Die Nachbarn nannten sie „Eberesche“ und tippten sich wegen ihrer unvorstellbaren Stiefelchen mit Quasten an die Schläfe.

Aber als sie gestohlen wurden, hörte die Frau auf zu lächeln, und die Kühe auf dem Hof gaben keine Milch mehr.

Wer und warum brachte das Vermisste in tiefer Nacht zurück, und weshalb trägt ihr nun das ganze Dorf Blumen?

„Na, wohin willst du denn, Mutter, in so einem Federkleid?“ fragte Stepan, legte die Zeitung beiseite und beobachtete durch seine Brille, wie seine Frau sich fertig machte.

„Und, gefällt’s dir nicht?“ blieb Klawdija vor dem Spiegel stehen und richtete den Spitzenkragen ihrer Bluse.

„Warum sollte es mir nicht gefallen?“ sagte er. „Es gefällt mir. Sogar zu sehr. Gleich fliegen alle Krähen der Gegend herbei, um deine Schönheit zu bewundern.“

„Stepan!“

„Schon gut, schon gut, ich scherze ja.“ Er winkte ab. „Geh schon, sonst kommst du zu spät.“

Klawdija musterte sich noch einmal.

Aus dem Spiegel blickte sie eine Frau an mit einer üppigen Mähne hellbraunen Haares, zu einer kunstvollen Frisur gesteckt.

Eine zart fliederfarbene Bluse mit Jabot, darüber ein dunkelblaues Kleid mit kleinen Blümchen.

An den Ohren schwangen große Creolen, die sie schon vor zwei Jahren auf dem Jahrmarkt im Kreiszentrum gekauft hatte.

Klawdija fand, dass sie umwerfend aussah.

Sie war siebenundvierzig, aber in ihr lebte noch immer das Mädchen, das mit achtzehn zum ersten Mal die Perlen der Mutter angelegt und bis Mitternacht vor dem Spiegel gedreht hatte.

Stepan schmunzelte in seinen Schnurrbart und vergrub sich wieder in der Zeitung.

Er liebte seine Klawdija so oder so: in diesem unbegreiflichen Aufzug genauso wie im alten Kittel, wenn sie mit den Küken hantierte.

Er war es gewohnt.

Dreißig Ehejahre gewöhnen einen an alles, doch vor allem hatten sie ihn gelehrt, hinter dem äußeren Flitter die goldene Seele zu sehen, die in der Brust seiner Frau schlug.

Klawdija packte ihre Tasche: Wechsel­schuhe, belegte Brote, eine Thermoskanne Tee, ein Notizbuch.

Dann trat sie zur Garderobe, wo an einem Haken ihr Stolz und ihre Freude hingen: Stiefel in der Farbe reifer Ebereschen, mit zusammengesetztem Absatz und lustigen Quasten an der Seite.

Sie hatte sie vor drei Jahren einem herumreisenden Händler abgekauft und sich seitdem nicht mehr von ihnen getrennt.

Mit ihnen ging sie zur Arbeit, und an den Wochenenden stolzierte sie damit in den Laden.

Die Dorfbewohner, die schon alles gesehen hatten, schüttelten bei diesen Stiefeln nur den Kopf.

Der Spitzname „Eberesche“ klebte sofort an Klawdija, doch wie bei ihren Outfits erreichte er sie selbst nicht.

Ins Gesicht tat ihr niemand weh – dafür war sie eine viel zu warmherzige Frau.

„Du solltest wenigstens Gummistiefel anziehen, draußen ist Matsch,“ rief Stepan ihr hinterher.

„Bist du verrückt! Die sind doch neu!“ rief Klawdija zurück, gab ihm einen Kuss auf den Scheitel und schwebte zur Tür hinaus.

Die ebereschenfarbenen Stiefelchen klackerten fröhlich über den nassen Asphalt.

Bis zur Farm war es nur ein Katzensprung – über die Straße, am alten Klubhaus mit der abgeblätterten Farbe vorbei, entlang des langen Zauns.

Klawdija ging und lächelte ihren Gedanken nach.

Heute war ein wichtiger Tag: Eine Kommission aus dem Kreis kam, um die Haltungsbedingungen zu überprüfen.

Sie hatte sich vorbereitet: alle Dokumente in Ordnung, Impfungen pünktlich, die Kühe sauber und satt.

Sie liebte ihre Arbeit.

Nicht einfach nur – sie lebte sie.

Auf der Farm empfing sie der vertraute Geruch von Heu, Milch und warmem Mist.

Für andere war das unerträglich, für Klawdija war es Heimat.

Sie ging in ihr kleines Büro, zog ihre alten ausgelatschten Schuhe an, schob die ebereschenfarbenen Stiefel unter die Garderobe, streifte den weißen Kittel über und ging in den Kuhstall.

„Guten Morgen, meine Schönen,“ säuselte sie, als sie das Reich aus Muhen und Seufzen betrat.

„Wie habt ihr geschlafen? Wie ist die Stimmung?“

Die Kühe drehten ihre großen Augen zu ihr, manche streckten den Kopf vor, um ihre Hand zu lecken.

Klawdija kannte jede beim Namen, kannte Abstammung und Eigenheiten.

Da war Sorjka – launisch, sie mochte es, wenn man ihr hinter dem Ohr kratzte.

Da war Notschka – ruhig, phlegmatisch.

Und da war Belyanka – eine echte Schelmin, ständig wollte sie ihre Nase dahin stecken, wo sie nichts zu suchen hatte.

„Na, na, zeig dich mal,“ sagte Klawdija und trat an den Stand, in dem eine junge Färse stand, die sie letzten Herbst gekauft hatten.

„Du bist heute so still, meine Liebe.“

Sie untersuchte das Tier, prüfte den Puls, sah ins Maul.

Alles war in Ordnung.

Vielleicht hatte sie sich einfach in Gedanken verloren – wie jedes Mädchen in ihrem Alter.

Gegen Mittag kam die Kommission.

Drei Männer in strengen Anzügen und eine Frau mit dicker Brille.

Der Betriebsleiter Nikolai Iwanowitsch flitzte um sie herum und versuchte, es allen recht zu machen.

Klawdija blieb ruhig und sicher.

„Das ist unsere Tierärztin, Klawdija Petrowna,“ stellte der Leiter sie vor.

„Seit dreißig Jahren arbeitet sie bei uns. Der beste Fachmann im ganzen Kreis.“

„Sehr angenehm,“ sagte die Frau mit der Brille und musterte Klawdija mit einem scharfen Blick.

„Zeigen Sie mir bitte die Dokumentation.“

Im Büro breitete Klawdija die Bestandsbücher, Veterinärbescheinigungen und Impfpläne auf dem Tisch aus.

Die Kommission studierte die Unterlagen und stellte Fragen.

Klawdija antwortete klar und sachlich.

„Alles in Ordnung,“ fasste die Frau schließlich zusammen.

„Sie führen das gewissenhaft.

Jetzt würden wir uns gern die Tiere ansehen.“

Sie gingen zurück in den Stall.

Klawdija zeigte alles und erklärte.

Sie blieben an der Box stehen, in der eine Kuh namens Malwina lag.

Sie sollte jeden Tag kalben.

„Die braucht besondere Aufmerksamkeit,“ erklärte Klawdija.

„Erstes Kalb, da kann alles passieren.

Wenn es losgeht, übernachte ich hier.“

„Selbstaufopferung,“ grunzte einer der Männer.

„Nicht Selbstaufopferung,“ korrigierte Klawdija sanft.

„Verantwortung.

Sie vertraut mir, ich darf sie nicht im Stich lassen.“

Die Kommission fuhr ab und hinterließ das Urteil: „Zufriedenstellend.“

Für Klawdija war das ein Lob.

Sie ging ins Büro zurück, zog den Kittel aus und griff nach ihren ebereschenfarbenen Stiefeln.

Ihre Hand tastete ins Leere.

Klawdija erstarrte, kniete sich hin und sah unter die Garderobe.

Die Stiefel waren weg.

Sie durchwühlte das ganze Büro, schaute in den Flur, befragte die Putzfrau Tante Sina.

„Ich hab deine Stiefel nicht gesehen, Klawa.

Vielleicht hast du sie selbst irgendwo hingestellt?“

„Wie soll ich denn?“ Die Stimme von Klawdija zitterte.

„Ich stelle sie doch immer genau hierhin.“

Sie trat auf die Treppe hinaus.

Draußen standen die Schuhe der Arbeiter in einer Reihe.

Jemandes Kirsa-Stiefel, jemandes Halbschuhe, Galoschen.

Die ebereschenfarbenen Stiefel waren nicht da.

Klawdija spürte, wie ihr ein Kloß in den Hals stieg.

Natürlich war es dumm, wegen Schuhen zu weinen – aber das waren nicht einfach Stiefel.

Das war ihre kleine Freude, ihre Marotte, ihr Stück Eigenart.

„Klawdija Petrowna, man ruft Sie in den Schafstall,“ rief die Melkerin Nina, die vorbeihuschte.

„Bei einer Mutterschaf stimmt etwas nicht.“

Klawdija wischte sich die Augen, zog die alten ausgelatschten Schuhe an und stapfte durch den Matsch zum Schafstall.

Die Füße wurden sofort nass.

Die Schuhe schmatzten unangenehm.

Im Schafstall arbeitete sie fast zwei Stunden: Das Schaf hatte vorzeitige Wehen, das Lamm lag falsch.

Sie wischte sich die Hände am Kittel ab, weil sie kein Taschentuch hatte, und die ganze Zeit dachte sie an den Verlust.

Am Abend war Klawdija ganz eingefallen.

Nach Hause schleppte sie sich in den nassen Schuhen, ohne die Pfützen zu beachten.

Zu Hause empfing sie der besorgte Stepan.

„Klawa? Was ist passiert? Du siehst gar nicht aus wie du.“

„Meine Stiefel sind weg, Stjopa.

Die ebereschenfarbenen,“ hauchte sie – und brach in Tränen aus.

Stepan nahm sie in den Arm und drückte sie an sich.

Sie roch nach Schafstall und Regen, aber für ihn war das der vertrauteste Geruch der Welt.

„Wein nicht, Mutter.

Ich kauf dir neue.

Ich fahre in die Stadt, ich finde genau solche – ich hol sie dir notfalls aus der Erde.“

„Nicht, Stjopa.

Es geht nicht um die Stiefel,“ schluchzte Klawdija.

„Sondern darum, dass jemand so etwas tun konnte.

Warum?

Ich tue doch niemandem etwas Böses.“

„Die Menschen sind verschieden,“ seufzte Stepan.

„Komm, trinken wir Tee.

Und morgen ist ein neuer Tag.“

Der neue Tag war düster und grau.

Klawdija zog sich schlicht an: dunkle Hosen, grauer Pullover, die Haare zu einem Knoten gebunden.

Die Lippen schminkte sie nicht.

An den ebereschenfarbenen Stiefeln hing nicht nur die Farbe – sie gaben ihr Sicherheit, sie machten sie zu sich selbst.

Ohne sie wirkte sie, als wäre sie verblasst, ausgelöscht.

Auf der Farm begleiteten sie verwunderte Blicke.

„Klawdija Petrowna, und wo sind Ihre… na ja… diese…“ begann die junge Melkerin Marina zögernd.

„Weg,“ antwortete Klawdija kurz und ging ins Büro.

Die Nachricht verbreitete sich schnell.

Die Frauen tuschelten im Stall, die Männer tauschten Blicke.

Nur Glasha, die schwere, schweigsame Kälberwärterin, trat zu Klawdija, drückte ihr einen noch warmen Pirog in die Hand.

„Hier.

Mit Kohl.

Mach dich nicht kaputt.“

„Danke, Glasha,“ sagte Klawdija und lächelte durch die Tränen.

Die Tage zogen sich grau dahin.

Klawdija arbeitete, aber ohne Feuer.

Sogar zu den Kühen sprach sie leiser als sonst.

Sorjka, die die Veränderung spürte, stieß sie mit der Nase an und muhte kläglich.

„Schon gut, schon gut, meine Liebe,“ streichelte Klawdija sie.

„Alles wird gut.“

Aber gut war es nicht.

Stepan brachte aus der Stadt neue Stiefel – schwarze, mit dicker Sohle, bequem und praktisch.

Klawdija bedankte sich, zog sie an, aber sie waren ihr fremd.

Sie sprühte nicht einmal mehr ihr Lieblingsparfum „Weiße Flieder“ – wozu, wenn sie nirgends hingehen und niemanden erfreuen konnte?

Eines Abends, auf dem Heimweg, sah Klawdija am Straßenrand etwas Helles.

Ihr Herz machte einen Sprung.

Sie ging näher – es war nur ein nasser rot-weißer Zigarettenpackungsfetzen.

Klawdija richtete sich auf und ging weiter.

Die Hoffnung zerfloss.

Der achte März rückte näher.

Im Klub bereiteten sie ein Konzert vor, im Laden gab es mehr Waren, die Männer versteckten nervös Päckchen vor ihren Frauen.

Klawdija dachte nicht an den Feiertag.

Es war ihr, als hätte man ihr zusammen mit den Stiefeln etwas Wichtiges herausgerissen – den inneren Halt, der sie aufrecht hielt.

Stepan deckte früh am Morgen den Tisch, kaufte Blumen – duftende, flauschige Mimosen – und eine Schachtel Pralinen.

Die Töchter riefen aus der Stadt an, gratulierten und versprachen, zu den Maifeiertagen zu kommen.

„Klawa, vielleicht ziehst du dich heute hübsch an?“ schlug Stepan vorsichtig vor.

„Zieh dein fliederfarbenes Kleid an.

Darin bist du so schön.“

„Ich will nicht, Stjopa.

Verzeih.“

Und da begriff Stepan: Ohne ihre Stiefel würde es keinen Feiertag geben.

Er zog die Jacke an und ging zur Farm.

Er ging durch die Ställe, sprach mit den Männern, schaute in den Schafstall.

Dann blieb er bei der Kälberwärterin Glasha stehen.

„Hör mal, Glafira.

Du bist eine kluge Frau, du siehst alles, du weißt alles.

Wer hat Klawkas Stiefel geklaut?“

Glasha hob den schweren Blick.

„Wozu willst du das wissen?“

„Weil sie austrocknet.

Sie wird vor meinen Augen kleiner.

Und morgen ist Feiertag, und meine Frau ist keine Frau mehr.

Gib sie zurück, wenn du weißt, wo sie sind.“

Glasha schwieg, dann seufzte sie schwer.

„Ich war’s nicht.

Aber ich weiß, wer.

Nur hat sie mich gebeten, sie nicht zu verraten.

Sie sagt, sie gesteht es selbst.“

„Wann?“

„Wenn das Gewissen anfängt zu reden.

Vielleicht redet’s ja schon.“

Am achten März kam Klawdija im Dunkeln zur Arbeit.

Sie musste die tragenden Kühe kontrollieren.

Im Büro machte sie Licht an – und blieb wie angewurzelt stehen.

Auf dem Stuhl standen ordentlich nebeneinander ihre ebereschenfarbenen Stiefel.

Sauber, gewaschen, glänzend.

Daneben lag ein Zettel, aus einem karierten Heft gerissen, in krakeliger Schrift: „Verzeihen Sie, Klawdija Petrowna.

Ich war dumm.

Frohe Feiertage.“

Klawdija schnappte sich die Stiefel und drückte sie an die Brust.

In der Tür stand Glasha mit einem Eimer.

„Wieder da?“ fragte sie, als wäre nichts gewesen.

„Glasha… weißt du, wessen Werk das ist?“

„Meins,“ erklang eine Stimme aus dem Flur.

Ins Büro trat Sinaida, die junge Melkerin, dieselbe, die einst nach den Stiefeln gefragt hatte.

Ihre Wangen brannten, in den Augen stand es nass.

„Ich hab sie genommen.

Hinter Brettern im Anbau versteckt.

Ich wollte einen Scherz machen und dann hatte ich Angst zu gestehen.

Ich dachte, Sie vergessen es, kaufen neue.

Und Sie… Sie liefen herum wie ohne Leben.

Und mir wurde so schlecht.

Heute Nacht bin ich hin, hab sie geholt, gewaschen.

Verzeihen Sie mir, ich flehe Sie um Christi willen an.“

Sinaida schluchzte und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

Klawdija sah sie an und spürte, wie der Schmerz, der all die Wochen in ihr gesessen hatte, langsam nachließ.

„Sina,“ sagte sie leise.

„Komm her.“

Sinaida trat näher, ohne aufzusehen.

Klawdija nahm sie in den Arm.

„Du bist ein dummes Ding.

Verzeiht man dafür einfach so?

Dafür verzeiht man nicht einfach so.

Dafür… dafür dankt man.“

„Wofür?“ hob Sinaida die nassen Augen.

„Dafür, dass du sie zurückgebracht hast.

Dafür, dass du ein Gewissen hast.

Also bist du ein Mensch.

Geh arbeiten.

Und mach so etwas nie wieder.“

Sinaida rannte aus dem Büro.

Glasha grunzte, hob den Eimer auf und ging hinterher.

Klawdija blieb allein.

Langsam, genussvoll, zog sie die schwarzen, langweiligen Stiefel aus und schlüpfte in ihre ebereschenfarbenen.

Sie stand auf, ging ein paar Schritte durchs Büro.

Die Absätze klackten auf dem Boden, und dieser Klang war für sie die schönste Musik der Welt.

Sie nahm aus der Schublade ein kleines Spiegelchen, schminkte die Lippen nach, richtete die Haare.

Es klopfte.

„Ja, herein.“

Der Leiter Nikolai Iwanowitsch trat ein.

„Klawdija Petrowna, alles Gute zum Feiertag.

Bei Nummer vierzehn stimmt etwas nicht, kommen Sie bitte schauen.“

„Ich komme, Nikolai Iwanowitsch.“

Sie warf sich den Kittel über den schlichten Pullover, doch der Kittel schlug auf, und der Leiter sah die ebereschenfarbenen Stiefel.

Er lächelte in seinen Schnurrbart.

„Oh, die Ausreißerinnen sind zurück?“

„Zurück,“ lächelte Klawdija.

„Nach Hause zurück.“

Im Kuhstall erwarteten sie die Arbeiterinnen.

Manche senkten den Blick, manche lächelten offen.

Sinaida stand ganz hinten und zupfte an der Schürze.

„Mädels,“ sagte Klawdija laut.

„Danke euch für alles.

Frohe Feiertage.“

Sie ging zu Nummer vierzehn – zu einer Kuh namens Wessna.

Die Kuh trat unruhig von einem Bein aufs andere und muhte.

„Na, na, was ist denn los, du Schöne?“

Klawdija untersuchte das Tier und verstand sofort.

„Nikolai Iwanowitsch, sie kalbt heute.

In zwei, drei Stunden.

Wir müssen die Abkalbebucht vorbereiten.“

Alle wurden geschäftig.

Klawdija gab klare, ruhige Anweisungen, als hätte es diese Wochen der Trübsal nie gegeben.

In ihren ebereschenfarbenen Stiefeln ging sie durch den Stall, und alles um sie herum bekam wieder Sinn.

Am Abend, als die Sonne schon zum Untergehen ansetzte, kam das Kalb zur Welt.

Nass, komisch, auf dünnen Beinchen.

Klawdija nahm es in Empfang und murmelte zärtliche Worte.

Als das Kalb aufstand und sich an die Mutter drückte, richtete sie sich auf und lächelte.

„Lebe, Kleiner.

Lebe.“

Nach Hause ging sie in den ebereschenfarbenen Stiefeln und trug in den Händen einen Mimosenstrauß, den ihr eine der Frauen direkt im Stall zugesteckt hatte.

Am Himmel funkelten die ersten Sterne.

Irgendwo bellten Hunde, es roch nach Rauch und Frühling.

Klawdija ging und dachte, dass das Leben weitergeht.

Dass Kränkungen vergehen, und das Gute bleibt.

Dass nicht wichtig ist, was man trägt, sondern was in einem ist.

Doch wenn innen alles gut ist, dann haben auch ebereschenfarbene Stiefel das Recht zu existieren.

Sie dürfen das Auge erfreuen und die Seele wärmen.

Zu Hause wartete Stepan.

Der gedeckte Tisch, Blumen, Pralinen.

Auf dem Herd brutzelten Kartoffeln mit Pilzen.

„Zurück?“ Er musterte sie und lächelte. „Ich sehe, die Ausreißerinnen sind daheim.“

„Daheim, Stjopa.

Alle daheim.“

Sie trat zu ihm, umarmte ihn, drückte die Nase an seine Schulter.

„Danke.“

„Wofür?“

„Dafür, dass es dich gibt.

Dafür, dass du wartest.

Dafür, dass du mich liebst – so wie ich bin, ein geschniegelt-närrisches Ding.“

„Du bist bei mir kein närrisches Ding,“ sagte Stepan und strich ihr über den Kopf.

„Du bist bei mir ein Wunder.

Ein echtes.

In ebereschenfarbenen Stiefeln.“

Sie setzten sich zum Abendessen.

Draußen wurde es dunkel, drinnen war es warm und gemütlich.

Klawdija sah ihren Mann an, seine Hände, gearbeitet und gut, seine müden Augen, und dachte: Glück ist, wenn man jemanden hat, den man lieben kann – und wenn jemand da ist, der dich liebt.

Alles andere – ebereschenfarbene Stiefel, Parfum, Kleider – sind nur bunte Farben auf dieser Leinwand.

Ohne sie ist es langweilig, aber das Wichtigste ist die Leinwand.

Das Wichtigste ist das Fundament.

Sie lächelte ihren Gedanken zu und schob Stepan das Schälchen Marmelade hin.

„Hier, iss.

Deine Lieblingsmarmelade, Kirsch.“

„Danke, Klawa.

Alles Gute zum Feiertag.“

„Dir auch, Stjopa.

Danke, dass es dich gibt.“

Draußen begann der Frühling.

In den ebereschenfarbenen Stiefeln, die an der Schwelle standen, spiegelte sich das Licht der Tischlampe.

Und im Stall schlief unter dem wachsamen Blick der alten Sorjka ein neugeborenes Kalb, dem erst noch bevorstand zu erfahren, dass die Welt nicht nur die Wärme der Mutterseite ist, sondern auch der Geruch von Heu – und die guten Hände einer Frau in lustigen, hellen Stiefeln, die heilen und verzeihen kann.

Ein Monat verging.

Klawdija stolzierte wieder bei der Arbeit in den ebereschenfarbenen Stiefeln, nur wischte sie sie nun nach jedem Arbeitstag mit einem Lappen ab.

Mit Sinaida hatte sie sich angefreundet.

Das Mädchen war tüchtig und fleißig, hatte sich damals nur hinreißen lassen und Aufmerksamkeit gewollt.

Klawdija nahm sie als Helferin, brachte ihr die Kunstgriffe des Veterinärwesens bei.

An dem Tag, als der echte Frühling kam und die Gärten zu blühen begannen, geschah auf der Farm etwas Besonderes.

Journalisten von der Gebietszzeitung kamen, um einen Bericht über den Vorzeigebetrieb zu schreiben.

Sie sahen Klawdija, ihre leuchtenden Stiefel, ihr Lächeln, ihre Kühe, die sich zu ihr streckten wie zu einer Mutter.

„Dürfen wir Sie fotografieren?“ fragte ein junger Fotograf.

„Dürft ihr,“ lachte Klawdija.

„Aber so, dass die Stiefel im Bild sind.

Die sind bei mir berühmt.“

Der Fotograf drückte ab.

Und eine Woche später kam die Zeitung in den Kreis.

Auf der Titelseite: Klawdija Petrowna in ebereschenfarbenen Stiefeln, über ein Kalb gebeugt.

Die Überschrift: „Die Ärztin in den Ebereschenstiefeln.

Geschichte einer Liebe zum eigenen Beruf.“

Klawdija las und traute ihren Augen nicht.

Sie, eine einfache Frau vom Land – auf der Titelseite!

Stepan ging stolz herum und zeigte es den Nachbarn.

„Da ist sie, meine!

Eine Schönheit!“

Am Abend dieses Tages saß Klawdija auf der Veranda und sah den Sonnenuntergang an.

Die ebereschenfarbenen Stiefel standen neben ihr, blank geputzt.

Sie strich mit der Hand darüber wie über alte Freunde.

„Na, meine Lieben,“ flüsterte sie.

„Leben wir noch ein bisschen?“

In der Ferne muhte eine Kuh, eine andere antwortete.

Und in diesem Muhen hörte Klawdija die Musik des Lebens – schlicht, schwierig, aber so wunderschön.

Sie stand auf, zog die Stiefel an und ging ins Haus.

Dort wartete das Abendessen, dort wartete der Mann, dort wartete das Leben.

Und die ebereschenfarbenen Stiefel klackten über die Stufen und zählten die Augenblicke des Glücks, die – wenn man genau hinsieht – überall um uns herum großzügig verstreut sind, man muss sie nur sehen wollen.