— Und nimm deinen Bengel mit!
Dachtest du, ich merke es nicht?

Dachtest du, du hängst deinen Fremden einfach in eine anständige Familie rein?
Jana stand da und klammerte sich an den Türrahmen.
Ihre Hände wurden eiskalt.
Der dreijährige Tjomka, vom Geschrei verängstigt, weinte nicht einmal — er schluchzte nur mit Hicksern und presste sein nasses Gesicht an ihr Knie.
Hinter der Schwiegermutter, tief im Flur, stand Stas.
Er sah seine Frau nicht an.
Er starrte fasziniert auf den Monitor, als ginge ihn das alles nichts an.
Drei Ehejahre.
Drei Jahre, in denen Jana sich von einer fröhlichen Studentin in eine erschöpfte Frau verwandelt hatte, die ihn und sein Mütterchen bediente.
— Stas? — rief sie leise.
— Glaubst du diesen Unsinn?
Das ist doch Tjoma.
Dein Sohn.
Sieh ihn dir an.
Stas hob die Augen — leer, ausdruckslos.
Darin war keine Wut, nur Langeweile und der Wunsch, dass der Lärm endlich aufhört.
— Mama lügt nicht, Jan.
Ljubka aus dem dritten Stock hat alles gesehen.
Geh.
Mach keinen Stress.
— Ljubka?
Die Alkohol-Liebhaberin, die gestern bei mir hundert Rubel angebettelt hat?
— Raus! — Tamara Iljinitschna stieß Jana mit einer Kraft, die man ihr in ihrem Alter nicht zugetraut hätte.
— In einer Minute will ich deinen Geist hier nicht mehr riechen!
Die Tür knallte zu.
Das Schloss klirrte.
Dann noch eins.
Jana blieb im Dunkeln zurück, es roch nach Tabak.
Sie ging langsam in die Hocke und fing an, die Sachen wieder in den kaputten Koffer zu stopfen.
Ihre Hände zitterten so sehr, dass sie Tjomkas Socke dreimal fallen ließ.
— Mama, gehen wir zu Baba Ljuda? — schniefte ihr Sohn.
— Nein, Häschen.
Baba Ljuda gibt es nicht mehr.
Wir … wir gehen zu Tante Oksana.
Draußen spülte der November die Stadt mit eisigem Schlamm.
Jana schleppte den Koffer zur Haltestelle, an dem ein Rad abgefallen war.
In der Jackentasche lagen ein Handy mit gesprungenem Display und ihr Pass.
Auf der Karte: anderthalbtausend Rubel bis zum Zahltag — Geld, das jetzt nicht einmal für eine Ecke im Wohnheim reichen würde.
Oksana öffnete nach vierzig Minuten.
Im Avocado-Schlafanzug, mit Pads unter den Augen.
Als sie die bis auf die Haut durchnässte Freundin und das vor Kälte blasse Kind sah, trat sie wortlos zur Seite.
— Kommt rein.
Der Wasserkocher ist heiß.
Eine Stunde später schlief Tjomka auf dem ausgeklappten Sessel, zugedeckt mit einer Decke.
Jana saß in der Küche, umklammerte die Tasse mit beiden Händen und starrte in einen Punkt.
Ihre Zähne klapperten nicht mehr, aber in ihr breitete sich ein unangenehmes Gefühl aus.
— Also hat Ljubka dich mit einem Kerl gesehen? — fragte Oksana nach und schmierte sich ein Brot.
— Und Stasik hat’s geglaubt?
— Es ist ihm egal.
Er brauchte nur einen Vorwand.
Tamara Iljinitschna hat ihn längst bearbeitet: Wozu brauchst du diese Mitgiftlose — bei Lenka Korneewa ist der Vater Abgeordneter, und Jana hat was?
Die Mutter ist gestorben, der Vater ist irgendwo verschwunden.
— Apropos Vater, — Oksana erstarrte plötzlich mit dem Messer in der Hand.
— Jan, erinnerst du dich, vor der Hochzeit hast du mir ein Paket gebracht?
Du hast gesagt: „Versteck es, das ist von Papa, er hat gesagt, nur öffnen, wenn’s wirklich ganz schlimm ist.“
Jana zuckte zusammen.
Papa.
Ein strenger, harter Mann, der ihr ihr Leben lang beigebracht hatte, nur auf sich selbst zu zählen.
Er war vor vier Jahren gestorben, plötzlich, ein Schlag.
Eine Woche davor hatte er ihr einen dicken Umschlag gegeben, mit Siegellack verschlossen.
„Tochter, du bist stolz.
Ich weiß, du wirst nicht um Hilfe bitten.
Aber wenn das Leben dich so drückt, dass du nicht mehr atmen kannst — dann öffne.
Vorher wag es nicht.
Verkaufst du es oder verprasst es — ich verfluche dich aus dem Jenseits.
Das ist dein Fundament.“
Sie hatte Angst vor diesem Umschlag.
Als würde sie mit dem Öffnen ihre Niederlage eingestehen.
Eingestehen, dass sie es allein nicht geschafft hatte.
— Ist es jetzt schlimm, Jan? — fragte Oksana leise.
— Oder warten wir, bis die Inkassos hinter dir her sind?
— Hol ihn.
Der Umschlag war staubig.
Jana riss das dicke Papier auf.
Drinnen lag ein Schlüsselbund mit einem Anhänger in Form eines silbernen Turms und eine Mappe mit Dokumenten.
Ein Registerauszug.
Ein Schenkungsvertrag, kurz vor dem Tod des Vaters оформiert.
Quittungen über Nebenkosten — alles im Voraus bezahlt, von einem Treuhandkonto.
Adresse: Wohnkomplex „Imperial“.
Stadtzentrum.
Abgeschlossene Anlage.
— Ach du Schei… — stieß Oksana aus und beugte sich über die Papiere.
— Jana, war dein Vater nicht einfach Ingenieur?
Das ist doch ein Haus, wo die Concierges drei Sprachen sprechen und der Müll im Smoking rausgebracht wird.
— Er sagte, es sei ein Erbe von Oma.
Aber ich dachte, das ist irgendeine Bruchbude …
— Bruchbude im „Imperial“?
Los.
Sofort.
Tjoma passe ich auf.
Die Wohnung im zwölften Stock empfing Jana mit Stille und dem Geruch teurer Renovierung.
Unbewohnt, konserviert.
Der Vater hatte sie wohl vermietet und dann für den Verkauf vorbereitet — und es nicht mehr geschafft.
Oder er hielt sie absichtlich für Jana frei.
Ein riesiges Wohnzimmer mit Panoramafenstern.
Parkett, auf das man sich kaum traut, mit billigen Schuhen zu treten.
Eine Küche, in der mehr Technik stand als im ganzen Haus der Schwiegermutter.
Jana strich mit der Hand über die Lehne eines italienischen Sofas.
Ihre Brust wurde eng.
Papa wusste es.
Er wusste, dass sie den falschen Mann wählen würde.
Wusste, dass sie sich verbrennen würde.
Und er hatte vorgesorgt.
Nein — nicht ein bisschen Stroh hingelegt.
Eine Daunendecke.
Das Handy in der Tasche piepte.
Eine Nachricht von Stas: „Mama sagt, du hast einen Silberlöffel geklaut. Wenn du ihn nicht zurückgibst, schreiben wir eine Anzeige.“
Jana lachte.
Erst leise, dann lauter, bis sie selbst Schluckauf bekam.
Sie stand in einer Wohnung, die vierzig Millionen wert war, und lachte über einen Silberlöffel, den Tamara Iljinitschna wahrscheinlich selbst hinter die Fußleiste geschoben hatte.
— Hallo, Ksjuscha? — Jana rief die Freundin an.
— Wir fangen den Krieg an.
Ich brauche die Kontakte von dem Typen, der gelöschte Chats wiederherstellen kann.
Und Ljubkas Adresse.
Eine Woche ging für Aufklärung drauf.
Oksana hatte Kontakte im alten Viertel — sie war im Nachbarhof groß geworden.
Es kam Interessantes heraus.
Ljubka, diese „Zeugin“, hatte plötzlich ihre Schulden bei den коммунalen Zahlungen beglichen — fünfzigtausend Rubel.
— Fünfzigtausend, um mein Leben kaputtzumachen, — Jana schüttelte im Café den Kopf.
— Ich bin billig.
— Das ist nicht alles, — Oksana senkte die Stimme.
— Ich hab was über Stas’ erste Frau gefunden.
Alina.
Weißt du noch, sie haben erzählt, sie sei ins Kloster gegangen?
— Ja.
— In einer Klinik war sie, Jan.
Ein halbes Jahr.
Schwere gesundheitliche Krise.
Jetzt lebt sie in einem Dorf und arbeitet in der Bibliothek.
Ich hab ihre Nummer.
Alina stimmte einem Treffen erst zu, nachdem Jana ihr ein Foto von Tamara Iljinitschna geschickt hatte mit dem Satz: „Sie hat mit mir das Gleiche gemacht.“
Die Frau, die kam, sah völlig ausgezehrt aus.
Die Hände zitterten, als sie die Tasse nahm.
— Sie hat mir geschadet, — sagte Alina nüchtern und sah aus dem Fenster.
— Sie hat mir etwas ins Essen gemischt.
Ich bekam Halluzinationen.
Stas hatte Angst, und seine Mutter sagte: „Wir werden sie los, bevor sie uns noch verletzt.“
Und er stimmte zu.
Er unterschrieb die Papiere für die Einweisung.
Als ich raus war, lebte er schon mit einer anderen.
Meine Wohnung war vor der Ehe mein Eigentum, aber sie haben mich so eingeschüchtert, dass ich sie verkauft habe und ihnen einen Teil des Geldes gab — nur damit sie mich in Ruhe lassen.
— Sind Sie bereit, das zu bestätigen? — fragte Jana.
— Vor der Kamera?
— Ich bin bereit, sie zu stoppen.
Am selben Abend ging Jana all-in.
Sie erstellte einen neuen Account im sozialen Netz, fügte gemeinsame Bekannte hinzu und postete ein Foto.
Sie, im Seidenmorgenmantel, mit einem Glas Saft, vor den Lichtern der Nachtstadt.
Geotag: Wohnkomplex „Imperial“.
Bildunterschrift: „Danke, Papa. Endlich bin ich zu Hause. Schade, dass ich drei Jahre fürs Leben in Slums verschwendet habe.“
Die Reaktion kam nach einem Tag.
Klingeln an der Tür.
Die Video-Gegensprechanlage zeigte Stas.
Er stand mit einem Strauß welker Chrysanthemen und einer Tüte Mandarinen da.
Jana drückte auf „Öffnen“.
Er trat in den Flur, schaute sich um wie ein geprügelter Hund, der in einen Palast geraten ist.
Sein Blick sprang von Marmorfliesen zur Kristallleuchte.
— Jan … — er streckte ihr die Blumen hin.
— Ist das … ist das wirklich deins?
— Soll ich dir den Kaufbeleg zeigen?
Oder den Registerauszug?
— Nein-nein, ich glaub dir! — er schluckte.
— Hör zu, Mama … sie ist zu weit gegangen.
Ihr geht’s schlecht, Alter, weißt du.
Nicht aus Bosheit.
Wir sind doch Familie.
Tjoma braucht seinen Vater.
— Und wo warst du eine Woche lang, Vater? — Jana verschränkte die Arme.
— Als Tjoma und ich nichts zu essen hatten?
— Ich hab gesucht!
Ich hab angerufen! — log er, ohne rot zu werden.
— Jan, lass uns das vergessen, ja?
Mama will sich entschuldigen.
Sie hat einen Kuchen gebacken.
Dürfen wir heute Abend kommen?
Sitzen wir zusammen, reden wir.
Die Wohnung ist groß, Platz ist für alle …
In seinen Augen brannte schon Kalkül.
Er rechnete bereits, was dieser Quadratmeter wert ist und wie bequem man hier leben könnte.
— Gut, — lächelte Jana.
— Kommt.
Morgen um sieben.
Ich habe da zufällig Abendessen.
Tamara Iljinitschna zog alles Beste auf einmal an: eine glitzernde Bluse, goldene Ketten so dick wie ein Finger.
Sie betrat die Wohnung wie eine Prüferin, aber als sie die Einrichtung sah, zog sich ihr Gesicht zusammen.
Neid.
Klebrig, schwarz — man konnte ihn in der Luft spüren.
— Na, hallo, — zischte sie, ohne die Schuhe auszuziehen.
— Nicht schlecht.
Für den Anfang.
Wem gehört das Häuschen?
Hat’s dir dein Liebhaber geschenkt?
— Kommen Sie rein, Tamara Iljinitschna, — Jana machte eine einladende Geste ins Wohnzimmer.
— Setz dich, Stas.
Der Tisch war für fünf gedeckt.
Als die Schwiegermutter die zusätzlichen Gedecke sah, runzelte sie die Stirn.
— Wen erwarten wir?
Den nächsten Kavalier?
— Zeugen, — sagte Jana.
Es klingelte.
Oksana öffnete.
Ins Zimmer traten Alina — Stas’ erste Frau — und ein Bezirksbeamter, ein junger, strenger Leutnant.
Tamara Iljinitschna verschluckte sich an der Luft.
— Was ist das für ein Zirkus?
Alina?
Du warst doch in der Klinik!
— Ich wurde entlassen, Tamara Iljinitschna, — sagte Alina leise.
— Schon lange.
Es gab Gutachten.
Wissen Sie, was man in meiner alten Karte gefunden hat?
Spuren von Medikamenten, die Sie mir ins Essen gemischt haben.
— Unsinn!
Beweis es! — kreischte die Schwiegermutter.
— Und uns interessiert nicht nur das, — mischte Oksana sich ein und startete eine Aufnahme auf dem Handy.
— Hier ist ein Gespräch mit Ljuba.
Wollen wir hören?
Aus dem Lautsprecher floss Ljubas heisere Stimme:
„Ja, sie hat mir fünfzigtausend gegeben!
Sie hat gesagt: Lüg, dass Jana zu einem Mann ins Auto gestiegen ist.
Ich musste doch meine Schulden zahlen …“
Stas saß reglos da.
Er verlor jede Haltung.
— Mama? — flüsterte er.
— Du hast Ljubka gekauft?
— Für dich, du Idiot! — schrie Tamara Iljinitschna, sprang auf, und der Stuhl krachte um.
— Sieh sie dir an!
Sie ist doch niemand!
Diese Wohnung muss uns gehören!
Wir haben es verdient!
Ich hab dich großgezogen, Nächte nicht geschlafen — und diese … diese kommen und kriegen alles fertig serviert!
Sie griff nach einem Messer vom Tisch.
Der Leutnant machte einen Schritt vor und legte die Hand an den Gürtel.
— Bürgerin, beruhigen Sie sich.
— Tamara Iljinitschna, — Janas Stimme war eisig.
— Sie haben zwei Möglichkeiten.
Erstens: Sie gehen jetzt, schreiben Tjoma Ihren Anteil an Ihrer Wohnung überschreibend als Absicherung für das Kind für alle Jahre um und verschwinden.
Zweitens: Alina erstattet Anzeige wegen Gesundheitsschädigung, ich wegen Verleumdung und Betrug.
Ljuba hat bereits alles ausgesagt.
Verantwortung tragen alle.
Und du, Stas, als Mitbeteiligter.
— Ich?! — heulte Stas.
— Ich wusste das nicht!
Mama, sag’s ihnen!
— Halt die Klappe, du Lappen! — fauchte die Mutter ihn an.
— Die Zeit läuft, — Jana sah auf die Uhr.
— Eine Minute.
Tamara Iljinitschna ließ den Blick durch den Raum gehen.
Teure Vorhänge.
Glänzender Boden.
Das kalte Gesicht der ehemaligen Schwiegertochter.
Sie begriff, dass sie verloren hatte.
Nicht weil Jana Geld hatte.
Sondern weil Jana gelernt hatte, sich zu verteidigen.
— Verflucht sollt ihr sein, — zischte sie.
— Komm, Stas.
Hier sind wir nicht willkommen.
— Stas bleibt, — sagte der Leutnant.
— Er muss Papiere unterschreiben.
Ein Monat verging.
Jana stand am Fenster und sah zu, wie Tjoma unten im Hof einen Schneemann baute.
Neben ihm lief lachend Alinas Tochter.
Sie hatten sich angefreundet — zwei Frauen, deren Leben eine Familie zerstören wollte, die aber neu anfangen konnten.
Stas tauchte nie wieder auf.
Man sagt, er lebt bei der Mutter, schläft auf dem Sofa im Durchgangszimmer und gibt ihr sein ganzes Gehalt, damit sie ihm nicht das Brot vorhält.
Tamara Iljinitschna wurde nach dem Polizeibesuch still.
Den Anteil an der Wohnung schrieb sie dem Enkel um — knirschend, aber sie tat es.
Jana nahm einen Schluck Kaffee.
Echten, duftenden.
Es klingelte.
Oksana kam mit einer Torte — um den offiziellen Abschluss zu feiern.
— Mama, ich bin zu Hause! — rief Tjoma und stürmte, rot vor Frost, in die Wohnung.
— Zu Hause, Häschen, — lächelte Jana.
— Jetzt sind wir wirklich zu Hause.







