Zum Jubiläum lud die Schwiegermutter die ganze Verwandtschaft ein.

Uns und den Kindern ließ sie nur über meinen Mann Grüße ausrichten – bis sie selbst den Umschlag öffnete.

„Sag mal, warum mischst du dich eigentlich ständig mit deinen Ratschlägen ein?

Mama hat es gesagt, also wird es auch so gemacht.

Verstehst du überhaupt, mit wem du da redest?“

Ilja sagte das so, als würde er einen auswendig gelernten Text aufsagen.

Sogar die Betonung war nicht seine eigene, sondern die seiner Mutter.

Vika hatte diesen Ton so oft gehört, dass sie schon im Voraus hätte erraten können, welches Wort als Nächstes kommen würde.

Sie stand am Fenster und blickte in den Hof.

August.

Hitze.

Die Kinder, Artjom und Sonja, spielten unten im Sandkasten, und Vika behielt sie aus dem Augenwinkel im Blick, während Ilja mitten im Zimmer herumtrat und aussah wie ein Mensch, der sich selbst nicht ausstehen konnte, aber trotzdem nicht vorhatte nachzugeben.

„Ich habe nichts von Ratschlägen gesagt“, sagte sie ruhig.

„Ich habe gefragt, warum wir nicht eingeladen wurden.“

„Die Kinder wären dort überflüssig.

Ein teures Restaurant, nur Erwachsene, verstehst du?“

Er senkte die Stimme ein wenig, als würde das seine Worte überzeugender machen.

„Mama hat mich gebeten, dir und den Kindern Grüße auszurichten.“

Grüße.

Also gut, Grüße.

Vika wandte sich wieder dem Fenster zu.

Sonja formte etwas aus feuchtem Sand und war dabei so konzentriert, dass ihre Zungenspitze zwischen den Lippen hervorschaute.

Artjom saß daneben und blickte auf sein Handy.

Elf Jahre alt und Sand interessierte ihn schon nicht mehr.

Er war ganz unbemerkt groß geworden.

„Gut“, sagte Vika.

Ilja hatte offensichtlich mit einem Streit gerechnet.

Doch es gab keinen Streit.

Aus irgendeinem Grund machte ihn das noch unzufriedener.

Er trat noch etwas auf der Stelle, murmelte etwas davon, dass sein Hemd für den morgigen Abend noch gebügelt werden müsse, und ging ins Schlafzimmer.

Über Faina Sergejewna sprach man in Iljas Familie ausschließlich mit ehrfürchtigem Unterton.

Eine Frau mit Charakter.

Eine starke Persönlichkeit.

Sie hatte ihren Sohn allein großgezogen, ohne Ehemann, und angeblich alles selbst erreicht.

Vika hatte in sieben Ehejahren nie verstanden, was genau Faina Sergejewna eigentlich selbst erreicht hatte, abgesehen von ihrem Ruf.

Die Wohnung, in der sie lebte, war mit dem Geld aus dem Verkauf von Vikas Erbe gekauft worden, einem Grundstück bei Twer, das ihre Großmutter ihr hinterlassen hatte.

Alles war damals still und leise geregelt worden, als Vika mit Sonja schwanger war und wegen der starken Übelkeit kaum klar denken konnte.

Ilja hatte damals gesagt:

„Mama wird eine gute Möglichkeit finden, sie kennt sich damit aus.“

Und Vika hatte ihm geglaubt.

Sie hatte die Dokumente unterschrieben, ohne sie richtig anzusehen.

Erst ein Jahr später, als ihr Kopf wieder klarer war, hatte sie die Unterlagen hervorgeholt und lange auf ihren eigenen Nachnamen in der Zeile „Eigentümer“ geschaut.

Die Wohnung war auf sie eingetragen.

Faina Sergejewna hatte daran offenbar nicht gedacht oder war davon ausgegangen, dass Vika niemals nachsehen würde.

Aber Vika hatte nachgesehen.

Und sie hatte es sich gemerkt.

Seitdem waren vier Jahre vergangen.

Die Schwiegermutter lebte in einer Dreizimmerwohnung in einem Neubau, trank Kaffee auf der verglasten Loggia, erzählte den Verwandten, wie viel Glück sie mit ihrer Wohnung gehabt hatte, und vergaß bei passender Gelegenheit nie zu erwähnen, dass ihre Schwiegertochter eine einfache Frau ohne große Ambitionen sei, die zu Hause bei den Kindern sitze.

Dabei arbeitete Vika längst von zu Hause aus und führte die Buchhaltung für mehrere kleine Firmen.

Aber Faina Sergejewna musste davon ja nichts wissen.

Ilja schwieg wie immer.

Zwischen seiner Mutter und seiner Frau wählte er die Haltung eines Straußes.

Kopf in den Sand und hoffen, dass sich alles von selbst erledigte.

Am Tag vor dem Jubiläum ging Vika in ein Schreibwarengeschäft.

Nicht in das Geschäft gleich um die Ecke, sondern in das weiter entfernte an der großen Straße, weil dort die Auswahl besser war.

Sie kaufte einen festen, schönen Umschlag mit Prägung.

Zu Hause druckte sie mehrere Blätter aus, faltete sie ordentlich zusammen und verschloss den Umschlag.

Sie legte den Umschlag auf die Kommode im Flur, sodass Ilja ihn sofort sehen würde, wenn er das Haus verließ.

„Was ist das?“, fragte er am Morgen, während er sein Jackett zuknöpfte.

„Ein Geschenk für deine Mutter.

Gib es ihr von uns.“

Ilja nahm den Umschlag und drehte ihn in den Händen.

Für eine Glückwunschkarte war er ziemlich schwer.

Doch Vika sah ihn so ruhig an, dass er nichts fragte.

Er steckte ihn in die Innentasche.

Dann küsste er sie auf die Wange.

Mechanisch, beinahe so, wie man beim Hinausgehen eine Türklinke berührt.

„Wahrscheinlich komme ich erst nachts zurück“, sagte er.

„Mama mag es, wenn die Gäste lange bleiben.“

„Kein Problem.

Die Kinder und ich werden schon etwas finden, womit wir uns beschäftigen können.“

Er ging.

Vika blieb noch einen Moment im Flur stehen und hörte, wie seine Schritte im Treppenhaus verklangen.

Dann ging sie zurück in die Küche, stellte den Wasserkocher an und rief die Kinder zum Mittagessen.

Das Bankett war für sieben Uhr angesetzt.

Faina Sergejewna hatte ein Restaurant mit gehobenem Anspruch ausgewählt.

Hohe Decken, weiße Tischdecken und freitags Livemusik.

Dreiundzwanzig Gäste.

Alles Verwandte ihres Mannes, die Vika vom Sehen kannte, deren Namen sie aber ständig durcheinanderbrachte.

Cousins und Cousinen zweiten und dritten Grades sowie alte Freundinnen mit ihren Ehemännern.

Das Geburtstagskind erschien in einem fuchsiafarbenen Kleid, mit einer Brosche am Revers und einer Frisur, die offensichtlich schon am Morgen gemacht worden war.

Sie ging mit dem Auftreten einer Gastgeberin durch den Saal und hielt den Kopf leicht nach hinten geneigt, damit die Perlenkette an ihrem Hals besonders schön zur Geltung kam.

Die Gäste machten ihr Komplimente.

Faina Sergejewna nahm sie mit der Würde eines Menschen entgegen, der seinen eigenen Wert genau kennt.

Ilja saß neben seiner Mutter wie ein braver Schüler beim Elternabend.

Er hatte bereits ein Glas Champagner getrunken und war etwas entspannter geworden.

Den Umschlag hatte er fast vergessen.

Ein Toast folgte auf den nächsten.

Faina Sergejewna lachte, legte die Hand auf die Brust und bedankte sich.

Sie konnte vor Publikum durchaus charmant sein.

Das musste man ihr lassen.

Vor Publikum war sie ein anderer Mensch.

Lebendig, warm, beinahe menschlich.

Als Ilja an der Reihe war, stand er auf, räusperte sich und griff in seine Innentasche.

„Mama, das ist von uns.

Von mir, Vika und den Kindern.“

Er reichte ihr den Umschlag.

Faina Sergejewna nahm ihn mit zwei Fingern entgegen.

So nimmt man Dinge an, die man eigentlich nicht anfassen möchte, es aber aus Höflichkeit trotzdem tut.

Sie drehte ihn in der Hand.

Die Prägung gefiel ihr.

Das war deutlich zu sehen.

„Oh, was haben sie mir denn da geschickt?“, sagte sie mit leichter Ironie, so wie man spricht, wenn man glaubt, die Antwort schon zu kennen.

„Vielleicht lese ich es laut vor?

Dann können alle hören, wie meine Schwiegertochter mir gratuliert.“

Einige Gäste lachten.

Andere riefen:

„Lies vor, lies vor!“

Faina Sergejewna bekam ein Mikrofon gereicht.

Sie öffnete den Umschlag vorsichtig mit dem Fingernagel an der Naht, damit er nicht zerknitterte.

Dann zog sie die gefalteten Blätter heraus.

Das erste Blatt hatte sie bereits auseinandergefaltet und vor ihre Augen gehalten, noch bevor sie etwas laut sagen konnte.

Im Saal spielte Musik.

Die Gäste unterhielten sich.

Ein Kellner an der Wand richtete die Servietten.

Und Faina Sergejewna stand mit dem Mikrofon in der Hand da und schwieg.

Die Pause wurde immer länger.

Die Gäste begannen, einander anzusehen.

„Faina, was steht denn da?“, rief jemand vom anderen Ende des Saals.

„Lies schon vor, spann uns nicht so auf die Folter!“

Faina Sergejewna hob langsam den Blick.

Dann sah sie wieder auf die Blätter.

Ihr Gesicht, das eben noch vom Champagner und von den Komplimenten gerötet gewesen war, wirkte plötzlich irgendwie ausdruckslos.

Die Brosche an ihrem Revers fing das Licht des Kronleuchters ein und funkelte.

Doch die Gastgeberin selbst schien sie gar nicht mehr zu bemerken.

Sie stand einfach da und las.

Schweigend.

Ihre Lippen bewegten sich leicht.

Ilja saß da und verstand überhaupt nichts.

„Mama?“, rief er leise.

Sie antwortete nicht.

Daraufhin stand er auf, ging zu ihr und nahm ihr vorsichtig die Blätter aus der Hand.

Sie wehrte sich nicht.

Sie öffnete einfach die Finger.

Dann sah er selbst darauf.

Das erste Blatt war ein Screenshot aus dem Chat der Hausverwaltung.

Es zeigte eine Unterhaltung zwischen der Verwaltung und den Bewohnern.

Wohnung Nummer siebenundvierzig.

Offene Nebenkosten.

Die Summe war so hoch, dass Ilja für einen Moment schwindelig wurde.

Darunter befand sich ein Scan eines Kontoauszugs.

Der Kontoauszug seiner Frau.

Darauf war eine Zahlung zu sehen.

Eine hohe Zahlung.

Datiert auf vor zwei Wochen.

Das zweite Blatt war sauber ausgedruckt und enthielt keine unnötigen Worte.

Nur einige Absätze.

Kurz und sachlich.

Ilja las und spürte, wie sein Hinterkopf kalt wurde.

Zur gleichen Zeit saß Vika zu Hause bei den Kindern.

Artjom war bereits in sein Zimmer gegangen und sah sich mit Kopfhörern irgendetwas an.

Sonja hatte es sich neben ihrer Mutter auf dem Sofa gemütlich gemacht, lehnte mit der Schulter an ihr, blätterte in einem Bilderbuch und tippte hin und wieder mit dem Finger auf eine Seite.

„Mama, schau mal, was für ein lustiges Pferd.“

Vika schaute hin.

Sie lächelte.

Sie strich ihrer Tochter über den Kopf.

Draußen wurde es dunkel.

Der August verabschiedete sich langsam und widerwillig.

Die Hitze hielt sich bis spät in den Abend, und selbst jetzt, nachdem die Sonne bereits untergegangen war, war die Luft noch warm und schwer.

Vika öffnete die Balkontür.

Der Geruch der von der Sonne aufgeheizten Pappeln drang ins Zimmer und irgendwo aus der Ferne auch der Geruch von gegrilltem Fleisch.

Ihr Handy berührte sie nicht.

Wartete sie?

Nein.

Sie lebte einfach.

Diesen Abend.

Dieses Buch.

Die Schulter ihrer Tochter an ihrer eigenen.

Sie wusste, dass sie alles richtig gemacht hatte.

Nicht, weil es so wirkungsvoll geworden war.

Sondern weil es anders nicht mehr ging.

Zwei Jahre lang hatte sie zugesehen, wie sich die Schulden ansammelten.

Die Hausverwaltung schickte die Mahnungen an ihren Namen, weil sie die Eigentümerin war.

Zwei Jahre lang tat Faina Sergejewna so, als gäbe es überhaupt kein Problem.

Die Rechnungen warf sie offenbar einfach weg.

Ohne sie zu lesen.

Mit derselben Gleichgültigkeit, mit der sie alles behandelte, was sie nicht unmittelbar betraf.

Vika beeilte sich nicht, die Schulden zu bezahlen.

Sie beobachtete.

Sie sammelte die Unterlagen.

Und dann bezahlte sie alles auf einmal, beglich die gesamte Schuld und holte sich die entsprechenden Dokumente.

Erst danach schrieb sie diesen Brief.

Ein Monat war kein Ultimatum.

Es war eine normale Frist.

Eine menschliche Frist.

Im Restaurant hatte sich inzwischen etwas verändert.

Die Gäste unterhielten sich nicht mehr miteinander.

Die Musiker hatten die peinliche Stimmung gespürt und spielten von selbst leiser.

Nur der Kontrabassist berührte noch vorsichtig die Saiten, als könne er sich nicht dazu entschließen, ganz aufzuhören.

Ilja stand neben seiner Mutter, hielt die Blätter in der Hand und starrte auf den Boden.

Faina Sergejewna hatte noch immer kein Wort gesagt.

„Was ist passiert?“, fragte Iljas Cousine Olja, die sich näher herangedrängt hatte.

„Faina Sergejewna, geht es Ihnen nicht gut?“

„Alles ist in Ordnung“, sagte sie schließlich.

Ihre Stimme klang ruhig.

Zu ruhig.

So sprechen Menschen, die sich mit aller Kraft zusammenreißen.

„Es ist nur ein etwas unerwarteter Glückwunsch.“

„Na, dann lies doch vor!“, rief erneut jemand vom anderen Ende des Saals.

Dort hatte man noch immer nicht verstanden, was gerade geschah.

Dort war die Stimmung noch ausgelassen.

Faina Sergejewna nahm Ilja die Blätter ab.

Sie betrachtete sie lange.

Dann faltete sie sie zusammen und steckte sie in ihre kleine Abendhandtasche mit dem goldenen Verschluss.

„Privat“, sagte sie kurz.

Und sie lächelte.

Ein routiniertes, gesellschaftliches Lächeln.

„Lasst uns lieber etwas trinken.“

Die Gäste tranken.

Die Musiker begannen wieder zu spielen.

Der Kellner brachte das warme Essen.

Doch irgendetwas war trotzdem in der Luft geblieben.

Das Gefühl, dass die Feier einen Riss bekommen hatte.

Einen kaum sichtbaren, aber dennoch echten Riss.

Und Olja flüsterte am Nachbartisch mit ihrem Mann.

Die ältere Tante Raja blickte Faina Sergejewna besorgt an.

Und Ilja selbst saß den ganzen restlichen Abend da wie ein Mensch, der plötzlich starke Zahnschmerzen bekommen hatte, sich aber schämte, es zuzugeben.

Er kam um halb eins nachts nach Hause.

Vika schlief nicht.

Sie lag mit einem Buch im Bett, las aber nicht.

Sie hielt es einfach nur in den Händen.

Ilja betrat das Schlafzimmer, zog sein Jackett aus und hängte es über einen Stuhl.

Lange blickte er aus dem Fenster.

„Du wusstest es“, sagte er schließlich.

Es war keine Frage.

Es war eine Feststellung.

„Ja.“

„Warum hast du mir nichts gesagt?“

Vika ließ das Buch sinken.

Sie sah ihn an.

Ruhig.

Ohne Wut.

Vielleicht war sie die Wut einfach leid.

Oder sie hatte innerlich schon lange alles entschieden.

„Du wärst zu deiner Mutter gegangen.

Deine Mutter hätte geweint.

Dann wärst du zurückgekommen und hättest mich gebeten, alles zu vergessen.

Ich wollte dieses Gespräch nicht.“

Ilja setzte sich auf die Bettkante.

Er rieb sich mit den Händen über das Gesicht.

„Die Schulden waren wirklich… erheblich.“

„Ich weiß.

Ich habe sie bezahlt.“

„Warum?“

„Weil es meine Wohnung ist, Ilja.

Sie wurde mit meinem Geld gekauft.

Ich habe mir einfach genommen, was mir gehört.“

Er schwieg.

Draußen war eine warme, stickige Augustnacht.

Irgendwo unten schlug eine Autotür zu und ein Motor sprang an.

„Sie wusste nicht, dass die Wohnung auf deinen Namen eingetragen ist“, sagte er leise.

„Sie dachte…“

„Sie wusste es“, unterbrach Vika ihn.

„Sie hat dieselben Unterlagen unterschrieben.

Sie hat einfach beschlossen, dass ich niemals nachsehen würde.“

Eine Pause.

„Aber warum der Umschlag?

Warum ausgerechnet dort, vor allen anderen?“

Vika schwieg einen Moment.

Dann sagte sie ganz einfach, ohne irgendeinen Triumph in der Stimme:

„Sie hat uns über dich Grüße ausrichten lassen.

Ich habe meine Antwort ebenfalls über dich ausrichten lassen.

Alles fair.“

Ilja wusste nichts darauf zu antworten.

Er legte sich hin und drehte sich zur Wand.

Vika nahm das Buch wieder in die Hand.

Es waren noch dieselben Seiten wie eine Stunde zuvor.

Sie hatte keine einzige Zeile weitergelesen.

Hinter der Wand schliefen die Kinder ruhig.

Und in dem gehobenen Wohnhaus am anderen Ende der Stadt saß Faina Sergejewna noch immer in ihrem eleganten fuchsiafarbenen Kleid in der Küche und las die ausgedruckten Blätter immer wieder.

Wieder und wieder.

Als hoffte sie, dass beim dritten Lesen plötzlich etwas anderes darauf stehen würde.

Doch die letzte Zeile blieb unverändert.

Am nächsten Morgen rief Faina Sergejewna um acht Uhr an.

Vika sah den Namen auf dem Display, ließ es dreimal klingeln und nahm erst dann ab.

„Ja.“

„Wir müssen reden.“

Die Stimme ihrer Schwiegermutter war trocken und ohne den üblichen gesellschaftlichen Unterton.

„Komm her.“

„Ich komme nicht, Faina Sergejewna.

Wenn Sie etwas sagen möchten, dann sagen Sie es jetzt.“

Eine Pause.

Offenbar war das nicht die Reaktion, mit der sie gerechnet hatte.

„Verstehst du überhaupt, was du gestern veranstaltet hast?“

Ihre Stimme begann doch zu zittern.

Nicht vor Tränen.

Vor Wut.

„Vor der ganzen Verwandtschaft, auf meinem Jubiläum…“

„Ich war zu Hause“, sagte Vika ruhig.

„Bei den Kindern.

Denen Sie Grüße ausrichten ließen.“

Schweigen.

Dann sprach Faina Sergejewna in einem anderen Ton.

Fast versöhnlich.

„Hör zu, lass uns doch wie erwachsene Menschen miteinander reden.

Diese Sache mit der Wohnung ist doch nur ein Missverständnis, das verstehst du doch.

Iljuscha hatte es damals eilig, bei den Unterlagen ist etwas durcheinandergeraten…“

Vika lehnte sich an die Wand und schloss für einen Moment die Augen.

Also so.

Sieben Jahre waren vergangen, und sie erklärte es immer noch.

Sie hoffte noch immer, Vika würde diese Geschichte mit dem „Durcheinander“ glauben.

„Da ist nichts durcheinandergeraten“, sagte Vika ruhig.

„Sie wissen das.

Ich weiß das.

Ein Monat ist eine normale Frist.

Im August arbeiten die Makler gut.

Es wird kein Problem sein, eine Wohnung zu finden.“

„Und wohin soll ich in meinem Alter gehen?!“

Jetzt brach ihre Stimme wirklich.

„Du wirfst mich auf die Straße!

Die eigene Mutter deines Mannes!“

„Ich werfe Sie nicht auf die Straße.

Ich hole mir lediglich die Wohnung zurück, die mir gehört.“

Vika schwieg kurz.

„Das war alles, Faina Sergejewna.

Einen schönen Tag noch.“

Sie beendete das Gespräch.

Dann legte sie das Handy auf den Tisch.

Ihre Hände waren vollkommen ruhig.

Ilja war früher als gewöhnlich zur Arbeit gefahren.

Schweigend und ohne zu frühstücken.

Vika hielt ihn nicht auf.

Sie brauchte Zeit, um allein zu sein und nachzudenken.

Nicht über ihre Schwiegermutter.

Damit war alles entschieden.

Über etwas anderes.

Sie schenkte sich Kaffee ein und ging auf den Balkon.

Schon am frühen Morgen brannte die Augustsonne erbarmungslos.

Der Himmel war von der Hitze fast weißlich, und selbst die Tauben auf dem Nachbardach saßen aufgeplustert da, als litten auch sie unter der Hitze.

Unten im Hof schob der Hausmeister einen Müllwagen.

Eines der Räder quietschte bei jeder zweiten Umdrehung.

Vika dachte über Ilja nach.

Nicht wütend.

Die Wut war längst ausgebrannt.

Übrig geblieben war etwas anderes.

Etwas Nüchterneres.

Sie betrachtete ihre sieben gemeinsamen Jahre plötzlich ganz deutlich.

So, wie man einen Raum bei Tageslicht betrachtet, nachdem man lange nur unter dem Licht einer schwachen Glühbirne gelebt hat.

Er war kein schlechter Mensch.

Er war einfach schwach.

So tief und schon so lange schwach, dass er selbst es wahrscheinlich gar nicht mehr bemerkte.

Mama sagte etwas und Ilja gab es weiter.

Mama war beleidigt und Ilja schwieg schuldbewusst.

Mama entschied etwas und Ilja widersprach nicht.

Und Vika trug alles.

Sie trug die Verantwortung für die Kinder.

Sie trug den Haushalt.

Sie trug all diese Jahre schweigend, weil sie nicht streiten konnte und auch nicht streiten wollte.

Und sie hätte wahrscheinlich noch weiter alles getragen.

Wenn da nicht diese Wohnung gewesen wäre.

Wenn da nicht die Schulden gewesen wären, die sich still ansammelten wie Wasser hinter einem Damm.

Sie nahm einen Schluck Kaffee.

Irgendwo weit hinter den Häusern summte die Stadt.

Was als Nächstes passieren würde, wusste sie nicht.

Aber zum ersten Mal seit langer Zeit machte ihr dieses Nichtwissen keine Angst.

Ilja kam bereits zur Mittagszeit nach Hause.

Unerwartet.

Normalerweise kam er nie vor sieben Uhr.

Vika fütterte gerade Sonja.

Artjom saß daneben und erzählte irgendetwas über das Ferienlager, in das er in einer Woche fahren wollte.

Ilja kam herein, begrüßte die Kinder und küsste Sonja auf den Kopf.

Dann sah er Vika an.

„Können wir reden?“

„Ja.“

Sie nickte in Richtung des Zimmers.

„Aber warte fünf Minuten.“

Sie fütterte Sonja zu Ende, schickte die Kinder zum Zeichentrickschauen und ging ins Schlafzimmer.

Ilja stand am Fenster.

Fast genauso wie in der vergangenen Nacht.

Vika dachte, dass dies offenbar seine Haltung für schwierige Gespräche war.

„Ich war bei Mama“, sagte er.

„Ich weiß.

Sie hat mich heute Morgen angerufen.“

„Sie…“

Er verzog das Gesicht.

„Sie bittet dich, ihr die Wohnung zu überlassen.

Sie auf ihren Namen umzuschreiben.

Sie sagt, sie würde dich dafür bezahlen.“

Vika schwieg.

„Ich verstehe, wie das klingt…“

Er brach ab.

Dann hob er den Blick zu ihr.

In seinen Augen lag etwas, das sie schon lange nicht mehr gesehen hatte.

Keine Bitte.

Etwas viel Ratloseres.

„Vik.

Ich bin schuld.

Ich habe mich damals nicht darum gekümmert.

Ich habe Mama einfach geglaubt, dass sie alles richtig regeln würde.

Ich hätte nie gedacht, dass es so endet.“

„Ich weiß, dass du nicht nachgedacht hast.“

„Aber die Wohnung ist ihr Zuhause.

Sie lebt seit sieben Jahren dort.“

„Mit meinem Geld.“

„Ja.“

Er widersprach nicht.

„Mit deinem Geld.“

Vika setzte sich auf die Bettkante.

„Ilja.

Ich habe nicht vor, sie auf die Straße zu setzen.

Ein Monat ist eine normale Frist.

Sie wird eine Wohnung finden.

Sie bekommt eine Rente und hat außerdem das Geld, das ich für die Wohnung verlange.

Ich verlange weniger als den Marktpreis, das weißt du.

Aber sie wird dort nicht mehr wohnen.

Das habe ich entschieden.“

Er schwieg lange.

Dann nickte er langsam.

Wie ein Mensch, der etwas Schweres akzeptiert und gleichzeitig versteht, dass es keine andere Möglichkeit gibt.

„Und wir?“, fragte er leise.

„Was wird aus uns?“

Vika sah ihn an.

Richtig.

Nicht an ihm vorbei.

Nicht durch ihn hindurch.

Direkt in sein Gesicht.

„Ich weiß es nicht“, sagte sie ehrlich.

„Das hängt nicht von der Wohnung ab.“

Drei Wochen später zog Faina Sergejewna aus.

Nicht weit weg.

In eine Zweizimmerwohnung im Nachbarviertel.

Zweiter Stock.

Guter Grundriss.

Sie hatte schnell etwas gefunden.

Wenn es nötig war, konnte sie sehr wohl handeln.

Ilja und ein entfernter Neffe halfen ihr beim Umzug.

Vika kam nicht mit.

Es gab keinen Grund dafür.

Am selben Tag rief sie bei einer Agentur an und mietete für September ein Haus auf dem Land.

Nichts Teures.

Ein einfaches Haus mit Veranda, Kiefern rundherum und einem Fluss, den man in zehn Minuten zu Fuß erreichen konnte.

Artjom wollte zunächst nicht mitfahren.

Er hatte irgendwelche Pläne mit Freunden.

Aber als Vika sagte:

„Fluss und Boot“,

änderten sich seine Pläne plötzlich.

Sonja hörte von dem Boot und erzählte daraufhin tagelang jedem, der ihr begegnete, dass sie ans Meer fahren würden.

Vika korrigierte sie nicht.

Was Ilja betraf, so fuhr er ebenfalls mit.

Er hatte es selbst vorgeschlagen.

Er nahm Urlaub.

Das hatte er seit drei Jahren nicht mehr getan.

In den ersten beiden Tagen lief er etwas verloren herum.

Ohne Arbeit.

Ohne seine Mutter am Telefon.

Ohne seinen gewohnten Tagesablauf.

Am dritten Tag schleppte Artjom ihn zum Angeln mit.

Am Abend kamen beide zurück.

Still.

Zufrieden.

Nach Flusswasser und irgendeiner Mückensalbe riechend.

Vika sah ihnen von der Veranda aus zu und dachte, dass vielleicht noch immer nichts endgültig entschieden war.

Dass es vielleicht noch eine Möglichkeit gab.

Oder vielleicht auch nicht.

Sie wusste es noch nicht.

Sonja saß neben ihr, baumelte mit den Beinen und biss mit hörbarem Knacken in einen Apfel.

„Mama, kommen wir noch einmal hierher?“

„Mal sehen.“

„Maaama.“

„Wir kommen wieder“, sagte Vika.

„Wir kommen wieder.“

Sie hob den Blick.

Kiefern.

Der Himmel.

Die ersten Sterne über dem Dach.

Der August ging zu Ende.

Vor ihnen lag der September.

Faina Sergejewna rief im Oktober an.

Vika sah den Namen auf dem Display und nahm ab.

Ohne Anspannung.

Sie nahm einfach ab.

„Wie geht es den Kindern?“, fragte die Schwiegermutter.

Ihre Stimme klang anders.

Nicht versöhnlich.

Nicht gesellschaftlich.

Einfach nur müde.

Die Stimme einer älteren Frau, der die Argumente ausgegangen waren.

„Gut.

Artjom ist in der Schule.

Sonja im Kindergarten.“

„Verstehe.“

Eine Pause.

„Ich wollte nur… nachfragen.“

„Jetzt wissen Sie es.“

Schweigen.

Dann sagte sie:

„Du wirst mir nicht verzeihen.“

Vika dachte einen Moment nach.

„Ich bin Ihnen nicht böse, Faina Sergejewna.

Aber so zu tun, als wäre nichts passiert, werde ich auch nicht.

So ist es ehrlicher.“

Die Schwiegermutter antwortete nichts.

Sie verabschiedete sich einfach und legte auf.

Als Ilja von dem Anruf erfuhr, saß er lange schweigend da.

Dann sagte er:

„Danke, dass du rangegangen bist.“

Vika zuckte mit den Schultern.

Nicht zu antworten wäre kleinlich gewesen.

Und kleinlich war sie nie gewesen.

Sie und Ilja lebten weiterhin zusammen.

Vorsichtig.

Wie Menschen, die erst wieder lernen müssen, sich gemeinsam durch denselben Raum zu bewegen.

Etwas zwischen ihnen hatte sich verändert.

Nicht repariert.

Nein.

Aber verschoben.

Er rief seine Mutter seltener an.

Er war häufiger zu Hause.

Einmal holte er Sonja sogar selbst aus dem Kindergarten ab und kaufte ihr unterwegs ein Eis, obwohl sie ihn gar nicht darum gebeten hatte.

Vika bemerkte es.

Sie sagte nichts.

Sie bemerkte es einfach.

Die Wohnung verkaufte sie am Ende nicht.

Sie vermietete sie.

Das Geld ging jeden Monat still und ohne unnötige Worte auf ihr Konto.

Artjom würde bald studieren.

Sonja wurde größer.

Das Leben war lang.

Geld konnte nicht schaden.

Manchmal dachte Vika an diesen Abend im Restaurant zurück.

An Faina Sergejewna mit dem Mikrofon in der Hand.

An die Blätter, die sie sich nicht getraut hatte, laut vorzulesen.

Vika dachte ohne Genugtuung daran zurück.

Einfach wie an einen Punkt, nach dem alles endlich an seinen richtigen Platz gerückt war.

Dinge an ihren Platz zu bringen, darin war sie gut.