Mama hat gesagt, die Kartoffeln müssen heute raus, also steh auf, schluck eine Tablette und los geht’s.
— Bist du taub oder was?

Ich sage es zum dritten Mal: Aufstehen!
Vitaliks Stimme war nicht einfach im Zimmer — sie bohrte sich in Olgas entzündetes Gehirn wie ein stumpfer, rostiger Bohrer.
Jedes Wort hämmerte als pulsierender Schmerz in den Schläfen, und das Licht, das durch den Spalt der dichten Vorhänge fiel, wirkte unerträglich hell, als würde es ihr die Netzhaut verbrennen.
Olga versuchte zu schlucken, aber ihr Hals fühlte sich an, als hätte man ihn mit Glasscherben und Sand gefüllt.
Mit Mühe bekam sie die Lider auf.
Vitalik stand schon komplett fertig angezogen über dem Bett.
Er trug alte Tarnhosen mit ausgeleierten Knien, die er ausschließlich für Fahrten ins „Stammgut“ anzog — zur Datscha der Schwiegermutter — und ein grob kariertes Flanellhemd, das nach muffigem Abstellraum roch.
Er wirkte munter, wütend und entschlossen, wie ein Feldherr vor der entscheidenden Schlacht gegen den Kartoffelkäfer.
— Vital… — krächzte Olga, und ihre eigene Stimme klang ihr fremd, irgendwie heiser und krähend.
— Mir geht’s schlecht.
Ich brenne am ganzen Körper.
Das Thermometer… schau mal…
Sie nickte zum Nachttisch, wo das elektronische Thermometer lag, das gefühlt schon vor einer Ewigkeit gepiept hatte.
Vitalik sah nicht einmal hin.
Genervt zuckte er mit der Schulter und rückte den Riemen des Rucksacks zurecht, den er schon über eine Schulter gehängt hatte.
— Es ist mir scheißegal, dass du neununddreißig Fieber hast!
Mama hat gesagt, die Kartoffeln müssen heute raus, also steh auf, schluck eine Tablette und fahr mit, oder ich mach dir so ein „süßes“ Leben, dass du es bereust!
Olga schloss die Augen.
Ihr war, als würde sich das Bett langsam drehen wie ein Karussell, bei dem die Bremse kaputt ist.
Der Schüttelfrost war so heftig, dass ihre Zähne klapperten, obwohl sie unter zwei Wolldecken lag.
— Hörst du mich nicht? — flüsterte sie, ohne die Augen zu öffnen.
— Ich kann nicht aufstehen.
Meine Beine sind wie Watte.
Mir ist übel.
Welche Kartoffeln, Vital?
Sie haben Regen angesagt…
— Eben deshalb! — brüllte er, und bei seinem Schrei zog Olga sich unwillkürlich zusammen.
— Regen ist angesagt!
Also müssen wir vorher fertig werden!
Denkst du überhaupt noch nach, oder ist dir das Gehirn geschmolzen?
Wenn wir sie jetzt nicht ausgraben, verrottet alles zum Teufel.
Willst du, dass Mama im Winter hungert?
Dass sie von ihrer Rente Kartoffeln im Supermarkt kaufen muss, diesen chemischen Dreck?
Er begann im Zimmer auf und ab zu laufen — drei Schritte hin, drei zurück.
Der Boden vibrierte unter seinen schweren Stiefeln, und jede Vibration schlug Olga hinten am Kopf wie ein Hammerschlag.
— Vitalik, wir haben Geld, — versuchte sie, an den letzten Rest Vernunft in ihm zu appellieren.
— Wir können ihr sogar eine Tonne Bio-Kartoffeln kaufen.
Die beste.
Ich gebe das Geld, lass mich nur in Ruhe.
Lass mich liegen.
Vitalik blieb abrupt stehen und beugte sich über sie.
Sein Gesicht wurde rot, eine Ader trat an der Stirn hervor.
Er hasste es, wenn Olga erwähnte, dass sie mehr verdiente.
Das war sein wunder Punkt, und gerade trat sie — ohne es zu wollen — voll drauf.
— Steck dir deine Almosen sonst wohin! — fauchte er, Speichel spritzte.
— Es geht nicht ums Geld, es geht um Respekt!
Der Mensch hat den ganzen Sommer geschuftet, gegossen, Käfer gesammelt!
Und du liegst hier wie eine Prinzessin und rümpfst die Nase?
„Kaufen“!
Arbeiten muss man, Olja, arbeiten!
Und nicht den Hintern unter der Decke wärmen, während andere schuften.
Er ging zum Fenster und riss die Gardine mit Gewalt auf.
Graues, trostloses Herbstlicht flutete das Schlafzimmer und brachte weder Wärme noch Gemütlichkeit.
Draußen bog der Wind die kahlen Pappelzweige, der Himmel hing bleischwer, als würde er gleich in eisigem Regen losheulen.
Perfektes Wetter für eine Lungenentzündung, aber nicht für irgendeinen Agro-Fitness-Trip.
— Steh auf, hab ich gesagt! — Vitalik kam zurück ans Bett und trat gegen das Bettbein.
— Hör auf, Theater zu spielen.
Ich kenn doch deinen „Grippe“-Quatsch.
Gestern Abend saßt du noch normal da, hast Serien geguckt und gekichert.
Und sobald man arbeiten muss, heißt es gleich: „Oh, ich sterbe“.
Trink Theraflu, schmeiß Aspirin ein — und vorwärts.
An der frischen Luft geht das alles weg.
Mit der Schaufel schwitzt du’s raus, und dann ist es wie weggeblasen.
Olga versuchte sich aufzusetzen.
Ihr Kopf war aus Gusseisen, voll Blei.
Das Zimmer kippte nach links, dann nach rechts.
Die Übelkeit stieg bis zum Hals.
Sie umklammerte den Kopf mit beiden Händen, als müsste sie ihn festhalten, damit er nicht von den Schultern rutschte.
— Ich tue nicht so, — sagte sie leise.
— Fass meine Stirn an, wenn du mir nicht glaubst.
— Ich hab echt Besseres zu tun, als mir deinen Bazillus einzufangen, — warf Vitalik angewidert hin und trat einen Schritt zurück.
— Ich trage Verantwortung.
Ich kann — im Gegensatz zu manchen — Mama nicht hängen lassen.
Ich hab nämlich ein Gewissen, Olja.
Er schnappte sich vom Stuhl die Jeans, die Olga gestern Abend, als es ihr noch halbwegs ging, zum Waschen bereitgelegt hatte, und warf sie ihr ins Gesicht.
Der grobe Stoff mit dem Metallknopf traf schmerzhaft ihre Wange.
— Anziehen.
Du hast fünf Minuten.
Wenn du in fünf Minuten nicht im Flur stehst, zieh ich dich selbst an.
Und glaub mir, ich werde nicht zimperlich sein.
Olga zog die Jeans langsam vom Gesicht.
Die Wange brannte vom Treffer, aber das war nichts gegen die eisige Kälte, die sich in ihr ausbreitete.
Das war kein Frösteln vom Fieber.
Das war Erkenntnis.
Eine klare, furchtbare Erkenntnis darüber, mit wem sie lebte.
Sie sah ihren Mann an und sah keinen Nahestehenden, sondern einen wütenden, minderwertigkeitsgeplagten Aufseher.
Es war ihm wirklich egal.
Wenn sie jetzt Blut husten würde, würde er ihr wahrscheinlich ein Taschentuch reichen und sagen, sie solle die Polster im Auto nicht einsauen.
Kartoffeln waren wichtiger.
Mamas Befehl war wichtiger.
Sein Bedürfnis, „ein guter Sohn“ zu sein, war wichtiger als ihr Leben.
— Vital… und wenn ich dort umkippe? — fragte sie und sah ihm direkt in die Augen.
— Wenn das Herz das nicht packt?
Ich hab Tachykardie, mein Puls ist über hundertzwanzig.
Vitalik grinste nur schief, während er die Jacke zuknöpfte.
— Du krepierst nicht.
Die Schaufel ist der beste Herzschrittmacher.
Heul nicht rum.
Die Zeit läuft.
Er sah demonstrativ auf die Uhr, drehte sich um und ging aus dem Schlafzimmer, laut stampfend.
Aus der Küche klirrte Geschirr — er wollte offenbar noch schnell frühstücken, während die „faule Frau“ sich fertig macht.
Olga blieb allein.
Sie starrte auf das graue Fensterrechteck, auf die Jeans auf der Decke, auf ihre zitternden Hände.
Irgendwo tief in ihr, unter den Schichten aus Hitze und Schwäche, begann etwas aufzusteigen.
Eine dunkle, schwere Welle.
Wut.
Nicht hysterisch, nicht schrill — sondern schwer, still, wie die Wut eines gehetzten Tieres, das begreift, dass es keinen Rückzug mehr gibt.
Fünf Minuten vergingen.
Olga merkte es nicht an der Uhr — Zeit war für sie jetzt eine zähe, heiße Masse —, sondern an Schritten.
Vitalik kam zurück.
Er ging schnell, mit hartem Tritt, wie ein Aufseher auf dem Weg zu einem Gefangenen.
Die Tür flog so heftig auf, dass die Klinke gegen die Wand knallte und wahrscheinlich wieder eine Delle in die Tapete schlug.
Olga hatte sich nicht bewegt.
Sie lag zusammengerollt da, versuchte unter den zwei Decken ein bisschen Wärme festzuhalten.
Sie zitterte so stark, dass das Bett fein vibrierte.
— Na? — Vitalik stand in der Tür, die Hände in die Hüften gestemmt.
— Ich sehe, hier bewegt sich gar nichts.
Willst du mich wirklich fertig machen?
Glaubst du, ich mach Witze?
Er trat ins Zimmer, und mit ihm drang der Geruch von gebratener Wurst und starkem, billigem Kaffee herein.
Ein Geruch, der sonst nach Zuhause roch, löste jetzt bei Olga einen Brechreiz aus.
Der Magen zog sich krampfartig zusammen.
— Vital, ich meine es ernst, — flüsterte sie, ohne die Augen zu öffnen.
— Ich brauche einen Arzt.
Oder wenigstens Ruhe.
Bitte…
— Ruhe braucht sie! — äffte er schrill nach.
— Und meine Mutter braucht keine Hilfe?
Und die Kartoffeln brauchen Ruhe, damit sie im Boden verfaulen?
Du bist egoistisch, Olja.
So richtig egoistisch.
Denkst nur an dich.
„Oh, mir ist schlecht, oh, ich sterbe.“
Pfui!
Er kam dicht ans Bett.
Olga spürte seine Anwesenheit wie einen schweren, drückenden Block.
— Aufstehen! — brüllte er direkt an ihrem Ohr.
Und ohne eine Reaktion abzuwarten, packte er die Decke am Rand und riss sie mit Gewalt zu sich.
Die kalte Zimmerluft peitschte über Olgas überhitzten, schweißnassen Körper wie ein eisiger Schlag.
Sie schrie auf, griff instinktiv nach dem wegfliegenden Stoff, aber ihre schwachen, ungehorsamen Finger erwischten nur Luft.
Die Decke flog als Knäuel in die Ecke.
Olga lag nur noch in einem dünnen Pyjama da, zusammengekauert, die Knie umklammert.
Ihre Zähne klapperten so laut, dass es schien, als fülle dieses Geräusch das ganze Zimmer.
— So ist’s besser, — nickte Vitalik zufrieden.
— Vielleicht lüftest du mal durch.
Du hast hier ja ein Treibhaus eingerichtet.
Er begann, Kleidung nach ihr zu werfen.
Ein Pullover landete auf ihrem Kopf, Wollsocken trafen sie am Bauch.
— Anziehen!
Sofort!
Guck sie dir an, wie sie da liegt!
Meine Mutter steht mit hundertachtzig Blutdruck auf den Beeten und jammert nicht!
Tablette unter die Zunge — und weiter!
Und diese junge Stute fällt mit ein bisschen Fieber um.
Schämst du dich nicht?
Schämst du dich nicht vor den Leuten?
Olga hob langsam den Kopf.
Vor ihren Augen war alles doppelt, das Gesicht ihres Mannes verschwamm zu einem roten Fleck, aber seine Worte…
Die kamen klar an, jedes einzelne wie eine Ohrfeige.
— Stute… — wiederholte sie leise mit ausgetrockneten Lippen.
— Ja, Stute! — Vitalik steigerte sich hinein.
Er spürte seine Macht, seine Straflosigkeit.
— Gesunde, faule Frau!
Ich füttere dich, ich halte dich aus, und du kannst nicht mal ein Minimum an Dankbarkeit zeigen!
Etwas klickte in Olga.
Ein unsichtbarer Schalter, der bis eben auf „Geduld und Liebe“ stand, sprang mit einem trockenen Knacken auf „Vernichtung“.
„Ich füttere dich? — schoss es ihr durch den fiebrigen Kopf.
— Du?
Hältst mich aus?
In meiner Wohnung?
Von meinem Gehalt, das doppelt so hoch ist wie deins?
Mit meinem Auto, das du für deins hältst?“
Die Krankheit war noch da.
Der Kopf spaltete sich, der Körper schmerzte, jedes Gelenk wurde von unsichtbaren Zangen verdreht.
Aber durch den Nebel der Schwäche brach etwas kristallklares, eisiges hervor.
Wut.
Kälter als die Luft, die ihr gerade die Haut verbrannte.
Sie begriff plötzlich, dass sie diesen Mann nicht mehr liebte.
Nicht nur gekränkt, nicht nur wütend — nein.
Das Gefühl war weg, ausgebrannt von seinem Verachten.
Vor ihr stand ein fremder, unangenehmer Typ, der sie für Eigentum hielt, für Werkzeug, für einen Anbau an die Schaufel.
Olga hörte auf zu zittern.
Oder eher: Das Zittern wurde anders.
Nicht mehr Schüttelfrost, sondern die Spannung einer Feder, die gleich losschnellt.
Langsam setzte sie sich auf, stützte sich mit einer Hand am Bett ab.
Das Zimmer schwankte, der Boden rutschte weg, aber sie hielt sich.
— Na siehst du, ging doch, — grinste Vitalik, als er sah, dass sie hochkam.
— Der heilsame Tritt wirkt Wunder.
Plötzlich hast du Kräfte, was?
Er grinste selbstzufrieden, überzeugt von seinem Sieg.
In seiner Welt hatte er gerade „männliche Härte“ gezeigt und die freche Frau wieder an ihren Platz gesetzt.
— Los, beweg dich, — befahl er und ging Richtung Tür.
— Ich wärme schon mal das Auto auf und schmeiß die Säcke in den Kofferraum.
In zehn Minuten bist du unten.
Und keine Spielchen.
Lächeln drauf — und ab zu Mama.
Er ging hinaus und pfiff irgendeine dumme Melodie.
Olga hörte, wie er in der Diele mit den Schlüsseln klapperte, wie die Wohnungstür ins Schloss fiel.
Sie blieb mitten im Zimmer stehen, schwankte wie ein Halm im Wind.
Der Pullover lag auf dem Boden.
Die Jeans auch.
Sie stieg darüber hinweg.
— Säcke… — flüsterte sie in die Leere.
— Du brauchst Säcke, Vitalik?
Du wirst sie bekommen.
Sie ging nicht zum Stuhl mit der Kleidung, sondern zur Kommode, wo im unteren Fach Haushaltszeug lag.
Ihre Bewegungen waren langsam, wie in Zeitlupe, aber das Ziel war klar.
Sie zog eine Packung große, dicke Müllsäcke für Bauschutt heraus.
Das schwarze Plastik raschelte in der Stille des Schlafzimmers unheilvoll.
Olga riss die Papierbanderole auf.
Vor ihren Augen wurde es dunkel, das Herz hämmerte irgendwo im Hals, doch sie zwang sich zu einem Schritt.
Dann noch einen.
Zum Schrank.
Zu seiner Hälfte — mit seinen heiligen Hemden, seinen „Ausgeh“-Anzügen, seinen Regalen voller T-Shirts.
Ihre Hand griff nach den Kleiderbügeln.
Die Finger, eben noch schwach, ballten sich jetzt so fest zur Faust, dass die Knöchel weiß wurden.
Die Ernte begann.
Nur grub sie heute keine Kartoffeln aus, sondern dieses Unkraut aus ihrem Leben.
Der erste Sack füllte sich erschreckend schnell.
Olga arbeitete wie ein kaputter, aber noch funktionierender Roboter: Ruck — und ein Stapel perfekt gebügelter T-Shirts verschwand im schwarzen Plastikschlund.
Ruck — und hinterher flogen Socken, zu festen Schnecken gedreht, gemischt mit Unterhosen.
Sie sortierte nichts.
Sauber, schmutzig, Sommer, Winter — es war nur noch Biomasse, die einem Menschen gehörte, der sich gerade selbst aus ihrem Herzen gestrichen hatte.
Der Schwindel war so stark, dass Olga sich mit einer Hand an der Schrankkante festhalten musste, um nicht umzufallen.
Der Schweiß lief in Strömen, der Pyjama klebte am Rücken, aber diese Hitze war fast angenehm — sie verbrannte die letzten Zweifel.
Sie räumte alles leer.
Pullover, die sie ihm selbst geschenkt hatte.
Jeans, die sie stundenlang mit ihm in Einkaufszentren ausgesucht hatte, während sie sein Jammern ertrug, dass „alles teuer und unbequem“ sei.
Jetzt flog alles in den Müllsack und verlor Wert und Bedeutung.
— Olja!
Wie lange noch?! — Vitaliks Stimme kam aus der Diele, voll Ungeduld.
— Ich hab die Schnauze voll vom Warten!
Der Motor läuft, der Sprit geht drauf!
Olga antwortete nicht.
Sie nahm den zweiten Sack, schüttelte ihn gierig auf, füllte ihn mit Luft und ging zum Regal mit den „Heiligtümern“.
Dort lagen seine Gadgets, Ladekabel, Dokumente und vor allem die Kiste mit Angelzeug — sein Stolz, den sie unter Todesdrohung nicht anfassen durfte.
Mit der Kiste musste sie kämpfen — sie war schwer, eckig.
Olga kippte sie einfach über dem Sack aus.
Teure Wobbler, Blinker, Rollen mit Schnur prasselten mit fröhlichem Plastikklicken hinein, vermischten sich mit Kabeln und einem alten Tablet.
Im Flur polterten schwere Schritte.
Vitalik hielt es nicht mehr aus.
Er stürmte ins Schlafzimmer, den Mund schon offen für die nächste Predigt über Disziplin und Respekt vor Älteren — und erstarrte in der Tür.
Das Bild passte nicht in seine Welt.
Statt einer angezogenen, arbeitsbereiten Frau sah er eine verschwitzte, zerzauste Furie, die seinen geliebten, schweineteuren Spinnruten in einen Müllsack stopfte — und dabei die empfindliche Graphitspitze abknickte.
— Du… was machst du da?! — stammelte Vitalik, so schockiert, dass seine Stimme wegkippte.
— Bist du völlig durch wegen dem Fieber?
Wieso die Angel?!
Wir fahren Kartoffeln ausgraben, nicht angeln!
Er kapierte es immer noch nicht.
Sein Gehirn, auf die eigenen Wünsche getrimmt, verweigerte die Realität.
Er glaubte, sie packe im Delirium für die Fahrt.
— Das ist nicht fürs Wegfahren, Vitalik, — sagte Olga heiser.
Sie zog den Knoten am zweiten Sack so fest zu, dass die Finger weiß wurden.
— Das ist fürs Fliegen.
— Welches Fliegen, spinnst du?
Was laberst du? — Er kam auf sie zu, sein Gesicht verzerrte sich vor Wut.
— Stell das hin!
Du machst es kaputt!
Das ist Shimano, du Idiotin!
Das kostet so viel wie deine Niere!
Er riss nach dem Sack, um ihn ihr wegzunehmen.
Olga riss ihn mit einem schrillen, katzenartigen Fauchen zu sich.
Adrenalin schoss durch sie und übertönte für einen Moment die Schwäche.
— Fass es nicht an! — schrie sie so laut, dass Vitaliks Augen groß wurden.
— Wag es nicht, mich anzufassen!
— Du bist krank! — brüllte er zurück und packte den Sackrand.
Es krachte — das Plastik riss.
Ein Ladegerät fiel heraus und rollte über den Boden.
— Du bist wirklich irre!
Ich rufe den Notarzt, die bringen dich in die Klapse!
Gib die Sachen her!
Vitalik zog stärker.
Olga schwankte auf ihren weichen Beinen, ließ den Sack aber nicht los.
In diesem Moment hasste sie ihn so sehr, dass sie ihm am liebsten in die Hand gebissen hätte.
— Hau ab! — hauchte sie ihm ins Gesicht, heißer Atem schlug ihm entgegen.
— Mit deinem Schrott!
Zu Mama!
Zu den Beeten!
In die Hölle!
Wohin du willst!
Sie stieß ihn gegen die Brust.
Schwach, ja, aber vor Überraschung machte Vitalik einen Schritt zurück.
Er starrte sie an, starrte auf den gerissenen Sack, auf die verstreuten Sachen, und in seinen Augen dämmerte etwas.
Nicht Schuld.
Nur die Erkenntnis, dass die Meuterei zu weit gegangen war.
— Aha… so redest du jetzt… — zog er bedrohlich, die Augen schmal.
— Du schmeißt mich raus, ja?
Ich komm zu ihr mit ganzer Seele, ich erziehe sie, bring ihr Arbeit bei, und sie…
Na gut.
Gut!
Ich nehm jetzt diese Säcke — aber nicht auf den Müll, sondern ins Auto!
Und du schmeißt mich nicht raus, ich wohne hier…
ich hab Rechte!
Er bückte sich nach einer herausgefallenen Rolle.
Olga begriff, dass keine Zeit für Reden war.
Wenn er jetzt anfängt, seine „Rechte“ zu brüllen, wenn er auch nur eine Minute bleibt — verliert sie.
Sie kippt einfach um, und er gewinnt wieder.
Drückt sie wieder runter, demütigt sie, macht sie klein.
Sie packte den ersten, schwersten Sack am Knoten und schleifte ihn zur Balkontür.
Das Plastik raschelte über das Laminat wie ein Leichentuch.
— Wohin schleppst du das? — Vitalik richtete sich auf, die Rolle in der Hand wie eine Granate.
— Olja, stehen bleiben!
Olga hörte nicht.
Sie riss die Balkontür auf.
Kalter Herbstwind stürzte ins Zimmer und wirbelte die Vorhänge hoch.
Ihr wurde sofort eiskalt, unerträglich kalt — aber sie wusste: Das ist der letzte Ruck.
— Geh weg, — sagte sie leise, aber so fest, dass Vitalik einen Moment erstarrte.
Sie zog den ersten Sack auf den Balkon.
Der zweite lag schon an der Schwelle.
Vitalik stürzte vor, um sie zu stoppen, aber Olga sammelte ihre letzten Kräfte, gab dem zweiten Sack einen Tritt, und er rutschte über die Schwelle auf den Betonboden.
— Du wagst das nicht, — zischte Vitalik, jetzt endlich begreifend, was sie vorhatte.
Er stand im Türrahmen, zu feige, in Hemd und Socken in die Kälte zu treten, aber auch zu gierig, um sein Zeug aufzugeben.
— Da unten ist Dreck!
Da sind Pfützen!
Olja, hör auf mit der Show!
Olga stand am Geländer.
Sie zitterte, der Wind riss an ihrem dünnen Pyjama, Haare fielen ihr ins Gesicht.
Unten, unter dem Balkon im zweiten Stock, lag ein matschiger Vorgarten, den die Nachbarin, Tante Njura, sonst mit irgendwelchen Büschen bepflanzte.
Jetzt war dort nur schwarze, fettige Brühe.
Sie sah ihren Mann an.
In ihren Augen war kein Angst mehr, keine Liebe.
Nur Leere und Müdigkeit.
— Deine Mama wartet, Vitalik, — sagte sie.
— Und die Ernte wartet nicht.
Sie packte den ersten Sack unten am Rand und kippte ihn über das Geländer.
Der dumpfe, nasse Aufprall des Plastiks auf der aufgeweichten Erde klang wie ein Startschuss.
Der Sack landete mitten in der Nachbars-Beetfläche, die nach dem Nachtregen zu einem Schlammloch geworden war.
Der Beutel hielt den Schlag nicht aus.
Die schwarze Seite platzte, und direkt in den Herbstmatsch fielen Jeans, Hemden und dieses „Ausgeh“-Sakko, das Vitalik wie seinen Augapfel gehütet hatte.
Vitalik erstarrte.
Er starrte nach unten über Olgas Schulter, und sein Gesicht wechselte die Farbe — von knallroter Wut zu totenbleicher Panik.
Er sah, wie sein Lieblingsweißes T-Shirt sich langsam mit schwarzer Brühe vollsog.
— Du… was hast du getan? — flüsterte er, und in seiner Stimme war echter, tierischer Horror.
— Das ist doch Dreck!
Das wird alles kaputt!
Olga antwortete nicht.
Sie schleppte schon den zweiten Sack.
Den mit der Angel und den Geräten.
In ihren Bewegungen war kein Zögern mehr, nur mechanische, erbarmungslose Entschlossenheit.
Das Fieber hatte alle Sicherungen durchgebrannt und nur ein Programm übrig gelassen: „Gebiet säubern“.
— Stopp! — brüllte Vitalik, endlich wieder bei sich.
Er wollte nach ihrem Arm greifen, aber er war einen Herzschlag zu spät.
Der zweite Sack flog in einem Bogen hinterher.
Unten krachte es hässlich — teurer Graphit brach am Betonrand.
Das Klirren von zerbrechendem Plastik setzte den Schlusspunkt.
Vitalik heulte auf.
Das war kein menschlicher Schrei, das war der Schmerzenslaut eines verletzten Tieres, dem man sein Stück Fleisch weggenommen hat.
— Schlampe!
Drecksau!
Ich bring dich um! — Er raste auf dem Balkon hin und her, unfähig zu entscheiden, ob er die Frau schlagen oder sein Zeug retten sollte.
— Meine Rute!
Meine Sachen!
— Rett sie, — warf Olga gleichgültig hin und stützte sich schwer aufs Geländer.
Vor ihren Augen tanzten schwarze Punkte, sie zitterte, aber sie hielt sich.
— Bevor Obdachlose sie mitnehmen.
Oder Hunde draufpissen.
Du hast nicht viel Zeit, Vitalik.
Sie bückte sich, nahm seine Stiefel, die er im Flur so dumm ausgezogen hatte, um in Gummistiefel zu wechseln, und warf sie runter.
Ein Stiefel platschte mitten in eine Pfütze und spritzte eine Fontäne Schlamm hoch.
Danach flog die Jacke.
Vitalik starrte, die Augen weit aufgerissen.
Gier und Angst um sein Zeug waren stärker als der Wunsch, hier und jetzt einen Aufstand zu machen.
Er verstand: Jede Sekunde kostet ihn Geld.
Und es begann wieder zu nieseln — das gab den Ausschlag.
— Du wirst es bereuen!
Du wirst Blut heulen! — brüllte er und schoss vom Balkon.
Olga hörte, wie seine Schritte durchs Laminat donnerten, wie er in der Diele die Garderobe umriss, wie die Wohnungstür aufriss und er die Treppe hinunter raste, immer zwei Stufen auf einmal.
Er lief, um sein einziges Heiligtum zu retten — seine Sachen.
Sobald seine Schritte im Treppenhaus verklangen, ging Olga schwankend in die Diele.
Die Beine waren weich, jeder Schritt schwer, als würde sie hüfthoch durchs Wasser gehen.
Sie trat an die Wohnungstür.
Das schwere Metall schloss sich mit einem weichen, satten Klang.
Klick.
Erste Drehung.
Klick.
Zweite.
Riegel.
Unteres Schloss.
Olga legte die Stirn an das kalte Metall.
Das Herz hämmerte irgendwo im Hals, der Schlag tat in den Ohren weh.
Fertig.
Die Festung war dicht.
Langsam ging sie wieder auf den Balkon.
Sie musste sicher sein.
Musste das Ende sehen.
Unten, im Vorgarten, lief eine Tragikomödie.
Vitalik, nur in Socken, hüpfte durch den Matsch und versuchte, sein Zeug zusammenzuklauben.
Er rutschte aus, fiel schon auf die Knie und besudelte seine kostbaren Tarnhosen.
Er raffte nasse, dreckige Hemden, stopfte sie in den gerissenen Sack, aber sie quollen auf der anderen Seite wieder heraus.
Die Rute war hoffnungslos in zwei Teile gebrochen, die Angelschnur hing verheddert im Hagebuttenbusch.
Er hob den Kopf und sah Olga.
Sie stand oben, eingewickelt in eine Decke, die sie sich schnell vom Sessel gerissen hatte.
Von oben sah sie aus wie eine unerreichbare Statue der Vergeltung.
— Mach auf! — brüllte er unten und schüttelte die Faust, in der er einen schlammigen Socken hielt.
— Mach sofort auf, du Miststück!
Ich rufe die Polizei!
Ich breche die Tür auf!
Du hast kein Recht!
Das sind meine Sachen!
Seine Schreie hallten über den Hof.
In den Fenstern tauchten neugierige Gesichter auf, aber Olga war es völlig egal.
Scham, Angst vor Gerede, das Bedürfnis, „das Gesicht zu wahren“ — all das verbrannte bei neununddreißig Grad.
— Du hast keine Rechte, Vitalik, — sagte sie.
Ihre Stimme war leise, aber in der morgendlichen Hofstille klang sie klar.
— Die Wohnung ist meine.
Die Schlösser wechsle ich heute noch.
Die Schlüssel kannst du als Andenken behalten.
— Dich will doch keiner, du Kranke! — kreischte er, während er versuchte, einen nassen Schuh über den dreckigen Socken zu ziehen.
— Du stirbst da allein!
Keiner bringt dir Wasser!
Mama hatte recht, du bist eine Schlange!
— Dann fahr zu Mama, — Olga beugte sich übers Geländer.
— Du hast fünf Minuten, bevor ich wegen Randale unterm Fenster die Polizei rufe.
Sammel deine Lumpen ein und verschwinde Kartoffeln ausgraben.
Du wolltest doch unbedingt vor dem Regen fertig werden.
Dann lenk dich nicht ab.
Sie drehte sich um und ging vom Balkon, schloss die Tür hinter sich.
Straßenlärm, sein Gebrüll, das Prasseln des beginnenden Regens — alles blieb draußen, hinter dem Doppelglas.
Olga ging ins Schlafzimmer.
Chaos überall: der leere offene Schrank, verstreute Bügel, der umgeworfene Stuhl.
Aber die Luft war anders.
Nicht mehr stickig.
Es war Luft nach Freiheit — mit einem Hauch Staub.
Sie ging zum Bett und fiel hinein, ohne das zerwühlte Laken zu richten.
Sie hatte keine Kraft mehr.
Der Körper schüttelte sich — das Adrenalin fiel ab und machte der Krankheit Platz.
Aber jetzt war es „nur“ Krankheit.
Ein Virus, den der Körper übersteht.
Den Hauptparasiten, der ihr jahrelang das Leben ausgesaugt hatte, hatte sie eben chirurgisch entfernt.
Sie zog die Decke bis ans Kinn.
Die Zähne klapperten, aber irgendwo tief innen breitete sich Ruhe aus.
— Mama hat gesagt… — flüsterte Olga ins Kissen und schloss die Augen.
— Mama hat gesagt, die Kartoffeln müssen raus.
Dann buddel, Vitalik.
Buddel von hier bis Mittag.
Und ich schlafe jetzt.
Eine Minute später fiel sie in einen schweren, aber rettenden Schlaf, und selbst das hektische Klingeln an der Tür, das noch zehn Minuten anhielt, weckte sie nicht.
Das Fieber begann zu sinken.







