«Wie ein erwachsener Mann seine Familie gegen seine Mutter eintauschte und am Ende mit leerem Portemonnaie dastand.»

„Mutters kleiner Kommandeur — ohne Wohnung, ohne Geld und ohne Mitspracherecht.“

Igor kaute das Kotelett, als würde er der ganzen Welt einen Gefallen tun.

Er schmatzte, starrte dabei ins Handy und bedankte sich nicht einmal für das Abendessen.

Katja stand am Spülbecken, schrubbte die Pfanne sauber und spürte mit dem Rücken diese zähe, klebrige Spannung, die seit einem halben Jahr in der Küche hing.

— Morgen kommt Mama, — brummte Igor, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen.

— Ihre Migräne ist wieder schlimmer geworden.

— Die Ärzte sagen, sie braucht Ruhe und einen Tapetenwechsel.

Katja erstarrte.

Der Schwamm in ihrer Hand hörte auf, sich zu bewegen.

— Wie meinst du das — sie kommt? — sie drehte sich um.

— Igor, wir haben das nicht besprochen.

— Wir haben eine Zwei-Zimmer-Wohnung.

— Wo soll sie schlafen?

— In der Küche?

Igor ließ sich endlich dazu herab, aufzusehen.

In seinen Augen stand aufrichtige Verwunderung, halb mit Reizbarkeit vermischt.

— Warum in der Küche?

— Wir haben doch zwei Zimmer.

— Im Schlafzimmer sind wir, und im zweiten Zimmer ist Mama.

— Da ist Südseite, Sonne, Balkon.

— Sie braucht frische Luft.

— Im zweiten Zimmer wohnt Anja, — erinnerte Katja ihn und versuchte, ruhig zu sprechen.

— Sie ist vierzehn.

— In einer Woche hat sie die Abschlussarbeiten, sie braucht einen Tisch und Ruhe.

Igor schnaubte und schob den Teller weg.

— Deine Anja ist schon eine ausgewachsene Stute.

— Ihre Wirbelsäule ist flexibel, sie zerbricht nicht.

— Sie schläft im Wohnzimmer auf dem Sofa.

— Einen Monat hält sie aus.

— Aber Mama braucht eine orthopädische Matratze.

— Anja hat genau so eine.

Katja spürte, wie in ihr eine kalte Wut zu kochen begann.

— Igor, hörst du dich eigentlich?

— Du schlägst vor, einen Teenager aus ihrem Zimmer zu werfen, ihr den Arbeitsplatz vor den Prüfungen wegzunehmen, damit deine Mutter auf ihrer Matratze schlafen kann?

— Ich schlage nichts vor, ich stelle dich vor eine Tatsache, — Igor stand auf und beugte sich über den Tisch.

— Mutter ist heilig!

— Ihre Gesundheit ist am Ende!

— Und du denkst nur an den Komfort deines Mädchens.

— Sie ist eine Mitesserin, das ist sie.

— Sie lebt von allem Fertigen, ich ernähre sie, und sie kann nicht mal ihren Platz abgeben?

— Du ernährst sie? — Katja kniff die Augen zusammen.

— Igor, du lebst in dieser Wohnung auf Widerruf.

— Ich habe sie fünf Jahre vor unserer Ehe gekauft.

— Und die Lebensmittel zahlen wir zur Hälfte.

— Und Anja wird von ihrem leiblichen Vater durch Unterhalt versorgt, der übrigens höher ist als dein Gehalt.

Igors Gesicht bekam rote Flecken.

Er hasste es, wenn man ihn daran erinnerte, wer im Haus das Sagen hatte.

— Ach so reden wir also?

— Du hältst mir ein Stück Brot vor? — zischte er.

— Ich bin der Ehemann!

— Das Oberhaupt der Familie!

— Und wenn ich sage, dass Mama im Südzimmer wohnen wird, dann wird sie dort wohnen.

— Und wenn deiner Anja etwas nicht passt, soll sie zu ihrem Papi abhauen.

— Wag es nicht, so über meine Tochter zu reden.

— Und du wag es nicht, so egoistisch zu sein! — brüllte er und schlug mit der Hand auf den Tisch.

— Morgen bis zum Mittag muss das Zimmer leer sein.

— Pack Anjas Sachen in Säcke und wirf sie auf den Balkon, damit sie nicht im Weg sind.

— Mama braucht Platz.

— Und es muss perfekte Stille herrschen.

— Keine Musik, keine Freundinnen.

Er ging aus der Küche und knallte die Tür so zu, dass die Gläser im Abtropfgestell klirrten.

Katja blieb stehen und starrte auf das angebissene Kotelett.

Also „heilig“.

Also „flexible Wirbelsäule“.

Sie ging ins Zimmer ihrer Tochter.

Anja saß am Schreibtisch, umringt von Biologieheften.

Mit Kopfhörern, konzentriert, klein und zerbrechlich.

— Mama?

— Ist alles okay? — das Mädchen nahm einen Kopfhörer ab, als sie den Gesichtsausdruck der Mutter sah.

— Hat er wieder geschrien?

Katja trat näher und legte den Arm um Anjas Schultern.

— Alles gut, Kätzchen.

— Lern.

— Niemand rührt dich an.

— Wirklich?

— Wirklich.

— Nur für Onkel Igor wird morgen ein sehr ereignisreicher Tag.

Katja ging zurück ins Schlafzimmer.

Igor schnarchte bereits und lag breit auf dem Bett.

Auf dem Nachttisch lag sein Portemonnaie.

Daraus schaute die Ecke seiner „Platinum“-Kreditkarte hervor, mit der er vor seinen Freunden so gern prahlte.

„Limit — eine Million!“

„Für den schwarzen Tag!“

Katja sah den schlafenden Mann an.

Auf seinen offenen Mund.

„Na schön, mein Lieber“, dachte sie.

„Du willst Fürsorge für Mama?“

„Du bekommst Fürsorge.“

„In der höchsten Klasse.“

Am Morgen machte sich Igor pfeifend für die Arbeit fertig.

Er war sicher, dass er gewonnen hatte.

Frauen machen gern Lärm, aber am Ende machen sie doch, was der Kerl sagt.

— Kat! — rief er aus dem Flur.

— Ich habe die Karte auf dem Tisch gelassen.

— Kauf normale Lebensmittel.

— Roten Fisch, Kalbfleisch.

— Mama braucht Diät.

— Und Medikamente, die Liste hab ich dir im Messenger geschickt.

— Hol sie am Bahnhof ab, der Zug kommt um zwölf.

— Und wenn ich nach Hause komme, soll das Zimmer glänzen.

— Natürlich, Igor, — Katjas Stimme war ruhig, sogar freundlich.

— Ich mache alles.

— Mach dir keine Sorgen.

Er ging, überzeugt von seiner eigenen Größe.

Katja nahm die Karte.

Schwerer, angenehm glatter Kunststoff.

Sie sammelte nicht die Sachen ihrer Tochter.

Sie ging nicht einmal in Anjas Zimmer.

Stattdessen rief sie ein Taxi „Komfort Plus“.

Am Bahnhof stand Walentina Petrowna, umgeben von drei Koffern, und ihr ganzer Körper schrie „Leid“.

— Katja!

— Endlich! — stöhnte die Schwiegermutter statt zu grüßen.

— Ich stehe hier schon zehn Minuten im Zugwind!

— Der Kopf platzt mir!

— Ich hoffe, Igor hat mir Bedingungen vorbereitet?

— Natürlich, Walentina Petrowna, — lächelte Katja und hob das leichteste Paket an.

— Igor hat Ihnen eine Überraschung vorbereitet.

— Er sagte: „Für Mama nur das Beste.“

— Keine engen Wohnungen.

— Vollpension.

Die Augen der Schwiegermutter leuchteten auf.

— Ja?

— In ein Sanatorium?

— Besser.

— In den privaten Land-Gesundheitsclub „Serebrjany Bor“.

— Luft, Kiefern, Stille.

Sie fuhren vierzig Minuten.

Walentina Petrowna erzählte die ganze Zeit, wie schwer ihr Leben sei und wie alle ihr etwas schuldig seien, aber beim Anblick des schmiedeeisernen Tores des Heims wurde sie still.

Das war ein Ort nicht für gewöhnliche Sterbliche.

Marmor, Sicherheitspersonal, Angestellte in schneeweißer Uniform.

— Guten Tag, wir haben eine Reservierung auf den Namen Smirnowa, — Katja trat an die Rezeption.

— Paket „VIP-Regeneration“.

— Orthopädische Matratze, Massage, dreimal täglich Essen vom Chefkoch, persönliche Pflegekraft rund um die Uhr.

— Selbstverständlich, — die Administratorin strahlte.

— Ein Monat Aufenthalt?

— Ja.

— Und nehmen Sie alle Zusatzoptionen dazu.

— Salzgrotte, Perlbäder.

— Mein Mann bestand darauf, dass Mama sich nichts versagt.

Die Schwiegermutter stand daneben mit offenem Mund.

So etwas kannte sie nur aus Serien.

— Katjenka…

— Das ist bestimmt teuer? — flüsterte sie, aber in ihren Augen brannte schon gieriges Feuer.

— Für Mama ist nichts zu schade, — sagte Katja laut und reichte Igors Karte hin.

— Zahlung am Terminal.

Piep.

„Genehmigt“.

Der Betrag auf dem Terminal hatte fünf Nullen.

Eine sehr eindrucksvolle Summe.

Praktisch alles, was Igor für ein neues Auto gespart hatte, plus Urlaubsgeld, plus Kreditlimit.

Igors Handy, das irgendwo im Büro lautlos lag, erhielt eine Abbuchungsbenachrichtigung.

Katja stellte sicher, dass Walentina Petrowna in ein Zimmer eingecheckt hatte, das wie ein Palast aussah, und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

— Erholen Sie sich, Mama.

— Igor ruft heute Abend an.

— Genießen Sie es.

…Am Abend kam Igor mit einem Strauß Chrysanthemen nach Hause.

Er stellte sich eine Idylle vor: Mama im sauberen Zimmer, Anja auf einer Matte in der Ecke (kennt ihren Platz), die Frau deckt den Tisch.

Er schloss mit seinem Schlüssel auf.

Stille.

Es roch nicht nach Abendessen, sondern nach irgendeiner frostigen Frische.

— Mama?

— Kat?

Niemand antwortete.

Igor ging ins Wohnzimmer.

Leer.

Er stieß die Tür zu Anjas Zimmer auf.

Das Mädchen saß an seinem Tisch, baumelte mit dem Bein und schrieb etwas ins Heft.

Das Bett war mit ihrer Decke gemacht.

Keine Koffer der Schwiegermutter.

— Du?! — brüllte Igor.

— Warum bist du hier?!

— Wo ist meine Mutter?!

Anja drehte sich nicht einmal um.

Sie setzte einfach die Kopfhörer auf.

Aus dem Schlafzimmer kam Katja.

Sie trug keinen Hausmantel, sondern Jeans und einen Pullover.

Neben ihr stand ein großer Koffer.

Igors Koffer.

— Wo ist die Mutter, ich frage dich?! — Igor sprang auf sie zu und packte sie am Arm.

— Was hast du mit ihr gemacht?

— Rausgeworfen?!

Katja löste ruhig ihren Arm und reichte ihm ein gefaltetes Blatt Papier.

— Deine Mutter ist in sicheren Händen, Igor.

— Genau wie du es wolltest — Ruhe, Orthopädie, Südseite.

— Sanatorium „Serebrjany Bor“.

— Was für ein Sanatorium? — Igor war fassungslos.

— Was redest du da?

— Ich habe kein Geld für Sanatorien!

— Hattest du, — korrigierte Katja.

— Hier ist der Beleg.

— Und der Terminalbeleg.

— Bezahlt mit deiner Karte.

— Ein Monat „VIP-Luxus“.

— Mama ist begeistert, sie hat vor einer Stunde angerufen und dich gelobt.

— Sie sagt, du bist der beste Sohn der Welt.

Igor riss den Beleg an sich.

Seine Augen wurden riesig.

Die Zahlen tanzten vor seinen Augen.

— Drei…

— Dreißig…

— Hunderttausende?!

— Bist du wahnsinnig?!

— Das ist das ganze Geld!

— Das ist fürs Auto!

— Das ist die Kreditkarte!

— Mutter ist heilig, Igor, — wiederholte Katja ihn in eisigem Ton.

— Man darf Geld nicht über die Gesundheit eines alten Menschen stellen.

— Das hast du doch selbst gesagt.

— Ich bring dich um… — presste er hervor.

— Ich fahre jetzt hin und hol das Geld zurück…

— Klappt nicht.

— Der Tarif ist nicht erstattbar.

— Vertragsbedingungen.

— Und wenn du jetzt anfängst zu skandalisieren und zu verlangen, dass man deine Mutter in den „Wanzenkasten“ zurückbringt, wie du es nennst, dann überleg dir, wie du in ihren Augen aussiehst.

— Und in den Augen der ganzen Verwandtschaft.

— Ein liebender Sohn, der Mama aus dem Paradies wirft, weil er das Geld bereut?

Igor stand da und schnappte nach Luft.

Er begriff, dass er feststeckte.

Unwiderruflich.

— Und das hier, — Katja stieß den Koffer mit dem Fuß an, — sind deine Sachen.

— Wie bitte? — er starrte stumpf auf den Sack.

— Ganz genau.

— Ich habe die Scheidung eingereicht.

— Der Antrag steht schon online bei den Behörden.

— In meiner Wohnung kommandierst du nicht mehr herum.

— Du wolltest, dass das Zimmer frei wird?

— Es wird frei.

— Von dir.

— Du hast kein Recht! — schrie Igor.

— Wohin soll ich gehen?!

— Ich habe kein Geld, du hast alles abgebucht!

— Bis zum Gehalt sind’s zwei Wochen!

— Na ja, du bist doch ein Mann.

— Flexible Wirbelsäule.

— Du findest schon, wo du unterkommst.

— Vielleicht bittest du deine Mutter im Sanatorium um ein Plätzchen?

— Auf einer Feldliege im Flur.

— Obwohl — nein, in den Regeln steht: „Unterbringung von Fremden verboten“.

Katja öffnete die Wohnungstür.

— Geh raus, Igor.

— Anja hat morgen Prüfung, sie braucht Ruhe.

— Und du brüllst.

Igor sah seine Frau an.

Auf die geschlossene Tür des Zimmers seiner Stieftochter.

Auf den Beleg in seiner Hand, der ihn ein halbes Jahr seines Lebens kostete.

Er begriff: Wenn er jetzt nicht geht, ruft sie die Polizei.

Die Wohnung ist ihre.

Er ist hier niemand.

Er schnappte sich den Koffer und stolperte zum Aufzug.

Die Blumen für Mama blieben auf der Fußmatte im Flur liegen und welkten langsam.

Das Handy in seiner Tasche piepte.

Eine Nachricht von der Bank: „Auf Ihrem Konto sind nicht genügend Mittel für die Abbuchung der monatlichen Servicegebühr vorhanden.“

Und gleich danach eine Nachricht von Mama: „Sohnchen! Hier gibt es so einen Masseur! Du bist ein heiliger Mensch! Ich liebe dich!“

Die Wohnungstür fiel zu.

Der Riegel drehte sich mit einem trockenen, endgültigen Geräusch.

Igor stand allein im kalten Treppenhaus.

Ohne Geld.

Ohne Wohnung.

Aber mit Mama im „VIP-Luxus“.