Und ins Haus der verkrüppelten Ehefrau zog ein zerlumpter Fremder ein.
Beim Dorfladen, der wie immer nach frischem Brot und Staub roch, kochten die Leidenschaften hoch.

Die örtlichen Klatschweiber, versammelt bei den abgetretenen Stufen, zerlegten die Dorfbewohner in ihre Einzelteile.
Heute war das Hauptthema Viktor – ein stattlicher Kerl, der erste Junge im Dorf, der seine Frau Anna verlassen hatte.
— Habt ihr gehört?
Der Witka ist in die Stadt zu ’ner Jungen abgehauen! — senkte Klawdia die Stimme und schaute sich um.
— Seine Anka hat er zurückgelassen, eine Krüppel.
Man sagt, diese Ljubka ist noch ein richtiges Mädchen, dreht ihn, wie sie will.
— Schamloser, — stimmte die Nachbarin zu.
— Dabei ist sie wegen ihm überhaupt erst liegen geblieben.
Wäre der Säufer nicht gewesen, würde sie jetzt rennen wie früher.
Alle nickten mitleidig.
Die Geschichte der Tragödie kannte im Dorf jeder bis ins kleinste Detail.
Vor drei Jahren, bei klirrender Kälte, wollte der betrunkene Viktor den Weg über den Fluss abkürzen und brach durchs Eis.
Anna zögerte keine Sekunde und sprang hinterher.
Sie, zart und dünn, schaffte es, den massigen Körper ihres nichtsnutzigen Mannes auf eine feste Eisscholle zu wuchten, doch selbst heraus kam sie nicht mehr.
Die tückische Scholle deckte sie zu, drückte sie nieder und brach ihr die Wirbelsäule.
Seitdem bestand ihre Welt aus den vier Wänden ihres Hauses.
Anna konnte sich mit riesiger Mühe im Zimmer bewegen, doch jede Bewegung tat so weh, dass sie die meiste Zeit im Bett lag und an die Decke starrte.
Oft erinnerte sie sich an ihr letztes Gespräch.
Viktor stand an der Tür, die Tasche gepackt, und wagte es nicht, die Augen zu heben.
— Versteh doch, Anka, ich bin ein junger Kerl, — presste er schließlich hervor.
— Ich brauche ein normales Leben, eine gesunde Frau.
Und was ist das hier?
Ein Gefängnis, kein Leben.
Sie schwieg und schluckte die Tränen hinunter.
— Du solltest dich … in ein Invalidenheim einweisen lassen, — warf er zynisch hin.
— Da wird wenigstens nach dir geschaut.
Er warf ein paar zerknitterte Scheine auf den Nachttisch und ging hinaus, ohne sich umzudrehen.
Die Tür knallte zu und trennte sie ab von der Vergangenheit, von Hoffnungen, von allem, wovon sie gelebt hatte.
Anna lag im Bett und starrte mit leerem Blick auf einen Punkt.
Das Gesicht war geschwollen vom Weinen, und der Körper schmerzte nicht nur von der alten Verletzung, sondern auch von der alles verschlingenden Verzweiflung.
Seine Worte über das Invalidenheim pulsierten in ihrem Kopf und brannten die letzten Reste Hoffnung aus.
Vielleicht hat er recht?
Wer braucht sie so?
Nur eine Last für alle.
Der Gedanke an ein staatliches Heim, wo Menschen wie sie ihren letzten Lebensabschnitt verbringen, verlassen und niemandem nötig, schien nicht mehr so furchtbar.
Es war der einzige logische Ausweg aus dieser Sackgasse.
Plötzlich klopfte es an der Tür, und Anna zuckte zusammen.
Wer konnte das sein?
Nachbarn kamen selten vorbei, wollten sie nicht „belasten“.
Das Klopfen wiederholte sich, hartnäckiger.
Anna sammelte ihre Kräfte, rutschte irgendwie vom Bett und hinkte, sich an den Wänden abstützend, zur Tür.
Auf der Schwelle stand ein unbekannter Mann von unbestimmtem Schlag – entweder obdachlos oder einfach nur zerlumpt.
Alte, abgetragene Kleidung, zerzaustes Haar und ein müder, gehetzter Blick.
— Guten Tag, Frau im Haus, — sagte er heiser.
— Lass mich für ein paar Tage übernachten?
Ich will mich hier im Dorf erst mal umsehen, Arbeit finden.
Anna erstarrte und musterte sein Gesicht.
Etwas in seinen Augen, ein versteckter Schmerz, ließ ihr Herz zusammenzucken.
Jeder andere hätte ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen, aber sie trat, ohne selbst zu wissen warum, zur Seite und ließ ihn hinein.
— Komm rein.
In dem Zimmer da ist ein Bett frei, — sagte sie leise.
Als er im Zimmer verschwunden war, beschimpfte sie sich innerlich.
Völlig verrückt geworden.
Einen Fremden ins Haus lassen, einen Landstreicher!
Was, wenn er ein Dieb ist?
Oder schlimmer?
Aber irgendetwas hinderte sie daran, ihn hinauszuwerfen.
Am Abend zog der Duft von gebratenen Kartoffeln durchs Haus.
Der Fremde kam in ihr Zimmer und trug zwei Teller.
Er half ihr wortlos, sich aufzurichten und im Bett zu sitzen, stopfte ihr Kissen in den Rücken.
Dann legte er ein breites Brett auf ihre Knie wie einen kleinen Tisch und stellte ihr den Teller hin.
Anna sah ihn an und brachte kein Wort heraus.
In all den Jahren Ehe hatte sie von Viktor nicht einmal den hundertsten Teil so einfacher, stiller Fürsorge gesehen.
Sie aßen schweigend.
Der Fremde aß schnell, gierig wie ein hungriger Mensch, und Anna stocherte mit der Gabel in den Kartoffeln, spürte, wie ein Krampf im Hals das Schlucken unmöglich machte.
— Dmitri, — sagte er plötzlich und wischte sich mit der Hand den Mund.
— Dima heißt ich.
Er erzählte seine Geschichte.
Vor fünf Jahren war er aus dem Gefängnis gekommen.
Er hatte sich in eine Prügelei eingelassen, weil er seine Frau vor betrunkenen Belästigungen schützen wollte, und hatte die Kraft falsch eingeschätzt.
Einer der Angreifer starb später im Krankenhaus.
Seine Frau hatte versprochen zu warten, schrieb Briefe, doch als er zurückkam, lebte sie längst mit einem anderen und hatte sogar ein Kind bekommen.
Er schlug sich in der Stadt mit Gelegenheitsjobs durch und beschloss schließlich, ins Dorf zu gehen und bei null anzufangen.
Anna hörte zu, und in ihr wachte Mitgefühl auf.
Zwei zerbrochene Schicksale, zwei Verrate.
— Unser Vorsitzender, Sergej Pawlowitsch, ist ein guter Mann, gerecht, — riet sie, als er fertig war.
— Geh morgens zu ihm, sag ihm alles, wie es ist.
Vielleicht hilft er dir mit Arbeit.
— Und was ist dein Unglück? — fragte Dmitri leise und nickte zu ihren Beinen.
Und Anna erzählte.
Vom betrunkenen Mann, vom eisigen Fluss, von dem Schmerz, der zu ihrem ständigen Begleiter geworden war, und davon, dass Viktor gestern gegangen war.
Sie sprach lange, zum ersten Mal seit vielen Jahren bis zum Ende, und spürte, wie es mit jedem Satz ein bisschen leichter wurde.
Inzwischen summte das Dorf wie ein aufgescheuchter Bienenstock.
Die Nachricht, dass Anna irgendeinen Zugereisten bei sich aufgenommen hatte, ging von Hof zu Hof.
Und als jemand herausfand, dass der Fremde ein Ex-Häftling war, wurden die Gerüchte erst recht düster.
— Sie hat sich einen Mörder ins Haus geholt! — schluchzte Klawdia beim Laden.
— Der bringt sie um und zündet das Haus an!
— Die ist wohl vom Kummer ganz durchgedreht, — stimmte eine andere ein.
— Die Frau tut mir leid, aber da ist sie dann selbst schuld.
Die Meinungen waren geteilt: manche bedauerten Anna, andere verurteilten sie, doch alle waren sich einig, dass das nicht gut enden könne.
Zwei Wochen vergingen.
Dmitri ging, wie Anna geraten hatte, zum Vorsitzenden.
Sergej Pawlowitsch hörte sich seinen ehrlichen Bericht an, hatte Verständnis und nahm ihn in der Sägemühle auf.
Jetzt kehrte Dmitri jeden Abend in Annas kleines Häuschen zurück.
Er brachte Lebensmittel, kochte ein einfaches Abendessen und saß dann neben ihrem Bett, erzählte vom Tag, von den Kerlen auf der Arbeit, riss irgendwelche Witze.
Anna hörte zuerst nur zu, dann lächelte sie langsam, und eines Tages lachte sie sogar laut über einen seiner Sprüche.
Der Klang ihres eigenen Lachens kam ihr fremd vor.
Sie hatte vergessen, wann sie zuletzt gelacht hatte.
Dmitri erstarrte und sah sie an.
— Du bist schön, wenn du lächelst, — sagte er einfach.
Anna wurde rot und sah weg.
— Sag mal, und was sagen die Ärzte? — fragte er plötzlich ernst.
— Gibt es eine Chance, dass du wieder laufen wirst?
— Ich weiß nicht mal mehr, was die sagen, — lächelte sie bitter.
— Ich bin damals fast aus dem Krankenhaus abgehauen.
Ich hatte es eilig nach Hause, zum Hof, zum Mann …
Ich dachte, er braucht mich.
Dmitri verdunkelte sich.
Er sagte nichts, aber in seinen Augen erschien etwas Neues, Hartes.
Drei Tage später kam er früher von der Arbeit, zusammen mit Sergej Pawlowitsch in dessen alter „Niva“.
— Pack deine Sachen, Anja.
Wir fahren ins Krankenhaus, — sagte er so, dass Widerspruch keinen Sinn hatte.
Er hob sie vorsichtig hoch, als wäre sie der größte Schatz, trug sie aus dem Haus.
Am Tor hatte sich schon eine kleine Menge Neugieriger versammelt.
Die Dorfbewohner sahen schweigend zu, wie Dmitri Anna auf den Rücksitz setzte.
Und plötzlich trat Nadjeschda, Viktors Cousine, die am lautesten geschrien hatte, Anna sei „mit einem Knasti zusammen“, nach vorn.
— Anka, halt durch! — rief sie.
— Und du, Dmitri, bist ein guter Kerl!
Hör nicht auf uns, Dumm…
Ich hatte nicht recht.
Das Auto fuhr los und ließ das verblüffte, verstummte Dorf zurück.
Der Arzt, ein älterer Professor mit grauem Haar, betrachtete lange die alten Bilder und sah Anna dann streng über die Brille an.
— Mein Täubchen, was haben Sie sich da angetan? — sagte er tadelnd.
— Sie hätten bei mir längst wieder rennen müssen!
Sie haben die Reha abgebrochen, alles laufen lassen.
Da ist doch alles „steif“ geworden, falsch zusammengewachsen.
Anna hörte zu, und die Tränen der Verzweiflung stiegen ihr wieder in den Hals.
— Gibt es eine Chance? — fragte Dmitri dumpf, der neben ihr stand.
— Eine Chance gibt es immer, — seufzte der Arzt.
— Aber jetzt müssen Sie zehnmal mehr arbeiten.
Die Schmerzen werden höllisch sein.
Aber wenn sie’s aushält — wird sie gehen.
— Sie hält das aus, — sagte Dmitri fest.
— Ich passe auf, dass sie alles macht, was Sie verordnen.
Ich verspreche es.
Zurück im Dorf legte Dmitri los.
Nach den Plänen des Arztes baute er aus Brettern und Seilen in Annas Zimmer ein Trainingsgerät, das sie sofort „die Folterbank“ nannte.
Die Tage begannen, die sich wie Folter anfühlten.
Dmitri zwang sie zu üben, trotz der grausamen Schmerzen.
Sie weinte, schrie, flehte ihn an, sie in Ruhe zu lassen, aber er blieb unerbittlich.
Fest, doch mit unendlicher Fürsorge in den Augen, zwang er sie zu einer Bewegung mehr, zu einem Versuch mehr.
Er massierte die tauben Muskeln, wischte ihr den Schweiß von der Stirn und flüsterte: „Halte durch, Anetschka, halt durch, meine Liebe. Du schaffst das.“
Ein Monat täglicher Qual verging.
Eines Morgens wachte Anna auf und wollte wie üblich mit den Armen nachhelfen, um sich aufzusetzen, doch plötzlich merkte sie, dass sie es ohne Hilfe konnte.
Sie setzte sich selbst hin.
Einfach so, im Bett.
Tränen der Freude schossen ihr in die Augen.
Dmitri kam ins Zimmer, sah es und lächelte sein warmes, gutes Lächeln.
— Siehst du, — sagte er und setzte sich auf die Bettkante.
— Und du hast nicht geglaubt.
Also, wer weiß, vielleicht rennen wir bald mit unseren eigenen Beinchen zum Standesamt.
Anna erstarrte und sah ihn schockiert an.
— Dima, was redest du da?
Welches Standesamt? — flüsterte sie.
— Ich bin doch behindert …
— Und? — antwortete er ruhig.
— Und ich bin ein Ex-Knacki.
Perfektes Paar, finde ich.
Sie sah in seine ernsten, liebevollen Augen und begriff, dass er nicht scherzte.
Die Pause zog sich.
— Ich gehe, — hauchte sie schließlich.
— Wenn du mich fragst, gehe ich.
— Ich frage, — lächelte er und nahm vorsichtig ihre Hand.
— Ganz bestimmt frage ich.
Später gestand er ihr, wie schwer es ihm all die Zeit gefallen war.
Neben ihr zu sein, so schwach, schutzlos und so begehrenswert, und sich nicht zu trauen, sie zu berühren; Angst zu haben, dieses Gespräch zu beginnen, um ihr zerbrechliches Vertrauen nicht zu verscheuchen.
…Drei Jahre vergingen.
Viktor kehrte ins Dorf zurück, stapfte staubig in den Stiefeln über den vertrauten Weg.
Das Stadtleben mit seiner jungen „Ljubka“ war ganz und gar nicht so geworden, wie er es sich vorgestellt hatte.
Endlose Forderungen, Skandale, Vorwürfe wegen Geldmangel — all das hatte sein Leben in ein echtes Gefängnis verwandelt.
Er war von dort geflohen, so wie er einst vor Anna geflohen war, und jetzt kam er heim.
Er war sicher, dass Anka, zermürbt von Einsamkeit und Krankheit, sich über seine Rückkehr freuen würde.
Sie hatte ihn doch immer geliebt und alles verziehen.
Er ging zu seinem Haus und blieb verblüfft stehen.
Das Haus war frisch gestrichen, und statt des alten, schiefen Lattenzauns stand ein neuer, teurer Zaun aus Blechprofil.
„Na sowas“, schnaubte Viktor, „scheinbar zahlen sie Invaliden heute gut.“
Er griff schon nach der Klinke des Tores, da ging es mit einem Quietschen auf.
Aus dem Hof kam ein fremder, kräftiger Mann, der geschäftig einen Kinderwagen vor sich herschob.
Hinter ihm trat Anna heraus und richtete ihr hübsches Sommerkleid.
Schön, gesund, glücklich.
Sie sagte etwas fröhlich zu dem Mann und lachte.
Viktor erstarrte wie vom Blitz getroffen.
Er konnte seinen Augen nicht trauen.
Das war nicht seine geduckte, kranke Anka, sondern eine selbstsichere, blühende Frau.
— Anja? — stammelte er fassungslos.
Anna drehte sich um, und ihr Lächeln glitt langsam aus ihrem Gesicht.
Sie sah ihn ruhig an, ohne Hass, als wäre er Luft.
— Du … wer bist du? — krächzte Viktor und sah zum Mann.
— Und wessen Kind ist das?
Dmitri blieb stehen und sah Viktor ruhig an.
— Ich bin ihr Mann, — antwortete er gleichmäßig.
— Und du bist, wie ich verstehe, der Ex.
Ich rate dir, hier nicht mehr aufzutauchen.
Sicher ist sicher.
Aus dem Nachbarhof schaute dieselbe neugierige Klawdia heraus.
Als sie den verwirrten Viktor sah, wollte sie ihn „fertigmachen“.
— Na, Witka, nicht damit gerechnet? — rief sie giftig.
— Das ist Annas neuer Mann, Dmitri.
Er hat sie wieder auf die Beine gebracht.
Nur sei vorsichtig mit ihm, er ist ein Mörder, erst vor Kurzem aus dem Knast!
Viktor spürte, wie seine Knie zu zittern begannen.
Mörder.
Knacki.
Er stellte sich vor, was dieser kräftige Kerl ihm antun könnte, wenn er auch nur ein schiefes Wort über Anna sagte.
Plötzlich erschien ihm das Leben mit der ewig unzufriedenen Ljubka gar nicht mehr so schlimm.
Er drehte sich um und ging schnellen, fast panischen Schrittes zur Bushaltestelle, um für immer von diesem Ort zu verschwinden, an dem er alles verloren hatte.







