**Warum erzählen Sie Ihrer ganzen Verwandtschaft, dass ich Ihren Sohn schlage und ihn betrüge?!**
**Ich fange gleich an, Sie hier zu verprügeln, bis Sie das vor allen widerrufen!**

**Verstanden?!**
— **Kirotschka, hallo, Liebes.**
**Störe ich nicht?**
Die Stimme der Tante aus dem Lautsprecher des Telefons war ungewohnt schmeichelnd, fast entschuldigend.
Kira schaltete einen Gang hoch und warf einen kurzen Blick auf den Bildschirm.
Tante Ljuda.
Sie rief an Wochentagen selten an, erst recht nicht zur Hauptverkehrszeit, wenn sie wusste, dass Kira sich im Stau von der Arbeit nach Hause quälte.
— **Hallo, Tante Ljuda.**
**Nein, du störst nicht, ich spreche über Lautsprecher.**
**Ist etwas passiert?**
Sie hatte mit allem gerechnet: mit Nachrichten über die Gesundheit des Großonkels, mit einer Frage nach dem Rezept für Scharlotte, mit Beschwerden über die Nachbarn.
Aber nicht mit der Stille, die als Antwort hängen blieb.
Diese zähe Pause, angefüllt mit fremder Unentschlossenheit, ließ ihre Finger das Lenkrad ein wenig fester umklammern.
— **Tante?**
**Bist du da?**
— **Ich bin da, ich bin da, Kirotschka…** — stieß die Tante endlich aus.
— **Ich weiß gar nicht, wie ich dir das sagen soll…**
**Mich hat Galina aus dem dritten Eingang angerufen, du kennst sie ja, ihre Tochter ist mit deiner Schwiegermutter auf der Datscha befreundet…**
**Also… du reg dich nur nicht auf, ja?**
**Das sind bestimmt nur Gerüchte, die Leute sind böse…**
Kira schwieg und spürte, wie die angenehme Müdigkeit nach dem Arbeitstag sich in ein kaltes, unangenehmes Vorgefühl verwandelte.
Sie wusste schon, dass sie gleich etwas hören würde, das ihr nicht gefallen würde.
Und sie wusste schon, wer die Quelle sein würde.
— **Sag es, wie es ist, Tante Ljuda.**
**Halt mich nicht hin.**
— **Also…** — Die Stimme der Tante sank zum Flüstern, als hätte sie Angst, man könnte sie durch Kilometer Stadtlärm hindurch belauschen.
— **Man sagt… du würdest Igor… na ja… schlagen.**
**Dass er überall blaue Flecken hat, sich bei seiner Mutter beklagt, und sie weint und erzählt allen, wie unglücklich das Leben ihres Sohnes ist.**
**Und noch…** — Die Tante stockte wieder und holte tief Luft.
— **Man sagt, du würdest ihn betrügen.**
**Dass du jemanden hast und nur zum Schlafen nach Hause kommst…**
**Kirotschka, bitte weine nicht, das ist doch glatte Lüge, ich weiß das doch!**
Kira weinte nicht.
Sie blinzelte nicht einmal.
Sie starrte geradeaus auf die endlose Reihe roter Bremslichter, und die Welt um sie herum bekam plötzlich eine ohrenbetäubende, kristallklare Schärfe.
Diese seltsamen, stechenden Blicke von Walentina Sergejewna in letzter Zeit.
Diese giftigen Andeutungen über das „müde Söhnchen“.
Diese demonstrativen Seufzer, wenn Igor vom Hockeytraining nach Hause kam, wo blaue Flecken Berufsalltag waren.
Das war kein altersbedingtes Nörgeln.
Das war gezielte, methodische Arbeit.
Bodenbereitung.
— **Verstanden,** — Kir as Stimme war so gleichmäßig, dass die Tante am anderen Ende verwirrt schwieg.
— **Kira, Liebes, wie geht’s dir?**
**Soll ich Igor anrufen?**
**Oder diese Walentina…**
— **Nicht nötig,** — schnitt Kira ihr das Wort ab.
Die Ruhe, die über sie kam, war schlimmer als jede Hysterie.
Kalt wie Stahl.
— **Danke, Tante Ljuda, dass du angerufen hast.**
**Du hast alles richtig gemacht.**
**Tschüss.**
Sie beendete das Gespräch, ohne eine Antwort abzuwarten.
Die Musik aus dem Radio kam ihr unerträglich laut und falsch vor.
Sie schaltete sie aus.
Jetzt hörte man im Auto nur noch das gleichmäßige Brummen des Motors und ihren eigenen Atem.
Tief.
Ruhig.
Sie dachte nicht daran, wie sie sich vor ihrem Mann rechtfertigen würde.
Sie dachte nicht daran, wie weh es ihr tat und wie verletzt sie war.
In ihrem Kopf gab es nur einen Gedanken, ein Ziel, das alles andere verdrängte.
Gerechtigkeit wiederherstellen.
Sofort.
Der Stau setzte sich endlich in Bewegung.
Kira fuhr wie automatisch, aber ihr Kopf war mit etwas anderem beschäftigt.
Sie spielte nicht Varianten eines Skandals durch, sondern eine Abfolge von Handlungen.
So klar wie eine Operation.
Als sie in ihren Hof einbog, zuckte ihr Herz nicht.
Es schlug gleichmäßig und kraftvoll und jagte eisige Wut durch ihre Adern.
Und da sah sie Licht.
Es brannte im Fenster ihrer Küche.
Und hinter diesem Licht bewegte sich eine bekannte, schwere Silhouette.
Walentina Sergejewna war in ihrer Wohnung.
Ohne Einladung.
Ohne Vorwarnung.
Sie hatte wieder diesen Schlüssel benutzt, den sie sich einmal „für den alleräußersten Notfall“ erbettelt hatte.
Kira parkte langsam, stellte den Motor ab und saß einige Sekunden still da, den Blick auf dieses Fenster gerichtet.
Der Notfall war da.
Die Tür gab mit einem leisen, vertrauten Klicken nach.
Kira trat hinein, in das vertraute Halbdunkel des Flurs, und ihre Nase nahm sofort einen fremden Geruch wahr.
Der süßlich-erstickende Duft des Parfüms „Krasnaja Moskwa“, das Walentina Sergejewna für den Gipfel der Eleganz hielt, mischte sich mit dem Geruch von aufbrühendem Tee.
Dieser Geruchsdissonanz — ihr Zuhause und ihr Eindringen — war der erste Schlag auf die Nerven.
Der zweite Schlag waren die Schuhe.
Sie standen direkt am Teppich: abgetreten, mit rissigem Lack an den Spitzen, aber so selbstsicher hingestellt, als gehörten sie hierher und nicht Kiras Schuhe.
Kira zog schweigend ihre Stiefeletten aus und stellte sie wie immer ordentlich an die Wand.
In ihr war weder Angst noch Zweifel.
Nur eine klingend kalte Leere, in deren Zentrum ein einziger Punkt brannte: die Notwendigkeit der Abrechnung.
Sie hetzte nicht.
Jeder Schritt durch den kurzen Flur war abgemessen, lautlos.
Sie hörte, wie in der Küche ein Löffelchen gegen Porzellan klirrte, wie ihr Kühlschrank brummte.
Ihr Kühlschrank.
Sie blieb im Türrahmen stehen.
Das Bild, das sich ihr bot, war in seiner Widerwärtigkeit perfekt.
Walentina Sergejewna saß an ihrem Tisch, in ihrem Lieblingsstuhl, und trank mit herrischem Blick Tee aus Kiras Lieblingstasse — groß, mit einer unbeholfenen Fuchszeichnung.
In der Hand hielt sie ihr Telefon und las, leicht zusammengekniffen, etwas auf dem Bildschirm, während auf ihrem Gesicht ein sattes, zufriedenes Lächeln spielte.
Sie fühlte sich hier als vollberechtigte Hausherrin.
Sie war nicht einfach zu Besuch gekommen.
Sie war auf ihr Territorium gekommen.
Als sie die Bewegung bemerkte, hob die Schwiegermutter den Kopf, und ihr Lächeln wurde noch breiter und verwandelte sich in eine klebrige, falsche Maske.
— **Kirotschka, du bist schon da?**
**Ich dachte, ich komm mal vorbei und schaue, wie’s euch geht.**
**Hab mir Tee gemacht, du hast doch nichts dagegen?**
Kira antwortete nicht.
Sie trat schweigend in die Küche, zog die Tür sorgfältig hinter sich zu und griff, ohne die Schwiegermutter anzusehen, in die Jeans-Tasche.
Die metallische Kälte des Schlüssels brannte an den Fingern.
Sie steckte ihn ins Schloss.
Ein scharfes, trockenes Klicken hallte in der kleinen Küche wie ein Schuss.
Walentina Sergejewna zuckte zusammen, ihr Lächeln rutschte weg.
Sie legte das Telefon auf den Tisch.
— **Was hast du vor?**
**Warum hast du abgeschlossen?**
Kira zog den Schlüssel heraus, er klirrte gegen Kleingeld in ihrer Tasche.
Sie ging langsam, fast träge, zur Spüle und ignorierte die Frage demonstrativ.
Sie stand der Schwiegermutter mit dem Rücken zu und drehte kaltes Wasser auf.
Das Rauschen war das einzige Geräusch in der plötzlich entstandenen Stille.
Vom Haken nahm sie ein sauberes Waffelhandtuch, das sie erst am Morgen aufgehängt hatte.
Sie tränkte es gründlich und spürte, wie der Stoff schwerer wurde und Wasser und Kälte aufsog.
Dann drehte sie den Hahn zu.
Mit ungeheurer Kraft, sodass sich die Muskeln ihrer Unterarme anspannten, begann sie, das Handtuch auszuwringen.
Wasser lief über ihre Hände und tropfte ins Becken.
Als kein Tropfen mehr blieb, hielt sie keinen Stoff mehr in den Händen, sondern einen dichten, schweren, elastischen Strang.
Sie drehte sich nicht um.
Sie sah ihr Spiegelbild in der dunklen Scheibe des Küchenschranks und hinter ihrem Rücken die verschwommene, angespannte Silhouette der Schwiegermutter.
— **Also schlage ich Ihren Sohn.**
Ihre Stimme war vollkommen gleichmäßig, ohne jede Fragenuance.
Das war keine Frage.
Das war der Beginn eines Protokolls.
Walentina Sergejewna zuckte auf dem Stuhl und rutschte unruhig hin und her.
Sie versuchte, ihre übliche herablassend-belehrende Art wiederzufinden, aber es gelang schlecht.
— **Was redest du da…**
**So etwas habe ich nicht gesagt…**
**Die Leute reden eben, du weißt doch, Zungen ohne Knochen…**
**Du hast das falsch verstanden…**
Kira schwieg, faltete den feuchten Strang langsam in der Mitte und machte ihn noch kürzer und fester.
Sie spürte sein Gewicht in der Hand.
Er war ideal.
Er würde keine Spuren hinterlassen, aber einen scharfen, demütigenden Schmerz zufügen.
Langsam drehte sie sich um.
Ihr Blick war leer.
Sie sah nicht die Schwiegermutter an, sondern durch sie hindurch.
— **Und ich betrüge ihn?**
Der zweite Satz, in die Küchenstille geworfen, war wie ein Stein ins Wasser.
Er zerbrach das letzte gespielte Ruhigsein von Walentina Sergejewna.
Ihr Gesicht verzog sich, und der „gerechte“ Zorn, ihre Lieblingswaffe, brach hervor und drängte die Angst zurück.
Endlich fand sie Halt in ihrer vertrauten Rolle der beleidigten Älteren.
— **Wie kannst du es wagen?!** — Ihre Stimme schoss hoch, schrill und metallisch.
— **Wer bist du, dass du mich in meinem eigenen, kann man sagen, Haus einsperrst und Verhöre veranstaltest?**
**Ganz die Scham verloren?**
**Ich bin die Mutter deines Mannes!**
Kira reagierte nicht auf diese Tirade.
Sie schaute nur, wie das Kinn der Schwiegermutter bebte, wie die Kiefer auf den vollen Wangen arbeiteten.
Dieses Theater kannte sie in- und auswendig; sie hatte es dutzende Male gesehen, bei viel kleineren Anlässen.
Aber heute wirkte es nicht.
Die Eisschicht in Kira bekam keinen Riss.
Sie legte den nassen Strang mit methodischer Genauigkeit von einer Hand in die andere.
Sein Gewicht kühlte angenehm ihre Handfläche.
— **Jetzt nehmen Sie Ihr Telefon,** — sagte Kira, und ihr ruhiger Ton war schlimmer als jedes Schreien.
— **Sie öffnen die Anrufliste.**
**Und dann rufen Sie der Reihe nach alle an, denen Sie heute Dreck über mich und Igor erzählt haben.**
**Jeden einzelnen.**
**Sie sagen, dass Sie sich alles ausgedacht haben.**
**Dass es eine Lüge war.**
**Von Anfang bis Ende.**
Walentina Sergejewna war einen Moment lang von dieser Dreistigkeit überrumpelt.
Dann brach es aus ihr heraus.
Sie stieß ein kurzes, verächtliches Lachen aus, voller Gewissheit, dass sie unantastbar sei.
Vor sich sah sie nur ein junges Mädchen, das die Harte spielen wollte.
Ihre alte Überheblichkeit, genährt von jahrelanger Straffreiheit, siegte über den Selbsterhaltungstrieb.
— **Und was willst du mir schon tun?** — kreischte sie und drückte sich in die Stuhllehne, nicht aus Angst, sondern aus Empörung.
— **Mit deinem Handtuch herumfuchteln?**
**Mach dich nicht lächerlich!**
Das war ein Fehler.
Ein fataler.
Im nächsten Moment zerschnitt ein kurzer, scharfer Schwung pfeifend die Luft.
Kira zielte nicht.
Sie schlug von der Seite, in die Bewegung legte sie all die kalte Wut, die sich seit dem Anruf ihrer Tante in ihr aufgestaut hatte.
Der fest gedrehte Waffelstoff peitschte genau auf die Hände von Walentina Sergejewna, die auf dem Tisch über dem teuren Smartphone lagen.
Der Ton war nicht laut, eher nass, klatschend.
Doch sofort folgte ein kurzer, gepresster Aufschrei.
Auf der blassen, schlaffen Haut zeichneten sich augenblicklich zwei knallrote, brennende Striemen ab.
Das war nicht der Schmerz, von dem man ohnmächtig wird.
Das war ein scharfer, demütigender, ernüchternder Schmerz, der der Schwiegermutter den „gerechten“ Zorn aus dem Gesicht wischte und nur tierischen Schock übrig ließ.
Und da brach der Eisdamm in Kira.
Ihre Ruhe explodierte, aber nicht in Tränen oder Hysterie, sondern in einem brennenden Strom von Worten, die sie der Schwiegermutter direkt in die vor Entsetzen geweiteten Augen schleuderte.
Sie machte einen Schritt nach vorn und hob die Hand mit dem Handtuch erneut.
Walentina Sergejewna riss instinktiv die Hände hoch, um ihr Gesicht zu schützen, und sah erst jetzt die purpurfarbenen Striemen auf ihren Handrücken.
Das Bewusstsein darüber, was geschehen war und was gleich geschehen konnte, erreichte sie endlich.
Das war kein Spiel.
Das Mädchen scherzte nicht.
— **Ich wiederhole,** — Kir as Stimme wurde wieder eisig, doch jetzt klang darin unverhüllte Drohung.
— **Nimm das Telefon.**
**Oder der nächste Schlag geht in dein freches, selbstzufriedenes Gesicht.**
Der Schock im Gesicht von Walentina Sergejewna verwandelte sich langsam in primitive Angst.
Der Schmerz war schlimm, doch noch schlimmer waren die Demütigung und das Gefühl eines vollständigen, vernichtenden Scheiterns.
Ihre Welt, in der sie die unantastbare Matriarchin war, stürzte in einem Augenblick zusammen.
Mit zitternder Hand, ohne auf die dunkler werdenden Striemen zu schauen, griff sie nach dem Telefon.
Ihre Finger gehorchten nicht, rutschten mehrmals über den glatten Bildschirm.
— **Lautsprecher,** — befahl Kira.
Ihre Stimme war gleichmäßig, wie die eines Chirurgen bei einer komplizierten Operation.
Sie bewegte sich nicht, stand nur anderthalb Meter entfernt, und diese reglose Präsenz drückte stärker als jede Drohung.
Walentina Sergejewna suchte mühsam in den Kontakten „Galotschka-die-Nachbarin“ heraus.
Genau die, die ihr wichtigstes Sprachrohr war.
Es ertönten lange Freizeichen.
Kira wartete.
Schließlich erklang aus dem Lautsprecher eine muntere Frauenstimme: **„Hallo, Waljuscha! Ist noch was passiert?“**
Die Schwiegermutter öffnete den Mund, doch es kam nur ein gepresstes Krächzen heraus.
Sie warf Kira einen gehetzten Blick zu.
Kira ließ das Handtuch kaum merklich in ihrer Hand schwingen.
Das reichte.
— **Gala…** — krächzte Walentina Sergejewna und räusperte sich.
— **Ich rufe an, um dir zu sagen…**
**Das, was ich dir heute über Kira und Igor erzählt habe… das ist nicht wahr.**
— **Wie bitte?** — zog die andere misstrauisch.
— **Wie nicht wahr? Du hast doch selbst gesagt…**
— **Ich habe mir alles ausgedacht!** — platzte es aus Walentina Sergejewna heraus, und in ihrer Stimme brachen hysterische Töne durch.
— **Hörst du? Alles!**
**Er schlägt sie nicht… also, sie schlägt ihn nicht…**
**Und sie betrügt ihn nicht!**
**Bei ihnen ist alles gut!**
**Ich… ich habe gelogen!**
— **Walja, was ist los mit dir?**
**Hat dich jemand gezwungen?**
**Was passiert da?**
— **Niemand hat mich gezwungen!** — kreischte die Schwiegermutter und spulte die einstudierte Lüge ab.
— **Ich habe das nur… aus Bosheit gemacht.**
**Aus Neid!**
**Ruf mich deswegen nicht mehr an!**
Sie stach mit dem Finger hart auf den Bildschirm und beendete das Gespräch.
Schwer atmend ließ sie den Kopf auf die Brust sinken.
Dieser Anruf hatte sie ihre letzten Kräfte und die Reste ihres Stolzes gekostet.
— **Der nächste,** — sagte Kira erbarmungslos.
Genau in diesem Moment kratzte ein Schlüssel im Schloss der Wohnungstür.
Der Ton war rettend, wie Glockenläuten für einen Verurteilten.
Walentina Sergejewna riss den Kopf hoch, in ihrem Gesicht flackerte verzweifelte Hoffnung auf.
Igor.
Ihr Sohn.
Ihr Retter.
Schritte im Flur, dann ein leises Klicken des Schalters.
— **Kir, bist du zu Hause?** — Igors Stimme war müde, aber alltäglich.
Er ging zur Küche und rüttelte an der Klinke.
Die Tür gab nicht nach.
Er rüttelte noch einmal, stärker.
— **He! Was soll das?**
**Warum ist abgeschlossen?**
**Mama, bist du da drin?**
**Ich hab deine Stimme gehört.**
Er begann gegen die Tür zu trommeln, erst mit der Handfläche, dann mit der Faust.
Die Schläge wurden drängender, in ihnen wuchs die Sorge.
— **Kira! Mama!**
**Macht sofort auf!**
**Was ist da los?!**
Walentina Sergejewna öffnete schon den Mund, um zu schreien und um Hilfe zu rufen, aber Kira war schneller.
Ganz ruhig, ohne eine unnötige Bewegung, ging sie zur Tür, drehte den Schlüssel um und riss sie auf, trat zur Seite und zurück zur Spüle.
Igor stürmte in die Küche, außer Atem, mit gerötetem Gesicht vor Unverständnis.
Und erstarrte im Türrahmen.
Er sah eine Szene, die nicht in sein Weltbild passte.
Seine Mutter, zusammengesunken auf dem Stuhl, das Gesicht nass von Tränen, und knallrote Striemen auf den Händen.
Und seine Frau, an der Spüle, ein nasses Handtuch in der Hand, mit völlig ruhigem, fast abwesendem Gesichtsausdruck.
Die Stille dauerte keine Sekunde.
Als Walentina Sergejewna ihren Sohn sah, bekam sie plötzlich „zweites Leben“.
Sie sprang auf und stürzte zu ihm, klammerte sich an seinen Ärmel.
— **Igorotschka! Söhnchen!**
**Sie… sie hat mich verprügelt!**
**Mich eingeschlossen und verprügelt! Schau!**
Sie hielt ihm ihre Hände mit den purpurroten Striemen vors Gesicht.
— **Sie ist verrückt!**
**Sie wollte mich umbringen!**
Igor blickte fassungslos von der schluchzenden Mutter zur Frau.
In seinen Augen war keine Frage.
Nur Anklage.
Er sah Tränen bei der Mutter und das Handtuch in Kir as Händen.
Die Entscheidung war für ihn offensichtlich und längst getroffen.
— **Bist du wahnsinnig geworden?!** — knurrte er und machte einen Schritt auf Kira zu.
— **Du hast meine Mutter angefasst?!**
Kira zuckte nicht.
Sie rechtfertigte sich nicht, schrie nicht zurück, erklärte nichts.
Sie sah nur, wie ihr Mann seine Mutter umarmte, ihr über den Kopf strich und ihr etwas Beruhigendes ins Ohr flüsterte.
Er hatte sein Urteil längst gefällt.
In genau diesem Moment hatte er endgültig und unwiderruflich eine Seite gewählt.
Kira öffnete langsam die Finger.
Der nasse Strang fiel mit einem dumpfen Klatschen auf die Fliesen.
Ihr kalter, leerer Blick blieb auf diesem Paar liegen — dem Sohn, der seine lügende Mutter tröstete.
Dann sagte sie leise, fast tonlos, die letzten Worte, die an diesem Tag und in ihrem gemeinsamen Leben einen Punkt setzten:
— **Na gut, dann wisch ihr die Tränen ab.**
**Und lebt damit.**
**Ihr beide.**
**Und ihr könnt euch ruhig auch gegenseitig verprügeln und… fremdgehen,**
**denn genau das hast du doch in deiner Verwandtschaft und unter deinen Bekannten erzählt, Walentina Sergejewna.**
Igor blickte verwirrt von seiner Frau zu seiner Mutter.
— **Mama?**
**Was soll das heißen?**
— **Das heißt, Igor, dass deine geliebte Mama schmutzige Gerüchte über mich verbreitet hat,**
**und jetzt, wo sie selbst Teil dieser Geschichte geworden ist, zieht sie dich sofort auf ihre Seite.**
— **Welche Gerüchte?** — verstand Igor nicht.
— **Dass ich dich schlage und dich betrüge!**
**Genau solche Gerüchte!**
— **Mama, stimmt das?**
Noch bevor seine Mutter ihm antworten konnte, hatte er es begriffen.
An ihrem schuldigen Blick, der hektisch nach einer schnellen Ausrede suchte.
Er begriff: Seine Frau hatte recht.
Ohne eine Antwort abzuwarten, packte er seine Mutter am Unterarm und zerrte sie zur Wohnungstür, schob sie in den Hausflur, warf ihre Sachen und Schuhe hinterher und schlug die Tür zu.
Er hörte, wie seine Mutter gegen die Tür hämmerte und sie beide verfluchte.
Aber er rief nur einen Schlüsseldienst an und bat darum, am nächsten Morgen das Schloss in ihrer Wohnung zu wechseln, weil er seine Mutter nach ihrer dreisten, absurden Lüge nicht einmal mehr sehen wollte…
Ende







