Schweigend holte ich einen Umschlag aus dem Tresor.
Elena öffnete das Büro des Direktors mit ihrem eigenen Schlüssel.

Der Schlüssel ließ sich nur schwer drehen.
Drinnen roch es nach süßem Vanille-Vape, fremdem Parfüm und Kaffee vom Vortag.
Auf dem Ledersofa lagen Beine in weißen Turnschuhen.
Sweta hob nicht einmal den Kopf von ihrem Handy.
Sie saß im Besuchersessel, hatte die Beine über die Armlehne gelegt und tippte schnell.
Auf dem Schreibtisch des Direktors stand eine schmutzige Tasse mit Spuren von knallrotem Lippenstift.
— Ich habe darum gebeten, anzuklopfen, — sagte Sweta beiläufig und scrollte weiter.
Elena schloss die Tür hinter sich.
Das Schloss klickte.
— Nimm die Füße herunter.
Sweta hob träge den Blick.
Ihre Lippen verzogen sich zu einem verächtlichen Lächeln.
Sie strich sich die Haare zurecht.
— Sie haben da etwas verwechselt, Elena Wiktorowna.
Das Lehrerzimmer ist im zweiten Stock.
Und hier ist das Büro von Igor Anatoljewitsch.
Und meines.
Elena trat an den Schreibtisch.
Sie sah die ehemalige Sekretärin ihres Mannes nicht wütend an.
Eher wie einen Schmutzfleck auf dem Boden.
— Igor Anatoljewitsch wurde vor einer Stunde entlassen.
Der Erlass wurde im Schulamt unterschrieben.
Sweta schnaubte.
— Ach, erzählen Sie doch keine Märchen.
Igor ist gerade bei der Verwaltung.
Er wird alles regeln.
Die schieben dort doch nur irgendwelche Papiere hin und her.
— Er wird nichts regeln.
Denn seit heute bin ich zur Direktorin der Schule ernannt worden.
Elena warf eine Mappe auf den Tisch.
Obenauf lag der Ernennungsbeschluss.
Der rote Stempel glänzte im Licht der Herbstsonne.
Sweta hörte auf, ihren Kaugummi zu kauen.
Langsam stellte sie die Füße auf den Boden.
Die Turnschuhe schlugen dumpf auf das Parkett.
— Das ist illegal, — presste sie hervor.
— Igor und ich haben diese Schule aus den Ruinen aufgebaut!
— Ich habe diese Schule aufgebaut.
Zwölf Jahre lang.
Als du noch nicht einmal zur Schule gegangen bist.
Elena fegte Swetas Kaffeetasse in den Papierkorb.
Die Tasse schlug kläglich gegen den Plastikrand.
Sweta zuckte zusammen.
— Hey!
Das war meine Lieblingstasse!
— Die Schlüssel zum Tresor auf den Tisch.
Und dann verschwinde.
Sweta sprang auf.
Ihr Gesicht bekam rote Flecken.
— Sie haben kein Recht dazu!
Ich bin stellvertretende Direktorin für Verwaltungsangelegenheiten!
Ich bin übrigens schwanger!
— Die Bescheinigung aus der Klinik bringst du in die Personalabteilung.
Die Schlüssel.
— Die gebe ich nicht her.
— Dann rufe ich die Polizei.
Und wir öffnen den Tresor gemeinsam.
Und dabei überprüfen wir gleich, wohin das Geld für die Reparatur des Daches über der Sporthalle verschwunden ist.
Sweta wurde blass.
Sie ballte die Fäuste so fest, dass ihre Knöchel weiß wurden.
Schweigend steckte sie die Hand in die Tasche ihres teuren Cardigans.
Sie warf den Schlüsselbund auf den Tisch.
Klimpernd rollten die Schlüssel über das polierte Holz.
— Das werden Sie noch bereuen, — zischte Sweta.
— Schließ die Tür von der anderen Seite.
Sweta stürmte aus dem Büro.
Elena blieb allein zurück.
In der Wohnung war es still.
Genauer gesagt, im Büro.
Im Laufe der Jahre war die Grenze verschwommen.
Elena ging zum Tresor.
Der schwere Metallkasten verbarg sich hinter einer falschen Wandverkleidung unter dem Bücherregal.
Diesen Tresor hatten sie und Igor gemeinsam gekauft.
Vor fünf Jahren.
Damals waren sie noch eine Familie gewesen.
Elena steckte den Schlüssel hinein.
Sie drehte ihn zweimal.
Der Tresor piepte.
Drinnen war es leer.
Fast leer.
Kein Bargeld, keine Akten mit persönlichen Unterlagen.
Nur ein dicker gelber Umschlag.
Mit einem roten Marker und in Igors vertrauter kantiger Handschrift stand darauf: „Öffnen, wenn ich zu Unrecht entlassen werde.“
Elena schnaubte leise.
Gerechtigkeit und Igor.
Diese beiden Wörter hatten noch nie in einen Satz gehört.
Sie riss das Papier auf.
Dokumente fielen auf den Tisch.
Ein USB-Stick.
Kontoauszüge.
Werkverträge.
Elena nahm das erste Blatt.
Ihre Augen flogen schnell über die Zeilen.
Es war ein Kontoauszug der Firma „StrojGarant“.
Genau jener Firma, die im Sommer angeblich die ganze Schule renoviert hatte.
Elena drehte die Seite um.
Drei Überweisungen.
Eine Million zweihunderttausend Rubel.
Zwei Millionen.
Und noch einmal eine Million dreihunderttausend.
Insgesamt viereinhalb Millionen Rubel.
Genau dieselbe Summe, die Elena der Bank noch für die Hypothek schuldete.
Als Igor vor einem halben Jahr die Scheidung eingereicht hatte, hatte er alles so dargestellt, als wären es ihre Schulden.
Er hatte sich seinen Anteil in bar genommen.
Und sie aus ihrer gemeinsamen Wohnung geworfen.
Und aus der Schule.
Das nächste Dokument zwang Elena, sich in den Sessel zu setzen.
Ein Immobilienkaufvertrag.
Eine Einzimmerwohnung in einer neuen luxuriösen Wohnanlage.
Käuferin war Swetlana Jurjewna Makarowa.
Genau jene Sweta.
Das Kaufdatum stimmte verdächtig genau mit den Daten der Überweisungen von den Schulkonten überein.
Igor hatte diesen Umschlag nicht für Elena vorbereitet.
Er hatte ihn für die Staatsanwaltschaft zusammengestellt.
Für den Fall, dass Sweta oder jemand von weiter oben versuchen würde, ihn zum alleinigen Schuldigen zu machen.
Er hatte vorgehabt, seine Geliebte mit sich in den Abgrund zu reißen.
— Was für ein Feigling du doch bist, Igoscha, — sagte Elena laut.
Es klopfte an der Tür.
Hart.
Ohne Pause.
Die Tür flog auf, bevor Elena antworten konnte.
Igor stand auf der Schwelle.
Er atmete schwer.
Sein teurer Kaschmirmantel war offen.
Die Krawatte saß schief.
Auf seiner Stirn glänzte Schweiß.
Er sah Elena im Sessel.
Dann sah er den aufgerissenen Umschlag auf dem Tisch.
Sein Gesicht zuckte.
— Lena.
Rühr das nicht an.
Elena verschränkte die Hände ineinander.
Sie legte sie auf die Papiere.
— Guten Tag, Igor Anatoljewitsch.
Wir haben uns lange nicht gesehen.
Vier Monate vielleicht?
Genau seit der Gerichtsverhandlung zur Vermögensaufteilung.
Igor schloss die Tür.
Er trat an den Tisch.
— Das gehört dir nicht, Lena.
Gib es mir.
— Es lag in meinem Tresor.
In meinem Büro.
— Das ist meine Schule! — verlor Igor die Beherrschung.
— Sie war es.
Vor anderthalb Stunden.
Aber jetzt hat das Schulamt anders entschieden.
Sie haben dich wegen der finanziellen Löcher in Schande hinausgeworfen.
Igor stützte beide Hände auf den Tisch.
Er beugte sich über Elena.
Er roch nach Tabak und teurem Cognac.
— Lenka, hör mir zu.
Du verstehst nicht, worauf du dich einlässt.
Gib mir die Papiere.
Dort ist alles…
Alles ist sehr kompliziert.
— Was genau ist kompliziert? — fragte Elena ruhig.
— Dass du viereinhalb Millionen vom Konto der Schule an eine Scheinfirma überwiesen hast?
Oder dass deine schwangere Schlampe sich mit diesem Geld eine Wohnung gekauft hat?
Igor wich zurück.
Als hätte man ihn geschlagen.
— Sie ist keine Schlampe.
— Ihre Moral ist mir völlig egal.
Mich interessieren die Zahlen.
Viereinhalb Millionen.
— Lena, bitte, — Igors Stimme wurde sanft.
Samtig.
Genau wie damals, als er ihr vor zwölf Jahren seine Liebe geschworen hatte.
— Wir waren doch eine Familie.
Wir sind doch keine Fremden.
Elena sah ihn an, als wäre er Luft.
— Eine Familie?
— Ja!
Ich bin vom Weg abgekommen.
Ich habe einen Fehler gemacht.
Männer machen manchmal Fehler.
Das passiert doch jedem.
Aber ich habe dir doch das Auto gelassen!
Elena lachte kurz auf.
Nicht aus Freude.
Aus Wut.
— Das Auto?
Deinen verbeulten Hyundai von 2010, bei dem der Auspuff abfällt?
Sehr großzügig.
Im Austausch für meinen Anteil am Geschäft und die Hypothek.
Die ich jetzt allein bezahle.
Igor verzog das Gesicht.
— Du hast immer alles nur in Geld gemessen!
Du wolltest immer nur Kohle!
Swetka hat wenigstens eine Seele.
Und sie erwartet ein Kind.
Aber du bist eine kontrollsüchtige Schlampe.
Leer.
Dieser Satz traf sie hart.
Doch in Elena schloss sich endgültig etwas ab.
— Wenn Swetka eine Seele hat, soll sie dich auch retten.
Die Polizei wird in einer Stunde hier sein.
Ich werde ihr diesen Umschlag übergeben.
Als neu ernannte Direktorin bin ich verpflichtet, den Diebstahl zu melden.
Igor wurde blass.
Seine ganze Überheblichkeit verschwand augenblicklich.
— Lena…
Tu das nicht.
Lenusja.
Sie werden mich ins Gefängnis stecken.
— Das werden sie, — nickte Elena.
— Euch beide.
Dich und deine Sweta.
Mittäterschaft in einer Gruppe.
Fünf bis zehn Jahre.
Igor sank auf das Ledersofa.
Genau auf jenes Sofa, auf dem kurz zuvor noch die Turnschuhe seiner Geliebten gelegen hatten.
Er vergrub das Gesicht in den Händen.
— Sweta hat mich verlassen, — sagte er dumpf.
Elena hob eine Augenbraue.
— Gestern.
Sie sagte, sie brauche keinen Versager ohne Stellung.
Und die Wohnung hat sie geschickt auf ihren Namen eintragen lassen.
Noch vor unserer Ehe.
— Was für ein Drama.
Und den Umschlag hast du zusammengestellt, um sie zu erpressen?
— Ja.
Ich wollte mein Geld zurück.
— Nicht dein Geld.
Das Geld der Schule.
Elena legte die Papiere sorgfältig zurück in den Umschlag.
Dann steckte sie ihn in ihre Tasche.
— Verschwinde aus dem Büro.
— Lena!
— Raus.
Igor stand auf.
Er sah alt und erbärmlich aus.
Schweigend ging er zur Tür.
— Len, — sagte er an der Schwelle.
— Ich werde trotzdem nicht allein ins Gefängnis gehen.
Ich schiebe alles auf sie.
— Das ist mir egal.
Schlag die Tür richtig zu.
Als Elena wieder allein war, holte sie ihr Telefon heraus.
Sie wählte die Nummer des Bezirksbeamten.
Doch sie rief nicht an.
Sie löschte die Ziffern.
Sie hatte einen anderen Plan.
Einen viel pragmatischeren.
Am Abend kehrte Elena in ihre Mietwohnung zurück.
Eine Zweizimmerwohnung am Stadtrand.
Knarrender Fußboden.
Alte Blumentapeten.
Nach dem geräumigen Stadthaus, das sie selbst eingerichtet hatte, kam ihr diese Wohnung wie ein Käfig vor.
Für diesen Käfig zahlte sie jeden Monat dreißigtausend Rubel.
Und weitere sechzigtausend für die Hypothek des Hauses, in dem sie nicht mehr wohnte.
Im Schloss drehte sich ein Schlüssel.
Elena trat in den engen Flur.
Aus der Küche roch es nach gebratenen Zwiebeln.
Und nach Corvalol.
Elena spannte sich an.
Jemand Fremdes war in der Wohnung.
Sie machte einen Schritt nach vorn.
Aus der Küche kam Tamara Pawlowna.
Ihre ehemalige Schwiegermutter.
In den Händen hielt sie einen schmutzigen Küchenlappen.
— Ach, da bist du ja, — sagte Tamara Pawlowna.
Elena blieb stehen.
— Wie sind Sie hier hereingekommen?
— Ich habe den Ersatzschlüssel von Igor genommen.
Ihr seid doch keine Fremden, dass ihr gleich die Schlösser voreinander austauschen müsst.
Elena warf ihre Tasche auf die Kommode.
— Die Schlüssel auf den Tisch.
Und dann raus.
Tamara Pawlowna presste die Lippen zusammen.
Sie warf den Lappen auf die Heizung.
— Du warst schon immer böse, Lenka, und bist es auch geblieben.
Du willst deinen eigenen Mann ins Elend stürzen.
— Meinen Ex-Mann.
— Ein Stempel im Pass bedeutet vor Gott nichts! — erhob die Schwiegermutter die Stimme.
— Igor ist mein Sohn.
Und du bist verpflichtet, ihm zu helfen.
Elena ging in die Küche.
Auf dem Herd stand ihre Pfanne.
Tamara Pawlowna hatte sich Kartoffeln aus ihrem Kühlschrank gebraten.
Elena stellte das Gas ab.
— Ich bin ihm gar nichts schuldig.
Er hat Geld gestohlen.
Und mich betrogen.
— Ach, betrogen! — Tamara Pawlowna verdrehte die Augen.
— Der Mann ist vierzig!
Er braucht einen Erben!
Und du bist unfruchtbar.
Zwölf Jahre lang hast du es nicht geschafft, ein Kind zu bekommen.
Sweta hat es richtig gemacht und ist gleich im ersten Monat schwanger geworden.
Natürlich ist er zu ihr gegangen.
Ein Mann geht dorthin, wo Leben ist.
Elena umklammerte die Tischkante.
Die Worte trafen sie an ihrer verwundbarsten Stelle.
Jahrelang waren sie zu Ärzten gegangen.
Igor hatte Medikamente genommen.
Sie waren beide betroffen gewesen.
Doch am Ende war immer sie schuld gewesen.
— Wenn Sweta so großartig ist, soll sie auch seine Probleme lösen.
Warum sind Sie zu mir gekommen?
Tamara Pawlowna setzte sich auf einen Hocker.
Selbstverständlich legte sie die Hände auf den Tisch.
— Gib die Papiere zurück.
Igor hat gesagt, du hättest Beweise gegen ihn.
Vernichte sie.
— Nein.
— Lenka, stell dich nicht dumm an!
Du bist eine kluge Frau.
Warum brauchst du diesen Skandal in der Schule?
Na gut, er hat etwas aus dem Budget genommen.
Das machen doch alle!
Er hat es jetzt ohnehin schwer.
Das Schulamt setzt ihn unter Druck, und Swetka hat sich als ganz schöne Schlange erwiesen.
Elena schwieg.
Sie betrachtete ihre Schwiegermutter.
Die goldenen Ohrringe, die Elena ihr selbst zum Jubiläum geschenkt hatte.
Ihre unerschütterliche Überzeugung, im Recht zu sein.
— Wissen Sie, Tamara Pawlowna, — sagte Elena leise.
— Sie waren es doch, die Igor geraten hat, das Stadthaus auf Ihre Schwester zu überschreiben.
Damit ich bei der Scheidung nichts bekomme.
Die Schwiegermutter wich ihrem Blick nicht aus.
— Natürlich war ich das.
Warum sollte irgendeine fremde Frau unser Eigentum bekommen?
Du hast die Familie verlassen, also geh mit leerem Hintern.
Das ist gerecht.
Elena lächelte spöttisch.
— Gerecht.
Dann hören Sie mir jetzt genau zu.
Ich gebe Ihnen genau eine Minute, um diese Wohnung zu verlassen.
Den Ersatzschlüssel lassen Sie auf der Kommode.
Sonst rufe ich die Polizei.
Unbefugtes Eindringen in eine Wohnung ist strafbar.
— Ich werde dir gleich…!
— Fünfzig Sekunden.
Tamara Pawlowna sprang auf.
Ihr Gesicht verzog sich vor Wut.
— Miststück!
Unfruchtbare Schlange!
Niemand wird dich jemals lieben!
Du wirst hier allein verrecken!
Sie stapfte in den Flur.
Laut und wütend.
Sie schnappte sich ihre Jacke.
Elena beobachtete, wie ihre Schwiegermutter den Schlüssel auf die Kommode legte.
Die Tür schlug so heftig zu, dass Putz von der Decke rieselte.
Elena blieb allein zurück.
Sie schenkte sich ein Glas kaltes Wasser ein.
Sie trank es in einem Zug aus.
Ihre Hände zitterten nicht.
In ihrem Inneren war es vollkommen leer.
Und sehr ruhig.
Jetzt wusste sie, was sie tun musste.
Am nächsten Tag um zehn Uhr morgens saß Elena in ihrem neuen Sessel.
Auf dem Tisch lagen die Papiere aus dem Umschlag.
Es klopfte an der Tür.
Igor kam herein.
Hinter ihm schleppte sich widerwillig Sweta her.
Sie trug ein enges Kleid, das ihren kaum sichtbaren Bauch betonte.
Ihr Gesicht wirkte unzufrieden und hochmütig.
— Und warum hast du uns herbestellt? — sagte Sweta gleich von der Tür aus.
— Ich darf mich nicht aufregen.
Ich habe eine erhöhte Gebärmutterspannung.
Elena deutete auf die zwei Stühle vor dem Schreibtisch.
— Setzt euch.
Igor setzte sich.
Sweta blieb mit verschränkten Armen stehen.
— Ich bleibe stehen.
— Wie du willst, — sagte Elena scharf.
Sie schob eine Mappe an den Rand des Tisches.
— Ich habe alle Dokumente geprüft.
Eure Überweisungsschemata.
Den Vertrag über den Kauf der Wohnung.
Sweta schnaubte.
— Na und?
Die Wohnung gehört mir.
Sie wurde mit meinen persönlichen Ersparnissen gekauft.
Niemand wird irgendetwas beweisen können.
Elena nahm den USB-Stick heraus.
Sie drehte ihn zwischen den Fingern.
— Eine Tonaufnahme.
Vom achtundzwanzigsten August.
Die Stimme von Igor Anatoljewitsch und die Stimme von Swetlana Jurjewna.
Ihr besprecht, wie ihr gefälschte Abnahmeprotokolle für das Dach in die Kostenaufstellung eintragt.
Und Sweta sagt wörtlich: „Hauptsache, der Bauträger schafft es, den Kaufvertrag noch vor September abzuschließen, bevor jemand merkt, dass das Geld fehlt.“
Swetas Gesicht wurde lang.
Sie sah Igor an.
— Du hast uns aufgenommen?!
Du Dreckskerl!
Igor zog den Kopf zwischen die Schultern.
— Ich musste mich absichern!
Du hast mich doch sitzen lassen!
— Ich habe dich sitzen lassen?!
Du bist impotent und ein Versager!
— Haltet beide den Mund, — sagte Elena ruhig, aber hart.
Sie verstummten.
Elena lehnte sich im Sessel zurück.
— Ihr habt zwei Möglichkeiten.
Möglichkeit eins.
Ich rufe jetzt die Abteilung für Wirtschaftskriminalität an.
Ich gebe ihnen diese Mappe.
Ein Gutachten wird beweisen, wem die Stimmen auf der Aufnahme gehören.
Ihr werdet ins Gefängnis kommen.
Die Wohnung wird zugunsten des Staates beschlagnahmt.
Swetas Kind wird im Gefängnis geboren werden.
Sweta wurde blass.
Ihre Arroganz war verschwunden.
— Lena…
Warum bist du so? — murmelte Igor.
— Möglichkeit zwei, — fuhr Elena fort, ohne auf sein Jammern zu achten.
— Ich vernichte diese Mappe.
Dem Schulamt melde ich, dass das Geld für den Kauf von Geräten verwendet wurde, die beim Zoll festhängen.
Ich decke dieses Loch mit zukünftigen Budgets.
Die Schule wird keine Ansprüche stellen.
Es wird kein Strafverfahren geben.
Im Büro herrschte Totenstille.
Man hörte nur den Verkehr vor dem Fenster.
Sweta kniff misstrauisch die Augen zusammen.
— Und was hast du davon, uns zu decken?
Du hasst mich doch.
Elena sah ihr direkt in die Augen.
— Ich denke nicht in emotionalen Kategorien, Sweta.
Ich brauche Geld.
Elena legte ein weiteres Dokument auf den Tisch.
Ein leeres Formular für einen Schenkungsvertrag.
Und ein Blatt Papier mit den Bankdaten.
— Viereinhalb Millionen.
So viel kostet eure Freiheit.
Sweta, du rufst jetzt sofort deinen Makler an.
Ihr bietet die Wohnung zum schnellen Verkauf an.
Und überweist den gesamten Betrag auf mein Hypothekenkonto.
— Bist du völlig verrückt geworden?! — kreischte Sweta.
— Das ist meine Wohnung!
— Das ist gestohlenes Geld, — sagte Elena scharf.
— Du hast keine eigene Wohnung.
Entscheide dich.
Entweder du gibst mir das Geld, oder du gehst ins Gefängnis.
Sweta sah Igor an.
— Tu etwas!
Bist du ein Mann oder was?
Igor starrte auf den Boden.
— Swet…
Sie hat recht.
Wir haben keine Wahl.
Sie werden uns einsperren.
Lenka macht keine Scherze.
— Feigling!
Waschlappen! — Sweta schlug mit der Faust auf den Tisch.
— Sie sind eine Erpresserin!
Ich gehe zur Polizei und sage, dass Sie mich erpressen!
Elena lächelte.
Kalt und berechnend.
— Geh ruhig.
Eine Erpressung muss bewiesen werden.
Der Diebstahl aus dem Budget ist dagegen hier eindeutig dokumentiert.
Dazu kommt Urkundenfälschung.
Na, gehen wir gemeinsam Anzeigen erstatten?
Sweta begann schwer zu atmen.
Sie sah auf die Mappe.
Dann zur Tür.
Dann wieder zu Elena.
— Ich…
Ich habe so viel Geld im Moment nicht.
— Dann fahren wir zum Notar.
Du schließt einen Darlehensvertrag ab und hinterlegst die Wohnung als Sicherheit.
Du wirst mir persönlich das Geld schulden.
Du verkaufst die Wohnung und zahlst mich aus.
Igor hob den Kopf.
— Und ich?
Was soll ich tun?
— Du, Igor, wirst dir eine Arbeit suchen.
Am besten als Möbelpacker.
Denn ich werde dafür sorgen, dass du im Bildungsbereich nie wieder eine Stelle bekommst.
Elena nahm einen Stift.
Sie schob Sweta ein Blatt Papier hin.
— Schreib einen Schuldschein.
Sofort.
Nach meiner Vorlage.
Mit zitternden Händen nahm Sweta den Stift.
Ihre Augen füllten sich mit Tränen hilfloser Wut.
— Ersticken sollst du an deinem Geld.
Sie begann zu schreiben.
Schnell und hart, sodass der Stift über das Papier kratzte.
Igor sah verzweifelt zu.
Innerhalb einer Woche hatte er die Schule, seine Stellung, sein Geld und seine junge Frau verloren.
— Lena, — sagte er leise.
— Und was ist mit…
Uns?
Wir haben diese Schule doch so viele Jahre gemeinsam aufgebaut.
Elena beobachtete, wie Sweta ihre Unterschrift setzte.
— Wir haben gar nichts gemeinsam aufgebaut, Igor.
Ich habe geschuftet.
Und du hast gestohlen.
Der Unterschied ist offensichtlich.
Sweta warf den Stift auf den Tisch.
— Da.
Das war’s.
Ich gehe.
Mir ist schlecht.
Sie drehte sich zum Ausgang.
— Halt, — sagte Elena.
Sweta drehte sich um.
— Was noch?
Willst du auch noch mein Blut trinken?
Elena stand hinter dem Schreibtisch auf.
Sie ging zur Garderobe.
Dort hing ein teurer italienischer Mantel.
Elena nahm ihn vom Haken.
Dann warf sie ihn direkt vor Sweta auf den Boden.
— Mein Büro ist jetzt sauber.
Nimm deine Sachen mit und lass dich hier nie wieder blicken.
Und nimm deine Turnschuhe aus der Ecke mit.
Sweta wurde blass.
Langsam beugte sie sich hinunter und stöhnte wegen ihres Bauches.
Sie hob den Mantel vom staubigen Parkett auf.
Dann nahm sie die Turnschuhe.
Sie sah Elena mit einem Hass an, der die Luft hätte entzünden können.
Aber sie sagte nichts.
Sie ging einfach hinaus und schlug die Tür zu.
Igor folgte ihr.
Schweigend und mit gesenktem Kopf.
Als sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, ging Elena zum Fenster.
Sie sah, wie Igor und Sweta auf die Stufen vor der Schule traten.
Sweta schrie ihn an und fuchtelte mit den Armen.
Igor stand nur da und rauchte.
Elena öffnete das Fenster.
Frische Septemberluft strömte ins Büro.
Sie sah wieder zum Tisch.
Dort lag ein Schuldschein über viereinhalb Millionen.
Und die Dokumente aus dem gelben Umschlag.
Morgen würde sie die Hypothek abbezahlen.
Und das Stadthaus zum Verkauf anbieten.
Übermorgen würde sie ihre erste Besprechung als Direktorin leiten.
Ohne Schulden, ohne Igor und ohne die Probleme anderer Menschen.
Ja, sie war nicht zur Polizei gegangen.
Ja, sie war zur Mittäterin bei der Vertuschung des Diebstahls aus dem Budget geworden.
Sie hatte eine Straftat im Amt begangen, um sich das zurückzuholen, was ihr rechtmäßig zustand.
Elena nahm ein Feuerzeug aus der Schreibtischschublade.
Das Rädchen klickte.
Die Flamme leckte an der Ecke des Kontoauszugs.
Das Papier wurde dunkel und rollte sich zusammen.
Sie warf das brennende Blatt in den Papierkorb.
Dann das nächste.
Im Büro roch es endlich nicht mehr nach fremdem Parfüm, sondern nach Rauch und Freiheit.
Wie hätten Sie an Elenas Stelle gehandelt?
Hätten Sie die Papiere der Polizei übergeben oder die Diebe gezwungen, Ihre Hypothek zu bezahlen?







