Eines Abends setzte sich eine alte Frau in einem altmodischen Mantel zu ihm auf die Bank und bat ihn um einen seltsamen Dienst — er solle zu ihren Nachbarinnen gehen und ihnen ausrichten, sie müssten den von ihr geschenkten Daunenschal verbrennen.

Er stimmte zu, ohne überhaupt zu wissen, mit wem er sprach — und dass nicht nur ihr Seelenfrieden auf dem Spiel stand.

An jenem Abend ging Gleb Iwanowitsch mit einem Gefühl vager, nagender Unruhe nach Hause.

Der Weg von der Haltestelle ins Dorf schlängelte sich zwischen alten Pappeln, und im Licht einer einsamen Laterne wirkten ihre Schatten wie lebendige, zähe Wesen.

Es war Anfang Oktober, und die Luft roch nach feuchtem Laub und kalter Erde.

Auf der Bank neben seinem Vorgarten sah er eine alte Frau.

Gleb verstand sofort, dass sie nicht von hier war — zu sauber und zu altmodisch war ihr dunkler Mantel mit Samtkragen, und ihr Kopf war so in einen Daunenschal gewickelt, dass nur das blasse Oval ihres Gesichts zu sehen war.

Sie saß reglos da wie eine Statue und blickte starr geradeaus.

— Guten Abend, — sagte Gleb und verlangsamte den Schritt.

— Sind Sie zu jemandem gekommen? Haben Sie sich vielleicht verlaufen?

Die Alte drehte langsam den Kopf.

Ihre Augen waren hell, durchsichtig, mit jenem besonderen Blau, das Kinder haben — oder sehr alte Menschen, die schon an der Schwelle einer anderen Welt stehen.

— Zu dir, mein Junge, — ihre Stimme war leise, klang aber in der Abendstille überraschend deutlich.

— Ich warte schon lange auf dich.

Setz dich, wenn’s dich nicht ekelt.

Gleb gehorchte, ohne zu wissen warum.

Er setzte sich auf die Kante der Bank und spürte, wie vom Holz Kälte aufzog.

— Erschrick nur nicht, — fuhr die Alte fort, ohne ihn anzusehen, als blicke sie in die Dunkelheit hinter seiner Schulter.

— Ich bin Ewdokija Saweljewna.

Hier in der Nähe habe ich mein ganzes Leben gewohnt.

Und nun… seit einem Monat bin ich hinüber.

Gleb zuckte zusammen, wollte aufstehen, doch eine schwere, unbezwingbare Müdigkeit legte sich auf seine Schultern und drückte ihn auf die Bank zurück.

Er spürte keine Angst — nur eine seltsame Starre und eine Stille, die plötzlich dicht wurde wie Watte.

— Fürchte dich nicht, — wiederholte Ewdokija Saweljewna.

— Der Leib ist Staub, aber die Seele… die Seele ist noch hier, solange man sie nicht gehen lässt.

Manchmal bleiben Dinge zurück, die ohne einen Lebenden nicht zu ordnen sind.

So eine Sache habe ich.

Gleb konnte sich endlich rühren.

Er strich sich übers Gesicht, als prüfe er, ob er träumte.

Seine Handfläche war kalt und feucht.

— Was wollen Sie denn? — fragte er heiser.

— Hör zu.

Jenseits des Flusses, bei dem alten Wehr, steht ein Haus, schon ganz schief.

Dort leben zwei Schwestern, Uljana und Darja.

Uljana, die ältere, kann nicht mehr laufen — sie liegt seit zwei Jahren nur noch da.

Darja pflegt sie.

Und nun… ich bin ihnen etwas schuldig.

Zu Lebzeiten habe ich’s nicht geschafft, es zu sagen.

Die Alte schwieg, und in dieser Pause hörte Gleb, wie irgendwo weit weg ein Hund bellte — so gewöhnlich, so lebendig, dass ihm für einen Moment schien: Das ist alles nur ein Spuk, er steht gleich auf und geht nach Hause.

— Mein Daunenschal, den ich Uljana zum Namenstag geschenkt habe, — fuhr Ewdokija Saweljewna fort, und ihre Stimme wurde strenger.

— Geh hin und sag Darja: Uljana soll den Schal nehmen, aber nicht einfach so — sie soll ihn im Ofen verbrennen, bis zum letzten Fädchen.

Und dabei soll sie sagen: „Ich vergebe und ich lasse los.“

Hast du verstanden?

Das Wichtigste ist: „ich vergebe“.

— Ich verstehe gar nichts, — gab Gleb ehrlich zu.

— Warum soll man ein Geschenk verbrennen? Und wem vergeben?

— Uljana weiß es, — seufzte die Alte.

— An mir ist genug Schuld.

Es reicht, dass du es ausrichtest.

Den Rest entscheiden sie.

Tun sie es — gut.

Tun sie es nicht — dann soll es eben so sein.

Aber ich finde keine Ruhe, solange ich es nicht versucht habe.

Sie stand von der Bank auf.

Leicht, ohne das übliche Greisenstöhnen — und in dieser gleitenden Bewegung lag etwas unheimlich Unmenschliches.

— Und wenn du es getan hast, mein Junge, komm zu mir auf den Friedhof.

Du sagst mir, wie es ausgegangen ist.

Dort hinten, hinter der Kirche, dritte Reihe, ganz außen.

Ich werde warten.

Gleb wollte noch etwas fragen, doch als er blinzelte, merkte er, dass er allein auf der Bank saß.

Nur auf dem kalten Asphalt, dort, wo eben noch die Alte gestanden hatte, lag ein trocknes Pappelblatt, zu einer Röhre gerollt wie eine kleine Schriftrolle.

Er kam wie betäubt nach Hause.

Seine Frau, Taisija, schlief schon.

Gleb saß lange in der Küche, trank kalten Tee und starrte in das schwarze Fenster, hinter dem der Wind die Zweige schaukelte.

Er versuchte sich einzureden, es sei ein Spiel des übermüdeten Kopfes, eine Halluzination.

Doch das Bild der Alten im altmodischen Mantel stand zu deutlich vor seinen Augen.

Am nächsten Morgen beschloss Gleb, dass er nicht verrückt geworden war — er hatte einfach am Vorabend bei einem entfernten Verwandten auf dem Totenschmaus zu viel getrunken.

Er schwor sich, vorsichtiger mit dem Hochprozentigen zu sein.

Die Baustelle machte ihn fertig, doch auf die Gewohnheit, nach der Schicht ein oder zwei Gläser zu kippen, zu verzichten, war schwer.

Drei Tage vergingen.

Das Leben lief wieder in gewohnten Bahnen.

Doch am Abend des dritten Tages saß Gleb, müde nach der Schicht, in der Küche und goss sich mechanisch ein Schnapsglas ein, da klopfte es an der Tür: Nachbar Wiktor.

— Na, Gleb! — Wiktor war laut, unkompliziert und hatte immer irgendeinen Drink dabei.

— Schau mal, was ich habe!

Mein Bruder hat’s aus der Stadt mitgebracht, echten Cognac, nicht so eine Brühe wie unsere.

Gleb zögerte nicht lange.

Gesellschaft war besser als allein mit den eigenen Gedanken.

Das Gespräch floss, der Cognac ging schnell zur Neige.

Gleb erzählte von der Arbeit, Wiktor von seinen Anglergeschichten.

Doch je mehr Gleb trank, desto seltsamer wurde ihm.

Die Stimmen um ihn herum klangen gedämpft und verschwanden dann ganz.

Vor seinen Augen trieben Kreise.

Er kam vor Kälte zu sich.

Ein feiner, widerlicher Regen sickerte ihm in den Nacken, seine Füße standen im nassen Gras.

Gleb hob den Kopf — und erstarrte.

Er stand auf dem Dorffriedhof, hinter der alten Backsteinkirche.

Vor ihm war ein frischer Erdhügel mit einem Holzkreuz und einem Schild.

Der Mond schob sich hinter den Wolken hervor und beleuchtete den Namen: „Ewdokija Saweljewna Mironowa“.

Die Daten bestätigten es: vor einem Monat.

— Da bist du ja, mein Junge, — erklang hinter ihm die vertraute Stimme.

Gleb fuhr herum.

Ewdokija Saweljewna stand nur zwei Schritte entfernt, im selben Mantel, und sah ihn mit leichtem Vorwurf an.

— Hast du dein Wort nicht gehalten? — fragte sie.

— Oder hast du’s vergessen?

Ich warte doch.

Ich brauche Ruhe, aber ich quäle mich hier.

— Wie bin ich hierher gekommen?! — Gleb fasste sich an den Kopf.

— Das ist alles dieser verfluchte Alkohol!

— Genau der, — nickte die Alte.

— Ohne ihn hättest du mich weder gehört noch gesehen.

Und wenn du mich gehört hast, dann musst du helfen.

Glaub nicht, ich bin die Einzige.

Dort, siehst du, wie viele — sie wies mit der Hand in die Dunkelheit.

— Jeder hat seine Sache.

Aber du machst erst meine.

Geh zu den Schwestern.

— Und wie soll ich gehen? — Gleb widersprach nicht mehr; Kälte und Begreifen jagten ihm den Rest des Rauschs aus dem Körper.

— Was soll ich sagen? Guten Tag, ich komme von einer Toten?

— Genau so.

Die Wahrheit.

Sie werden es verstehen.

Uljana besonders.

Sie steht an der Schwelle, sie hat nichts mehr zu verbergen.

— Geh.

Und wenn du nicht gehst — komme ich wieder.

Ich habe nichts zu verlieren, ich bin ja schon alles gewesen.

Gleb taumelte vom Friedhof weg.

Er wusste nicht mehr, wie er übers Feld ging, wie er über irgendeinen Zaun kletterte.

Er kam erst in seiner Straße wieder zu sich.

Zu Hause zeigte die Uhr halb vier morgens.

Auf dem Tisch stand die halbvolle Cognacflasche, und Nachbar Wiktor schlief friedlich auf dem Sofa.

Am Morgen erzählte Wiktor, Gleb sei nachts plötzlich aufgestanden und wortlos hinausgegangen.

Wiktor habe ihn verfolgen wollen, sei aber über die Schwelle gestolpert und habe sich das Knie aufgeschlagen.

Und Gleb sei so schnell gegangen, dass er ihn nicht einholen konnte.

— Was bist du denn, ein Schlafwandler? — fragte Wiktor und verzog das Gesicht vor Schmerz.

Gleb schwieg.

Er begriff: Es gab keine Wahl.

Also: Schicksal.

Das Haus beim alten Wehr suchte er lange.

Das Dorf endete, Ödland begann, überwuchert von Beifuß, dahinter eine dunkle Waldkante.

Die Leute, die er nach dem Weg fragte, musterten ihn misstrauisch und widerwillig, doch sie zeigten die Richtung.

Zum Haus führte ein zerfahrener Feldweg voller Rinnen und Pfützen.

Die Hütte stand abseits, alt, mit vom Alter geschwärzten Stämmen und kleinen, blind wirkenden Fenstern.

Das Tor war mit einem Riegel verschlossen.

Gleb klopfte.

Hinter dem Zaun brach ein Hund in heiseres Bellen aus.

Die Tür öffnete eine Frau um die sechzig, dürr, sehnig, mit misstrauischem Blick.

— Wen wollen Sie? — fragte sie schroff, ohne ihn hereinlassen zu wollen.

— Ich… Uljana, — stotterte Gleb.

— Oder Darja.

Ich komme wegen einer Sache.

— Ich bin Darja.

Sag, was du willst, — sie verschränkte die Arme vor der Brust und versperrte den Eingang.

— Ich komme von Ewdokija Saweljewna, — platzte es aus Gleb heraus.

— Von Mironowa.

Darja wurde so blass, dass man es selbst in der Dämmerung sah.

Sie bekreuzigte sich hastig.

— Was redest du da, Unglücklicher? Dunja… sie ist doch…

— Ich weiß, — unterbrach Gleb sie.

— Darum bin ich da.

Ihre Bitte.

Darf ich rein? Das ist keine einfache Sache.

Zu seiner Überraschung trat Darja zurück und ließ ihn in den Vorraum.

Im Haus roch es nach Kräutern und nach alter Krankheit.

In einer kleinen Stube lag auf einem Bett, bedeckt mit einer alten Flickendecke, eine Frau.

Ihr Gesicht war eingefallen, gelblich, doch die Augen blickten scharf und lebendig.

— Uljana, — sagte Darja mit zitternder Stimme.

— Da ist ein Mann… er sagt, er kommt von Dunja.

Uljana zuckte zusammen und stützte sich auf die Ellbogen.

— Was redest du, Dascha? Dunja ist doch… — sie brachte den Satz nicht zu Ende.

— Ich weiß, — sagte Gleb, trat in die Stube und blieb an der Schwelle stehen, furchtbar verlegen.

— Sie ist mir erschienen.

Schon zweimal.

Sie bat, es auszurichten.

Sie sagte: Uljana soll den Daunenschal, den Dunja ihr geschenkt hat, im Ofen verbrennen.

Bis zum letzten Faden.

Und dabei sagen: „Ich vergebe und ich lasse los.“

In der Stube hing Stille.

Man hörte nur, wie hinter der Wand eine Maus scharrte.

Darja sah ihre Schwester an, Uljana starrte auf einen Punkt an der Wand.

— Ich vergebe… — flüsterte Uljana.

— Aber wem denn?

— Ich weiß es nicht, — zuckte Gleb mit den Schultern.

— Sie sagte, ihr würdet es verstehen.

Darja schluchzte plötzlich auf und setzte sich auf einen Hocker, das Gesicht in den Händen.

— Wir sind schuld, — sagte sie dumpf.

— Dunja und wir… wir haben uns vor ihrem Tod gestritten.

Uljanka lag da schon, kam nicht mehr hoch.

Und ich… ich habe Dunja beschimpft.

Ich sagte, sie hätte Uljana verhext, ihr Schal sei Verderben.

Dummes Zeug, aus Verzweiflung.

Dunja war beleidigt.

Sie ging und kam nicht mehr.

Und eine Woche später war sie tot.

Wir haben uns nicht versöhnt.

Uljana schwieg, doch Tränen liefen ihr übers Gesicht.

— Sie findet wegen uns keine Ruhe, — flüsterte sie.

— Dascha, wo ist der Schal? Der, den sie geschenkt hat?

— In der Truhe, — Darja stand auf, ging zu einer alten gestrichenen Truhe und hob den Deckel.

— Ich habe ihn als Erinnerung behalten.

Auch wenn ich mir alles Mögliche dachte, wegwerfen konnte ich ihn nicht.

Sie holte einen großen, weichen, grauen Daunenschal mit Fransen heraus.

Uljana streckte die Hand aus, strich darüber.

— Er war schön, — sagte sie.

— Sie hat ihn selbst gestrickt, sie war eine echte Handarbeiterin.

Gleb räusperte sich.

— Ich sollte wohl gehen. Ich habe es ausgerichtet.

— Warte, — hielt Uljana ihn auf.

— Wie ist sie dort?.. Wie sieht sie aus? Quält sie sich nicht?

— Ruhig, — antwortete Gleb nach kurzem Nachdenken.

— Sie bat nur, ich soll zu ihr kommen und sagen, wie ihr es macht. Sie wartet.

— Dann müssen wir es tun, — sagte Uljana fest und sah ihre Schwester an.

— Mach den Ofen an, Dascha.

Darja entfachte Feuer in dem kleinen Ofen, der die Stube wärmte.

Uljana ließ sich den Schal geben.

Ihre Hände zitterten, als sie dieses weiche, warme Stück hielt.

— Ich vergebe und ich lasse los, — sagte sie laut und sah ins Feuer.

— Und verzeih auch du uns, Dunja, wenn du kannst.

Sie warf den Schal in den Ofen.

Der Stoff fing hell Feuer, und die Stube füllte sich mit dem Geruch verbrannter Wolle.

Gleb sah zu, wie die Flammen die Fransen und das Fadengeflecht fraßen, und für einen Moment meinte er, im Feuer ein Gesicht aufblitzen zu sehen — doch es verschwand sofort.

Als der letzte Funke verglomm, sank Uljana erschöpft in die Kissen zurück.

— Danke, guter Mensch, — sagte sie zu Gleb.

— Ich weiß nicht, wie ich’s dir vergelten soll.

— Dank braucht’s nicht, — Gleb wich Richtung Ausgang zurück.

— Ich will nur, dass sie mich in Ruhe lässt.

Darja ging mit ihm bis zum Tor.

— Verzeih, dass ich dich erst angebellt hab, — sagte sie schuldbewusst.

— Ich hab mich erschrocken.

Ich dachte, du bist ein Heiler oder ein Dieb.

Und nun bist du… ein Bote.

Gleb winkte ab und ging schnell davon — weg von dem Geruch der Asche und der alten Kränkung.

In dieser Nacht trank er nicht.

Er wälzte sich lange, doch der Schlaf kam nicht.

Als er dann in schweren Dämmer fiel, sah er sofort den Friedhofszaun vor sich.

Ewdokija Saweljewna wartete am selben Ort.

Doch jetzt war ihr Gesicht hell, ruhig, ohne die vorige Unruhe.

— Danke, mein Junge, — sagte sie leise.

— Sie haben es getan.

Sie haben mich losgelassen, und ich habe sie losgelassen.

Jetzt ist alles richtig.

— Und was ist mit Uljana? — fragte Gleb.

— Sie ist doch bettlägerig…

— Warte nur, — lächelte die Alte.

— Bald wirst du es erfahren.

Geh in Frieden.

Und merk dir: Du bist jetzt nicht mehr einfach so.

Du bist jetzt — verbunden.

Wenn einer von uns ruft, wirst du’s hören.

— Nein danke, — selbst im Traum lief Gleb ein Schauer über den Rücken.

— Ich habe einmal geholfen, das reicht.

— Nicht du wählst, — sagte Ewdokija Saweljewna traurig.

— Dich hat man gewählt.

Aber fürchte dich nicht.

Nicht jede Bitte ist schwer.

Manche sind auch leicht.

Bis dann.

Sie löste sich im Morgennebel auf, der zwischen den Kreuzen kroch, und Gleb wachte davon auf, dass draußen die ersten Hähne krähten.

Zwei Wochen vergingen.

Gleb mied sorgfältig jede Gesellschaft, in der es Alkohol geben könnte.

Arbeit, Haus, Schlaf — er versuchte, normal zu leben und die seltsamen Ereignisse zu vergessen.

Doch manchmal, wenn er an der Bank am Vorgarten vorbeiging, verlangsamte er unwillkürlich den Schritt.

An einem Sonntag fuhr er auf den Stadtmarkt, um Lebensmittel zu kaufen.

Er ging zwischen den Reihen, wählte Kartoffeln und Kräuter, und plötzlich hörte er:

— Gleb Iwanowitsch! Bist du das?

Er drehte sich um.

Vor ihm stand eine Frau mit einem bunten Kopftuch und einem Korb voller hausgemachtem Käse und saurer Sahne.

Gleb erkannte Darja nicht sofort.

Und neben ihr stand — auf einen Stock gestützt, aber auf eigenen Beinen — Uljana und lächelte.

Ihr Gesicht war rosiger geworden, die Augen glänzten.

— Mein Gott… — stieß Gleb hervor.

— Uljana? Du… ihr…

— Sie ist aufgestanden, — Darja schlug die Hände zusammen, und in ihren Augen standen Freudentränen.

— Du glaubst es nicht, guter Mensch!

Drei Tage, nachdem wir den Schal verbrannt haben, hat sie zuerst die Beine wieder gespürt — Wärme ist durch sie gelaufen, verstehst du?

Und am vierten Tag wollte sie, dass wir sie hinsetzen.

Wir haben sie hingesetzt, sie ließ die Beine herunter — und sie gehorchen!

Langsam, knirschend, aber sie gehorchen.

Und jetzt — mit Stock, aber sie läuft.

Allein, auf ihren eigenen Füßen!

Uljana trat näher an Gleb heran und nahm seine Hand.

Ihre Handfläche war trocken und heiß.

— Ich verdanke dir mein Leben, — sagte sie schlicht.

— Und unserer Dunja.

Sie hat uns verziehen, und Gott hat mich offenbar auch verziehen.

Ich hatte ja eine Sünde auf der Seele: Ich dachte, ich sei es gewesen, die schlecht über sie geredet hat, wenn ich wütend war, weil ich nicht laufen konnte.

Wir waren beide schuld.

Und sie hat uns gerichtet.

Sie kam von drüben, um Frieden zu schaffen.

— Ich habe damit nichts zu tun, — murmelte Gleb verlegen.

— Ich habe es nur ausgerichtet.

— Genau das ist das Wichtigste, — widersprach Uljana.

— Ohne dich wäre nichts passiert.

Dascha, komm, lass uns ihm was mitgeben.

Darja wühlte schon in ihrer Tasche.

Sie zog einen runden Laib Hauskäse heraus, ein Gläschen saure Sahne, ein Bündel getrockneter Kräuter.

— Hier, nimm, mein Junge.

Von Herzen.

Verschmäh es nicht.

Gleb nahm den schweren, nach Milch duftenden Käse und spürte plötzlich, wie es in ihm leicht und warm wurde.

Als wäre der Stein, der ihn all die Tage gedrückt hatte, endlich abgefallen.

— Danke, — sagte er.

— Das, was ihr mir gebt… ist besser als jeder Wodka.

— Trinkst du nicht mehr? — fragte Darja.

— Ich habe aufgehört, — sagte Gleb fest.

— Schluss.

Mir ist das Gehör jetzt auch so… fein geworden.

Sie sahen sich an, als verstünden sie alles.

— Gott behüte dich, — sagte Uljana und bekreuzigte ihn.

— Und wenn etwas ist… hab keine Angst.

Die Verstorbenen kommen nicht aus Bosheit.

Sie kommen mit Schmerz.

Hilf, wenn du kannst.

Und wenn du nicht kannst — sag nein, sie verstehen das.

Aber ehrlich.

Gleb verabschiedete sich von den Schwestern und ging weiter über den Markt.

In der Hand trug er den schweren Käse, in der Seele ein seltsames, neues Gefühl.

Er dachte an Uljanas Worte.

Daran, dass die Toten nicht mit Bosheit kommen, sondern mit Schmerz.

Und daran, dass er, Gleb, ein gewöhnlicher Bauarbeiter, nun offenbar an irgendeiner unsichtbaren Grenze steht.

Und wenn man gerade ihn gewählt hatte — dann sollte er vielleicht wirklich keine Angst haben?

Vielleicht steckt darin ein höherer Sinn?

Der Herbst verging, der Winter kam.

Gleb trank nicht mehr.

Nicht, weil er ein Gelübde abgelegt hätte — die Lust war einfach verschwunden.

Nach der Geschichte mit dem Schal löste jeder Alkohol bei ihm Unbehagen und eine vage тревога aus.

Taisija, seine Frau, freute sich nur über die Veränderung, wunderte sich aber: Warum hatte ihr Mann plötzlich eine Gewohnheit aufgegeben, die er seit zehn Jahren hatte?

Gleb erzählte ihr nichts.

Nicht, weil er Misstrauen oder Spott fürchtete, sondern weil er keine Worte fand.

Wie erklärt man dem gewöhnlichen Leben etwas, das jenseits seiner Grenze liegt?

Wie erzählt man von den stillen Gesprächen auf dem Friedhof und von Bitten, die im Traum kommen?

Er schwieg, und dieses Schweigen war nicht schwer, eher schützend — als würde er eine zerbrechliche Schale bewahren.

Doch eines Nachts wachte er auf, weil das Zimmer kalt geworden war.

Nicht nur kühl, sondern kalt wie draußen.

Er setzte sich im Bett auf und sah in der Ecke beim Fenster eine schemenhafte Gestalt.

Sein Herz begann nicht schneller zu schlagen.

Er kannte dieses Gefühl schon — die klingende Stille und die dichte, greifbare Luft.

— Wer bist du? — flüsterte Gleb, um seine Frau nicht zu wecken.

— Fürchte dich nicht, — antwortete eine leise, junge Stimme.

— Ich bin Aljonka.

Vom Hof hinter dem Wald.

Ich brauche Hilfe.

Sag meiner Mama…

Sag ihr, ich wollte das nicht.

Dass ich sie liebe.

Und dass sie mein Brautkleid nicht verkaufen soll.

Dort drüben… werde ich es brauchen.

Gleb blinzelte, und die Gestalt war weg.

Die Kälte verschwand, das Zimmer füllte sich wieder mit vertrauter Wärme.

Er saß lange da, starrte in die Dunkelheit und dachte daran, dass Bitten verschieden sein können.

Die eine schwer — mit dem Schal und der Kränkung.

Die andere einfach — über Liebe.

Und beide gleich wichtig.

Am Morgen erfuhr er von den Nachbarn, dass man auf dem Hof hinter dem Wald vor drei Tagen ein neunzehnjähriges Mädchen, Aljona, beerdigt hatte.

Sie war bei der betrunkenen Dummheit eines Jungen, der sie auf dem Motorrad mitnahm, verunglückt.

Und ihre Mutter, sagt man, findet keinen Halt, will das Brautkleid, das sie der Tochter gekauft hatte, in die Stadt bringen und verkaufen — es brauche es ja ohnehin nicht mehr.

Gleb zog sich an und ging zum Hof.

Er ging über ein verschneites Feld, hörte den Schnee unter den Füßen knirschen und sah zur tief stehenden Wintersonne.

Im kleinen Haus am Rand des Hofes empfing ihn eine Frau, die vom Kummer zerbrochen war.

Gleb ging nicht um den heißen Brei herum.

Er sagte ihr, was er sagen musste.

Dass die Tochter nicht hatte gehen wollen, dass sie sie liebe, und dass das Brautkleid dort drüben nützlich sein werde.

Die Frau hörte zu, ohne zu unterbrechen, und Tränen liefen über ihre Wangen.

Als er fertig war, presste sie plötzlich die Hände an die Brust und sagte:

— Ich wusste es.

Ich wusste es im Herzen, dass sie mich liebt.

Und das Kleid… ich lege es in die Truhe.

Es soll liegen bleiben.

Vielleicht sehen wir uns ja einmal.

Gleb ging, und in ihm war es still und friedlich.

Er verstand: Das ist jetzt sein Weg.

Nicht leicht, nicht immer begreiflich, aber seiner.

Und irgendwer dort oben oder drüben wusste offenbar, was er tat, als er ausgerechnet ihn wählte — einen einfachen Menschen mit schwerer Arbeit und einem nicht leichten Leben — als Verbindung zwischen den Welten.

Er ging über das Feld zurück, und die Winterluft war klar und durchsichtig.

Weit vorn stiegen über dem Dorf Rauchfahnen aus den Schornsteinen, und in diesem friedlichen, alltäglichen Bild lag etwas tief Beruhigendes.

Gleb lächelte.

Vor ihm lagen noch viele solche Wege.

Viele stille Gespräche.

Viele Tränen und viel Vergebung.

Aber jetzt wusste er das Wichtigste: Der Tod ist nicht das Ende.

Er ist nur eine Tür.

Und wenn du den Schlüssel hast, musst du denen helfen, die auf der anderen Seite sind, sie würdig zu schließen.