— Viktor Palytsch, habe ich mich verhört?
Sie haben Sergej die Datscha und das Auto geschenkt? — Natalja erhob sich sogar ein wenig vom Tisch, an dem der Geburtstag ihres Schwiegervaters gefeiert wurde.

— Warum bist du denn so aufgesprungen und hast gleich die Flügel ausgebreitet?!
Das geht dich überhaupt nichts an.
Du bist in unserer Familie niemand.
Ein Fremdkörper, könnte man sagen.
— Was?!
Ich bin ein Fremdkörper?!
Klawdija Matwejewna, sehen Sie das auch so!? — Natalja sah ihre Schwiegermutter an, doch die senkte den Blick und stocherte schweigend an einer Blume auf der Tischdecke herum.
— Klawdija Matwejewna, Sie haben doch gesagt, ich sei für Sie wie eine Tochter?!
— Ach, ich habe doch noch einen Kuchen im Ofen, — rief die Schwiegermutter plötzlich und beeilte sich, sich zurückzuziehen.
Auf den Geburtstag des Schwiegervaters hatten Natalja und Andrej sich lange im Voraus vorbereitet.
Natalja hatte für ihn eine teure Spinnrute ausgesucht.
Viktor Pawlowitsch träumte schon seit fünf Jahren davon, doch sein Gesundheitszustand hatte es ihm nicht einmal erlaubt, ans Angeln zu denken.
— Jetzt ist endlich alles vorbei, — Natalja lächelte ihren Mann an.
Sie freute sich aufrichtig darüber, dass bei ihren Schwiegereltern wieder alles in Ordnung war, denn auch sie hatte ihren Anteil daran.
Und keinen kleinen.
Die Schwiegermutter wiederholte oft, während sie ihrer Schwiegertochter über die Hand strich:
— Was würden wir nur ohne dich machen, Töchterchen.
Du bist zwar nicht von unserem Blut, aber trotzdem wie eine eigene Tochter.
Am Tag des Jubiläums kam Natalja früher, um beim Tischdecken zu helfen.
In der Woche davor hatte sie die Wohnung gründlich geputzt und im Wohnzimmer sogar neue Tapeten angebracht.
— Für euch beginnt jetzt ein zweiter Frühling, also sollt ihr auch in einem frisch renovierten Zuhause leben, — sagte sie immer wieder.
Natalja hatte ihren Urlaub auf der Arbeit extra so gelegt, dass sie den Eltern ihres Mannes bei den Vorbereitungen helfen konnte.
— Was für ein Urlaub im Süden?! — winkte sie ab, als ihre Freundin sie mit ans Meer nehmen wollte.
Gerade waren zwei Last-Minute-Reisen verfügbar.
— Mein Schwiegervater hat Geburtstag.
Und du weißt doch, ohne mich kommen sie überhaupt nicht zurecht.
Zu diesem Anlass war auch der ältere Sohn von Viktor Pawlowitsch und Klawdija Matwejewna, Sergej, angereist.
Allerdings ohne seine Frau.
Marina war mit dem Kind zu Hause geblieben.
— Das Schuljahr geht zu Ende.
Wie sollen sie da wegfahren, — erklärte er die Abwesenheit seiner Frau.
Sergej lebte schon lange in der Hauptstadt und baute dort sein eigenes Geschäft auf.
Dort hatte er geheiratet, und sein Sohn Pawel war geboren worden, benannt nach seinem Urgroßvater.
Pawluscha beendete gerade die erste Klasse.
Als alle am Tisch saßen, stand der Schwiegervater auf und klopfte mit einer Gabel gegen sein Glas, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
— Ich freue mich sehr, dass endlich unsere ganze große Familie an einem Tisch versammelt ist.
Und heute, an meinem siebzigsten Geburtstag, finde ich, dass man in die Zukunft schauen muss.
Und deshalb habe ich folgende Entscheidung getroffen.
Also, die Datscha und das Auto schenke ich meinem ältesten Sohn Sergej.
Hier, nimm, — der Schwiegervater reichte seinem Sohn eine Mappe mit Dokumenten.
— Damit es später keine Missverständnisse gibt.
— Was!?
Sie haben die Datscha und das Auto auf Sergej überschrieben? — Natalja erhob sich vor Überraschung sogar halb vom Stuhl.
— Warum regst du dich denn so auf?!
Das geht dich überhaupt nichts an.
Du bist in unserer Familie ein Fremdkörper.
Eine, die hier nur mitversorgt wird.
— Was?!
Ich bin eine, die hier nur mitversorgt wird?!
Klawdija Matwejewna, sehen Sie das auch so!? — Natalja sah ihre Schwiegermutter an, doch die hielt den Blick gesenkt und stocherte konzentriert mit der Gabel in einer roten Blume auf der Leinentischdecke herum.
— Ach, ich habe doch noch den Kuchen im Ofen, — die Schwiegermutter sprang hastig auf und verschwand mit einer für ihr Alter erstaunlichen Schnelligkeit in der Küche.
— Andrej, hast du gehört, was dein Vater gerade gesagt hat?
— Na und?
Im übertragenen Sinn hat er doch recht.
Du bist nur meine Frau.
— Setz dich, — befahl Viktor Pawlowitsch und deutete auf den Stuhl.
— Sergej ist mein ältester Sohn, der den Familiennamen weiterführt.
Und du und Andrej habt es doch sowieso gut getroffen.
Das Glas mit Saft erstarrte in Nataljas Hand.
Sie sank auf den Stuhl und spürte, wie in ihrem Inneren etwas leise, aber unwiderruflich zerriss.
— Wiederholen Sie das bitte, — sagte Natalja leise.
Der Schwiegervater sah seine Schwiegertochter beinahe liebevoll an, wie ein Kind, das etwas Offensichtliches nicht versteht.
— Natalja, du bist eine kluge Frau.
Die Datscha ist unser Familiensitz.
Sergej wird sie bekommen.
Und das Auto auch.
— Aber Sie haben versprochen, die Datscha auf Andrej zu überschreiben?!
— Ihr lebt doch mit Andrej in einer Wohnung, was braucht ihr denn noch!?
Währenddessen studierte Andrej beharrlich den Inhalt seines Tellers, ohne den Blick zu heben.
Fünf Jahre.
Fünf Jahre lang war Natalja jedes Wochenende in dieses Haus gekommen.
Sie hatte gekocht, gewaschen und geputzt.
Als Klawdija Matwejewna einen Schlaganfall hatte, hatte Natalja ihre Arbeit aufgegeben und nachts bei ihr gesessen.
Als Viktor Pawlowitsch nach einem Herzinfarkt völlig hilflos im Bett lag, hatte sie ihm die Windeln gewechselt, ihn mit dem Löffel gefüttert und ihm Mut gemacht, nicht aufzugeben.
Und ihr leiblicher Serjoscha hatte währenddessen in Moskau „sein Geschäft aufgebaut“ und nur einmal im Monat angerufen.
Natalja stellte langsam ihr Glas auf den Tisch.
— Viktor Palytsch, Sie haben es doch versprochen?
Vor fünf Jahren, als Andrej und ich gerade geheiratet hatten, haben Sie gesagt, wenn wir Ihnen helfen, würde die Datscha uns gehören.
Der Schwiegervater schnaubte.
— Versprechen?!
Das Leben verändert sich, Natalja.
Du hast uns ja auch vor einem Jahr statt eines Enkels eine Enkelin geboren.
Und Sergej hat einen Sohn, den Fortführer unserer Dynastie.
Unser Familienname wird durch die Jahrhunderte weiterleben!
— Welcher Familienname denn?
Owsjakow etwa? — Natalja konnte sich ein Lachen nicht verkneifen.
Sie hatte sich immer darüber gewundert, wie stolz ihr Schwiegervater und ihr Mann auf ihren Nachnamen waren, als wären sie alte Adlige.
— Wage es nicht.
Wage es nicht zu lachen.
Das ist eine Familie, verstehst du!
Sergej braucht einen Familiensitz.
Und ihr lebt doch wunderbar in deiner Zweizimmerwohnung.
Sergej, der gegenüber saß, kaute zufrieden auf seinem Schaschlik und nickte zustimmend, während er die Seiten der Dokumente umblätterte.
Natalja sah Andrej an.
— Wusstest du davon?
Er seufzte, ohne den Blick zu heben.
— Natascha, lass uns später darüber reden.
— Nein.
Wir reden jetzt darüber.
Vor allen.
Ihre Stimme zitterte, aber nicht mehr vor Kränkung, sondern vor wachsender Wut.
— Wusstest du, dass deine Eltern alles deinem Bruder geben wollen?
Andrej wurde rot.
Am Tisch breitete sich eine schwere Stille aus.
— Na ja, Papa hat vor einem Monat etwas angedeutet.
Aber wir sind doch nicht arm.
Wir haben doch eine Wohnung.
— Ich habe eine Wohnung!
Die habe ich von meiner Großmutter geerbt.
Und du hast nur deinen Familiennamen.
Wie war der noch gleich?
Owsjakow.
Genau, — Natalja grinste.
— Natalja, hör auf, — fuhr der Schwiegervater sie an und erhob sich halb.
— Setz dich still hin und verdirb mir nicht meinen Geburtstag.
— Ihren Geburtstag nicht verderben?!
Abgemacht.
Natalja stand auf.
Ihre Beine fühlten sich wie Watte an, doch ihr Rücken war gerade.
— Wissen Sie was?
Sie haben recht.
Ein Fortführer der Dynastie ist wichtig.
Ab heute werde ich in Ihrer Familie tatsächlich das sein, was Sie gesagt haben, Viktor Palytsch: ein Fremdkörper.
Ab heute bin ich ein Fremdkörper.
Klawdija Matwejewna, Viktor Palytsch, gut.
Jetzt ist wenigstens alles ehrlich.
Erwarten Sie von mir keinerlei Hilfe mehr.
Weder Putzen noch Kochen noch nächtliche Pflege.
Sergej ist jetzt Ihr Wichtigster, der Fortführer der Dynastie.
Dann sollen er und seine Frau sich eben um alles kümmern.
Klawdija Matwejewna wurde blass und ließ beinahe den Kuchen fallen, den sie auf einer großen Platte aus der Küche gebracht hatte.
— Natascha, was erlaubst du dir?!
Wir sind alte Menschen!
Du bist verpflichtet, dich um uns zu kümmern.
Und darüber wird nicht diskutiert.
Das ist eben das Schicksal aller Schwiegertöchter.
— Alt und sehr berechnend, — antwortete Natalja ruhig.
— Aber bei mir haben Sie sich verrechnet.
Fünf Jahre lang haben Sie mich wie eine kostenlose Pflegerin, Putzfrau und Köchin benutzt.
Und jetzt geben Sie alles Ihrem ältesten Sohn?!
Gut.
Dann sollen er und seine Frau sich um Sie kümmern.
Marina ist schließlich auch Ihre Schwiegertochter, nicht wahr?
Andrej, hast du dazu etwas zu sagen?
— M-m-m, Natascha.
Mach es nicht schlimmer.
Mama und Papa haben recht.
Wir müssen ihnen helfen.
Serjoscha und seine Frau wohnen weit weg.
Und wir sind hier ganz in der Nähe.
— Wir?!
Warum habe dann nur ich geholfen?
Du warst doch immer beschäftigt.
Mit allem Möglichen, nur nicht mit deinen eigenen Eltern.
Damit sie dir die Datscha hinterlassen und du deinen eigenen Rückzugsort hast, habe ich fünf Jahre lang geschuftet, nur um von dir zu hören: „M-m-m, Natascha, mach es nicht schlimmer.“
Und von deinem Vater soll ich hören, dass ich ein Fremdkörper bin und hier nur mitversorgt werde?
Sie haben mich doch Tochter genannt, Klawdija Matwejewna, — Natalja schüttelte den Kopf.
— Ich habe Ihnen geglaubt.
Ich denke, es wäre nur fair, wenn Sergej, der Fortführer der Dynastie, zusammen mit der Datscha und dem Auto auch die gesamte Verantwortung für seine Eltern übernimmt.
Wenn Sie ihm die Datscha und das Auto geschenkt haben, — Natalja sah ihre Schwiegereltern an, — dann soll er auch alles andere übernehmen.
— Natalja, setz dich hin und entschuldige dich bei meinen Eltern und den Gästen für diese Szene, — plötzlich bekam Andrejs Stimme einen befehlenden Ton.
— Nein, Andrej, ich werde mich nicht setzen und mich erst recht nicht entschuldigen.
Ich habe nichts, wofür ich mich entschuldigen müsste.
Es waren deine Eltern, die mich vor allen eine Fremde und eine Mitversorgte genannt haben.
Ich reiche die Scheidung ein.
Unsere Tochter nehme ich mit.
Also pack deine Sachen und zieh aus der Wohnung der „Mitversorgten“ aus.
Andrej sprang auf.
— Nur wegen der Datscha?!
— Nicht wegen der Datscha, — Natalja sah ihrem Mann direkt in die Augen.
— Sondern weil ich für eure Familie immer eine Fremde war.
Eine bequeme Fremde, aber eben eine Fremde.
Und ich will nicht länger bequem sein.
Sie drehte sich um und ging mit erhobenem Kopf zum Ausgang.
Am nächsten Tag reichte Natalja die Scheidung ein.
—
Klawdija Matwejewna rief jeden Tag an.
Zuerst schrie sie und nannte Natalja eine undankbare Egoistin.
Nach einem Monat begann sie am Telefon zu weinen.
— Nataschenka, komm doch, ich komme ohne dich nicht zurecht.
Viktor Pawlowitsch schwieg die ganze Zeit.
Nach drei Monaten sagte er zu seinem Sohn nur einen einzigen Satz:
— Das war ein Fehler von uns.
Sie war eine gute Frau.
Sergej freute sich zunächst.
Doch als seine Eltern ihn fünfmal am Tag in Moskau anzurufen begannen, wurde er wütend.
— Ich habe mich nicht als euer Kindermädchen verpflichtet! — brüllte er ins Telefon.
Seine Frau Marina sagte sogar:
— Das sind deine Eltern, also kümmerst du dich auch um sie.
Andrej war anfangs wütend und beschuldigte Natalja des Verrats.
Vor Gericht sagte er ihr direkt:
— Du bist eine Egoistin.
Doch als er selbst seinen Vater ins Krankenhaus fahren, die endlosen Beschwerden seiner Mutter anhören und ihre Probleme lösen musste, begann er sich zu verändern.
Vier Monate später kam er seine Tochter besuchen.
Er war still und wirkte gealtert.
— Ich habe es verstanden.
Du hattest recht, — sagte er.
Natalja nickte.
Aber sie bat ihn nicht zurückzukommen.







