Grigori hörte die Musik schon auf der Treppe.
Laut, dörflich, albern.

Er stieß die Tür auf und erstarrte.
Mitten im Zimmer stand Anna, die Putzfrau, und hielt Alexej unter den Achseln, ihn ein Stück über dem Stuhl angehoben.
Sie drehte ihn im Kreis und stampfte im Takt des Radios.
Sein Sohn warf den Kopf zurück und lachte, wobei er mit den Armen fuchtelte.
— Stehenbleiben! — brüllte Grigori so, dass Anna den Jungen fast fallen ließ.
Sie setzte Alexej schnell wieder in den Stuhl, richtete die Decke.
Die Musik dröhnte weiter.
Grigori ging zum Radio, riss den Stecker aus der Steckdose.
— Was machst du da?
Er ist kein Spielzeug!
Sein Rückenmark ist verletzt, verstehst du das überhaupt?
— Ich war vorsichtig, ich habe ihn fest gehalten…
— Vorsichtig?! — Grigori zog Geld aus der Tasche und warf es auf den Tisch.
— Hier ist dein Wochenlohn.
Pack deine Sachen, und ich will dich hier nie wieder sehen.
Anna nahm die Scheine, faltete sie, steckte sie in die Jackentasche.
Sie sah Alexej an — er drehte sich zum Fenster weg, das Gesicht verängstigt.
Sie ging hinaus, ohne sich zu verabschieden.
Grigori trat zu seinem Sohn, hockte sich daneben.
— Ljoshka, du verstehst doch selbst…
Sie hätte dich fallen lassen können, alles noch schlimmer machen.
Alexej schwieg.
Er sah aus dem Fenster, als wäre der Vater gar nicht im Zimmer.
Am Abend rührte der Sohn das Essen nicht an.
Er saß da und starrte auf einen Punkt.
Grigori versuchte, mit ihm zu reden — zwecklos.
Alexej schwieg, wie nach dem Unfall vor drei Jahren, als man ihn gerade aus dem Krankenhaus nach Hause gebracht hatte.
Grigori ging in die Küche, goss sich Wasser ein, trank aber nicht.
Er setzte sich und legte den Kopf in die Hände.
Drei Jahre lang hatte er alles für Ärzte, Masseure, Kliniken ausgegeben.
Er hatte die Datscha verkauft, sich verschuldet.
Er arbeitete bis zur Erschöpfung.
Und sein Sohn zog sich immer mehr in sich zurück, verschloss sich, hörte auf zu sprechen.
Und heute hatte er gelacht.
Zum ersten Mal seit drei Jahren.
Und Grigori hatte es zertreten.
Er stand auf und ging zur Tür des Zimmers seines Sohnes.
Er spähte hinein.
Alexej saß immer noch reglos da, das Gesicht abgewandt.
Grigori erinnerte sich: Vor einer Woche hatte ihn die Nachbarin von unten im Treppenhaus aufgehalten und etwas Seltsames gesagt.
„Bei euch ist es morgens so fröhlich, Musik, Lachen.
Ich freue mich, dass Ljoshka wieder auflebt.“
Damals hatte er dem keine Bedeutung beigemessen.
Jetzt verstand er es.
Er ging zurück ins Zimmer, setzte sich auf den Boden neben den Rollstuhl.
— Macht sie das oft mit dir?
Alexej schwieg.
Dann, leise, zwischen den Zähnen:
— Jeden Tag.
Sie hat mir vom Meer erzählt.
Dass wir dahin fahren, wenn ich aufstehe.
Sie hat geglaubt, dass ich aufstehe.
Grigori schnürte es die Kehle zu.
— Papa, — Alexej drehte sich zu ihm, und in seinen Augen lag so eine Sehnsucht, dass Grigori dem Blick nicht standhielt.
— Zum ersten Mal seit drei Jahren habe ich mich lebendig gefühlt.
Und du hast sie rausgeworfen.
Grigori fand keine Antwort.
Der Sohn wandte sich wieder ab.
Am Morgen fuhr Grigori an den Stadtrand, in eine Arbeitersiedlung, wo Anna wohnte.
Er fand ihr Haus — ein alter Plattenbau, abgeblättert, mit schiefen Balkonen.
Er stieg in den vierten Stock, klopfte.
Anna öffnete im Hausmantel und war überrascht, ihn zu sehen.
Sie ließ ihn nicht sofort rein, blieb in der Tür stehen.
— Grigori Iwanowitsch?
— Darf ich reinkommen?
Widerwillig trat sie zurück.
In der engen Küche roch es nach Brei und altem Linoleum.
Auf der Fensterbank stand ein Topf mit Geranie.
Arm.
Sauber, aber sehr arm.
Grigori nahm die Mütze ab und knetete sie in den Händen.
Er stand mitten in der Küche wie ein Schüler vor dem Direktor.
— Ich hatte Unrecht, — presste er hervor und sah auf den Boden.
— Völlig Unrecht.
Ich hatte Angst, dass du ihm schadest.
Und du… du bist die Einzige, die ihm das Leben zurückgegeben hat.
Anna schwieg und lehnte am Kühlschrank.
— Gestern hat er den ganzen Abend geschwiegen.
Wie nach dem Unfall, als sie ihn aus dem Krankenhaus gebracht haben.
Er hat auf die Wand gestarrt.
— Grigori hob den Blick.
— Und dann hat er gesagt, dass du geglaubt hast, dass er aufsteht.
Dass er sich mit dir lebendig gefühlt hat.
Zum ersten Mal seit drei Jahren.
Anna verschränkte die Arme vor der Brust.
— Sie ersticken ihn, — sagte sie hart.
— Nicht die Krankheit.
Sie.
Mit Ihrer Angst.
Das fühlte sich an wie eine Ohrfeige.
Grigori ballte die Fäuste, schwieg aber.
— Er sitzt bei Ihnen zwischen vier Wänden wie in einem Käfig.
Sie engagieren Ärzte, kaufen Salben, aber leben lassen Sie ihn nicht, — sie sah ihn direkt an.
— Wissen Sie, was das Schlimmste ist?
Nicht, dass er im Rollstuhl sitzt.
Sondern dass er aufgehört hat zu wollen.
Überhaupt irgendetwas.
— Ich habe einfach Angst, ihm zu schaden, — Grigoris Stimme brach.
— Ich mache doch alles, damit es ihm leichter ist…
— Leichter? — Anna schüttelte den Kopf.
— Es ist ihm nicht leichter.
Es ist leer in ihm.
Sie verstecken ihn vor dem Leben, und er will leben.
Grigori sank auf einen Hocker, vergrub das Gesicht in den Händen.
— Komm zurück.
Bitte.
Ich werde mich nicht einmischen.
Mach, was du für richtig hältst.
Komm nur zurück.
Anna schwieg lange.
Dann seufzte sie.
— Gut.
Aber ich mache es auf meine Art.
Ohne Ihre Verbote.
Abgemacht?
— Abgemacht, — nickte er, ohne den Kopf zu heben.
Anna kam noch am selben Tag zurück.
Alexej sah sie in der Tür und konnte sich nicht halten — er weinte wie ein kleines Kind.
Sie ging zu ihm, umarmte ihn, strich ihm über den Kopf.
Grigori stand im Flur und traute sich nicht hinein.
Seit diesem Tag hörte er auf zu kontrollieren.
Anna kam jeden Morgen, schaltete Musik ein, redete mit Alexej, lachte mit ihm.
Grigori saß in der Küche, hörte dieses Lachen und begriff, dass er drei Jahre lang alles falsch gemacht hatte.
Er hatte versucht, die Gesundheit seines Sohnes zu kaufen.
Statt ihm einfach das Leben zu geben.
Nach einer Woche kürzte er seinen Arbeitsplan und kam früher nach Hause.
Er stellte weniger Fahrer für die Basis ein, um nicht noch mehr Aufträge hinterherzujagen.
Es kam weniger Geld rein.
Aber er sah, wie Alexej aufblühte.
Er redete wieder, scherzte, stritt sogar.
Eines Abends saßen sie zu dritt am Tisch.
Sie aßen zu Abend, Anna erzählte irgendeine Geschichte aus ihrer Kindheit, Alexej hörte gebannt zu.
Grigori sah sie an und verstand plötzlich: Das fühlt sich an wie Familie.
Wie eine echte.
— Anna, darf ich dich um etwas bitten? — Grigori legte die Gabel hin.
— Ja, natürlich.
— Ich will einen Spielplatz bauen.
Im Park.
Für solche Jungs wie Ljoshka.
Damit sie spazieren können, sich austauschen.
Hilfst du mir dabei?
Anna sah ihn überrascht an.
— Meinen Sie das ernst?
— Ernst, — er nickte.
— Drei Jahre lang habe ich nur daran gedacht, wie ich ihn heilen kann.
Dabei hätte ich daran denken müssen, wie er leben kann.
Du hast mir das gezeigt.
Alexej sah den Vater mit weit aufgerissenen Augen an.
— Papa, wirklich?
Werden da andere Kinder sein?
— Wirklich, Sohn.
Ich verspreche es.
Zwei Monate später war der Platz fertig.
Grigori fand Auftragnehmer und steckte alles hinein, was er angespart hatte.
Breite Wege, Rampen, ebener Belag.
Ein Dach gegen Regen.
Bänke für Eltern.
Am Tag der Eröffnung kamen sie zu dritt dorthin.
Alexej saß im Rollstuhl und sah sich um mit so viel Staunen, als würde er die Welt zum ersten Mal sehen.
Dort waren mehrere Kinder im Rollstuhl, Eltern, Begleitpersonen.
Anna ging zu einer Frau, sprach sie an, zeigte auf Alexej.
Die Frau nickte und schob ihre Tochter näher heran.
— Papa, schau! — Alexej zog den Vater am Ärmel.
— Da ist ein Mädchen.
Darf ich sie begrüßen?
— Natürlich, — Grigori schluckte den Kloß hinunter.
— Geh.
Anna schob ihn zu den Kindern.
Grigori blieb am Eingang stehen und sah zu, wie sein Sohn lachte, mit den Händen winkte, etwas erzählte.
Lebendig.
Echt.
Anna drehte sich um und sah ihn aus der Ferne an.
Er nickte ihr zu.
Sie lächelte.
Und am Abend verstummte Alexej nicht wie früher.
Er erzählte von dem Mädchen Marina, von dem Jungen Denis, davon, dass Anna versprochen hatte, ihn jede Woche dorthin zu bringen.
Grigori hörte zu, nickte und fühlte zum ersten Mal seit langer Zeit, dass alles gut werden würde.
Nicht sofort.
Aber es würde.
Er begriff das Wichtigste: Manchmal ist Liebe nicht Schutz vor der Welt.
Sondern die Möglichkeit, in diese Welt hinauszugehen.







