Die Höhe der Prämie wurde am Freitag bekannt gegeben, kurz vor dem Mittagessen.
Marina saß in der Buchhaltung und stimmte den Quartalsbericht ab, als Swetlana Grigorjewna, die Finanzchefin, mit einem leichten, fast verschwörerischen Lächeln hereinschaute:

— Glückwunsch. Fünfzigtausend werden zum Gehalt dazukommen.
Marina verstand nicht einmal sofort, worum es ging.
Dann dämmerte es ihr — die Quartalsprämie, an die sie schon aufgehört hatte zu denken.
Drei Monate lang hing das Projekt am seidenen Faden, die Leitung schaute finster, deutete Optimierungen an, und Marina hatte sich daran gewöhnt, dass es keine Boni geben würde.
Und dann — so ein angenehmer Zuschlag.
Natürlich kein Himmelssprung, aber für ihr Familienbudget eine durchaus spürbare Summe.
Sie fuhr im Bus nach Hause und rechnete im Kopf.
Die Winterstiefel trug sie schon die zweite Saison, die Sohle riss auf.
Man könnte vernünftige kaufen, keine chinesischen.
Oder etwas zurücklegen — für den Sommerurlaub, vielleicht würde es klappen, irgendwohin zu fahren, wenigstens in den Süden, ans Meer.
Aber bei Dimas Verdienst konnte man vom Meer nur träumen.
Dima.
Sie verzog das Gesicht, während sie auf das beschlagene Busfenster sah.
Sie würde vorsichtig von der Prämie erzählen müssen.
Er würde sofort anfangen auszurechnen, wofür man sie ausgeben könnte, würde vorschlagen, irgendetwas zu kaufen.
Meistens — nicht das, was man wirklich brauchte.
Zu Hause werkelte Dima in der Küche — er kochte Nudeln, dem Geruch nach.
Er arbeitete gerade irgendwo in einem Lager, beim Kommissionieren.
Vorübergehend, wie immer.
Davor hatte er gut zwei Monate überhaupt nicht gearbeitet, hatte nach etwas „Würdigem“ gesucht, wie er es nannte.
Marina widersprach nicht, sie ackerte einfach still in ihrer Firma, zog die Familie.
Kinder hatten sie keine — es hatte bisher nicht geklappt, oder vielleicht war es sogar gut so, dachte sie manchmal.
Bei ihren Finanzen.
— Wie war dein Tag? — fragte Dima, ohne sich umzudrehen.
Dabei rührte er die Nudeln im Topf um.
— Normal, — Marina warf die Tasche auf den Stuhl, zog die Schuhe aus.
— Ich bin müde.
— Ich hab Nudeln gemacht.
Würstchen sind da.
— Mhm.
— Mhm.
Sie ging ins Zimmer, zog sich um.
Sie dachte, sie würde noch nichts von der Prämie sagen, aber dann entschied sie — er würde es sowieso erfahren.
Besser gleich.
Beim Abendessen sagte sie so nebenbei:
— Übrigens, es gab eine Prämie.
Die Quartalsprämie.
Dima hob den Kopf, in seinen Augen flackerte Interesse auf:
— Ja?
Wie viel?
— Fünfzig.
— Nicht schlecht, — er nickte, kaute ein Stück Würstchen.
— Sehr passend.
— Wieso passend?
— Na ja, — er legte die Gabel hin, — Ira hat doch bald Geburtstag.
Vierzig.
Ein wichtiges Datum.
Ich hab überlegt, was ich ihr schenken könnte…
Marina legte die Gabel hin.
Natürlich.
Ira.
Dimas Schwester.
Wie hatte sie nicht sofort daran denken können.
— Und was hast du dir überlegt? — fragte sie mit ruhiger Stimme.
— Ich hab im Juwelierladen an der Komsomolskaja so schöne Ohrringe gesehen.
Mit Brillanten.
Nicht groß, aber sie sehen шикарно aus.
Ira mag sowas, sie hat mir das mal gesagt.
— Und wie viel kosten diese Ohrringe?
— Na ja, — Dima kratzte sich am Hinterkopf, — achtunddreißigtausend.
Aber ich hatte schon fünf von meinem letzten Verdienst zurückgelegt.
Und ich dachte, vielleicht leihe ich mir bei Ljokha so fünfzehn Tausend, und den Rest…
— Und jetzt ist meine Prämie passiert, — beendete Marina den Satz.
— Na ja, ja, — er lächelte, als wäre das selbstverständlich.
— Warum nicht?
Du hast sie doch jetzt.
Marina lehnte sich an die Stuhllehne zurück.
Im Bauch zog sich etwas zusammen — ein vertrautes, unangenehmes Gefühl.
Das kannten sie schon.
Viele Male.
— Dima, — begann sie vorsichtig, — ich verstehe nicht.
Ohrringe für achtunddreißigtausend?
Für deine Schwester?
Wir selbst haben kein Geld.
— Wie, kein Geld?
Du hast doch eine Prämie bekommen.
— Das ist meine Prämie.
Für meine Arbeit.
— Na und?
Wir sind doch Familie.
Ich arbeite auch.
— Im Lager, vorübergehend, den dritten Monat.
Dimas Gesicht verdunkelte sich.
— Und was ist falsch an Arbeit im Lager?
Ehrliche Arbeit.
Oder schämst du dich, dass dein Mann als Lagerarbeiter arbeitet?
— Verdreh nicht alles, — Marina fuhr sich müde mit der Hand übers Gesicht.
— Darum geht es nicht.
Es geht darum, dass ich nicht vorhabe, meine Prämie für Ohrringe für deine Schwester herzugeben.
— Das ist doch Ira.
— Dima, du hilfst ihr doch jeden Monat.
— Und?
— Sie hat einen Mann, einen Sohn.
Sollen sie ihr ein Geschenk kaufen.
— Petjka arbeitet überhaupt nicht richtig, das weißt du.
Und Denis ist Student.
Woher sollen die Geld für ein ordentliches Geschenk haben?
— Und woher sollen wir es haben?
— Du hast es doch!
Fünfzigtausend!
Dimas Stimme wurde lauter.
Marina spürte, wie in ihr alles zu kochen begann, aber sie hielt sich.
— Das ist meine Prämie, Dima.
Ich habe drei Monate geschuftet, um sie zu bekommen.
Und ich habe schon entschieden, wofür ich sie ausgeben werde.
— Für Stiefel bestimmt, — schnaubte er.
— Oder für irgendwelche Klamotten.
— Und wenn schon für Stiefel?
Oder für das, was ich will.
Das ist mein Geld.
— Also sind „meine“ und „deine“ jetzt so? — Dima sprang abrupt auf, der Stuhl quietschte.
— Gut.
Werde ich mir merken.
— Dima, warte…
Aber er war schon aus der Küche gegangen.
Marina hörte, wie die Zimmertür knallte.
Sie blieb sitzen und starrte auf die abkühlenden Nudeln.
Sie hatte keinen Appetit mehr.
Sie wusste, wie das enden würde.
Dima würde beleidigt sein, ein paar Tage düster herumlaufen, dann würde er sich beruhigen.
Oder auch nicht.
In letzter Zeit waren die Kränkungen lang geworden.
Und alles wegen Ira.
Ira war drei Jahre älter als Dima.
Nach dem Tod der Eltern — sie starben bei einem Unfall, als Dima noch an der Uni war — wurde sie für ihn so etwas wie eine zweite Mutter.
Sie kümmerte sich, half, zog ihn aus verschiedenen Schwierigkeiten heraus.
Dima vergötterte seine Schwester, und Marina wusste das schon vor der Hochzeit.
Aber das eine ist, es zu wissen, das andere — damit zu leben.
In den ersten Jahren war es erträglich.
Ira hielt Abstand, mischte sich nicht in ihr Leben ein.
Aber dann lief etwas schief — vielleicht begannen bei ihr selbst Probleme mit dem Mann, vielleicht etwas anderes.
Sie rief häufiger an, bat um Hilfe.
Mal musste beim Renovieren geholfen werden, mal Geld bis zum Gehalt geliehen, mal musste der Sohn Denis aus irgendeiner Geschichte herausgeholt werden.
Dima stimmte allem zu.
Er sagte nie nein.
Marina versuchte, mit ihm darüber zu reden.
Vorsichtig, behutsam.
Aber Dima hörte nicht.
Für ihn war Ira eine Heilige, und jedes kritische Wort über sie empfand er als Verrat.
— Sie ist meine Schwester, — sagte er.
— Der einzige verwandte Mensch.
Verstehst du das nicht?
Marina verstand es.
Aber leichter machte es das nicht.
In jener Nacht redeten sie nicht miteinander.
Dima legte sich demonstrativ aufs Sofa im Wohnzimmer.
Marina lag im Bett und starrte an die Decke.
Sie dachte, vielleicht sei sie wirklich egoistisch.
Vielleicht hätte sie zustimmen sollen.
Fünfzigtausend — das ist keine so riesige Summe, dass man wegen ihr einen Skandal machen müsste.
Dann erinnerte sie sich aber daran, wie oft sie schon nachgegeben hatte.
Wie oft sie zugestimmt, geopfert, entgegengekommen war.
Und Dima bemerkte es nicht einmal.
Für ihn war es selbstverständlich — Ira zu helfen, Punkt.
Am Morgen ging Dima früh zur Arbeit, ohne sich zu verabschieden.
Marina trank Kaffee, zog sich an, fuhr in die Innenstadt.
Sie ging in genau den Juwelierladen an der Komsomolskaja.
Einfach aus Neugier — um sich diese Ohrringe anzusehen.
Die Verkäuferin, eine gepflegte Frau mittleren Alters, lächelte freundlich:
— Kann ich Ihnen helfen, etwas auszusuchen?
— Ich schaue nur, — sagte Marina, trat aber an die Vitrine.
Die Ohrringe waren wirklich schön.
Klein, zierlich, mit Steinen, die im Lampenlicht schimmerten.
Marina stellte sie sich an Ira vor — sie mochte solche Dinge, effektvoll, auffällig.
Sie trug sie immer provokant, damit alle es sahen.
— Ein gutes Stück, — sagte die Verkäuferin, bemerkte ihren Blick.
— Weißgold, Brillanten, russischer Schliff.
Achtunddreißigtausend.
— Teuer, — erwiderte Marina automatisch.
— Die Qualität entspricht dem Preis.
Das ist für ein ganzes Leben.
Für ein ganzes Leben.
Marina lächelte schief.
Interessant, wie lange sie und Dima noch reichen würden, wenn es so weiterging?
Sie verließ den Laden, ging durch die Innenstadt.
Sie ging in ein Schuhgeschäft, probierte Stiefel an — bequem, warm, mit guter Sohle.
Genau zwanzigtausend.
Am Abend kam Dima spät nach Hause.
Er roch nach Schweiß und irgendeiner Chemie.
Er spülte sich kurz unter der Dusche ab und ging in die Küche.
Marina wärmte Suppe auf.
— Isst du zu Abend? — fragte sie.
— Ja.
Sie aßen schweigend.
Dima hob den Blick nicht.
Marina spürte, wie zwischen ihnen eine unsichtbare Wand gespannt war.
Kalt, dicht.
— Ich hab mit Ljokha geredet, — sagte Dima plötzlich.
— Er hat zugestimmt, mir fünfzehntausend zu geben.
Sagte, ich geb’s bis Ende des Monats zurück.
Marina ließ den Löffel langsam sinken.
— Du hast also trotzdem beschlossen, diese Ohrringe zu kaufen?
— Ich hab eigene Ersparnisse.
Mir fehlen achtzehn.
— Und woher nimmst du die?
— Weiß nicht, — Dima presste die Kiefer zusammen.
— Ich bitte noch jemanden.
Oder nehme einen Kredit.
— Wen noch?
Dima, verstehst du, was du tust?
Du verschuldest dich wegen eines Geschenks für deine Schwester!
— Sie ist meine Schwester! — er wurde laut.
— Die einzige!
Sie hat einen runden Geburtstag, vierzig, das ist wichtig!
Und ich will ihr ein gutes Geschenk machen!
— Auf meine Kosten!
— Gib Geld für ein Geschenk für meine Schwester, — sagte er hart und sah ihr in die Augen.
— Gib’s einfach.
Du hast doch die Prämie bekommen.
Bist du etwa geizig?
Marina spürte, wie in ihr etwas endgültig abbrach.
Sie stand auf, verschränkte die Arme vor der Brust.
— Ja, ich bin geizig.
Mir ist meine Prämie für deine verrückten Ideen zu schade.
Ich gebe dir kein Geld, Dima.
Willst du deiner Schwester Brillanten schenken — dann verdien sie selbst.
— Ich arbeite!
— Drei Monate im Lager!
Und davor hast du ein halbes Jahr gar nichts gemacht!
Und ich schufte wie verflucht, damit wir irgendwie leben!
Und jetzt willst du, dass ich meine Prämie für Ohrringe für Ira hergebe?
— Ich wusste, dass du sie nicht magst, — Dima stand auf, sein Gesicht wurde bleich.
— Ich wusste es immer.
Du hasst sie.
— Ich hasse Ira nicht, — Marina sprach langsam und versuchte, die Stimme ruhig zu halten.
— Ich verstehe nur nicht, warum wir ihre Probleme lösen müssen.
Sie hat eine Familie.
Sollen die ihr helfen.
— Sie hat keine normale Familie!
Der Mann ist ein Lappen, der Sohn ein Nichtsnutz!
Es gibt niemanden, der sich um sie kümmert, außer mir!
— Und wer kümmert sich um mich? — platzte es aus Marina heraus.
— Um uns beide?
Oder sind wir nicht wichtig?
Dima schwieg.
Er sah sie mit einem schweren, beleidigten Blick an.
Dann drehte er sich um und ging hinaus.
Diesmal knallte die Tür nicht — sie schloss sich leise, fast lautlos.
Und in dieser Stille lag etwas, das noch beängstigender war als ein Streit.
Marina blieb in der Küche stehen.
Im Kopf war es leer.
Sie sah auf den halb gegessenen Borschtsch, auf die schmutzigen Teller, auf die alte, abgeplatzte Fliese an der Wand.
Sie dachte daran, dass sie sechsunddreißig war und immer noch in einer Mietwohnung lebte, alte Stiefel trug und jeden Cent umdrehte.
Und ihr Mann verschuldete sich, um Ohrringe für seine Schwester zu kaufen.
Vielleicht war sie wirklich ein Monster.
Vielleicht hätte eine normale Ehefrau zugestimmt, geholfen.
Aber Marina war es leid, eine normale Ehefrau zu sein.
Sie war es leid, nachzugeben, zu opfern, zu verstehen.
In den nächsten Tagen sprachen sie fast nicht miteinander.
Dima ging zur Arbeit, kam spät zurück, aß schweigend, ging ins Zimmer.
Marina versuchte nicht, Kontakt aufzunehmen.
In ihr fühlte sich etwas hart an, undurchdringlich.
Früher wäre sie als Erste zur Versöhnung gegangen, aber jetzt — nein.
Am Mittwoch, als sie von der Arbeit kam, war Dima nicht zu Hause.
Auf dem Tisch lag ein Zettel:
„Bin spät. Warte nicht.“
Marina zerknüllte den Zettel und warf ihn weg.
Sie setzte sich aufs Sofa, schaltete den Fernseher ein.
Sie sah irgendeine Sendung, ohne der Sache zu folgen.
Dann legte sie sich schlafen.
Dima kam weit nach Mitternacht.
Marina schlief nicht, sie hörte, wie er im Flur herumhantierte, dann in die Küche ging.
Etwas klirrte, raschelte.
Dann Stille.
Am Morgen fand sie ihn auf dem Sofa.
Er schlief, ohne sich auszuziehen.
Daneben auf dem Boden lag eine Tüte vom Juwelierladen.
Ihr Herz sackte ab.
Marina hob die Tüte auf.
Darin war ein Kästchen.
Sie öffnete es — Ohrringe.
Genau die, mit Brillanten.
Sie stand da, hielt die Schachtel und spürte, wie sich in ihr eine Saite spannte.
Er hatte sie gekauft.
Er hatte sie doch gekauft.
Er hatte sich verschuldet, sich bei allen Geld geliehen, bei denen es ging, aber er hatte sie gekauft.
Dima öffnete die Augen, sah sie trüb an.
— Siehst du? — sagte er heiser.
— Ich hab’s allein geschafft.
Dein Geld brauchte ich nicht.
— Wie viel schuldest du? — fragte Marina leise.
— Geht dich nichts an.
— Dima, wie viel?
— Dreiundzwanzigtausend, — er setzte sich auf und rieb sich das Gesicht mit den Händen.
— Ich zahl’s zurück.
Bis Ende des Monats.
Ich finde noch einen Nebenjob, aber ich zahl’s zurück.
Marina setzte sich neben ihn aufs Sofa.
Sie stellte die Schachtel auf den Tisch.
— Verstehst du, was du anstellst?
— Ich verstehe, — Dima stand auf und ging zur Tür.
— Ich mache meiner Schwester ein Geschenk zu ihrem runden Geburtstag.
Normale Menschen machen das so.
Sie kümmern sich um Verwandte.
Er ging ins Bad.
Marina blieb sitzen und starrte auf die Schachtel mit den Ohrringen.
Achtunddreißigtausend.
Dreiundzwanzigtausend Schulden.
Wegen Ira.
Am Samstag war der Geburtstag.
Dima machte sich morgens fertig, bügelte sein Hemd, packte das Geschenk in eine hübsche Tüte.
Marina beobachtete ihn aus der Küche.
— Kommst du mit? — fragte er, ohne sich umzudrehen.
— Nein.
— Warum?
— Ich will nicht.
— Ira wird beleidigt sein.
— Soll sie.
Dima drehte sich um.
In seinen Augen zuckte etwas — Überraschung oder Enttäuschung.
— Wie du willst, — er nahm die Tüte und ging.
Marina blieb allein.
Sie setzte sich ans Fenster und sah in den grauen Hof, auf die kahlen Bäume.
Es war Anfang November, kalt und trostlos.
Sie dachte, vielleicht hätte sie hingehen sollen.
Der Form halber, des Friedens in der Familie wegen.
Aber etwas in ihr wehrte sich.
Sie war es leid, so zu tun.
Dima kam spät am Abend zurück.
Betrunken, fröhlich.
Marina saß in der Küche und trank Tee, als er in die Wohnung stolperte.
— Marin! — brüllte er aus dem Flur.
— Du hättest sehen sollen, wie Irka sich gefreut hat!
Die Ohrringe haben ihr so gefallen!
Sie hat geweint!
Kannst du dir das vorstellen, sie hat vor Glück geweint!
Er kam in die Küche, schwankend.
Das Gesicht rot, die Augen glänzend.
— Alle haben gesagt, was für ein toller Kerl ich bin.
So ein Geschenk!
Petjka war sogar neidisch, ich hab’s gesehen.
Und Denis hat gesagt: „Onkel, du bist cool!“ — Dima lachte.
— So ist das.
Marina schwieg.
Sie sah ihn an und dachte, dass sie einen fremden Menschen sah.
Betrunken, selbstzufrieden, völlig unfähig zu begreifen, was passiert war.
— Warum schweigst du? — Dima plumpste auf den Stuhl gegenüber.
— Bist du beleidigt?
Na komm schon.
Ich zahl alle Schulden zurück, versprochen.
Ich jobbe irgendwo.
Ich nehme zusätzliche Schichten im Lager.
Ich schaff das.
— Dima, — sagte Marina leise, — ich will, dass du ausziehst.
Er erstarrte.
Das Lächeln rutschte ihm vom Gesicht.
— Was?
— Zieh aus.
Wohn eine Weile getrennt.
Wir müssen eine Pause machen.
— Du… meinst das ernst?
— Absolut.
Dima schwieg.
Er sah sie verständnislos an, als würde sie eine Fremdsprache sprechen.
— Weswegen?
Wegen der Ohrringe?
— Nicht wegen der Ohrringe, — Marina stand auf, ging zum Fenster.
— Wegen allem.
Weil du niemanden siehst außer Ira.
Weil wir aufgehört haben, eine Familie zu sein.
Wir wohnen einfach nebeneinander, das ist alles.
— Wir sind Familie, — murmelte Dima.
— Natürlich Familie.
— Nein, — Marina drehte sich um.
— Deine Familie ist Ira.
Für dich bin ich nur… ein Mensch, der verdient, putzt, kocht.
Und der auch noch deine Anfälle finanzieren soll.
— Das ist nicht so…
— Doch, Dima.
Und ich bin müde.
Sehr müde.
Er saß da, den Kopf gesenkt.
Die betrunkene Fröhlichkeit war verflogen.
Jetzt sah er einfach nur verwirrt und jämmerlich aus.
— Ich wollte nicht, — sagte er leise.
— Wirklich nicht, dass es so kommt.
— Ich weiß.
— Ira ist alles, was ich von Verwandten habe.
Außer dir natürlich.
Aber sie… sie ist älter, sie hat so viel für mich getan…
— Ich verstehe, — Marina fuhr sich müde mit der Hand übers Gesicht.
— Ich verstehe, Dima.
Aber ich kann nicht mehr im Schatten deiner Schwester leben.
Ich kann nicht die zweite Wahl sein.
— Du bist nicht die zweite Wahl.
— Wirklich?
Wen rufst du als Erstes an, wenn du Probleme hast?
Wem erzählst du von der Arbeit, von Plänen?
Mit wem berätst du dich, wenn man etwas entscheiden muss?
Dima schwieg.
— Genau, — Marina nickte.
— Ira.
Immer Ira.
Und ich — nur Kulisse.
Sie ging ins Zimmer, schloss die Tür.
Sie legte sich aufs Bett und starrte an die Decke.
Sie hörte, wie Dima durch die Wohnung ging, etwas vor sich hin murmelte, dann wurde es still.
Am Morgen waren seine Sachen in einer alten Sporttasche gepackt.
Dima stand im Flur, angezogen, ernst.
Der Kater war ihm ins Gesicht geschrieben.
— Ich fahre zu Ira, — sagte er.
— Für eine Woche.
Vielleicht kühlen wir beide ab.
Marina nickte.
Sie fand keine Worte.
Er ging, und die Wohnung wurde erschreckend still.
Marina setzte sich in die Küche, goss sich Kaffee ein.
Ihre Hände zitterten.
Sie hatte nicht erwartet, dass alles so ausgehen würde.
Sie dachte, sie würden reden, sich versöhnen, wie immer.
Aber es kam anders.
Vielleicht umsonst?
Vielleicht war sie zu weit gegangen?
Dann erinnerte sie sich an sein Gesicht, als er erzählte, wie Ira vor Glück geweint hatte.
Dieses zufriedene, strahlende Gesicht.
Er war glücklich, weil er seine Schwester glücklich gemacht hatte.
Und dass er Schulden gemacht, seine Frau in eine peinliche Lage gebracht, ihre Beziehung zerstört hatte — das war unwichtig.
Sie nahm das Telefon und schrieb ihrer Freundin Olga:
„Kann ich bei dir vorbeikommen?
Ich muss reden.“
Die Antwort kam sofort:
„Natürlich.
Ich warte.“
Marina zog sich an und ging hinaus.
Der Tag war klar, frostig.
Die Sonne blendete.
Sie ging die Straße entlang und dachte, dass das vielleicht das Ende war.
Das Ende von ihr und Dima.
Und seltsam — sie fühlte keine Verzweiflung.
Eher Erleichterung.
Als wäre eine schwere Last von ihren Schultern gefallen.
Bei Olga weinte sie sich aus.
Sie erzählte alles — von der Prämie, von den Ohrringen, von Ira und Dimas Schulden.
Olga hörte zu, schüttelte den Kopf, schenkte Tee ein.
— Er ist krank, — sagte sie schließlich.
— Oder co-abhängig.
Von seiner Schwester.
— Er liebt sie.
— Liebe ist, wenn du dich um jemanden kümmerst, aber die anderen nicht vergisst.
Und hier ist es eine ungesunde Bindung.
Er lebt nach ihren Interessen, und du bist nur… eine Beigabe.
— Glaubst du, er wird sich nicht ändern?
Olga zuckte mit den Schultern:
— Ich weiß nicht.
Vielleicht, wenn er es will.
Aber will er es?
Marina schwieg.
Sie sah aus dem Fenster, hinter dem kleine Schneeflocken tanzten.
Am Abend rief Dima an.
Seine Stimme war leise, vorsichtig:
— Wie geht’s dir?
— Normal.
— Ich bin bei Ira.
Sie… sie war traurig, als sie es erfahren hat.
Sie sagte, man hätte die Ohrringe nicht kaufen sollen, wenn es wegen ihnen Probleme gibt.
— Jetzt ist es zu spät.
— Marin, lass uns treffen.
Richtig reden.
— Ich weiß nicht, Dima.
Ich weiß nicht, worüber wir reden sollen.
— Ich will nicht, dass wir uns trennen, — in seiner Stimme lag etwas Verzweifeltes.
— Ich will dich nicht verlieren.
— Dann musst du wählen, — sagte Marina hart.
— Mich oder Ira.
Ein Drittes gibt es nicht.
— Das ist unmöglich.
Ich kann nicht zwischen Frau und Schwester wählen.
— Dann hast du schon gewählt.
Sie legte auf.
Sie saß da, das Telefon in der Hand, und spürte, wie in ihr eine seltsame Ruhe eintrat.
Die Entscheidung war getroffen.
Wie es weitergeht, wird sich zeigen.
Ende.







