— Wir werden zu einem Jubiläum eingeladen, zahlen für uns selbst und sollen obendrein noch einen Umschlag schenken?

— Ein ausgezeichnetes System…

Der Samstag begann perfekt.

Marina schaltete ihr Arbeitshandy aus, streckte sich und lächelte zur Decke.

Vor ihr lagen das Wochenende, ein Restaurantbesuch und die Einweihungsfeier von Swetlana — der Schwester ihres Mannes.

Ein angenehmer Anlass, die Stimmung leicht wie die Luft im Mai.

Doch das Festnetztelefon klingelte trotzdem.

Mama.

Marina nahm lächelnd ab.

— Marinochka, kommt doch mit Denis zur Datscha!

— Wir heizen die Sauna ein und machen Schaschlik.

— Mama, das klappt nicht.

— Swetlana lädt uns ins Restaurant ein, sie feiert ihre Einweihung.

— Sie hat endlich die Hypothek abbezahlt, stell dir vor!

— Na, wunderbar.

— Kommt nach dem Restaurant trotzdem vorbei, ich werde auf euch warten.

— Kuss!

Das Gespräch war beendet.

Marina legte den Hörer auf und erinnerte sich unwillkürlich an die lange Geschichte mit Swetlanas Hypothek.

Denis hatte sie immer wie eine Saga erzählt — mit Fortsetzungen und Opfern.

Damals hatte Swetlana gerade Artjom geheiratet.

Sie verkauften alles, was man nur verkaufen konnte.

Denis’ Mutter, Tamara Iwanowna, kratzte all ihre Ersparnisse bis auf den letzten Rubel zusammen und gab sie ihrer Tochter.

Und nicht nur das — Denis wurde auch überredet, auf seinen Anteil am Haus des Großvaters zu verzichten.

Der Großvater war ein Jahr zuvor gestorben, das Haus wurde verkauft, und das Geld verschwand in der Hypothek.

Denis stimmte ohne Streit zu — schließlich war es Familie.

Noch drei Jahre Zahlungen, und nun war die Zweizimmerwohnung vollständig abbezahlt und schuldenfrei.

Ein Grund zum Feiern.

Marina war nicht eine Sekunde lang neidisch.

Sie selbst hatte eine Dreizimmerwohnung — ihre Großmutter war zu ihrer Mutter gezogen und hatte der Enkelin feierlich die Schlüssel überreicht.

„Leb dort, Marischka, und bring gute Menschen nach Hause“, hatte die Großmutter damals gesagt.

Marina versuchte, diesem Rat zu folgen.

Am Abend sagte sie ihrem Mann:

— Deine Schwester hat angerufen und lädt uns ins Restaurant ein.

— Ich überlege schon, was ich anziehen soll.

— Das blaue Kleid oder das grüne?

— Ich weiß Bescheid, — Denis schnaubte.

— Swetka hat mich auch angerufen.

— Sie hat ziemlich deutlich angedeutet, dass der beste Geschenk ein Umschlag mit Geld wäre.

— Direkt gesagt übrigens.

Marina pfiff leise.

— So verlangt man heutzutage also nach Geschenken.

— Früher schrieb man wenigstens eine Wunschliste, und heute drückt man sich gleich die Registrierkasse an die Brust.

— Den Fortschritt kann man nicht aufhalten, Denis.

Er lachte, aber irgendwie ohne Freude.

Am Abend rief Tamara Iwanowna an.

Merkwürdigkeit Nummer eins — zuerst sprach sie lange und ungewöhnlich freundlich mit Marina, was in fünf Ehejahren kein einziges Mal vorgekommen war.

Dann reichte Marina den Hörer an ihren Mann weiter.

Tamara Iwanowna redete nicht lange um den heißen Brei herum:

— Denis, hör gut zu.

— Sweta hat sich völlig verausgabt, die Hypothek ist abbezahlt, die Renovierung ist mehr oder weniger fertig, aber mit den Möbeln sieht es schlecht aus.

— Deshalb bezahlst du das Restaurant selbst.

— Für dich und deine Frau.

— Punkt, ich habe gesprochen.

Das Gespräch war beendet.

Denis stand mit dem Hörer in der Hand da, und sein Gesicht sah aus, als hätte man ihm gerade mitgeteilt, dass die Erde quadratisch sei.

Marina hatte nicht alles gehört, aber an seinem Gesicht erkannte sie, dass etwas passiert war.

— Warum stehst du da wie eingefroren?

— Wer ist gestorben?

— Der gesunde Menschenverstand, glaube ich.

— Warte, ich rufe meine Schwester an.

— Vielleicht hat Mutter sich das selbst ausgedacht.

Er rief Swetlana an.

Sie hörte sich seine Frage an und antwortete munter, ohne die geringste Verlegenheit:

— Ja, genau.

— Jeder zahlt für sich selbst.

— Jeder bestellt, was er will — das ist doch fair!

— Niemand schuldet irgendjemandem etwas.

Denis legte auf und erzählte seiner Frau alles.

Marina lachte zuerst.

— Das ist ein Witz.

— Sag mir, dass das ein Witz ist.

— Man lädt Gäste ins Restaurant ein, und die Gäste zahlen selbst?

— Kein Witz.

— Wortwörtlich: Jeder bestellt für sich und zahlt für sich.

— So, stopp, — Marina hob einen Finger.

— Wir müssen die Formulierung genau klären, das ist wichtig.

— Jeder bestellt für sich und isst das, was er bestellt hat?

— Genau so?

— Genau so hat sie es gesagt.

— Wortwörtlich.

— Wunderbar, — Marina lächelte so, dass Denis leicht fröstelte.

— Die Gastgeberin hat die Spielregeln verkündet.

— Also spielen wir nach ihren Regeln.

— Ehrlich und bis zum Ende.

Denis wollte überhaupt nicht hingehen, aber seine Frau redete es ihm aus.

Am nächsten Tag rief Tamara Iwanowna an und machte die Situation endgültig perfekt:

— Und vergiss die Möbel nicht!

— Legt mit Marina etwa fünfzigtausend zusammen und schenkt Swetochka einen Umschlag.

— Sie braucht das Geld.

Am Abend lief Denis im Zimmer auf und ab wie ein Tiger im Käfig.

— Verstehst du das Ausmaß?

— Wir werden ins Restaurant eingeladen.

— Wir zahlen selbst für uns.

— Und obendrauf legen wir fünfzigtausend in einen Umschlag!

— Ich habe ihnen meinen Anteil am Haus des Großvaters überlassen — das reicht ihnen nicht!

— Ich rufe jetzt an und sage ihnen alles!

— Ruhig, ruhig, — Marina setzte ihn aufs Sofa.

— Ins Telefon zu schreien ist etwas für Amateure.

— Wir sind kreative Menschen.

— Einen Umschlag schenken wir.

— Aber nicht fünfzigtausend, sondern fünfzehntausend.

— Von Herzen und entsprechend unseren Möglichkeiten.

— Fünfzehntausend?

— Nach diesem ganzen Zirkus?

— Denis, wir sind doch nicht geizig.

— Wir sind gerecht.

— Und Gerechtigkeit ist, wie sich herausgestellt hat, jetzt modern — deine Schwester hat das selbst gesagt.

— Vertrau mir.

Er sah seine Frau an, bemerkte das vertraute fröhliche Funkeln in ihren Augen und gab auf.

Wenn Marina so lächelte, war es sinnlos, mit ihr zu streiten — und vor allem langweilig.

Freitagabend, Restaurant.

Marina und Denis setzten sich etwas abseits — fast an einen eigenen kleinen Tisch, in eine gemütliche Ecke am Fenster.

Sie bestellten guten Wein, ein Hauptgericht, Vorspeisen und Dessert — ihr Tisch sah königlich aus.

An Swetlanas Haupttisch war alles eher bescheiden: kleine Salate und Wein aus der unteren Preisklasse.

Immer wieder blickte sie zum Tisch ihres Bruders hinüber, und ihr Blick wurde mit jedem Gericht, das die Kellner dorthin brachten, schwerer.

Schließlich hielt Artjom es nicht mehr aus.

Er kam herüber, lächelte breit und nahm eine Flasche Wein von ihrem Tisch.

— Oh, brüderliche Hilfe!

— Bei euch ist die Auswahl ja viel interessanter.

— Stell sie zurück, — sagte Denis ruhig, ohne aufzuhören, sein Steak zu schneiden.

— Deine Frau hat die Regeln ganz klar erklärt: Jeder zahlt für sich selbst und isst das, was er bestellt hat.

— Wir respektieren die Regeln.

— Ich empfehle dir, dasselbe zu tun.

— Ach komm, wir sind doch Familie…

— Familie, — Marina nickte sanft.

— Genau deshalb hüten wir unsere Familientraditionen so sorgfältig.

— Besonders die neuen.

— Sie sind erst zwei Tage alt und noch sehr zerbrechlich.

Artjom stellte die Flasche zurück und ging mit dem Gesicht eines Mannes davon, dessen Stolz man in einer Tür eingeklemmt hatte.

Swetlana flüsterte ihm wütend etwas ins Ohr, aber aus der Entfernung sah es fast niedlich aus.

Dann kam der Moment der Umschläge.

Die Gäste gingen der Reihe nach hin und überreichten ihre Geschenke.

Denis und Marina blieben nicht abseits — ihr Umschlag war der dickste, eindrucksvollste und imposanteste.

Swetlana blickte hinein und schnappte nach Luft.

Ein ganzes Bündel Fünftausender!

Ihre Stimmung schoss sofort in die Höhe — sie strahlte, küsste ihren Bruder ab und lächelte sogar Marina fast aufrichtig an.

— Das nenne ich Familie!

— So muss das sein!

Denis erklärte nichts weiter.

Sie würden es schon selbst herausfinden — schließlich waren sie erwachsene, gerechte Menschen und hatten das selbst gesagt.

Der Abend ging zu Ende.

Denis rief den Kellner zu sich.

— Seien Sie so freundlich und packen Sie uns alles ein, was wir nicht aufgegessen haben.

— In Behälter.

— Und die angebrochene Flasche nehmen wir auch mit — sie ist bezahlt.

— Richtig, — unterstützte Marina ihn laut.

— Jeder isst das, was er bestellt hat.

— Und isst es auch zu Ende.

— Regeln sind Regeln.

Sie gratulierten Swetlana noch einmal und gingen — zufrieden, satt und mit Tüten in den Händen.

Swetlana dagegen konnte es kaum erwarten.

Ein Bündel Fünftausender!

Wie viel mochte da wohl drin sein?

Kaum hatten sie das Restaurant verlassen, öffneten sie und Artjom den Umschlag unter einer Straßenlaterne.

Artjom betrachtete einen Schein genauer und wurde blass.

— Sweta…

— Hier steht „nicht als Zahlungsmittel geeignet“.

— Das sind Souvenirscheine.

— Spielgeld, Sweta!

Swetlana heulte so laut auf, dass die Tauben vom Dach aufflogen.

— Dieser Schuft!

— Dieser Mistkerl!

— Erst frisst er vor meinen Augen Delikatessen, und dann macht er sich auch noch über mich lustig!

— Das war ihre Idee, die Schlange!

— Sie war das!

Sie holte aus und warf das ganze Bündel in den Mülleimer am Eingang.

Zu Hause, nachdem sie sich etwas beruhigt hatte, rief sie ihren Bruder an.

Denis stand zu diesem Zeitpunkt mit einem Handtuch über der Schulter auf der Datscha seiner Schwiegermutter — die Sauna war bereits heiß.

— Du Mistkerl! — kreischte es aus dem Telefon.

— Du hast mich reingelegt!

— Du hast mir Spielgeld geschenkt!

— Swet, warum gleich so grob, — Denis gähnte.

— Erstens waren es nicht nur falsche Scheine.

— Ich habe echte dazugelegt, fünfzehntausend, zwischen die Souvenirscheine.

— Eine kleine Überraschung mit Spannung.

— Entschuldige, wenn du meinen Humor nicht verstanden hast.

— So, meine Frau ruft mich in die Sauna, der Dampf geht verloren.

— Kuss!

Das Gespräch war beendet.

Swetlana erstarrte mit dem Telefon am Ohr.

Echte.

Geld.

In dem Bündel.

Das sie weggeworfen hatte.

— Artjom!!!

— Lauf!

— Der Mülleimer am Restaurant!

— Da sind fünfzehntausend drin!

Artjom war in dreißig Sekunden angezogen und raste quer durch die halbe Stadt.

Doch der Mülleimer vor dem Restaurant war bereits leer — der Müll war abgeholt worden.

Er rannte die ganze Umgebung ab, schaute in benachbarte Tonnen, griff in eine bis zum Ellenbogen hinein, machte sich schmutzig und riss den Ärmel auf.

Das Geld war weg.

Er kam dreckig, verschwitzt und mit leeren Händen nach Hause.

Swetlana sah seine Hände an und verstand alles ohne Worte.

Wütend rief sie ihre Mutter an.

— Mama!

— Weißt du, was dein Sohn gemacht hat?!

— Er hat mir Spielgeld geschenkt!

— Das ist kein Geschenk, sondern reine Verhöhnung!

In diesem Moment klopfte Artjom gedankenverloren auf die Tasche seiner Jacke.

Swetlana bemerkte diese Bewegung aus dem Augenwinkel wie ein Raubtier.

Sie ließ den Hörer fallen, riss ihrem Mann die Jacke aus der Hand, schüttelte sie — und ein Bündel fiel auf den Boden.

Dasselbe.

Souvenirscheine.

— So-o-o… — zog sie mit unheimlicher Stimme.

— Du hast es also doch gefunden?

— Und hast gesagt, du hättest es nicht gefunden?!

Mit zitternden Händen ging sie die Scheine durch.

Alle trugen die Aufschrift „nicht als Zahlungsmittel geeignet“.

Kein einziger echter Schein.

— Du hast sie gestohlen! — schrie Swetlana.

— Du hast die echten rausgenommen und versteckt!

— Fünfzehntausend!

— Dieb!

— Sweta, hör mir zu!

— Dieses Bündel haben mir die Kollegen auf der Arbeit geschenkt, schon letzte Woche!

— Das war ein Scherz, alle haben gelacht!

— Es lag die ganze Zeit in meiner Jacke!

— Das ist ein anderes Bündel!

— Ein anderes?!

— Ein Zufall, ja?!

— Lügner!

— Ihr seid alle gleich!

— Mein Bruder ist ein Schuft, seine Frau eine Giftschlange, sie hat sich den separaten Tisch ausgedacht, sie hat die falschen Scheine erfunden!

— Und du bist ein Dieb!

Artjom stand mitten im Zimmer, dreckig und völlig niedergeschlagen, und verstand, dass er sich niemals würde rechtfertigen können.

Swetlana lief durch die neue Zweizimmerwohnung ohne Möbel und verfluchte der Reihe nach alle: ihren Mann, ihren Bruder, ihre Schwägerin und das Schicksal.

Ihre Stimme hallte durch die leeren Zimmer — Möbel gab es schließlich keine, nichts, worauf man etwas stellen konnte, und auch kein Geld dafür.

Zur selben Stunde kam Denis aus der Sauna — erhitzt, rot und glücklich.

Er setzte sich auf die Veranda und atmete die abendliche Luft der Datscha ein.

Marina legte ihm ein Handtuch über die Schultern und setzte sich neben ihn.

Ihre Mutter brachte ihnen noch heißen Schaschlik, und irgendwo hinter dem Zaun sang die Nachtigall des Nachbarn.

Marina lachte, Denis legte den Arm um ihre Schultern, und beide wussten genau: Der Abend war gelungen.

Und was braucht man im Grunde mehr zum Glück?