Am nächsten Morgen reichte ich die Scheidung ein.
— Katja, was sollen wir denn essen, Mäuse?

Die Frage kam aus der dunklen Küche.
Jekaterina zog ihre Schuhe aus.
Ihr linkes Bein schmerzte nach der Schicht.
Die gelbe Einkaufstüte zog schwer an ihren Fingern.
— Hast du den Kühlschrank aufgemacht? — fragte sie.
— Ja.
Da drin sind nur Licht und ein halbes Glas Senf.
Sergej kam in den Flur.
Seine Jogginghose war an den Knien ausgeleiert.
In der Hand hielt er sein Handy.
Auf dem Bildschirm lief ein Spiel.
— Ich arbeite bis acht, Serjoscha.
— Ich arbeite auch.
Katja stellte die Tüte auf die Kommode.
Sie öffnete die Henkel.
Darin lagen ein Stück Käse, zehn Eier und eine Packung Quark.
Kein Fleisch.
Keine Pelmeni.
— Und wo ist richtiges Essen? — verzog ihr Mann das Gesicht.
— Im Laden.
Sie ging ins Badezimmer.
Sie drehte das Wasser auf.
Sergej schlurfte hinterher.
— Ich verstehe den Witz nicht.
Bist du meine Frau oder was?
— Ich bin deine Frau.
Und du bist mein Mann.
— Dann fütter deinen Mann.
Katja trocknete ihre Hände mit einem Handtuch ab.
Sie sah ihn durch den Spiegel an.
— Gestern war der Zehnte.
Zahltag.
Sergej wandte den Blick ab.
— Na und?
— Wo sind deine fünfundachtzigtausend Rubel?
Eine schwere Pause hing in der Luft.
Man hörte, wie Wasser aus dem Hahn tropfte.
— Ich habe sie Mama überwiesen, — murmelte Sergej.
— Sie muss ihren Balkon verglasen lassen.
Katja drehte sich um.
— Alle fünfundachtzigtausend?
— Die Handwerker verlangen eine Vorauszahlung.
Sie nickte.
Sie verließ das Badezimmer.
Sie ging in die Küche.
— Dann wirst du auf dem Balkon zu Abend essen.
Bei Tamara Pawlowna.
Sergejs Gesicht lief rot an.
Er warf das Handy auf den Tisch.
— Katjuscha, meinst du das jetzt ernst?
Du machst wegen eines Stücks Wurst einen Skandal?
— Ich mache keinen Skandal.
Ich stelle nur eine Tatsache fest.
Katja nahm die Eier aus der Tüte.
Sie schaltete den Herd ein.
Sie stellte eine Pfanne darauf.
— Mein Gehalt geht für die Hypothek drauf.
Und für die Nebenkosten.
— Wir sind eine Familie! — erhob Serjoscha die Stimme.
— Eine Familie beteiligt sich am Essen.
Du hast dich am Balkon deiner Mutter beteiligt.
Sergej verschränkte die Arme vor der Brust.
— Ihre Rente ist lächerlich klein.
Ich bin ihr einziger Sohn.
— Wunderbar.
Und ich bin die einzige Tochter meiner Eltern.
Sie schlug drei Eier in die Pfanne.
Das Öl zischte.
— Ich lasse ihnen keinen Balkon verglasen.
Wir sparen für die Renovierung des Badezimmers.
— Das Badezimmer kann warten.
Bei meiner Mutter zieht es.
— Dann soll deine Mutter dich auch ernähren.
Katja legte das Spiegelei auf einen Teller.
Sie setzte sich an den Tisch.
Sie nahm die Gabel.
Sergej sah von oben auf sie herab.
— Du wirst wirklich alleine essen?
— Ja.
— Du hast überhaupt nichts Heiliges in dir, Katka.
Er drehte sich um und ging ins Zimmer.
Er knallte die Tür zu.
Katja aß schweigend ihr Abendessen auf.
Sie spülte den Teller.
In ihr war keine Wut.
Nur dumpfe, klebrige Müdigkeit.
Der Morgen begann schweigend.
Sergej machte sich demonstrativ wortlos fertig.
Er klapperte mit den Schlüsseln.
Er knallte die Schranktüren.
Katja trank Kaffee.
Im Spülbecken stand die schmutzige Tasse ihres Mannes.
Auf dem Tisch lagen Brotkrümel.
Er hatte ein halbes Brot trocken gegessen.
— Heute Abend fahre ich zu meiner Mutter, — warf er an der Tür hin.
— Dort esse ich wenigstens wie ein Mensch.
— Grüß Tamara Pawlowna von mir.
Die Tür fiel ins Schloss.
Katja trank ihren Kaffee aus.
Sie machte sich für die Arbeit fertig.
Es war Ende Januar.
Anfang des Jahres 2026.
Die Hypothek würde noch neun Jahre laufen.
Die Monatsrate betrug dreiundvierzigtausend Rubel.
Katja zahlte sie.
Die Wohnung war während der Ehe gekauft worden.
Auf dem Papier gehörte sie beiden.
In Wirklichkeit trug nur sie die Belastung.
Am Abend kam Katja spät nach Hause.
Im Flur standen die Schuhe ihres Mannes.
In der Küche brannte Licht.
Es roch nach gebratenen Zwiebeln und billiger Wurst.
Tamara Pawlowna saß am Tisch.
— Guten Abend, Katja, — sagte die Schwiegermutter.
Ihre Stimme war honigsüß.
Ihre Augen waren stechend.
— Guten Abend.
Was führt Sie denn hierher?
— Ich bin gekommen, um nach meinem Sohn zu sehen.
Dem hungrigen.
Die Schwiegermutter nickte zum Herd.
Dort stand ein riesiger Topf.
Unter dem Deckel ragten zusammengeklebte Nudeln hervor.
Daneben lagen die Häutchen roter Würstchen.
— Danke für Ihre Fürsorge.
Katja zog ihren Mantel aus.
Sie ging zum Spülbecken.
Sie wusch sich die Hände.
— Serjoscha hat gesagt, dass du dich weigerst, ihn zu bekochen.
— Hat Serjoscha Ihnen die ganze Wahrheit erzählt?
Tamara Pawlowna presste die Lippen zusammen.
— Die Wahrheit ist, dass eine Frau verpflichtet ist, für ihren Mann zu kochen.
— Und ein Mann ist verpflichtet, Geld nach Hause zu bringen.
— Er hat seiner Mutter geholfen! — die Stimme der Schwiegermutter zitterte.
— Mein Balkon ist völlig marode.
Katja nahm ein Handtuch.
— Kostet Ihr Balkon fünfundachtzigtausend Rubel?
— Arbeit ist heutzutage teuer.
Materialien sind teuer.
— Ich freue mich für Sie.
Sie bekommen einen warmen Balkon.
Katja öffnete den Kühlschrank.
Sie nahm ihren Käse heraus.
— Und was habe ich damit zu tun?
Tamara Pawlowna stand auf.
Das gelbe Licht der Lampe betonte ihre Falten.
— Du lebst seit drei Jahren in unserer Familie.
Du könntest die Mutter deines Mannes wenigstens respektieren.
— Ich respektiere Sie aus der Entfernung.
— Ich habe ihm Essen für drei Tage gebracht.
Nudeln und Dosenfleisch.
— Wunderbar.
Vergessen Sie nur nicht, den Topf danach abzuwaschen.
Und meinen Herd.
Die Schwiegermutter rang empört nach Luft.
— Ich versuche im Guten mit dir zu reden, Jekaterina!
— Sie brauchen überhaupt nicht zu versuchen, mit mir zu reden.
Katja machte sich ein Sandwich.
Sie schenkte sich Tee ein.
— Wenn Ihr Sohn es normal findet, sein gesamtes Gehalt Ihnen zu geben, dann soll er bei Ihnen wohnen.
— Die Wohnung wurde zur Hälfte von ihm bezahlt! — spuckte die Schwiegermutter hervor.
— Die Hypothek zahle ich.
Von meiner Gehaltskarte.
— Er hat hier renoviert!
Katja grinste.
— Er hat im Flur zwei Rollen Tapete geklebt.
Ein gewaltiger Beitrag.
Im Flur waren Schritte zu hören.
Sergej kam in die Küche.
Er sah seine Mutter an.
Dann sah er Katja an.
— Was veranstaltet ihr hier?
— Nichts, Serjoschenka, — zischte Tamara Pawlowna.
— Ich gehe.
Iss deine Nudeln.
Sonst bringt diese Frau dich noch ins Grab.
Stolz schritt sie an Katja vorbei.
Dabei stieß sie mit der Schulter gegen sie.
Die Wohnungstür knallte zu.
Sergej setzte sich an den Tisch.
Er zog den Topf zu sich.
Er schöpfte sich Nudeln auf den Teller.
— Zufrieden?
Du hast meiner Mutter die Laune verdorben.
— Deine Mutter hat ausgezeichnete Laune.
Sie hat neue Fenster auf dem Balkon.
Auf meine Kosten.
— Das ist mein Geld! — Sergej schlug mit der Faust auf den Tisch.
Die Gabel klirrte auf dem Teller.
— Von deinem Geld ist hier nichts.
Hier wurde alles von meinem Geld bezahlt.
— Du bist eine geldgierige Schlampe, Katka.
Dir geht es nur ums Geld.
— Ich brauche einen Partner.
Keinen Blutegel.
Sie trank ihren Tee aus.
Sie stand auf.
Sie ging ins Zimmer.
Sie schaltete auf dem Laptop eine Serie ein.
Sie lebten wie Nachbarn.
Kurze Sätze.
Müdigkeit.
In der Luft lag die Vorahnung einer Trennung.
Der Donnerstag verlief ruhig.
Sergej aß Nudeln.
Katja machte sich Salate.
Am Freitagabend erhielt Katja eine Benachrichtigung auf ihrem Handy.
„Abbuchung.
1.250 Rubel.
Yandex.Essen.“
Sie blieb mitten auf der Straße stehen.
Sie sah auf den Bildschirm.
Der Kontostand hatte sich verändert.
Die Karte war mit einem gemeinsamen Konto in der App verknüpft.
Katja öffnete schnell den Verlauf.
Pizzalieferung.
Adresse — ihre Wohnung.
Besteller — Sergej Andrejewitsch.
Katja grinste.
Sie drückte auf „Karte sperren“.
Eine Stunde später kam sie nach Hause.
Sergej saß auf dem Sofa.
Neben ihm lag eine leere Pizzaschachtel.
Auf dem Fernseher lief ein Film.
— Guten Appetit.
Sergej zuckte zusammen.
Er drehte sich um.
— Ah, hallo.
Katja warf die Schlüssel auf die Kommode.
— War die Pizza lecker?
— Ganz okay.
Die Nudeln haben mich genervt.
— Für anderthalbtausend sollte sie lecker sein.
Vor allem für meine anderthalbtausend.
Sergej runzelte die Stirn.
— Jetzt fängst du wieder damit an.
Ich bekomme am Fünfundzwanzigsten meinen Vorschuss und gebe es dir zurück.
— Wirst du nicht.
Katja ging ins Zimmer.
Sie holte eine alte Schuhschachtel aus dem Schrank.
Darin bewahrten sie Bargeld auf.
Eine Reserve für schlechte Zeiten und für den Urlaub.
Sie hatten nach und nach etwas zurückgelegt.
Dort sollten hundertzwanzigtausend Rubel liegen.
Katja öffnete den Deckel.
Die Schachtel war verdächtig leicht.
Darin lag nur Staub.
Und zwei Fünfhundertrubelscheine.
Katja erstarrte.
Im Unterbauch zog es schmerzhaft.
Sie nahm die Schachtel.
Sie ging ins Wohnzimmer.
Sie warf sie neben ihren Mann aufs Sofa.
Die Schachtel traf dumpf auf die Polsterung.
— Wo ist das Geld, Serjoscha?
Er sah auf die Schachtel.
Sein Gesicht wurde grau.
— Welches Geld?
— Hundertzwanzigtausend Rubel.
Unser Urlaub in der Türkei.
Das Geld, das wir ein Jahr lang gespart haben.
Sergej schluckte.
Er schob die Schachtel weg.
— Kat, ich erkläre dir alles.
— Erklär es.
Die Zeit läuft.
Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar.
Sein Blick wanderte unruhig umher.
— Die Handwerker wollten mehr Geld.
Die Materialien sind teurer geworden.
Es stellte sich heraus, dass die Balkonplatte verstärkt werden muss.
Katja sah ihn an.
In ihr schloss sich etwas ab.
Endgültig.
Es machte deutlich und laut Klick.
— Du hast unser Urlaubsgeld genommen, um den Balkon deiner Mutter zu bezahlen.
— Ich gebe alles zurück!
— Wann?
Von deinem Vorschuss?
— Ich nehme einen Kredit auf.
Gleich morgen.
Katja lachte kurz.
Nicht aus Freude.
Sondern weil sie diese Dummheit kaum glauben konnte.
— Du willst also einen Kredit aufnehmen, um mir mein eigenes Geld zurückzugeben, das du gestohlen hast?
Und wer zahlt den Kredit ab?
Aus unserem gemeinsamen Budget?
— Ich zahle ihn selbst!
— Von dem Geld, das du deiner Mama gibst?
Sergej sprang auf.
Die Schachtel fiel zu Boden.
— Warum hackst du ständig auf meiner Mutter herum!
Sie hat es schwer!
Sie ist eine ältere Frau.
— Und ich bin ein Arbeitstier.
Für mich ist natürlich alles leicht.
Sie beugte sich hinunter.
Sie hob die Schachtel auf.
Sie stellte sie auf den Tisch.
— Pack deine Sachen.
— Was?
— Pack deine Sachen.
Du gehst auf dem neuen warmen Balkon wohnen.
Sergej grinste schief und nervös.
— Die Wohnung gehört uns beiden.
Die Hälfte gehört mir.
Laut Gesetz.
Du kannst mich nicht rauswerfen.
Katja nickte.
— Laut Gesetz gehört auch die Hälfte der Hypothekenzahlungen dir.
Morgen gehen wir zum Notar.
Wir regeln die Vermögensaufteilung.
Ich zahle dir deinen Anteil aus, abzüglich deiner Schulden bei den Nebenkosten.
Und wir lassen uns scheiden.
Sergej wurde blass.
— Bist du bescheuert?
Was für eine Scheidung wegen eines Balkons?
— Wegen einer Ratte.
Du bist eine Ratte, Serjoscha.
Du bestiehlst deine eigene Familie.
— Ich gehe nirgendwo hin.
Er setzte sich wieder aufs Sofa.
Er verschränkte die Arme vor der Brust.
Die Haltung eines beleidigten Jungen.
— Gut.
Katja drehte sich um.
Sie ging in die Küche.
Sie nahm einen Müllsack.
Sie fegte die Pizzaschachtel hinein.
Dann ging sie ins Schlafzimmer.
Sie verriegelte die Tür.
Sie legte sich aufs Bett.
In dieser Nacht schliefen sie in getrennten Zimmern.
Er auf dem Sofa im Wohnzimmer.
Sie im Schlafzimmer.
Am Samstagmorgen stand Katja früh auf.
Sergej schnarchte auf dem Sofa.
Der Fernseher lief ohne Ton.
Katja ging ins Wohnzimmer.
In der Ecke stand ein kleiner Schrank.
Darauf thronte Sergej Andrejewitschs größter Schatz.
Eine Spielkonsole.
Das neueste Modell.
Weiß und glänzend.
Er hatte sie vor einem halben Jahr gekauft.
Für fünfundsiebzigtausend Rubel.
Von seiner Prämie.
Katja ging zum Schrank.
Sie zog die Kabel aus der Steckdose.
Sie wickelte die Kabel zusammen.
Sie nahm die Controller.
Sie packte alles in einen stabilen Sportrucksack.
Der Rucksack wurde schwer.
Sie zog sich an.
Sie nahm die Schlüssel.
Sie verließ die Wohnung.
Es war neun Uhr morgens.
Die Luft draußen war frostig und bissig.
Der Schnee knirschte unter ihren Stiefeln.
Katja ging zum nächstgelegenen Pfandhaus.
Es öffnete um zehn.
Sie lief vierzig Minuten durch die Höfe.
Dann ging sie hinein.
Hinter der Glasscheibe saß ein gelangweilter junger Mann mit Brille.
— Nehmen Sie eine Spielkonsole? — fragte Katja.
Der Mann nickte.
— Haben Sie die Unterlagen?
— Die Verpackung ist zu Hause geblieben.
Meinen Pass habe ich dabei.
Er überprüfte die Seriennummer.
Er schaltete die Konsole ein.
Er testete die Controller.
— Perfekter Zustand.
Ich gebe Ihnen vierzigtausend.
— Sechzig.
Der Mann schnaubte.
— Auf Avito können Sie sie für sechzig verkaufen.
Wir kaufen hier an.
Fünfundvierzig.
Mehr geht nicht.
Katja dachte nach.
Fünfundvierzigtausend Rubel.
Weniger, als er aus der Rücklage gestohlen hatte.
Weniger, als er für den Balkon ausgegeben hatte.
Aber es ging nicht um Zahlen.
Es ging um Gerechtigkeit.
— Machen Sie die Papiere fertig.
Sie unterschrieb das Dokument.
Sie nahm das Bargeld.
Fünf rote Scheine.
Sie steckte sie in ihre Geldbörse.
Der Mann stellte ihr einen Pfandschein aus.
— Wollen Sie sie später auslösen?
— Nein.
Katja ging hinaus.
Sie ging in einen Lebensmittelladen.
Sie kaufte ein gutes Stück Rindfleisch.
Frisches Gemüse.
Käse.
Ein Glas teure Gesichtscreme.
Sie gab viertausend Rubel aus.
Gegen zwölf kam sie nach Hause.
Sergej war bereits wach.
Er lief nervös im Wohnzimmer auf und ab.
Als er Katja sah, stürzte er auf sie zu.
— Wo ist sie?!
— Wer? — fragte Katja ruhig und zog ihre Stiefel aus.
— Die Konsole!
Katka, bist du völlig verrückt geworden?
Wo hast du sie versteckt?
Katja ging in die Küche.
Sie stellte die Tüten ab.
Sie legte das Fleisch auf den Tisch.
Sie nahm ein Messer.
— Ich habe sie nicht versteckt.
— Wo ist sie dann?!
Ich wollte spielen.
Ich habe heute frei.
Sie wusch sich die Hände.
Sie holte den Pfandschein aus der Jackentasche.
Sie ging zu ihrem Mann.
Sie reichte ihm das graue Papier.
Sergej nahm es.
Er senkte den Blick.
Er las.
Sein Gesicht wurde lang.
Sein Unterkiefer fiel herunter.
— Du …
Du hast sie verpfändet?
— Verkauft.
— Für fünfundvierzigtausend?!
Sie ist fünfundsiebzig wert!
— Mir hat gerade noch Geld für Fleisch gefehlt.
Sergej zerknüllte den Zettel in seiner Faust.
Er machte einen Schritt auf Katja zu.
Seine Augen waren blutunterlaufen.
— Du bist ein völlig krankes Miststück.
Das ist meine Sache!
Du hattest kein Recht, sie anzufassen!
— Und du hattest kein Recht, mein Urlaubsgeld anzufassen, — schnitt Katja ihm das Wort ab.
— Meine Arbeit.
Meine Ersparnisse.
Du hast hundertzwanzigtausend gestohlen.
Ich habe fünfundvierzig zurückgenommen.
Du bist noch glimpflich davongekommen.
— Ich gehe zur Polizei!
Ich zeige dich an!
Katja sah ihn an wie ein Hindernis.
Wie etwas völlig Bedeutungsloses.
— Geh.
Zeig mich an.
Und erzähl dem Bezirkspolizisten gleich, wie du deiner Frau Bargeld gestohlen hast.
Dann kannst du dich vor dem ganzen Viertel zum Clown machen.
Sergej atmete schwer.
— Gib mir das Geld zurück!
Ich löse sie selbst aus!
— Welches Geld?
Katja klopfte auf die Tüte mit dem Fleisch.
— Hier ist dein Geld.
In Form von Steaks.
Und die Nebenkosten für diesen Monat zahle ich ebenfalls davon.
Den Rest lege ich für die Scheidung zurück.
Da müssen schließlich Gebühren bezahlt werden.
— Ich werde nicht mehr mit dir zusammenleben.
Er spuckte ihr diese Worte förmlich ins Gesicht.
— Genau darum habe ich dich schon gestern gebeten, — antwortete Katja ruhig.
Sie ging an ihm vorbei.
Sie öffnete den Schrank im Flur.
Sie holte eine große karierte Tasche heraus.
Solche Taschen hatten Händler in den Neunzigern benutzt.
Sie warf die Tasche ihrem Mann vor die Füße.
— Deine Sachen liegen rechts im Regal.
Die Schuhe sind unten.
Vergiss deine Jacke nicht.
— Du hast kein Recht, mich rauszuwerfen!
Die Hälfte der Wohnung gehört mir!
— Geh vor Gericht.
Lass sie aufteilen.
Aber bis das Gericht entschieden hat, schläfst du nicht hier.
Sergej trat gegen die Tasche.
— Fahr zur Hölle!
Ich rufe meine Mutter an.
— Ruf sie an.
Er nahm sein Handy heraus.
Mit zitternden Fingern wählte er die Nummer.
Er stellte auf Lautsprecher.
Es klingelte lange.
Endlich ging jemand ran.
— Ja, Serjoschenka, mein Sohn.
— Mama, sie wirft mich raus.
Und sie hat meine Konsole verkauft.
Am anderen Ende herrschte Stille.
— Wie verkauft?
Wie wirft sie dich raus?
Ich rufe sofort die Polizei!
Ich komme jetzt selbst!
Gib sie mir ans Telefon!
Sergej hielt Katja das Telefon hin.
In seinen Augen lag Triumph.
Katja nahm das Handy nicht.
Sie beugte sich nur näher zum Mikrofon.
— Tamara Pawlowna.
Wenn Sie jetzt hierherkommen, stelle ich seine Sachen ins Treppenhaus.
Und wenn Sie vor der Tür schreien, rufe ich die Polizei wegen Ruhestörung.
— Du bist verrückt! — kreischte die Schwiegermutter.
— Mein Sohn hat die Hälfte der Wohnung bezahlt!
— Ihr Sohn hat Ihnen fünfundachtzigtausend Rubel überwiesen.
Und er hat mir hundertzwanzigtausend gestohlen.
Gehen Sie zur Bank und nehmen Sie einen Kredit auf.
Zahlen Sie die Schulden Ihres Söhnchens zurück.
Katja richtete sich auf.
— Die Wohnungsschlüssel.
Auf den Tisch.
Sofort.
Sergej war verwirrt.
Seine Mutter schrie weiter ins Telefon und drohte mit Gerichten, göttlicher Strafe und der Polizei.
Doch ihre Stimme klang weit weg und erbärmlich.
— Serjoscha, die Schlüssel, — wiederholte Katja.
Er sah auf die karierte Tasche.
Dann auf Katja.
In ihren Augen waren weder Hysterie noch Tränen.
Nur kalter Beton.
Er nahm den Schlüsselbund aus seiner Jeanstasche.
Er löste den Schlüssel von der Gegensprechanlage ab.
Er warf ihn auf die Kommode.
Der Schlüssel klirrte laut und hell.
— Ich werde das nicht auf sich beruhen lassen.
Du wirst das noch bereuen.
— Daran zweifle ich nicht.
Pack deine Sachen.
Vierzig Minuten später stand Sergej in der Tür.
Mit der karierten Tasche in der Hand.
In Winterstiefeln und Jacke.
Er sah erbärmlich aus.
Er stand mit hängenden Schultern da.
— Kat, vielleicht reden wir noch einmal? — fragte er plötzlich.
Die Wut war verschwunden.
Jetzt war da Angst.
Sie sah ihn an.
Sie erinnerte sich an drei Ehejahre.
Sie erinnerte sich daran, wie er versprochen hatte, die Wohnung zu renovieren.
Wie er sich bei jedem Streit hinter seiner Mutter versteckt hatte.
Sie nahm den Schlüssel von der Kommode.
Sie drehte ihn in der Hand.
Das Metall war kalt.
— Wir haben schon alles gesagt.
Leb wohl.
Katja schloss die Tür.
Sie drehte den Schlossknauf zweimal herum.
In der Wohnung kehrte Stille ein.
Sie ging in die Küche.
Sie setzte Reis auf.
Sie erhitzte die Pfanne.
Sie legte ein Stück Fleisch hinein.
Das Fleisch zischte und ließ klaren Saft austreten.
Es roch köstlich.
Es roch nach Zuhause.
Am Abend bestellte sie einen Handwerker.
Am Sonntagmorgen wurde das alte Schloss herausgeschnitten.
Ein neues wurde eingebaut.
Schwer und zuverlässig.
Der Handwerker gab ihr fünf neue Schlüssel in einem versiegelten Tütchen.
— Fertig, Chefin.
Kein Fremder kommt mehr rein.
— Danke.
Sie gab ihm dreitausend Rubel.
Sie schloss die Tür.
Sie machte sich Tee in ihrer Lieblingstasse mit Katzen darauf.
Sie setzte sich ans Fenster.
Draußen fiel Schnee.
Weiß und sauber.
Das Handy lag auf dem Tisch.
Zehn verpasste Anrufe von Tamara Pawlowna.
Fünf von Sergej.
Ein paar lange, wütende Nachrichten über Anwälte und die Aufteilung des Eigentums.
Katja wischte die Benachrichtigungen in den Papierkorb.
Sie hatte keinen Schuldschein über die hundertzwanzigtausend Rubel.
Den Diebstahl des Bargelds zu beweisen war unmöglich.
Doch die Quittung aus dem Pfandhaus wärmte ihre Seele besser als jede Entschuldigung.
Zumindest einen Teil hatte sie zurückgeholt.
Und sie hatte ihre Ruhe zurückgewonnen.
Sie nahm einen Schluck heißen Tee.
Endlich gefiel ihr die Stille.







