.

Wer sich kümmert, bekommt auch etwas.

Das ist das Gesetz des Lebens.

Igor, der ältere Sohn, war Ende der neunziger Jahre ausgewandert und hatte sich seitdem in eine Stimme aus dem Telefon verwandelt.

Diese Stimme rief an Neujahr und am 8. März an, sagte die üblichen Dinge über Gesundheit und Wetter und verschwand wieder bis zum nächsten Feiertag.

Seit zehn Jahren war er nicht mehr in der Heimat gewesen.

Seit zehn Jahren nannte Tamara Iljinitschna ihn mit zärtlichem Seufzen „mein Igorchen“, während Pawel einfach nur Pascha war, ganz ohne Seufzen.

Und das Ehepaar glaubte an diese Karotte.

Pawel ließ auf dem Grundstück einen Brunnen bohren – das Wasser kam klar, eiskalt und wohlschmeckend heraus.

Er ersetzte die gesamte Elektrik, weil die alte Funken schlug und drohte, das kleine Backsteinhaus samt Apfelbäumen abzufackeln.

Er stellte einen Zaun aus Profilblech auf, gerade wie eine Linie auf einer technischen Zeichnung.

— Weißt du eigentlich, wie viel wir dort hineingesteckt haben? — fragte Olga ihn einmal, während sie die Belege zusammenrechnete.

— Brunnen, Elektrik, Zaun.

Und dazu meine Rosen.

— Die Rosen sind deine Laune.

— Meine Laune hat so viel gekostet wie dein Brunnen.

Englische Zuchtsorten, achtzehn Sträucher.

Ich habe sie gepflegt wie zu früh geborene Kätzchen.

Aber schau dir dafür das Blumenbeet an – die Nachbarn kommen, um Fotos davor zu machen.

— Na, das ist doch unsere Zukunft, Ol.

Unser Land.

Mama hat gesagt, laut Testament gehört es mir.

Fünfzehn Sotka, ein Garten, ein solides Haus.

Das bleibt den Kindern und Enkelkindern.

— Mama sagt vieles, — murmelte Olga, führte den Gedanken aber nicht weiter aus.

Manche Gedanken sollte man besser im Keller lassen, bis sie bestätigt sind.

Alles brach am letzten Samstag im Mai zusammen.

Der Tag war hell und sonnig.

Pawel saß rittlings auf dem Dach der Sauna und deckte es neu, während Olga mit der Gartenschere an den Rosen arbeitete.

Ein schwarzer Crossover rollte knirschend über den Kies bis zum Tor.

Aus dem Auto stieg eine Frau im Businessanzug – mit einem Tablet und dem Lächeln einer Staubsaugerverkäuferin.

Hinter ihr stieg ein Ehepaar aus, das sofort begann, das Grundstück mit dem Blick zukünftiger Eigentümer zu begutachten und mit den Fingern auf die Apfelbäume zu zeigen.

— Guten Tag! — die Frau winkte.

— Ich bin Swetlana von der Immobilienagentur „Garant“.

Wir sind wegen einer Besichtigung hier.

Sie sind wahrscheinlich die Mieter?

Pawel kletterte so schnell vom Dach herunter, dass er beinahe zusammen mit der Dachpappe hinabrutschte.

— Welche Mieter?

Welche Besichtigung?

Das ist die Datscha meiner Mutter.

— Einen Moment, — Swetlana wischte mit dem Finger über ihr Tablet.

— Eigentümer ist Nikita Igorewitsch.

Verkauf per Vollmacht, dringend.

Der Schenkungsvertrag wurde vor zwei Monaten abgeschlossen, alles ist sauber, die Unterlagen wurden geprüft.

Der junge Mann lebt in Deutschland und braucht das Geld für die Anzahlung einer Hypothek.

Wussten Sie das etwa nicht?

Olga richtete sich zwischen den Rosen auf.

Die Gartenschere in ihrer Hand schnappte von selbst zu – laut wie eine zuschlagende Falle.

— Pascha, — sagte sie sehr ruhig.

— Nikita Igorewitsch ist dein Neffe.

Igorchens Sohn.

Dieser Junge, der seine Großmutter in seinem ganzen Leben zweimal persönlich gesehen hat.

— Da muss ein Fehler vorliegen, — Pawel zog sein Telefon heraus.

— Mama!

Mama, hier ist eine Maklerin auf der Datscha.

Sie sagt, du hättest die Datscha Nikita geschenkt.

Sag ihr, dass das Unsinn ist.

Am anderen Ende herrschte Schweigen.

Dann begann Tamara Iljinitschna zu sprechen – hastig, süßlich und in jenem Tonfall, in dem man normalerweise vorsorglich schon einmal um Verzeihung bittet.

— Paschenka, warum schreist du denn so?

Ja, ich habe sie ihm geschenkt.

Nikituschka fehlt Geld für eine Wohnung, er ist doch mein Enkel, mein eigen Fleisch und Blut.

Und wozu braucht ihr die Datscha?

Ihr seid jung, ihr könnt euch noch etwas verdienen.

Du hast doch selbst gesagt, ihr macht das nicht wegen des Testaments …

Pawel senkte das Telefon.

Die Käufer waren inzwischen zum Brunnen gegangen, drehten den Hahn auf und schnalzten begeistert über den starken Wasserdruck.

Der Mann klopfte anerkennend mit der Hand auf den neuen Zaun, als hätte er ihn selbst aufgestellt.

— Der Brunnen ist ein hervorragender Bonus, — zwitscherte Swetlana.

— Auch die Elektrik ist neu, und das Blumenbeet ist fantastisch.

Die Datscha ist komplett bezugsfertig – einziehen und wohnen.

— Das Blumenbeet, — wiederholte Olga.

— Fantastisch, sagen Sie?

Sie drehte sich zu ihrem Mann um.

Ihre Wut war nicht laut, sondern praktisch.

Es war jene Art von Wut, die keine Kraft für Hysterie verschwendet, weil die Kraft für die Arbeit gebraucht wird.

— Pascha.

Wir haben noch ungefähr zwei Stunden Tageslicht und den Anhänger von unserem Nachbarn Witka.

Bau die Pumpe aus dem Brunnen aus.

Schraub den Boiler ab.

Das Werkzeug – alles bis zum letzten Schraubenzieher.

Und ich grabe die Rosen aus.

— Ol, meinst du das ernst?

Achtzehn Sträucher?

— Zwanzig.

Von zweien habe ich dir nichts erzählt, damit du nicht schimpfst.

Los, grab.

Die Käufer können warten.

Hier gibt es keine weiteren Boni.

Die nächsten zwei Stunden sah das Grundstück wie bei einer Evakuierung aus.

Pawel, wütend und schweigsam, schraubte den Boiler ab, holte die Pumpe heraus und lud den Freischneider, die Bohrmaschine, das Schweißgerät und die Leiter in den Anhänger – alles, was von ihren Gehältern gekauft worden war.

Olga arbeitete mit der Schaufel und wickelte die Wurzeln der Rosen in nasses Sackleinen.

Swetlana lief daneben herum und jammerte.

— Aber erlauben Sie, die Pumpe!

Die Pumpe steht in der Anzeige!

Und der Erholungsbereich mit der Schaukel!

— In der Anzeige, — Olga stieß die Schaufel in die Erde, — ist fremdes Eigentum aufgeführt.

Die Pumpe hat mein Mann gekauft, die Quittung ist vorhanden.

Die Schaukel hat er mit eigenen Händen geschweißt.

Wenn Sie wollen, können Sie sie separat kaufen.

Ich schicke Ihnen eine Preisliste.

Eine teure Preisliste, mit Aufschlag für Ihre Dreistigkeit.

— Das ist irgendwie unmenschlich …

— Unmenschlich ist es, dem Enkel etwas zu schenken, in das andere Menschen ihre Seele und ihr Geld gesteckt haben.

Wir dagegen halten uns streng ans Gesetz.

Gehen Sie von den Rosen weg, Sie stehen auf meiner „Imperatriza“.

Als der bis obenhin beladene Anhänger durch das Tor hinausrollte, blickte Olga nicht zu den Apfelbäumen zurück.

Pawel fuhr und umklammerte das Lenkrad so fest, dass die Ummantelung knirschte.

Bis zur Stadt sprachen sie kein Wort.

Am Abend rief Tamara Iljinitschna an.

Ihre Stimme klang ganz alltäglich, als wäre tagsüber nichts geschehen.

— Paschenka, bringst du mir morgen ein Süppchen?

Und Mineralwasser.

Und im Flur ist eine Glühbirne durchgebrannt, kannst du die wechseln?

Pawel antwortete nicht sofort.

Olga stand neben ihm und sah, wie seine Kiefermuskeln arbeiteten.

— Du hast die Datscha doch deinem Bruder überschrieben?

Dann soll er dich jetzt auch unterhalten, — sagte er ruhig und hart.

— Genauer gesagt deinem Enkel.

Nikita Igorewitsch ist jetzt Eigentümer.

Eigentum verpflichtet, Mama.

Dann soll dein eigen Fleisch und Blut dir Brühe kochen.

Per Vollmacht.

Aus Deutschland.

Die Glühbirne kann er auch einschrauben – die Technik ist dort schließlich weit entwickelt, er kommt schon irgendwie ran.

Autorin: Wika Trel © 5616

— Pascha, was redest du da?!

Ich bin eine kranke Frau!

— Du bist eine Frau mit ausgezeichneter Gesundheit und hervorragendem Geschäftssinn.

Zwei Monate lang hast du die Schenkung verheimlicht, während wir dir das Dach auf der Sauna erneuert haben.

Das war’s, Mama.

Der Teilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar.

Er legte auf.

Olga stellte schweigend einen Teller mit Abendessen vor ihn.

Es gab nichts zu sagen – alles hatte sich bereits von selbst ausgesprochen.

Sie ließen sie nicht im Stich – das ist wichtig zu verstehen.

Jemanden im Stich lassen bedeutet, dass die Telefonnummer auf der schwarzen Liste steht und die Tür verriegelt ist.

Hier war es anders: kalte, sorgfältige, dosierte Fürsorge wie Medizin nach Rezept.

Ein Anruf am Montag: „Lebst du noch?“

„Blutdruck in Ordnung?“

„Gut.“

Ein Anruf am Donnerstag: dasselbe, vierzig Sekunden.

Lebensmittellieferung einmal pro Woche per Kurier, ein Standardpaket: Getreide, Gemüse, Huhn.

Die Nebenkosten wurden online bezahlt, ohne Besuche.

— Vielleicht fährst du doch einmal zu ihr? — fragte Olga vorsichtig.

— Immerhin …

— Immerhin was? — Pawel legte die Zeichnung der Drehbühne beiseite.

— Immerhin hat sie uns wie kostenloses Personal benutzt, inklusive Selbsttäuschungsfunktion?

Lebensmittel sind da, Rechnungen bezahlt, telefonisch erreichbar.

Für alles andere ist jetzt Nikita Igorewitsch zuständig.

Er hat jetzt sowohl das Geld aus dem Verkauf als auch Großmutters Liebe.

Alles im Paket.

Tamara Iljinitschna hielt einen Monat durch.

Dann bekam sie ernsthafte Blutdruckprobleme – diesmal wirklich, mit Krankenwagen und Infusionen.

Aus dem Krankenhaus rief sie nicht ihren jüngeren Sohn an.

Sie rief nach Deutschland, ihren geliebten Igorchen, und ihre Stimme zitterte.

— Igorchen, mein Sohn, mir geht es schlecht.

Schick Nikituschka her, er soll wenigstens eine Woche bei mir bleiben.

Ich habe euch doch die Datscha gegeben, alles gegeben …

Igor antwortete zwei Tage später per Nachricht.

Olga sah diese Nachricht später – die Schwiegermutter zeigte sie ihr selbst, und sie hätte sie besser nicht gezeigt.

„Mama, die Datscha ist verkauft, das Geld ist bereits investiert, Nikita hat die Anzahlung geleistet.“

„Im Moment kann niemand kommen, die Tickets sind teuer.“

„Stell eine Pflegekraft ein, du hast doch deine Rente und die Wohnung – vermiete ein Zimmer, wenn das Geld nicht reicht.“

„Mach kein Drama daraus.“

— Stell eine Pflegekraft ein, — wiederholte Tamara Iljinitschna auf ihrem Krankenhauskissen, als Pawel schließlich doch kam.

Er brachte Wasser und Obst mit, schweigend, aus Pflichtgefühl.

— Vermiete ein Zimmer.

Mach kein Drama daraus.

Das schreibt mir mein Igorchen.

Dem ich die Datscha … dem ich alles …

— Ja, — Pawel stellte die Tasche auf den Nachttisch.

— Ist irgendwie lustig gelaufen, oder?

Du hast mit der Datscha für Liebe bezahlt.

Aber Liebe wird nicht nach Preisliste verkauft.

Verkauft wird nur die Datscha.

Und genau die wurde gekauft.

Alles ganz fair.

— Du bist böse geworden, Pascha.

— Ich bin nicht böse.

Ich bin aufgewacht.

Der Unterschied ist, dass ein böser Mensch sich rächen will, während ein aufgewachter Mensch einfach nicht mehr schläft.

Werd gesund.

Der Kurier kommt am Freitag.

Er ging hinaus, und Tamara Iljinitschna sah noch lange auf die Tür des Krankenzimmers.

Die Bettnachbarin, eine zurückhaltende alte Dame, seufzte.

— Na, Liebes, machen die Kinder keine Freude?

— Doch, — sagte Tamara Iljinitschna dumpf.

— Einer freut sich in München über mein Geld.

Der andere freut sich darüber, dass er mich durchschaut hat.

Und ich alte Närrin saß da und suchte mir aus, wen ich lieben sollte, wie auf einem Basar.

Ich wählte den, der weiter weg war und schöner anrief.

Derjenige, der die ganze Zeit in meiner Nähe war, war mir offenbar zu gewöhnlich.

Karotten in Streifen, nicht in Scheiben …

Mein Gott, was für ein launisches Miststück ich doch war.

Die Bettnachbarin schwieg taktvoll.

Manche Diagnosen muss ein Mensch selbst stellen, ganz ohne Ärztekonsilium.

Im Oktober kam Tamara Iljinitschna zu ihnen – allein, auf eigenen Beinen, mit Papieren in den Händen.

Sie blieb an der Tür stehen und traute sich nicht hinein, obwohl Olga sofort geöffnet hatte.

— Ich bin nur für eine Minute hier, — begann Tamara Iljinitschna.

— Ich habe das Testament geändert.

Hier, lest selbst.

Die Wohnung geht vollständig an Pascha.

Ganz.

Igor bekommt nichts und Nikita auch nichts, die haben schon genug bekommen.

Der Notar hat alles beglaubigt, alles ist ordnungsgemäß.

— Mama, — Pawel nahm die Papiere, las sie aber nicht.

— Du hast das Wichtigste nicht verstanden.

Es geht nicht um Quadratmeter.

Es ging nie um Quadratmeter.

Es geht darum, dass du uns zwei Monate lang ins Gesicht gelogen hast, während wir dir das Dach erneuert haben.

Das nennt man Verrat, und kein Testament macht ihn ungeschehen.

— Ich weiß, — sie widersprach nicht, was ungewöhnlich war.

— Ich versuche nicht, es mit dem Testament ungeschehen zu machen.

Ich bitte um Verzeihung.

Laut.

Pascha, Olja – verzeiht mir.

Ich bin ein altes, gieriges Huhn.

Ich dachte, man könnte Liebe mit einer Datscha kaufen, aber am Ende habe ich beide Söhne für fünfzehn Sotka verkauft.

Einen verkauft – und beide verloren.

Mit Mathematik hatte ich schon immer Probleme.

Olga sah ihre Schwiegermutter an und konnte die frühere Wut nicht mehr in sich finden.

Wut ist ein teurer Treibstoff.

Ihn an Menschen zu verschwenden, die bereuen, ist Verschwendung.

— Kommen Sie rein, Tamara Iljinitschna, — sagte sie.

— Das Abendessen steht auf dem Herd.

Die Karotten sind übrigens in Scheiben geschnitten.

Etwas anderes gibt es nicht.

— Dann eben in Scheiben, — stimmte die Schwiegermutter ergeben zu.

— Offenbar vertrage ich Scheiben ausgezeichnet.

Offenbar bin ich überhaupt kerngesund, wenn ich mich nicht so anstelle.

— Ich habe nur eine Mutter, — sagte Pawel und rückte ihr einen Stuhl zurecht.

— Eine andere bekomme ich nicht.

Setz dich.

An diesem Abend saßen sie bis Mitternacht am Tisch und redeten all das nach, was in den Monaten des Schweigens unausgesprochen geblieben war.

Ein halbes Jahr später nahmen Pawel und Olga einen Kredit auf und kauften ein leeres Grundstück in einer guten Siedlung – ohne Haus, ohne Garten, dafür aber auch ohne fremde Unterschriften in seiner Geschichte.

Die Rosen, die in Kübeln auf dem Balkon überwintert hatten, überlebten wie durch ein Wunder alle zwanzig und trieben im Juni Knospen aus, fest und trotzig wie kleine Fäuste.

Im Sommer kam auch Tamara Iljinitschna auf das neue Grundstück – mit Strohhut, Petuniensetzlingen und einem Klappstuhl.

Sie lief über das Gelände, fuchtelte mit den Händen und bestimmte, wo das Haus stehen sollte.

— Die Veranda nach Osten, damit wir in der Morgensonne frühstücken können!

Und die Sauna dorthin, zu den Birken!

Olja, pflanz die Rosen am Weg entlang.

Ich werde an ihnen vorbeigehen und stolz sein!

— Seien Sie ruhig stolz, — grinste Olga und arbeitete mit der Schaufel.

— Aber Unkraut jäten Sie zusammen mit mir.

Bei uns herrscht jetzt Arbeitspflicht, schwer kranke Menschen beschäftigen wir nicht.

— Und ich werde jäten!

Ich hatte übrigens in meiner Jugend den besten Gemüsegarten der ganzen Straße, bevor ich beschlossen habe, dass ich nur noch herumliegen und Befehle geben müsse!

Im August rief Igor an.

Er hatte Geburtstag, und niemand hatte ihm gratuliert – weder sein Bruder noch seine Mutter.

Er wartete einen Tag, fühlte sich in seinen besten Gefühlen beleidigt und wählte schließlich selbst die Nummer.

— Mama, wie soll ich das bitte verstehen?

Dem eigenen Sohn kein Anruf, keine Karte!

Und was sind das für Neuigkeiten, die Tante Sina mir schreibt?

Du hast die Wohnung Pascha überschrieben, als Schenkung?!

Die ganze?!

Und ich?!

Ich bin übrigens auch dein Sohn!

— Ach, Igorchen, — Tamara Iljinitschna packte gerade eine Tasche mit Setzlingen und klemmte das Telefon zwischen Schulter und Ohr.

— Sohn, sagst du?

Und ich dachte, du wärst nur eine Stimme aus dem Telefon an Feiertagen.

Was die Wohnung betrifft – ja, ich habe sie überschrieben.

Und zwar nicht per Testament, sondern als Schenkung zu Lebzeiten, damit es keine Überraschungen gibt.

Du hast mir schließlich beigebracht, wie man so etwas schnell und still erledigt.

Danke für die Meisterklasse.

— Du hattest kein Recht, das ohne meine …

— Doch, mein Lieber, hatte ich.

„Vermiete ein Zimmer, stell eine Pflegekraft ein, mach kein Drama daraus“ – erkennst du die Worte wieder?

Und jetzt entschuldige mich bitte, ich habe keine Zeit.

Unten wartet das Auto auf mich, wir fahren zur Datscha und markieren den Grundriss des Hauses.

Stell dir vor, ich habe eine Familie: einen Sohn, eine Schwiegertochter, ein Grundstück und zwanzig englische Rosensträucher.

Und du hast deine Hypothek bei München.

Jedem das Seine, Igorchen.

Halt mich nicht auf.

Sie legte auf, steckte das Telefon in die Tasche ihrer Schürze und schleppte die Tasche zum Aufzug.

Unten hupte ein Auto.

Pawel gab ein Signal, und Olga winkte aus dem Fenster.

Das Schicksal dieser Familie hing noch immer an einem seidenen Faden – so wie das Schicksal jeder Familie, die nach einem Bruch wieder zusammengefügt wurde.

Doch dieser Faden war stark, neu versponnen und dreifach.

Und die Rosen im Kofferraum dufteten so intensiv, dass man auf niemanden mehr wütend sein wollte.

ENDE