Aber eine Stunde später ließ ihn das Klingeln an der Tür ordentlich zusammenzucken.
— Fass diese Kiste nicht an, da sind meine Werkzeuge drin.

Und überhaupt, Nadja, mach schneller.
Mama kommt in einer Stunde, sie wollte die Gardinen ausmessen.
Igor lag auf dem Sofa, die Beine aufs Sofaende geworfen, und klickte mit der Fernbedienung durch die Sender.
Auf dem Boden um ihn herum standen leere Bierdosen, die den sauren, unangenehmen Geruch vom gestrigen Gelage ausdünsteten.
Nadeschda packte schweigend Kleidung in große schwarze Säcke.
Ihre Hände zitterten nicht, obwohl sich in ihr alles zu einem harten Knoten zusammenzog.
— Igor, das ist doch auch meine Wohnung.
Wir haben die Hypothek zusammen bezahlt, — sagte sie leise, ohne sich umzudrehen.
— Bezahlt haben wir von meinem Konto, — lachte er, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen.
— Und dass du da die Hälfte deines Gehalts rübergeschoben hast — das war, mein Schatz, für den Haushalt.
Der Anwalt hat gesagt: Du kannst es nicht beweisen.
Also los, pack deinen Kram.
Morgen ist Gericht, und ich will, dass du bis heute Abend hier komplett verschwunden bist.
Schanna verträgt keinen Staub.
Die Tür ging ohne Klopfen auf.
Auf der Schwelle stand Larissa Sergejewna, die Schwiegermutter.
In den Händen hielt sie ein Metallmaßband und einen Block.
Sie grüßte nicht einmal, ging sofort zum Fenster und trat fast auf Nadjas Schuhbeutel.
— Puh, was für ein Dunkel, — verzog sie das Gesicht und riss am alten Vorhang.
— Igor, wir hängen hier römische Rollos auf.
Beige.
Schannotschka liebt Beige.
Und diesen Krempel, — sie nickte zu Nadjas Kartons, — soll sie auf den Müll tragen.
Nadja richtete sich auf.
Sie sah den Mann an, der sich faul am Bauch kratzte, und die Schwiegermutter, die in Gedanken schon Tapeten klebte.
In diesem Moment machte es in ihr klick.
Das Selbstmitleid war weg.
Es blieb nur kalte Rechnung.
— Gut, Larissa Sergejewna.
Den Krempel räume ich weg.
Sie zog den Reißverschluss ihrer Tasche zu.
Das Geräusch war kurz, hart, wie ein Schnitt.
Vor dem Bezirksgericht nieselte ein feiner, ekelhafter Regen.
Igor kam als Erster raus, die Jacke offen.
Er strahlte, als hätte er gerade den Jackpot geknackt.
Neben ihm klackte Schanna über die nassen Platten — jung, grell, in einem kurzen Pelz, den Igor ihr vor einer Woche gekauft hatte.
Von Nadjas Kreditkarte, während sie schlief.
— Na, Ex-Frau? — Igor stellte sich Nadja in den Weg.
— Geschluckt?
Die Wohnung gehört mir — als voreheliche Investition meiner Mutter.
Das Auto auch mir.
Und du, Liebes, — deine Kredite.
Der Richter hat’s bestätigt: In der Ehe aufgenommen — also zahlst du selbst.
— Du hast doch versprochen, du würdest sie schließen, — Nadja richtete den Kragen ihres alten Mantels und sah ihm auf den Nasenrücken.
— Du hast gesagt, das ist für den Aufbau des Geschäfts.
— Ach, was ich alles gesagt habe, — zwinkerte er Schanna zu.
— Das Geschäft ist pleite.
Passiert.
Jetzt marschierst du in alle vier Himmelsrichtungen.
Flieg!
Schanna verzog angeekelt ihr gepudertes Näschen.
— Igorchen, komm.
Ich habe einen Termin für Maniküre, und danach wollten wir feiern.
Verschwende keine Zeit an Versagerinnen.
Igor nahm sein Püppchen um die Taille und lachte laut, für die ganze Straße.
— Du hast recht, Baby!
„Ich habe sie bis auf den letzten Faden ausgenommen!“
Alles, Nadjka, adiós!
Die Wohnungsschlüssel schmeißt du in den Briefkasten.
Sie stiegen in einen schwarzen SUV.
Nadja sah, wie Igor gestikulierte, irgendwas Witziges erzählte, und Schanna den Kopf in den Nacken warf vor Lachen.
Kaum war das Auto um die Ecke verschwunden, zog Nadja ihr Handy raus.
— Eduard Wiktorowitsch?
Sie sind weg.
Er hat das Urteil in der Hand.
Er ist sicher, dass er gewonnen hat.
— Hervorragend, — die Stimme des Anwalts war ruhig und fest.
— Die Schadenssumme ist vom Gericht als „für den Familienbedarf ausgegeben“ festgehalten worden.
Genau das brauchten wir, um seine Handlungen richtig einzuordnen.
Ich gebe das Signal.
Wir fangen an.
In Igors Wohnung dröhnte Musik.
Larissa Sergejewna, rot im Gesicht und zufrieden, hatte die alten Vorhänge schon abgenommen und warf sie jetzt wie Trophäen mitten ins Wohnzimmer.
— So ist’s richtig, Sohn! — schrie sie über den Bass.
— Man kann gleich wieder atmen!
Nichts, wir machen Renovierung, wir putzen alles raus.
Schannotschka, soll ich dir Sekt einschenken?
Schanna saß auf dem Sofa, scrollte durch Social Media und wippte mit dem Fuß in einem neuen Schuh.
— Klar, Larissa Sergejewna.
Aber holen Sie normale Gläser raus, nicht diese Becher.
Wir sind ja jetzt bei Geld.
— Sie lächelte Igor raubtierhaft an.
— Übrigens, Kätzchen, du hast mir versprochen, mir fünfzigtausend für die Kosmetikerin zu überweisen.
— Gleich, Baby, — Igor tanzte ein bisschen und zog sein Handy raus.
— Ich hab heute Laune, alles rauszuhauen!
Diese Idiotin wird jetzt zehn Jahre lang zahlen, und wir leben wie Könige…
Er öffnete die Banking-App.
Auf dem Bildschirm erschien ein roter Kreis.
Transaktion abgelehnt.
Konto gepfändet.
Igor runzelte die Stirn.
— Was soll der Quatsch?
Bestimmt ein Bug.
Er versuchte eine andere Karte.
Karte gesperrt.
Bitte wenden Sie sich an die Bank.
— Mama, funktioniert deine App? — Igors Stimme vibrierte.
— Funktioniert, wieso? — Larissa Sergejewna blieb mit der Flasche in der Hand stehen.
— Überweis mir mal ein paar Tausend, bei mir hängt irgendwas.
— Moment…
Oh. — Die Schwiegermutter starrte auf ihren Bildschirm.
— Da steht: Zugriff eingeschränkt.
Igor, was ist los?
In diesem Moment klingelte es an der Tür.
Nicht kurz wie bei Gästen, sondern lang, hartnäckig, fordernd.
— Bestimmt Lieferung, — Igor lachte nervös.
— Ich hab Essen bestellt.
Er ging zur Tür, und in ihm zog sich etwas unangenehm zusammen.
Draußen standen keine Kuriere.
Dort standen zwei kräftige Beamte einer Spezialeinheit, ein Ermittler in Zivil und Eduard Wiktorowitsch — der Anwalt, den Igor im Gericht auf der Seite seiner Frau gesehen hatte, ohne der Stille Bedeutung beizumessen.
— Bürger Smirnow, Igor Walerjewitsch? — fragte der Ermittler trocken, ohne die Schwelle zu übertreten.
— Ja, ich.
Und wer sind Sie?
Das ist Privatbesitz!
— Ermittler für besonders wichtige Fälle, Gromow.
Sie sind festgenommen.
— Wofür?! — kreischte Igor und wich zurück.
— Ich hab doch den Prozess gewonnen!
Die Wohnung ist meine!
— Den Zivilprozess haben Sie gewonnen, — erklärte der Anwalt ruhig und trat in den Flur.
— Aber jetzt geht es um ein Strafverfahren.
§ 263 Absatz 3 — Betrug in besonders schwerem Fall.
Und § 202a — Ausspähen von Daten.
Larissa Sergejewna rannte in den Flur und drückte die Flasche an die Brust.
— Welcher Betrug?!
Sind Sie verrückt geworden?
Das hat doch alles Nadjka ausgedacht!
— Bürgerin Smirnowa, Larissa Sergejewna? — Der Ermittler warf einen Blick auf seine Unterlagen.
— Sie müssen ebenfalls mitkommen.
Sie gelten als Mitbeteiligte.
Sie haben Scheinverträge bestätigt, obwohl Sie wussten, dass diese Gelder von den Konten seiner Ehefrau entwendet wurden.
— Entwendet?! — Schanna sprang vom Sofa auf.
— Ich hab damit nichts zu tun!
Ich bin nur zu Besuch!
— Und Sie, Bürgerin, — der Ermittler sah sie an, — tragen Beweismittel am Körper.
Der Pelz wurde am vierzehnten Oktober um elf Uhr abends mit der Karte von Nadeschda Smirnowa gekauft.
Die Zahlung wurde von Ihrem Handy bestätigt, Igor Walerjewitsch, während das Opfer schlief.
Wir haben die Aufnahmen aus dem Geschäft.
Sie haben zusammen ausgesucht.
Igors Beine wurden weich, er ließ sich schwer auf den Hocker fallen.
— Aber… sie ist doch meine Frau…
Das ist doch Familienbudget…
— Nein, Igor, — der Anwalt beugte sich zu ihm.
— Familienbudget ist, wenn die Ehefrau zustimmt.
Wenn Sie nachts, mit ihrem Fingerabdruck, in ihre App gehen, auf ihren Namen Kredite über drei Millionen aufnehmen, das Geld auf Ihre Konten schieben und dann ihre elektronische Unterschrift fälschen, um das Auto auf sich umzuschreiben — das ist Diebstahl.
— Wir haben gewartet, bis die Summe „besonders groß“ wurde, — ergänzte der Ermittler.
— Damit die Strafe real wird.
Packen Sie Ihre Sachen.
Schanna, kreidebleich, versuchte zur Tür zu huschen.
— Ich wusste von nichts!
Er hat gesagt, das sei sein Geld!
Ich zieh den Pelz aus, nehmen Sie ihn!
— Ausziehen werden Sie ihn auf der Wache, unter Protokoll, — schnitt der Beamte sie ab.
Draußen war es dunkel geworden.
Vor dem Haus blinkten blaue Lichter von Polizeiwagen.
Die Nachbarn, die Larissa Sergejewna jahrelang mit Beschwerden über „Lärm“ terrorisiert hatte, klebten jetzt an den Fenstern.
Igor wurde in Handschellen hinausgeführt.
Er ging stolpernd, den Blick auf den Boden.
Sein Siegergehabe fiel in einer Sekunde in sich zusammen.
An der Polizeiwagen stand Nadja.
Sie war nicht weggegangen.
— Nadja! — Igor riss sich zu ihr, doch der Begleiter hielt ihn an der Schulter fest.
— Nadja, sag ihnen, das ist ein Fehler!
Wir reden doch!
Ich geb alles zurück!
Ich schreib dir die Wohnung um, hörst du?
Mach mich nicht kaputt!
Nadeschda trat näher.
Im Laternenlicht wirkte ihr Gesicht ruhig, sogar ein bisschen müde.
— Du wirst nichts mehr zurückgeben, Igor.
Die Wohnung ist beschlagnahmt.
Das Auto ist Beweisstück.
Und die Schulden… das sind jetzt nicht meine Schulden.
Das wird dein Anspruch im Strafverfahren.
— Nadja, ich hab dich doch geliebt! — schrie er.
— Mama ist alt, hab Mitleid!
— Deine Mama hat sich eben nur darum gesorgt, wie sie meine goldenen Ohrringe versteckt, während die Durchsuchung lief, — lächelte Nadja schmal.
— Ich hab gesehen, wie sie sie vom Tischchen geklaut hat.
— Du… Dreckstück! — zischte er, als ihm klar wurde, dass alles vorbei war.
— Nein, Igor.
Ich bin einfach Buchhalterin.
Und ich kann sehr gut rechnen.
Du hast dich verrechnet.
Die Tür des Gefangenentransporters fiel mit einem schweren Schlag zu.
Dieses Geräusch setzte den Punkt hinter fünf Jahren Ehe.
Sechs Jahre vergingen.
Der geschlossene Landclub „Weiße Tauen“ glänzte im Lichtermeer.
Heute feierte man hier die Fusion zweier großer Firmen.
Der Parkplatz war voll teurer Autos, in der Luft lagen Parfüm und Tannennadeln.
Nadeschda trat auf die Terrasse.
Sie hatte sich verändert.
Keine gesenkten Schultern mehr, kein erschrockener Blick.
Ein elegantes Abendkleid, eine sichere Haltung, ein ruhiges Lächeln einer Frau, die ihren Wert kennt.
Der Vater, der ihr nicht nur Geld, sondern auch einen Firmenanteil vererbt hatte, den sie nach der Scheidung klug genutzt hatte, wäre stolz auf sie gewesen.
— Ein Glas Sekt, gnädige Frau? — ertönte leise eine Stimme neben ihr.
Nadja drehte sich um.
Vor ihr stand ein Kellner mit einem Tablett.
Er verbeugte sich tief und versuchte, den Gästen nicht in die Augen zu schauen.
Die Uniform saß schlabberig, die Hände waren rot und aufgesprungen.
Das Gesicht war eingefallen, unter den Augen lagen Schatten, im Haar schimmerte Grau.
Es war Igor.
Nadja erkannte ihn nicht sofort.
Er sah aus wie ein Mensch, den das Leben hart durchgeprügelt hatte.
Er hob den Blick — und erstarrte.
Ein Glas auf dem Tablett klirrte, als würde es gleich fallen.
— Nadja? — seine Lippen formten lautlos das Wort.
Er sah ihren Schmuck, ihre Ruhe, den Mann, der von hinten zu ihr trat und ihr fürsorglich ein Sakko über die Schultern legte.
Igor erinnerte sich an alles.
Untersuchungshaft.
Den Prozess, in dem Schanna gegen ihn aussagte, um sich selbst zu retten.
Die Haftstrafe.
Die verkaufte Wohnung.
Die Mutter, die nach der Beschlagnahmung der Datscha gesundheitlich stark abbbaute.
Und diese endlose Scham, weil er, früher „großer Chef“, jetzt Menschen bedienen musste, denen er einst neidisch war.
— Ihre Getränke, — krächzte er und versuchte, das Zittern in den Händen zu stoppen.
Nadja sah ihn an.
In ihrem Blick war weder Schadenfreude noch Hass.
Nur Leere.
Gleichgültigkeit.
— Danke, nicht nötig, — sagte sie ruhig.
— Und seien Sie so freundlich: Tauschen Sie das Glas aus, es ist schmutzig.
Sie wandte sich an ihren Begleiter, einen großen Mann mit freundlichen Augen.
— Gehen wir rein, Andrej?
Hier ist es kühl geworden.
— Natürlich, Liebes.
Soll ich dir etwas anderes bestellen?
— Nein.
Ich habe alles, was ich brauche.
Sie gingen in den Saal, lachten über etwas, das nur ihnen gehörte.
Igor blieb auf der Terrasse stehen.
Der Wind zupfte an seiner Schürze.
Er hörte Lachen, Musik, das Klirren von Gläsern — Geräusche eines Lebens, das an ihm vorbeilief.
Eines Lebens, das er sich selbst zerstört hatte, aus Gier nach leichtem Geld.
— He, du! — rief der Manager.
— Wieso stehst du da rum?
Die Gäste warten!
Schneller!
Igor zuckte zusammen, zog den Kopf ein und eilte in die Küche.
Das Klingeln an der Tür an jenem Tag hatte ihn wirklich ordentlich erschreckt.
Aber die echte Strafe kam nicht hinter Gittern.
Sie kam jetzt, als er begriff: Seine Ex-Frau hatte sich nicht mal gerächt.
Sie war einfach glücklich geworden.
Ohne ihn.







