**„Als Bettler bist du gekommen, und als Bettler wirst du wieder gehen“, sagte Alla scharf. Ihr Mann glaubte, sie würde seine Untreue hinnehmen, doch er hatte sich gewaltig verrechnet**

Mit fünfzig Jahren hatte Denis noch nie so laut geschrien.

Er lief in der Küche auf und ab, fuchtelte mit den Armen und nahm bei seinen Ausdrücken kein Blatt vor den Mund.

Seine Stimme überschlug sich immer wieder zu einem Kreischen.

Er schimpfte mit seiner Frau Alla, als wäre sie ein unartiges Schulmädchen.

Er erinnerte sie daran, dass sie schließlich schon siebenundvierzig war.

Dass sie zwei erwachsene Kinder hatten, Semjon und Olja.

Und dass sie inzwischen sogar Enkelkinder hatten, denen sie ein Vorbild sein sollte.

Alla saß am Tisch und aß ruhig zu Abend.

Sie sah ihren Mann nicht einmal an.

Am Morgen hatte Denis gesagt, er würde später kommen, und ihr befohlen, nicht mit dem Abendessen auf ihn zu warten.

Also aß sie.

Dass ihr Ehemann plötzlich mit einem vor Wut verzerrten Gesicht nach Hause gestürmt war, schien sie überhaupt nicht zu betreffen.

Als Denis schließlich außer Atem war und zum hundertsten Mal eine Erklärung verlangte, schob Alla schweigend ihren Teller zur Seite.

Sie stand auf, warf ihrem Mann einen gleichgültigen Blick zu und sagte, sie werde von nun an nichts mehr mit irgendjemandem abstimmen.

Sie habe jetzt ein neues Leben.

Sie ging ins Wohnzimmer, legte sich auf das Sofa und schaltete den Fernseher ein.

Das Geschirr blieb auf dem Tisch stehen.

Für Denis war das unvorstellbar.

Seine perfekte Alla, die achtundzwanzig Jahre lang die ganze Familie tadellos bedient hatte, spülte ihren eigenen Teller nicht ab!

Vor Wut blind stürmte er ins Zimmer und riss das Fernsehkabel aus der Steckdose.

Im selben Augenblick flog ihm die schwere Fernbedienung ins Gesicht.

Sie traf ihn direkt auf dem Nasenrücken.

Denis heulte vor Schmerz auf, griff sich ins Gesicht, und zwischen seinen Fingern schoss Blut hervor.

Doch statt sich mit Entschuldigungen und einem Handtuch auf ihren Mann zu stürzen, stand Alla langsam vom Sofa auf.

Sie schob ihren winselnden Ehemann beiseite, hob die Fernbedienung vom Boden auf, steckte den Stecker wieder in die Steckdose und zischte durch zusammengebissene Zähne, dass sie ihm den Fernseher über den Kopf ziehen würde, falls er ihn noch einmal anfasste.

Mit der Hand auf der blutenden Nase rannte Denis ins Badezimmer.

Alla schloss hinter ihm die Tür und drehte den Film lauter.

Sie hatte nicht mehr vor, sich sein Geschrei oder sein Stöhnen anzuhören.

**Der beunruhigende Anruf der Schwiegermutter**

Für Denis hatte dieser Tag ganz gewöhnlich begonnen, bis seine Mutter anrief.

Tatjana Lwowna war völlig hysterisch.

Sie war gerade von der Datscha ihrer Freundin zurückgekehrt und hatte dort unglaubliche Neuigkeiten erfahren.

In derselben exklusiven Gartensiedlung hatte jemand eine luxuriöse dreistöckige Villa auf einem zwölf Ar großen Grundstück gekauft.

Und dieser „Jemand“ war ihre Schwiegertochter Alla.

Tatjana Lwowna fühlte sich zutiefst beleidigt.

Wie konnte ihr Sohn es wagen, eine Datscha zu kaufen, ohne seine eigene Mutter einzuladen?

Ohne sie um Rat zu fragen?

Denis versuchte sich zu rechtfertigen.

Er schwor, seine Mutter müsse etwas verwechselt haben und sie besäßen überhaupt keine Datscha.

Doch seine unermüdliche Mutter hatte sogar den Vorsitzenden der Gartensiedlung ausfindig gemacht.

Ein Irrtum war ausgeschlossen.

Die neue Eigentümerin war Alla.

Und das war noch nicht alles.

Die Nachbarn des luxuriösen Anwesens hatten Tatjana Lwowna zugeflüstert, dass die Besitzerin nun den ganzen Tag auf dem Land verbrachte, weil sie ihre Arbeit gekündigt hatte.

Das war ein echter Schlag in die Magengrube.

Denis spürte, wie ihm der Boden unter den Füßen weggezogen wurde.

Alla arbeitete als leitende Ingenieurin.

Sie hatte nicht nur ein gutes, sondern ein gewaltiges Gehalt.

Nur dank dieses Geldes konnte sich Denis, ein bescheidener wissenschaftlicher Mitarbeiter, ein „schönes Leben“ leisten.

Nur dank seiner Frau wechselte er alle drei Jahre sein Auto, trug teure Anzüge, aß gut und bekam dicke Umschläge mit „Taschengeld“.

Alla bezahlte die Hypothek für eine riesige Vierzimmerwohnung im Zentrum von Moskau, die ihre Schwiegereltern im Jahr zuvor gekauft hatten.

Jeden Monat gab Alla den erwachsenen Kindern beträchtliche Summen.

Ihr Sohn Semjon bekam Geld für Skiurlaube.

Ihre Tochter Olja bekam Geld für Reisen ans Meer.

Schwiegertochter und Schwiegersohn bekamen Geld für Markenkleidung und Privatschulen für die Enkel.

Achtundzwanzig Jahre lang hatte Alla verdient und das Geld verteilt.

Sein eigenes Gehalt gab Denis ausschließlich für sich selbst aus.

**Das neunzehnjährige Problem**

Als Denis von seiner Mutter erfuhr, dass seine Frau gekündigt hatte, begriff er, dass sein bequemes Leben am Rand eines Abgrunds hing.

Sofort wählte er Angelas Nummer.

Das Mädchen war neunzehn Jahre alt.

Denis traf sich schon seit längerer Zeit mit ihr, erklärte ihr regelmäßig seine glühende Liebe und überschüttete sie mit Geschenken, die er mit dem Geld seiner Frau gekauft hatte.

Hastig teilte er Angela mit, dass sie sich an diesem Abend nicht sehen könnten, weil zu Hause dringende Probleme aufgetreten seien.

Als Antwort ertönte eine verwöhnte, eisige Stimme.

Angela erklärte, dass sie schnell einen Ersatz finden würde, falls ein fünfzigjähriger alter Mann wichtigere Dinge zu tun habe, als sich mit ihr zu treffen.

Es gebe genug Interessenten.

Dann legte sie auf.

Denis stand da und war schweißgebadet.

Er wusste, dass Angela nicht bluffte.

Ohne Allas Geld konnte er seine junge Geliebte nicht länger finanzieren.

Die Wahl zwischen seiner Frau und seiner jungen Leidenschaft stellte sich nicht einmal.

Eine Geliebte war natürlich wunderbar.

Doch ernährt, bekleidet und versorgt wurde Denis von seiner rechtmäßigen Ehefrau.

Er musste sofort nach Hause fahren und seine wichtigste „Geldquelle“ retten.

Während der gesamten Fahrt betete er, dass seine Mutter sich geirrt hatte.

Welche Villa?

Welche Kündigung?

Konnte Alla wirklich solche Entscheidungen treffen, ohne ihn zu informieren?

Doch Alla bestätigte nicht nur alle Gerüchte.

Sie brach ihm auch beinahe die Nase.

**Der Familienrat zur Rettung des Geldbeutels**

Mit geschwollener Nase saß Denis in der Küche und begann, die Verwandten anzurufen.

Eine Stunde später erinnerte die Wohnung an einen aufgescheuchten Bienenstock.

Alle kamen.

Seine Mutter Tatjana Lwowna und sein Vater Gennadi Petrowitsch eilten herbei.

Der siebenundzwanzigjährige Sohn Semjon kam mit seiner Frau Marta und seinem Sohn Wasja.

Die sechsundzwanzigjährige Olga erschien mit ihrem Mann Artur und ihrem Sohn Charles.

Sie drängten sich in die Küche und flüsterten beunruhigt miteinander.

Niemand verstand, was mit ihrer stets hilfsbereiten und gehorsamen Alla geschehen war.

Woher kam plötzlich dieser Aufstand?

Alla hörte, dass die Wohnung voller Menschen war, doch sie kam nicht einmal heraus, um sie zu begrüßen.

Es war ihr vollkommen gleichgültig.

Früher wäre sie bereits herumgelaufen, hätte den Tisch gedeckt und gefragt, wer Tee und wer Kaffee wollte.

Doch diese Alla, die gehorsame Geldgeberin der ganzen Familie, war vor zwei Monaten gestorben.

Nur wussten die Verwandten noch nichts davon.

In diesen zwei Monaten hatte sie still ihre Flucht vorbereitet.

Sie hatte Vermögenswerte übertragen, ihre Angelegenheiten bei der Arbeit beendet und ihr neues Nest eingerichtet.

Schließlich nahm die gesamte Delegation all ihren Mut zusammen und marschierte hintereinander ins Wohnzimmer.

**Das Geheimnis, das alle außer ihr kannten**

Die Verwandten umringten das Sofa und verlangten einstimmig Erklärungen.

Alla seufzte.

Sie schaltete den Fernseher aus, setzte sich auf, sah ihre große Familie der Reihe nach an und sprach Worte aus, nach denen eisige Stille im Zimmer herrschte.

Sie sagte, dass sie sie alle hasste.

Jeden Einzelnen von ihnen.

Tatjana Lwowna presste theatralisch die Hände an die Brust und stieß einen beleidigten Schrei aus.

Wie konnte man so mit seinen Angehörigen sprechen?

Was hatten sie getan?

Daraufhin erzählte Alla ihnen ruhig und ohne den geringsten Anflug von Hysterie, was zwei Monate zuvor geschehen war.

Sie war auf dem Heimweg von der Arbeit gewesen.

Sie kam an einem teuren Restaurant mit großen Glasfenstern vorbei.

Völlig zufällig sah sie Denis an einem Tisch sitzen.

Er war nicht allein.

Neben ihm saß ein junges Mädchen.

Ihr Mann sah sie auf eine Weise an, wie er Alla seit ungefähr zwanzig Jahren nicht mehr angesehen hatte.

Alla ging hinein, setzte sich unbemerkt in einiger Entfernung hin und verstand alles.

Doch das Schlimmste war nicht das.

Sie machte an Ort und Stelle keinen Skandal.

Stattdessen engagierte sie einen Privatdetektiv.

So erfuhr sie eine Wahrheit, die die letzten Reste ihrer Liebe für immer aus ihrem Herzen brannte.

Es stellte sich heraus, dass wirklich alle von Angela wussten.

Die Schwiegermutter wusste es.

Der Schwiegervater wusste es.

Die Schwiegertochter und der Schwiegersohn wussten es.

Und das Ungeheuerlichste war, dass auch ihre beiden leiblichen Kinder, Semjon und Olja, davon wussten.

Die ganze Familie hatte Alla freundlich angelächelt, dicke Bündel Geld von ihr angenommen und auf ihre Kosten Urlaub gemacht.

Hinter ihrem Rücken deckten sie jedoch Denis’ Affäre.

Niemand hatte ihr die Wahrheit gesagt.

Kein einziger Mensch.

Die Schwiegermutter hatte die Affäre ihres Sohnes sogar unterstützt.

Ihr „Junge“ brauche eben etwas Freude, da er unter seiner herrischen Frau leide.

Die Kinder hatten geschwiegen, weil sie Angst hatten, ihre Mutter würde nach einer Scheidung ihren grenzenlosen Geldbeutel schließen.

Genau deshalb hatte Alla ihre Traumdatscha nicht irgendwo gekauft, sondern genau in jener Gartensiedlung, in die ihre Schwiegermutter regelmäßig fuhr.

Sie wollte, dass Tatjana Lwowna die Villa als Erste sah und vor Neid beinahe erstickte.

**Das Ultimatum und die Versuche zu verhandeln**

Im Wohnzimmer war es so still, dass man die Wanduhr ticken hören konnte.

Als Erste erholte sich die Schwiegermutter.

Als sie begriff, dass es ernst wurde, wechselte sie augenblicklich von Wut zu Freundlichkeit.

Sie begann zu schmeicheln, nickte eifrig und versprach, dass sie alles in Ordnung bringen würden.

Sie versicherte feierlich, dass Denis Angela sofort verlassen und sie nie wieder berühren würde.

Denis selbst nickte verzweifelt, weil er spürte, wie ihm die Millionen entglitten.

Er begann, sich vor seiner Frau zu entschuldigen.

Er stammelte, dass er bereit sei, diese „jugendliche Verirrung“ zu opfern, um die Familie zu retten.

Alla lächelte kalt.

„Ich würde es niemals wagen, meinem Mann ein so großes Glück zu nehmen.“

Als sie begriffen, dass sie Alla damit nicht erreichen konnten, wurde die schwere Artillerie eingesetzt.

Der Schwiegervater erinnerte sie an die luxuriöse Wohnung im Zentrum von Moskau.

Sie hätten sie schließlich mit einer Hypothek und einer minimalen Anzahlung gekauft!

Zehn Jahre müssten sie noch bezahlen!

Wenn Alla kein Geld mehr gäbe, würden die alten Leute auf der Straße landen!

Alla gähnte und antwortete, dass es ihr vollkommen gleichgültig wäre, selbst wenn sie bei zwanzig Grad Frost auf der Straße landeten.

Dann schoben sie die Kinder nach vorn.

Semjon und Olga stießen die kleinen Wasja und Charles in Richtung ihrer Großmutter und versuchten, ihr Mitleid zu wecken.

Sie schrien, dass die Enkel wegen ihres Egoismus nicht mehr an teuren Kursen teilnehmen könnten und von ihrer angesehenen Schule fliegen würden.

Semjon und Olga müssten ihre luxuriösen Autos verkaufen und in billige Schlafviertel ziehen.

„Im Leben passieren noch schlimmere Dinge“, antwortete Alla gleichgültig.

„Ihr werdet irgendwie damit leben müssen.“

Die Ehepartner der Kinder wollten gerade den Mund öffnen, doch Alla brüllte so laut, dass sie erschrocken die Köpfe einzogen.

Sie befahl allen, sofort ihre Wohnung zu verlassen.

Als Denis verwirrt fragte, was mit ihm sei, sah seine Frau ihn an, als wäre er Luft.

„Für dich gilt das als Erstes“, sagte sie scharf.

„Verschwinde.“

**Der Dominoeffekt**

Das Leben brachte erstaunlich schnell alles wieder an seinen richtigen Platz.

Alla besaß beträchtliche Aktien ihres ehemaligen Unternehmens, die sie bereits in jungen Jahren erhalten hatte.

Die Dividenden reichten mehr als aus, um luxuriös in ihrer exklusiven Villa zu leben, einen Gärtner zu beschäftigen und sich um nichts kümmern zu müssen.

Das Imperium ihrer Schmarotzer brach dagegen wie ein Kartenhaus zusammen.

Tatjana Lwowna und ihr Mann mussten ihre Wohnung dringend verkaufen.

Nach der Rückzahlung der Schulden an die Bank reichte das Geld aus dem Verkauf der Luxuswohnung gerade noch aus, um eine enge Einzimmerwohnung am äußersten Rand der Region zu kaufen.

Auch Allas Kinder kamen mit der harten Realität nicht zurecht.

Ohne die Zuwendungen seiner Mutter konnte Semjon seine anspruchsvolle Frau nicht mehr finanzieren.

Marta packte ihre Koffer und floh mit einem anderen Mann nach Sotschi.

Semjon blieb allein mit seinem achtjährigen Sohn zurück.

Artur verließ Olga auf genau dieselbe Weise.

Er verschwand mit einer neuen Partnerin in Richtung Kislowodsk, sobald er begriff, dass die finanzielle Unterstützung seiner Schwiegermutter endgültig vorbei war.

Die Enkel besuchen nun ganz gewöhnliche kostenlose Schulen in ihrer Wohngegend.

Und was geschah mit Denis?

Wie versprochen strich die neunzehnjährige Angela ihn an genau dem Tag aus ihrem Leben, an dem sie begriff, dass ihr „Sugar Daddy“ weder Geld noch ein Auto besaß.

Der einstige „Herr des Lebens“ haust nun mit seinen betagten Eltern in einer winzigen Wohnung und lebt von seinem erbärmlichen Gehalt im öffentlichen Dienst.

Alla reichte die Scheidung nicht ein.

Warum sollte sie?

Die Stadtwohnung hatte ihr bereits vor der Ehe gehört.

Auch die Aktien gehörten nur ihr.

Die neue Datscha hatte sie vorsorglich auf den Namen ihrer besten Freundin eintragen lassen.

Vor Gericht gab es also absolut nichts, was sie mit Denis hätte teilen müssen.

Sie strich diese Menschen einfach aus ihrer Wirklichkeit.

Sie genießt die frische Luft, kümmert sich um sich selbst und beobachtet aus der Ferne, wie ihre ehemalige Familie unter den Lebensbedingungen kämpft, die sie verdient hat.

Manchmal denkt sie darüber nach, dass sie ihrem Sohn und ihrer Tochter helfen könnte, eine gute Arbeit zu finden.

Sie könnte es.

Aber nur, wenn sie zu ihr kämen, ihr in die Augen sehen und sie aufrichtig um Verzeihung für ihren Verrat bitten würden.

Doch ihr Stolz und ihre Gier hindern sie daran, die Schwelle ihrer Datscha zu überschreiten.

Alla hat es nicht eilig.

Sie muss sich jetzt nirgendwohin mehr beeilen.

Was meinen Sie?

Hat Alla richtig gehandelt?

Schließlich standen auch ihre Kinder am Ende vor dem Nichts.

Hätten Semjon und Olga ihrer Mutter von der Untreue ihres Vaters erzählen müssen, selbst wenn sie damit riskierten, die Familie zu zerstören?

Oder war ihr Schweigen eine Form der Mittäterschaft, für die es keine Vergebung geben kann?