Ich verlasse dich — für das, was du getan hast, gibt es keine Vergebung.

Rita zog den Schlussstrich, als sie am Geburtstag ihres Mannes das Gespräch zwischen ihrer Mutter und ihrer Schwiegermutter hörte.

— Alina, beeil dich, wir kommen zu spät!

Rita schnappte sich ihre Sandalen und ließ sich auf den Hocker im Flur plumpsen.

Aus der Küche klirrte ein Löffel gegen einen Teller — die Tochter stocherte in ihrem Haferbrei herum.

— Mama, ich hab schon gegessen!

Rita schaute in die Küche.

Der Brei im Teller war fast unberührt, nur eine Mulde in der Mitte — Alina stellte sich Mühe.

— Ich sehe, wie du gegessen hast.

Noch drei Löffel, und dann ziehen wir uns an.

Wadim saß der Tochter gegenüber und starrte aufs Handy.

Der Kaffee neben seinem Ellbogen wurde kalt.

— Wadim, räumst du den Tisch ab? Ich muss los.

— Mhm, — er hob nicht einmal den Blick.

Früher brachte er sie bis zur Tür, küsste beide, steckte Alina manchmal heimlich eine Süßigkeit in die Tasche — ein Geheimnis vor Mama.

Jetzt nickte er nur noch, ohne den Blick vom Bildschirm zu lösen.

Rita hatte sich daran gewöhnt.

Fast.

Sie zog der Tochter die Sandalen an, nahm ihre Handtasche und den Rucksack mit den Spielsachen.

— Tschüss, Papa! — rief Alina.

— Tschüss, Häschen.

Die Tür fiel zu.

Im Aufzug richtete Rita Alinas Zöpfchen und prüfte automatisch, ob sie den Schlüssel dabeihatte.

Draußen vor dem Hauseingang strahlte ein Julimorgen — ein ganz normaler Dienstag, ganz normales Fertigmachen, ganz normales Leben.

Im Kindergarten rannte Alina sofort zu ihrer Freundin, ohne sich umzudrehen.

Rita blieb noch eine Minute am Tor stehen und sah zu, wie die Tochter Sonja irgendetwas zeigte und dabei wild mit den Händen fuchtelte.

Dann schüttelte sie sich und ging zur Haltestelle.

Auf der Arbeit roch es nach Kaffee und Klimaanlage.

Sweta saß schon an ihrem Tisch und scrollte durch irgendetwas am Computer.

— Oh, hi! Du bist heute pünktlich, ein Wunder.

— Alina hat sich schnell fertiggemacht, — Rita hängte die Tasche an die Stuhllehne, schaltete den Computer ein.

— Also… sie hat so getan, als hätte sie gegessen, und ich hab nachgegeben.

Sweta grinste.

— Klassiker. Mein Neffe macht das genauso — schmiert den Brei mit dem Löffel übers Tellerchen und sagt „fertig“. Hör mal, du hast doch bald Urlaub?

— In anderthalb Wochen. Wadim und ich haben Anapa geplant, wir waren lange nicht dort. Alina haben wir das Meer schon letztes Jahr versprochen.

— Toll. Ich beneide dich. Ich schaffe meine nur zur Datscha der Schwiegermutter, und selbst das ist schon Glück.

Rita lächelte und öffnete die Arbeitspost.

Dreiundvierzig ungelesene E-Mails.

Der Tag versprach lang zu werden.

Am Abend kam sie gegen sieben nach Hause.

Alina war schon da — Wadim holte sie dienstags und donnerstags aus dem Kindergarten.

Die Tochter saß auf dem Teppich und stellte Puppen in einer komplizierten Ordnung auf.

— Mama, schau, die haben Hochzeit!

— Eine schöne Hochzeit, — Rita setzte sich daneben und strich der Tochter über den Kopf.

— Und wo ist Papa?

— Auf dem Balkon. Er telefoniert.

Rita nickte.

In letzter Zeit telefonierte Wadim oft auf dem Balkon.

Geschäftliche Anrufe, erklärte er.

Kunden, Lieferanten, irgendein dringender Kram, den man nicht vor dem Kind bespricht.

Sie ging in die Küche, öffnete den Kühlschrank.

Hähnchen, Gemüse, saure Sahne.

Man konnte etwas Einfaches machen.

Hinter ihr klickte die Balkontür.

— Hi, — Wadim küsste sie auf den Scheitel.

— Wie war der Tag?

— Normal. Berichte, Lieferscheine, üblich.

Mit wem hast du telefoniert?

— Mit Petrowitsch aus der Logistik. Wieder reißen sie die Fristen.

Er nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank und setzte sich an den Tisch.

Rita schnitt das Hähnchen und sah ihren Mann dabei an.

Er war in den letzten Monaten eingefallen.

Oder bildete sie sich das ein?

— Wadim, wir müssen die Tickets kaufen.

— Welche Tickets?

— Nach Anapa. Urlaub in anderthalb Wochen, vergessen?

Er rieb sich den Nasenrücken, stellte die Flasche weg.

— Rit, ich wollte mit dir reden. Dieses Jahr klappt es bei mir nicht.

Das Messer blieb über dem Brett stehen.

— Was heißt „klappt nicht“?

— Das Projekt brennt, du weißt doch. Kriwzow hat gesagt: Wenn wir den Vertrag nicht bis Oktober abschließen, gibt’s Ärger. Richtig Ärger.

— Was für Ärger? Du hast deinen Urlaub nach Plan, den hast du schon im Winter genehmigen lassen.

— Ich hab ihn verschoben.

Rita legte das Messer langsam auf den Tisch.

— Verschoben? Wann?

— Letzte Woche. Ich wollte’s dir früher sagen, aber irgendwie…

— Irgendwie was? — sie drehte sich zu ihm.

— Wir haben das ein halbes Jahr geplant. Alina haben wir das Meer versprochen. Ich hab das Hotel schon bezahlt, die Hälfte.

— Fahrt ihr zwei eben allein. Euch wird’s gut tun, ihr schwimmt, erholt euch…

— Allein? — Rita spürte, wie in ihrer Brust etwas Heißes zu kochen begann.

— Das ist Familienurlaub, Wadim. Familie sind wir drei.

Er schwieg und drehte die Flasche in den Händen.

— Bei dir klappt in letzter Zeit überhaupt nichts, — sagte sie leise.

— Weder richtig reden noch Zeit zusammen verbringen noch in Urlaub fahren. Was ist los?

— Nichts ist los. Nur Arbeit.

— Arbeit. Immer Arbeit.

Aus dem Zimmer rief Alina:

— Mama, können Puppen echtes Essen essen?

Rita atmete tief ein, umklammerte die Kante der Arbeitsplatte.

— Nein, Häschen, die essen nur so als ob.

Sie nahm wieder das Messer und schnitt weiter.

Die Bewegungen waren scharf, abgehackt.

— Rit…

— Nicht. Ich hab’s verstanden. Wir fahren zu zweit.

Das Abendessen verlief in Schweigen.

Alina plapperte über den Kindergarten, über Sonja, darüber, wie die Erzieherin Marina Jurjewna einen Hamster mitgebracht hatte und alle ihn anfassen durften.

Rita nickte, lächelte, legte der Tochter Kartoffeln nach.

Wadim hing am Handy.

Nach dem Essen badete Rita Alina, las ihr eine Geschichte vor und blieb neben ihr sitzen, bis sie einschlief.

Dann ging sie in die Küche.

Wadim saß vor dem Laptop, schaute Fußball, dazu Bier und Cracker.

Das Geschirr stand immer noch in der Spüle.

— Tickets sind für den Zwölften, — sagte sie ihm in den Rücken.

— Der Zug um sieben abends. Wenn du es dir doch anders überlegst — sag Bescheid, ich kaufe ein drittes.

Er drehte sich nicht um.

— Gut.

Rita ging ins Schlafzimmer und setzte sich auf die Bettkante.

Auf dem Nachttisch stand ihr Hochzeitsfoto — vor sechs Jahren, glücklich, jung.

Sie nahm den Rahmen und sah Wadim ins Gesicht.

Der gleiche Mensch. Oder schon nicht mehr?

Seit zwei Jahren wollten sie eine Hypothek aufnehmen.

Die Mietwohnung nervte, sie wollten etwas Eigenes, ein Kinderzimmer für Alina, einen Balkon mit Blumen.

Aber Wadim schob immer alles auf: mal seien die Zinsen hoch, mal die Anzahlung zu klein, mal „lass uns warten, die Bedingungen werden besser“.

Rita war es leid, auf dieses „besser“ zu warten.

Sie stellte das Foto zurück und legte sich aufs Bett, starrte an die Decke.

Hinter der Wand schnarchte Alina leise.

In der Küche klapperte Wadim mit Geschirr.

Ein gewöhnlicher Abend, gewöhnliche Geräusche.

Nur fühlte es sich seit einiger Zeit so an, als hätte sich in ihrer Familie etwas verschoben.

Anderthalb Wochen vergingen wie im Flug.

Rita packte die Koffer, Alina wirbelte nebenher und stopfte ihre Lieblingspuppe und ein Plastikeimerchen für den Sand hinein.

— Mama, fährt Papa wirklich nicht mit?

— Wirklich nicht, Häschen. Papa hat Arbeit.

— Kommt er später nach?

Rita schloss den Reißverschluss und sah ihre Tochter an.

— Vielleicht. Wir werden sehen.

Wadim rief ihnen ein Taxi, half beim Runtertragen.

Am Bahnsteig umarmte er Alina, küsste Rita auf die Wange.

— Erholt euch. Ich bin erreichbar.

Der Zug setzte sich in Bewegung.

Alina klebte am Fenster und winkte Papa, bis er zu einem Punkt wurde.

Rita sah dem vorbeiziehenden Bahnsteig nach und dachte: Er war nicht einmal traurig. Er stand mit dem Handy in der Hand da, als würde er nur warten, bis sie weg sind.

Anapa empfing sie mit Hitze und dem Geruch des Meeres.

Alina quietschte vor Freude, wenn die Wellen über ihre Füße rollten, rannte vor dem Wasser weg und dann wieder hinein.

Rita saß auf dem Handtuch, kniff die Augen vor Sonne zusammen und fotografierte die Tochter.

— Mama, schau, ich bin eine Meerjungfrau!

Alina plumpste ins Wasser und spritzte alles voll.

Rita lachte, legte das Handy weg und ging zu ihr.

Das Wasser war warm, zärtlich.

Die Tochter hing sich an ihren Hals, und Rita dachte: Das ist Glück. Ganz simpel, salzig, nach Meer riechend.

Abends aßen sie Eis an der Promenade und sahen den Sonnenuntergang.

Alina redete ohne Pause — über Quallen, über einen Jungen, der eine riesige Sandburg gebaut hatte, darüber, dass sie immer-und-immer am Meer leben will.

Rita hörte zu, nickte und strich der Tochter über den Kopf.

Vor dem Schlafen rief sie Wadim an.

Das Klingeln zog sich, er ging erst beim sechsten Mal ran.

— Hallo.

— Hi, wir sind’s. Wollten dir gute Nacht wünschen.

— Ah ja. Hi. Wie ist das Meer?

— Super. Alina war den ganzen Tag im Wasser. Willst du mit ihr reden?

— Gib sie schnell, ich hab hier noch Arbeit.

Rita reichte der Tochter das Handy.

Die plapperte über Muscheln und Delfine, die sie vom Ufer aus gesehen hatte.

Wadim antwortete kurz, einsilbig.

Nach einer Minute gab Alina das Handy zurück.

— Papa hat gesagt, er muss los.

— Leg dich hin, Häschen. Morgen wieder Strand.

Als die Tochter eingeschlafen war, ging Rita auf den Balkon des Zimmers.

Unten rauschte das Meer, irgendwo spielte Musik.

Sie wählte Wadim noch einmal.

— Ist was passiert? — fragte er statt einer Begrüßung.

— Nein. Ich wollte nur reden. Wie geht’s dir?

— Normal. Viel Arbeit, ich bin müde.

— Vermisst du uns?

Eine Pause. Zu lang.

— Natürlich vermisse ich euch. Okay, ich muss. Kuss.

Tuten.

Rita sah aufs dunkle Meer und versuchte sich zu erinnern, wann er das letzte Mal „Ich liebe dich“ gesagt hatte.

Nicht „Kuss“, nicht „bis dann“ — sondern „Ich liebe dich“.

Sie konnte sich nicht erinnern.

Am fünften Tag rief ihre Mutter an.

Rita schmierte Alina gerade Sonnencreme auf.

— Mama, hi! Wie geht’s dir?

— Hi, Tochter. Alles gut, erholt ihr euch?

— Sehr. Alina ist schon braun wie Schokolade.

— Das ist gut, — die Mutter schwieg kurz.

— Vitamin D ist gesund.

Rita runzelte die Stirn.

Etwas stimmte nicht.

Normalerweise fragte die Mutter ausführlich nach — wo sie wohnen, was sie essen, wie teuer das Zimmer ist.

Hier waren es kurze Sätze, Pausen.

— Mama, ist alles okay bei dir? Du klingst irgendwie müde.

— Ach, alles normal. Heute nur müde. Diese Hitze…

— Sicher, dass alles gut ist?

— Sicher, Rita. Erhol dich. Grüße Alina.

Sie legte auf.

Rita sah aufs Handy, zuckte mit den Schultern.

Wahrscheinlich wirklich die Hitze.

Die Mutter ist zweiundsechzig, der Blutdruck springt.

Zwei Wochen vergingen wie ein Tag.

Sie kamen gebräunt und erholt zurück, mit Tüten voller Magnete und Muscheln.

Am Bahnhof holte sie niemand ab — Wadim schrieb, er stecke in einem Termin fest, sie sollten ein Taxi nehmen.

Zu Hause war es stickig und roch nach etwas Altem.

Rita riss die Fenster auf, ging durch die Wohnung.

In der Spüle lag schmutziges Geschirr, auf dem Tisch leere Bierflaschen.

Der Kühlschrank war fast leer.

— Papa! — Alina stürzte auf den hereinkommenden Wadim zu.

— Schau, ich hab dir eine Muschel mitgebracht!

— Schön, — er strich der Tochter über den Kopf, sah kurz zu Rita.

— Gebräunt. Gut gefahren?

— Gut, — Rita stellte den Koffer an die Wand.

— Und du hast dich hier, wie ich sehe, nicht gelangweilt.

— Wie meinst du das?

— Geschirr, Flaschen. Zwei Wochen ohne uns — und so ein Chaos.

— Rita, fang nicht an. Ich hab gearbeitet wie ein Verrückter. Keine Zeit zum Aufräumen.

Sie stritt nicht.

Sie packte schweigend aus.

Drei Tage später war Wadims Geburtstag.

Vierunddreißig.

Rita bestellte einen Kuchen und machte Salate.

Die Gäste kamen: Wadims Bruder Igor mit Frau Natascha, die Schwiegermutter Tamara Iwanowna, Ritas Mutter Soja Petrowna, die Freundin Sweta.

Alina rannte zwischen den Erwachsenen umher und zeigte allen die Muscheln aus Anapa.

Am Tisch war es laut.

Igor erzählte vom Angeln, Natascha diskutierte mit Sweta über irgendeine Serie.

Wadim nahm Glückwünsche an und lächelte.

Rita sah ihn an — alles wie immer: Er lächelt, witzelt mit dem Bruder, nimmt Geschenke entgegen.

Aber irgendetwas hatte sich verändert, und dieses Gefühl ließ sie seit Monaten nicht los.

Nach dem Hauptgang ging sie in die Küche, um den Kuchen zu holen.

Sie nahm die Kerzen und ein Feuerzeug.

Und da hörte sie Stimmen aus dem Zimmer — ihre Mutter und die Schwiegermutter waren vom Tisch weg und standen am Fenster.

— Tamara, ich sag dir das nicht ohne Grund, — die Stimme der Mutter war leise, angespannt.

— Ich hab’s mit eigenen Augen gesehen.

— Was gesehen? Irgendeinen Unsinn.

— Kein Unsinn. Dein Sohn saß im Café an der Kolzowskaja mit irgendeinem Mädchen. Und das war nicht geschäftlich, glaub mir.

Rita erstarrte mit dem Kuchen in den Händen.

Die Beine wurden weich.

— Mein Wadim würde so was nicht tun, — die Schwiegermutter klang scharf.

— Er ist anders erzogen worden.

— Ich sag’s dir, damit du mit ihm redest. Damit er das lässt, bevor Rita es erfährt.

— Rita darf nichts erfahren, — die Stimme der Schwiegermutter wurde härter.

— Misch dich nicht in ihre Familie ein.

— Tamara, ich sag’s dir ja, damit du mit deinem Sohn redest. Damit er aufhört. Sonst muss ich es selbst erzählen.

— Wag es nicht. Sechs Jahre zusammen, Alina wächst. Willst du die Familie zerstören?

— Ich will nicht. Aber ewig schweigen kann ich auch nicht.

Der Kuchen zitterte in Ritas Händen.

Die Kerzen fielen zu Boden.

Sie stand da, unfähig sich zu bewegen, und spürte, wie in ihrer Brust etwas riss — langsam, knirschend, wie Eis unter den Füßen.

Rita hob die Kerzen auf.

Die Hände gehorchten nicht, die Finger zitterten, aber sie zwang sich, sie in den Kuchen zu stecken und anzuzünden.

Sie ging mit einem Lächeln ins Zimmer — gespannt, leblos, aber niemand merkte etwas.

— Alles Gute zum Geburtstag!

Alle klatschten, Alina hüpfte auf der Stelle.

Wadim pustete die Kerzen aus, irgendwo blitzte ein Handyfoto.

Rita schnitt den Kuchen, legte Stücke auf Teller, reichte sie herum.

Mechanisch, als wäre es nicht sie, sondern jemand anderes steuerte ihren Körper.

Die Mutter fing ihren Blick auf und runzelte die Stirn.

Rita wandte sich ab.

Die Gäste gingen gegen elf.

Igor und Natascha riefen ein Taxi, die Schwiegermutter fuhr mit ihnen.

Die Mutter blieb im Flur kurz stehen.

— Rita, du bist so blass. Alles gut?

— Alles gut, Mama. Ich bin nur müde.

Die Mutter zögerte, als wollte sie etwas sagen, entschied sich dann anders.

— Gut. Ruf morgen an.

Die Tür schloss sich.

Rita lehnte sich an die Wand, schloss die Augen.

Im Kopf pulsierte: „Dein Sohn saß im Café mit irgendeinem Mädchen.“

Immer wieder.

Sie brachte Alina ins Bett, blieb, bis sie einschlief.

Dann ging sie in die Küche.

Wadim spülte, pfiff leise vor sich hin.

Als wäre es ein normaler Abend, als wäre nichts passiert.

— Ich habe alles gehört, — sagte Rita leise.

Er drehte sich um, ein nasser Teller in der Hand.

— Was hast du gehört?

— Das Gespräch zwischen meiner Mutter und deiner Mutter. Über das Café an der Kolzowskaja. Über das Mädchen.

Der Teller klirrte in die Spüle.

— Welches Mädchen? — er lächelte nervös.

— Wovon redest du überhaupt?

— Davon, dass meine Mutter dich mit jemandem gesehen hat. Während wir mit Alina am Meer waren.

Das Lächeln fiel von seinem Gesicht.

Rita sah ihn an — das vertraute Gesicht, die Augen, die ihrem Blick nicht standhalten konnten.

— Schau mich an.

Er hob den Blick.

Und sie sah: Angst.

Nicht Überraschung, nicht Empörung.

Angst eines Menschen, den man erwischt hat.

— Wadim.

Er senkte den Kopf, stützte die Hände auf den Spülenrand.

— Deine Mutter hat das falsch verstanden, — er drehte sich zur Spüle.

— Das war nur eine Bekannte.

— Wadim, wir sind erwachsen. Sag die Wahrheit. Ich finde sie sowieso heraus.

Er schwieg, krallte sich an den Rand.

— Es hat nichts bedeutet, — die Stimme dumpf, gepresst.

— Der Teufel hat mich geritten, ich weiß selbst nicht wie. Es war nur einmal, ich schwöre.

— Einmal?

— Na ja… ein paar Mal. Aber es ist vorbei. Gleich nach dem Café war es vorbei.

Rita spürte, wie der Boden unter ihr nachgab.

Sie wusste es.

Irgendwo tief drin wusste sie es längst.

Aber etwas zu ahnen ist eins — es zu hören ist etwas anderes.

— Verzeih mir, — er trat zu ihr.

— Ich bin ein Idiot, ich weiß. Aber es war ein Fehler. Du und Alina — ihr seid meine Familie. Ich will euch nicht verlieren.

Rita wich zurück.

— Ich muss allein sein.

Sie ging ins Schlafzimmer, legte sich aufs Bett und starrte an die Decke.

Hinter der Wand rauschte Wasser — Wadim spülte weiter.

Gewöhnliche Geräusche eines gewöhnlichen Abends.

Nur war nichts mehr gewöhnlich.

Am nächsten Tag rief sie die Mutter an.

— Du wusstest es und hast geschwiegen.

— Rita, ich…

— Wie lange? Wie lange wusstest du es?

— Zwei Wochen. Ich hab sie zufällig gesehen, als du in Anapa warst. Ich wollte es sagen, aber… Rita, er war sechs Jahre ein guter Mann. Ich dachte, vielleicht ist es eine Ausnahme. Ich wollte eure Familie nicht zerstören.

— Und ich? Hast du an mich gedacht?

Stille am anderen Ende.

— Ich habe an dich gedacht. Genau an dich habe ich gedacht.

— Nein, Mama. Du hast daran gedacht, wie es bequemer ist. Wie man dieses unangenehme Gespräch vermeidet.

Rita legte auf.

Ihre Hände zitterten.

Sie war wütend — auf Wadim, auf die Mutter, auf sich.

Darauf, dass sie das Offensichtliche nicht sehen wollte.

Zwei Tage versuchte sie, so weiterzuleben wie früher.

Sie machte Frühstück, brachte Alina in den Kindergarten, ging arbeiten.

Wadim bemühte sich — kam pünktlich, half im Haushalt, sah sie mit schuldigen Augen an.

Aber jedes Mal, wenn er sie berührte, zuckte sie zusammen.

Jedes Mal, wenn er „Ich liebe dich“ sagte, hörte sie eine Lüge.

Am dritten Abend, als Alina eingeschlafen war, zog Rita den Ehering vom Finger und legte ihn vor Wadim auf den Tisch.

— Ich gehe von dir. Ich habe versucht, das irgendwie wegzuschieben, aber für das, was du getan hast, gibt es keine Vergebung.

Er wurde blass.

— Rita, warte. Lass uns reden.

— Wir haben schon geredet. Du bist selbst schuld, du hättest früher nachdenken müssen.

— Wegen Alina. Denk an die Tochter.

— Ich denke an die Tochter. Genau deshalb gehe ich.

— Aber ich hab mich doch entschuldigt! Ich hab den Fehler eingesehen! Was willst du noch?

Rita sah ihn ruhig an.

— Als wir noch zusammen waren, habe ich dir sofort gesagt: Wenn du mich jemals betrügst, kann ich das nicht akzeptieren. Erinnerst du dich?

Er schwieg.

— Du wusstest es. Und du hast es trotzdem getan. Also hat dir unsere Familie nicht so viel bedeutet.

Sie ging ins Schlafzimmer und legte sich neben Alina.

Sie konnte lange nicht einschlafen und starrte an die Decke.

Die Entscheidung war gefallen.

Am Morgen stand sie früher auf als alle, packte eine Tasche — Dokumente, Sachen für sie und Alina.

Wadim schlief noch auf dem Sofa, wohin er nach dem Gespräch gegangen war.

Rita weckte die Tochter und half ihr beim Anziehen.

— Mama, wohin gehen wir? — Alina rieb sich die Augen.

— Kommt Papa mit?

— Nein, Häschen. Wir fahren zu Tante Sweta zu Besuch.

— Für lange?

— Wir bleiben ein bisschen. Dir wird’s dort gefallen.

Im Treppenhaus holte sie das Handy heraus und rief Sweta an.

— Sweta, ist das Zimmer bei dir noch frei?

— Ja, was ist passiert?

— Dürfen wir zu dir? Ich erkläre später alles.

— Natürlich, komm.

Rita rief ein Taxi.

Alina hielt ihre Hand, verschlafen, und verstand nichts.

Zehn Minuten später fuhren sie schon durch die morgendlichen Straßen.

Zwei Tage später rief die Schwiegermutter an.

— Rita, ich verstehe, du bist verletzt. Aber denk noch einmal nach. Männer machen manchmal Fehler, das ist ihre Natur. Wegen der Tochter kann man verzeihen.

— Tamara Iwanowna, Ihr Sohn ist ein erwachsener Mensch. Er wusste, was er tat. Und ich bin auch erwachsen. Ich habe entschieden.

— Aber Alina…

— Alina wird ihren Vater sehen. Aber mit einem Menschen zu leben, dem ich nicht vertraue, werde ich nicht.

Sie legte auf, ohne eine Antwort abzuwarten.

Ein Monat bei Sweta verging schnell.

Tagsüber Arbeit, abends Dokumente, Banken, Wohnungsbesichtigungen.

Sweta half mit Alina, wenn Rita sich mit dem Makler verspätete.

Nach einer Woche ging Rita zur Bank.

Zwei Jahre lang hatten sie mit Wadim für eine Hypothek gespart — mal waren die Zinsen hoch, mal die Anzahlung zu klein.

Jetzt saß sie allein vor dem Kreditberater und unterschrieb die Papiere.

Angst, ja. Aber anders ging es nicht.

Miete ist kein Leben, es ist Warten aufs Leben.

Die Hypothek wurde Anfang November bewilligt.

Eine Einzimmerwohnung im Nordviertel — klein, aber frisch renoviert und mit Blick auf den Park.

Mit Balkon, wie sie es sich erträumt hatte.

Am Umzugstag half Sweta beim Tragen der Kartons und brachte Champagner und Pizza mit.

Alina rannte durch die leere Wohnung, ihre Schritte hallten von den nackten Wänden wider.

— Mama, wird das mein Zimmer?

— Das wird unser Zimmer, Häschen. Deins und meins.

Am Abend, als Alina auf der Luftmatratze eingeschlafen war, gingen Rita und Sweta auf den Balkon.

Unten glitzerte die Stadt, die Luft roch nach dem ersten Schnee.

— Auf ein neues Leben, — Sweta hob den Plastikbecher mit Champagner.

— Auf ein neues Leben.

Sie stießen an.

Rita sah auf die Lichter und spürte zum ersten Mal seit langem: Es wird gut.

— Du bist an nichts schuld, — sagte Sweta leise.

— Geh einfach weiter. Und es wird klappen.

Rita nickte.

Unten fuhr ein Auto vorbei, Scheinwerfer blitzten auf.

Neue Wohnung, neuer Stadtteil, neues Leben.

Ohne Lügen, ohne Theater, ohne fremde Hände am Handy und ohne Gespräche auf dem Balkon.

Es war ein bisschen beängstigend, ungewohnt.

Und noch immer bitter wegen des Verrats, den sie nicht vergeben konnte.

Aber es war ihr Leben.

Ihre Wohnung.

Ihre Entscheidung.

Ende.