Das ist mein Haus, und ich werde mich weder wegen dir noch wegen deiner Verwandtschaft hier zusammenquetschen, — hielt Lera es nicht mehr aus.

Der Beinahe-Ehemann hatte entschieden, dass er der Hausherr im Haus sei.

— Mama, ich bin schon fast da, in einer halben Stunde bin ich am Bahnhof.

Lera drückte das Handy ans Ohr und schaute aus dem Zugfenster.

Draußen flogen Vorortsiedlungen vorbei, bekannte Stationsnamen.

— Na, wie lief die Schulung? — Mamas Stimme klang munter, mit dieser vertrauten neugierigen Note.

— Ganz okay.

Neue Standards fürs Warenpräsentieren, Umgang mit Reklamationen, Mitarbeitermotivation. Drei Tage Vorträge, zwei Tage Praxis.

— Und wie ist es im Haus? Hast du dich schon eingerichtet?

Lera lächelte und sah auf die Straße.

— Ja, Mama.

Denis und ich sind schon eingezogen, wir wohnen zusammen.

— Wir? — in Mamas Stimme klirrte sofort lebhafte Freude.

— Ist das der Denis, von dem du erzählt hast?

— Ja. Seit einem halben Jahr zusammen, ich hab’s dir gesagt.

Es ist ernst.

— Lerotschka, endlich!

Ich hatte schon Angst, dass du allein in diesem Haus bist.

Omas Haus ist ja schön, aber allein ist es traurig.

Wann stellst du ihn mir vor?

— Mama, später. Ich komme jetzt erst mal an, ruh mich aus nach der Fahrt.

— Na gut, na gut, ich bohre nicht weiter. Aber ruf öfter an, hörst du?

— Ich hör dich, Mama. Kuss.

Lera steckte das Handy in die Tasche und lehnte sich zurück.

Fünf Tage Trainings hatten sie ausgelaugt, aber die Stimmung war gut — vor ihr lag das Wochenende, ihr eigenes Haus, Denis.

Sie stellte sich vor, wie sie abends auf der Veranda sitzen, Wein öffnen und über nichts reden würden.

Vielleicht machen sie am Sonntag Schaschlik.

Am Bahnhof nahm sie ein Taxi und bat, noch kurz beim Supermarkt anzuhalten.

Sie sprang für fünf Minuten rein, holte eine Flasche Rotwein und eine Kirschtorte — Denis liebt so was.

An der Kasse wählte sie seine Nummer.

Langes Klingeln, dann die mechanische Stimme: Der Teilnehmer ist nicht erreichbar.

Na ja, er schläft bestimmt.

Nach der Schicht ist er immer sofort weg.

Lera stieg mit den Tüten wieder ins Taxi und nannte die Adresse.

Die Gegend war ruhig, am Stadtrand, Privatsektor.

Omas Haus hatte sie vor einem Jahr geerbt, aber sie war erst diesen Frühling umgezogen, nachdem sie eine kleine Renovierung gemacht hatte.

Alt, aber solide — Opa hatte es noch in den Siebzigern gebaut.

Sechs Ar Grundstück, Apfelbäume, Kirschen, ein Rasen, den sie im Mai eingesät hatte.

Das Taxi hielt am Gartentor, Lera bezahlte und stieg mit Koffer und Tüten aus.

Und erstarrte.

Mitten auf dem Rasen stand ein alter beigefarbener Schiguli, eine „Sieben“, mit trüben Scheinwerfern und einer gerissenen Stoßstange.

Die Reifen hatten sich in die Erde gedrückt, das Gras war plattgewalzt.

Hinter dem Haus zog Rauch auf.

Es roch nach Kohle und gebratenem Fleisch.

Irgendwo schrie ein Kind — nicht vor Schmerz, sondern fröhlich und schrill, so wie Kinder schreien, wenn sie unbeaufsichtigt herumrennen.

Lera ging in den Hof, zog den Koffer mit einer Hand hinter sich her und hielt in der anderen die Tüte mit Torte und Wein.

Und blieb stehen.

Auf der Veranda saß eine unbekannte Frau um die dreißig in Jogginghose und Top, tippte auf ihrem Handy herum.

Neben ihr standen eine Tasse und ein Aschenbecher voller Kippen.

Am Grill hantierte ein großer Mann in Tarnshorts und drehte Würstchen um.

Und zwischen den Apfelbäumen rannte ein etwa sechsjähriger Junge herum und trat gegen einen Fußball.

— Oh, Lerotschka, du bist da, unsere Liebe! — Denis kam mit einer Bierflasche in der Hand um die Hausecke.

Er trat näher, gab ihr einen Schmatzer auf die Wange.

— Na, wie geht’s?

Wie war die Fahrt?

Du bist bestimmt müde, oder?

— Ganz okay, fünf Tage mit diesen Trainings…

— Na umso besser, jetzt ruhst du dich aus.

Komm rein, lern alle kennen. Das ist Tolik, mein Bruder, mit Familie.

Sie sind aus Berjosowka hergekommen.

Lera stand mit der Torte in der Hand da und spürte, wie in ihr etwas zusammenklappte.

— Was heißt „hergekommen“?

— Na, sie haben das Haus verkauft und решили… äh, wollten in die Stadt ziehen.

Kirjuscha muss in die Schule, im September ist schon die erste Klasse.

Und Tolik ist Bauarbeiter, sucht Arbeit.

Ich dachte: sollen sie erst mal bei uns wohnen, bis sie sich eingerichtet haben.

— Bei uns?

Denis stellte das Bier aufs Geländer, trat näher.

— Ja. Hör zu, er hilft mit dem Dach, da muss man ja was flicken, du weißt doch.

Und die Fenster tauscht er aus, goldene Hände, ein Fachmann von Gott!

Und Schanka nimmt sich die Tapeten vor, die ist flink.

Wozu Fremden zahlen, wenn’s die eigenen sind?

Eine Woche wohnen sie, schauen sich um, und alle sind zufrieden.

Die Frau auf der Veranda hob den Blick vom Handy.

— Hi. Ich bin Schanna.

— Lera, — antwortete sie mechanisch.

Tolik am Grill winkte.

— Servus! Gleich sind die Würstchen fertig, dann setzen wir uns richtig hin.

Der Junge kam außer Atem angerannt, den Ball unterm Arm.

— Papa, ich hab Hunger!

— Warte, Kirjucha, gleich.

Lera sah Denis an.

Er lächelte, als hätte er ihr ein Geschenk gemacht.

— Das ist nur vorübergehend, — sagte er.

— Für eine Woche, bis sie sich umschauen.

— Denis, — sie senkte die Stimme, — hättest du mich nicht wenigstens anrufen können?

— Die sind erst gestern angekommen, ich dachte, du kommst heute später. Ich wollte dich abholen und alles in Ruhe erklären.

— In Ruhe?

Sie sah den plattgetretenen Rasen, das fremde Auto am Zaun, die Kippen in dem Aschenbecher auf ihrer Veranda.

Dann sah sie auf die Torte und den Wein in ihren Händen.

Ein romantischer Abend. Ja, klar.

— Gut, — sagte sie leise.

— Wir reden später.

Sie ging ins Haus.

Im Flur standen fremde Taschen, Kindersneaker lagen mitten im Gang.

In der Küche: ein Berg schmutziges Geschirr in der Spüle, leere Bierflaschen auf dem Tisch, Krümel auf dem Boden.

Im Wohnzimmer lag auf ihrem Sofa zerknitterte Bettwäsche und irgendjemandes Pullover.

Lera stellte den Koffer an die Tür, die Torte auf den Tisch, den Wein daneben.

Sie ging ins Schlafzimmer — da war es sauber, aber auf dem Stuhl hing eine fremde Jacke, und auf dem Nachttisch lag eine Damen-Kosmetiktasche.

Sie ging zurück in die Küche, setzte sich auf den Hocker und starrte aus dem Fenster.

Draußen redete Denis mit seinem Bruder, beide lachten.

Schanna saß immer noch auf der Veranda.

Der Junge jagte den Ball wieder zwischen den Apfelbäumen.

Das Handy vibrierte — Nachricht von Mama: „Bist du gut angekommen?

Wie ist es dort?“

Lera tippte: „Ja, alles gut“ und schickte es ab.

Dann starrte sie lange aufs Display und verstand nicht, wen sie da zu täuschen versuchte.

Am Abend, als die Gäste sich endlich auf die Zimmer verteilt hatten, setzte Denis sich an den Bettrand und nahm ihre Hand.

— Sei nicht böse, Ler.

Ich hab wirklich nicht mehr geschafft, dich zu warnen, die haben angerufen, gesagt: wir fahren los — und das war’s. Ich konnte sie doch nicht auf die Straße setzen.

— Du hättest mich wenigstens anrufen können.

— Handy war leer, als wir rumgerannt sind. Hör zu, das ist doch Verwandtschaft.

Eine Woche, sie schauen sich um, finden eine Wohnung — und ziehen aus.

Halt ein bisschen durch, ja?

Er sprach weich, fast zärtlich.

Wie früher, als sie erst angefangen hatten.

Lera lag im Dunkeln und erinnerte sich.

Vor einem halben Jahr war er in dem Laden aufgetaucht, in dem sie arbeitete — brachte eine Lieferung Winterstiefel, blieb stehen, um zu plaudern.

Dann kam er öfter vorbei: mal Kaffee, mal Schokolade.

Er lud sie ins Kino ein, dann zum Grillen bei Freunden.

Er brachte Blumen, einfach so, ohne Anlass.

Als sie beschloss, in das Haus zu ziehen, das ihr die Großmutter vererbt hatte, bot Denis sofort seine Hilfe an — schleppte Kartons, baute Möbel auf, nie ein Wort des Klagens.

Und jetzt — als wäre er ausgetauscht.

Bei den Verwandten wurde er anders: laut, besitzergreifend, kumpelhaft.

Und in diesem „kumpelhaften“ Leben schien für sie irgendwie kein Platz zu sein.

Drei Tage vergingen.

Von Renovierung keine Spur.

Tolik fuhr morgens „zu erledigen Sachen“ — Arbeit suchen, wie er sagte.

Zum Mittag war er wieder da, setzte sich mit Denis in den Hof, sie öffneten Bier.

Abends grillten sie Würstchen, drehten Musik auf, gröhlten durch den ganzen Hof.

Lera kam müde von der Arbeit nach Hause — und dort war die Feier längst in vollem Gang.

An einem solchen Abend ging sie zum Grill.

— Denis, und was ist mit dem Dach? Wann fangt ihr an?

— Wir schaffen das, warum hast du’s so eilig, — er drehte eine Wurst um, ohne sie anzusehen.

— Außerdem müssen wir Material kaufen.

— Das ist nicht viel Arbeit, ich hab schon geguckt, — fügte Tolik hinzu und nahm einen Schluck Bier.

— Ich kann das bezahlen. Sagt mir, was ihr braucht, ich fahre vorbei, kaufe es, lasse liefern.

— Mach keinen Stress, — Denis winkte ab.

— Wir regeln das. Setz dich lieber zu uns, iss was.

Lera drehte sich um und ging ins Haus.

In der Küche: ein Berg Geschirr, leere Flaschen, Krümel auf dem Boden.

Schanna gewöhnte sich schnell ein.

Am vierten Tag fand Lera ihren Lippenstift nicht.

— Ach, den hab ich genommen, — Schanna war nicht einmal verlegen.

— Ich hatte ein Vorstellungsgespräch, meiner war leer. Ich dachte, du hast nichts dagegen.

— Und fragen?

— Ach komm, du warst doch auf der Arbeit. Ich kauf später einen neuen und geb ihn dir.

Am nächsten Morgen war der Make-up-Entferner verschwunden.

— Meiner war leer, und ich hab’s nicht mehr in den Laden geschafft, — erklärte Schanna.

Lera holte schweigend eine Ersatzflasche aus dem Schrank.

Am Abend entdeckte sie, dass ihre Sachen aus der Kommode im Schlafzimmer in eine Kiste umgeräumt worden waren, und auf den Regalen lagen nun Kirjuschas Hosen und T-Shirts.

— Wir haben ein bisschen umgestellt, damit’s bequemer ist, — sagte Schanna.

— Das Kind muss seine Sachen ja irgendwo hinlegen.

Auf der Arbeit merkte Marina sofort, dass etwas nicht stimmte.

— Was ist mit dir? Du siehst aus wie ein Geist.

— Stell dir vor, Denis hat seine Verwandtschaft hergebracht.

Bruder mit Frau und Kind, aus dem Dorf.

Sie wollen sich in der Stadt einrichten.

— Direkt in dein Haus? — Marina riss die Augen auf.

— Ja. Er sagt, nur vorübergehend, sie flicken das Dach.

— Klar, „vorübergehend“. — Marina trank einen Schluck Kaffee und schüttelte den Kopf.

— Als wir eine Wohnung gekauft haben, fing mein Mann auch an: mal kommt ein Freund für eine Woche, mal die Schwester mit Kindern.

Ich hab ein halbes Jahr stillgehalten, dachte, ist ja Familie, ist unangenehm. Dann hab ich gesagt:

Noch einmal so was — und ich setz sie an der Türschwelle raus, mir egal, wer das ist.

Mein Mann hat gemurrt, aber verstanden.

Lera nickte, schwieg aber.

Offenbar stand ihr das auch bevor.

Sie dachte, schlimmer könne es nicht werden.

Sie irrte sich.

Am nächsten Tag fuhr Denis morgens irgendwohin, und nach dem Mittag kam er zurück — mit seiner Mutter.

Lera ging auf die Veranda und sah eine kleine Frau im beigen Mantel, mit einer großen Tasche.

— Oh, so siehst du also aus! — die Frau schlug die Hände zusammen.

— Eine Schönheit! Denis hat so viel erzählt, und ich dachte immer: Wann sehe ich dich endlich? Tamara Iwanowna, einfach Tamara.

— Lera, — sie schüttelte die ausgestreckte Hand.

— Ich war wegen einer Überweisung beim Arzt und dachte, ich spring bei euch vorbei, guck meinen Sohn an, lern dich kennen.

Und hier sind auch Tolik mit Schannotschka und Kirjuschka.

Die ganze Familie ist ja beisammen!

Sie ging ins Haus, als wäre es ihres, schwärmte, wie gemütlich es sei, wie toll Lera das mache.

Sie blieb „auf einen Tee“.

Der Tee zog sich bis zum Abend, und dann sagte Denis: Wohin soll sie nachts noch fahren, sie übernachtet, und morgen bring ich sie.

Lera zog ihn ins Schlafzimmer.

— Denis, wohin willst du sie noch stecken? Das Haus ist doch kein Gummi.

— Ach komm, warum reagierst du so, — er zuckte die Schultern.

— Wir rücken ein bisschen zusammen, das ist doch meine Familie. Du wolltest doch, dass ich dich mit Mama bekannt mache, jetzt habt ihr euch kennengelernt.

— So hab ich mir das nicht vorgestellt.

— Wie denn? Mama ist gekommen, freut sich, dich zu sehen. Was ist daran falsch?

Lera wollte sagen, dass alles daran falsch war.

Aber sie schwieg.

Morgen wurde übermorgen.

Tamara Iwanowna richtete sich sofort ein.

Sie kochte für alle, wirtschaftete in der Küche, als wäre sie zu Hause.

— Piroggen — die Jungs lieben sie, ich meine meine: Denis und Tolik, und Kirjuschka, — plapperte sie, während sie den Teig ausrollte.

Abends saßen sie zu fünft am Tisch — Tamara Iwanowna, Denis, Tolik, Schanna, Kirjuscha — und redeten über gemeinsame Bekannte aus Berjosowka, erinnerten sich an Geschichten aus der Kindheit der Brüder, lachten.

Und Lera saß daneben und fühlte sich wie ein Gast im eigenen Haus.

Am Wochenende griff Denis in den Glasschrank.

— Oh, was für ein Service! — er holte Porzellantassen mit Goldrand heraus.

— Lasst uns doch wenigstens wie Menschen Tee trinken, und nicht immer aus Bechern wie am Bahnhof.

— Nicht, — Lera ging auf ihn zu.

— Das ist von der Oma, sie hat es zur Hochzeit bekommen. Ich benutze es nie.

— Tja, zu Unrecht, — Denis grinste.

— Soll man es etwa nur anschauen?

Geschirr soll dienen.

Er stellte die Tassen auf den Tisch.

Schanna schenkte Tee ein, Tamara Iwanowna schnitt den Kuchen, Kirjuscha rannte mit dem Ball durchs Zimmer.

— Kirjuscha, im Haus darf man nicht mit dem Ball spielen, — sagte Lera.

Der Junge wurde ruhig, setzte sich in die Ecke.

Aber nach fünf Minuten sprang er wieder auf und kickte den Ball.

— Kirjuscha!

— Ach komm, — winkte Tolik ab.

— Ein Kind kann nicht still sitzen, es muss sich bewegen.

Der Ball schlug gegen den Türrahmen.

Die Tassen klirrten.

Lera zuckte, aber sie schaffte es nicht mehr — der Ball prallte ab und knallte direkt gegen den Tisch.

Porzellan rieselte auf den Boden, mit einem dünnen, fast klagenden Klang.

Lera erstarrte.

Auf dem Boden lagen Scherben — weiße mit Gold, scharf, klein.

Omas Service.

Fünfzig Jahre stand es im Schrank.

Hat Umzüge überlebt, Renovierungen, Epochenwechsel.

— Das ist doch ein Kind! — Schanna nahm Kirjuscha auf den Arm.

— Warum schaust du ihn so an? Er hat’s doch nicht absichtlich gemacht!

— Nichts Schlimmes, — fügte Tamara Iwanowna hinzu.

— Geschirr zerbricht zum Glück.

Lera drehte sich langsam zu Denis.

Er stand mit einer Tasse in der Hand und sah auf die Scherben.

— Reg dich nicht so auf, — sagte er.

— Na gut, ein Service, na gut, zerbrochen.

Dir ist dieses Haus doch sowieso gratis zugefallen, zusammen mit dem ganzen Kram. Na und, ein paar Tassen.

In ihr riss etwas ab.

Leise, ohne Geräusch.

Als würde der letzte Faden reißen.

— Also, — Lera hob den Kopf. Ihre Stimme klang leise, aber irgendetwas darin hatte sich verändert.

— Ich bin es leid, das zu ertragen.

Denis stellte die Tasse auf den Tisch.

— Lera, jetzt hör auf, das ist doch nur…

— Was veranstaltet ihr hier eigentlich? — sie ließ ihn nicht ausreden.

— Ist das hier ein Wohnheim? Ein Durchgangshof?

— Lera, was ist denn mit dir? — Denis stand auf, trat zu ihr.

— Warum blamierst du mich vor den Verwandten?

— Ich blamiere dich? — sie lächelte schief.

— Und du blamierst mich nicht?

Du hast eine ganze Horde hergebracht, ohne zu fragen.

Ich komme nach Hause — und hier sind Sauferei, Chaos, fremde Leute in meinen Sachen. Und ich blamiere dich?

— Aber das ist doch Familie… — begann Tamara Iwanowna.

— Das ist mein Haus, — schnitt Lera ab.

— Meins. Omas Haus hat sie mir hinterlassen. Und nur ich entscheide, wer hier wohnt und wie man sich hier benimmt.

— Was kommandierst du hier so rum? — Schanna stand vom Tisch auf und drückte Kirjuscha an sich.

— Na und, ein paar Tassen sind kaputt. Du hättest sie im Schrank lassen sollen und nicht auf den Tisch stellen.

— Hab ich sie hingestellt? — Lera drehte sich zu Denis.

— Du hast sie rausgeholt. Ich hab gesagt — nicht. Und du: „Soll man sie nur anschauen?“

— Ach komm, ein Service, — Denis verzog das Gesicht.

— Dir ist dieses Haus doch sowieso gratis zugefallen, mitsamt dem ganzen Kram. Was machst du denn…

— Gratis? Kram? — in Lera stieg eine Welle hoch.

— Oma hat ihr ganzes Leben hier gewohnt. Opa begraben. Mich großgezogen, während meine Eltern gearbeitet haben. Und für dich ist das — gratis? Kram?

— So hab ich das nicht gemeint…

— Und was hast du gemeint? Dass man, wenn mir das Haus vererbt wurde, es einfach verdrecken darf? Deine Verwandten anschleppen, mich in die Ecke drängen?

Tolik räusperte sich, schob den Stuhl zurück.

— Hör zu, wir haben uns nicht aufgedrängt. Denis hat selbst angeboten, dass wir hier wohnen.

— Dann wohnt mit Denis. Irgendwo anders.

Stille.

Tamara Iwanowna öffnete den Mund, schloss ihn wieder.

Schanna stand mit großen Augen da.

— Lera, lass uns ruhig reden, — Denis wollte nach ihrer Hand greifen.

Sie wich zurück.

— Es gibt nichts zu reden. Das ist mein Haus. Du entscheidest hier gar nichts. Und ich werde mich nicht zusammenquetschen — weder wegen deiner Verwandtschaft noch wegen dir.

— Meinst du das ernst?

— Absolut. Alle raus. Sofort. Packt eure Sachen und raus aus meinem Haus. Du auch, Denis. Zusammen mit ihnen.

— Hast du gut nachgedacht? — Denis kniff die Augen zusammen.

— Ich sehe, du drehst gerade in die falsche Richtung.

— Hast du schlecht gehört? Oder soll ich es in einer anderen Sprache wiederholen?

Denis stand da, die Fäuste geballt. Sein Gesicht lief rot an. Er murmelte leise:

— Das wirst du bereuen. Du kommst noch angekrochen.

Sie drehte sich um und ging auf die Veranda.

Setzte sich auf die Stufe und schloss die Augen.

Hinter ihr hörte man Stimmen — Tamara Iwanowna jammerte, Schanna schimpfte auf Tolik, Schranktüren klappten.

Nach einer halben Stunde rollte der Schiguli aus dem Hof.

Tolik lud Taschen in den Kofferraum, Schanna setzte Kirjuscha auf die Rückbank.

Tamara Iwanowna ging an Lera vorbei, ohne hinzusehen, stieg in Denis’ Logan mit dem verrosteten Kotflügel und der gesprungenen Windschutzscheibe, knallte demonstrativ die Tür zu.

Denis kam als Letzter.

Er blieb neben der Veranda stehen.

— Meinst du das wirklich ernst? So einfach schmeißt du uns raus?

Lera sah zu ihm auf.

— Fahr, Denis.

Er blieb noch eine Sekunde stehen, dann spuckte er vor ihre Füße und ging zum Auto.

Er setzte sich ans Steuer, gab Gas.

Beide Autos fuhren aus dem Hof, und eine Minute später waren sie nicht mehr zu hören.

Lera saß auf der Veranda und schaute in den leeren Hof.

Plattgetretener Rasen, Reifenspuren, eine vergessene Bierflasche beim Grill.

Stille.

Echte, tiefe Stille — zum ersten Mal in dieser endlosen Woche.

Sie holte ihr Handy heraus, suchte „Mama“ in den Kontakten.

— Hallo, Lerotschka? Ist etwas passiert?

— Mama, — ihre Stimme zitterte.

— Ich habe sie rausgeworfen. Alle. Und Denis auch.

Pause.

— Moment, Moment, erzähl von Anfang an. Was ist bei dir los?

Und Lera erzählte.

Vom Bruder mit Familie, von der Möchtegern-Schwiegermutter, von den Bierabenden, vom Service.

Von „dir ist dieses Haus gratis zugefallen“.

Sie redete und spürte, wie es leichter wurde — als wäre ein Stein von der Brust gefallen.

— Richtig so, — sagte die Mutter, als Lera fertig war.

— Ich hätte es nicht so lange ausgehalten. Du bist mein Mädchen.

— Mama, ich bin jetzt allein.

— Na und? Du bist in deinem Haus. In Omas Haus. Das ist viel wert. Und Männer… es wird noch Männer geben. Normale.

Nach dem Gespräch saß Lera noch lange auf der Veranda.

Im Hof war es still.

Irgendwo hinter dem Zaun bellte ein Hund, ein Auto fuhr in der Nachbarstraße vorbei.

Sie stand auf und ging zurück ins Haus.

Auf dem Boden im Wohnzimmer lagen noch die Scherben des Services.

Lera nahm den Besen und kehrte sie vorsichtig in die Schaufel.

Sie blieb stehen und sah auf die weißen Scherben mit Goldrand.

— Verzeih mir, Omi, — flüsterte sie.

— Ich konnte nichts dafür.

Sie kippte die Scherben in den Mülleimer.

Sie ging durch die Zimmer — überall Spuren fremder Anwesenheit.

Zerknitterte Kissen, Krümel, Flecken.

Aber das konnte man wegmachen.

Das ließ sich alles beheben.

Sie öffnete das Schlafzimmerfenster und ließ frische Luft herein.

Zum zweiten Mal.

Zum zweiten Mal tritt sie auf dieselbe Harke — vertraut, lässt in ihr Leben, und dann ist sie eine Fremde im eigenen Haus.

Der erste Mann hatte auch mit schönen Worten angefangen und mit Fürsorge.

Auch er hatte versprochen, dass alles gut wird.

Lera ballte die Fäuste.

Nein.

Nie wieder.

Dieses Haus ist ihres.

Ihr Leben ist ihres.

Und niemand wird je wieder zu ihr sagen: „Halt durch.“

Sie lächelte — zum ersten Mal seit einer Woche.

Ende.