— Wera Nikolajewna, wohin wollen Sie bei so einem Frost? — rief die Stimme der Mutter aus der Küche, als Wera gerade schon die Daunenjacke zuknöpfte.
— Mama, ich gehe in den Laden, Lebensmittel kaufen, — sagte Wera absichtlich ruhig, obwohl in ihr alles kochte.

Mit fünfundvierzig fühlte sie sich wie ein Teenager, der ständig kontrolliert wird.
— In den Laden ist sie gegangen!
Und wer kocht das Mittagessen?
Mascha kommt jeden Moment hungrig aus der Schule zurück, — Anna Petrowna trat in den Flur und rückte ihre Brille mit den dicken Gläsern zurecht.
— Mama, im Kühlschrank ist Suppe, die ich gestern gekocht habe.
Und Frikadellen.
Mascha wärmt sich das auf.
— Du gewöhnst das Kind von klein auf an Fertigzeug!
Also ich damals…
Wera drehte sich ruckartig um:
— Damals war alles anders, ja.
Aber jetzt ist eine andere Zeit.
Und Mascha ist kein Kind, sie ist fünfzehn.
— Eben, eine andere! — Anna Petrowna warf die Hände in die Luft.
— Kein Respekt vor Älteren!
Ich bin übrigens deine Mutter…
— Die vor drei Monaten in mein Haus gezogen ist und versucht, ihre Ordnung durchzusetzen, — Wera brach ab und merkte, dass sie zu viel gesagt hatte.
Eine schwere Pause entstand.
Anna Petrowna setzte sich langsam auf die Bank neben der Tür, ihre Schultern sanken.
— Also bin ich jetzt eine Last?
Eine Fremde in meiner eigenen Familie?
— Mama, hör bitte auf.
Das habe ich nicht gesagt.
— Aber gedacht! — Anna Petrowna presste die Lippen zusammen.
— Ich sehe alles, Tochter.
Wie du das Gesicht verziehst, wenn ich ins Zimmer komme.
Wie du dein Handy versteckst, wenn ich in der Nähe bin.
Als würde ich dich ausspionieren.
Wera lehnte sich erschöpft an die Wand.
Dieses Gespräch war nicht das erste Mal.
Seit die Mutter zu ihnen gezogen war, nachdem die Ärzte ihr verboten hatten, wegen des schnell schlechter werdenden Sehvermögens allein zu leben, wurde ihre Beziehung immer angespannter.
— Mama, lass uns bitte nicht anfangen.
Ich gehe nur kurz in den Laden und komme zurück.
Soll ich dir etwas Besonderes mitbringen?
— Ich brauche nichts, — schnitt Anna Petrowna ab und stand auf.
— Geh, wohin du wolltest.
Und ich bringe in der Zwischenzeit Ordnung in den Schrank, dort hängen Maschens Sachen kreuz und quer.
— Fass Maschas Sachen nicht an! — Wera hob die Stimme.
— Wir haben das schon besprochen.
Jeder muss seinen persönlichen Raum haben.
— Persönlicher Raum? — Anna Petrowna lächelte bitter.
— So ein Modewort habt ihr euch ausgedacht.
Zu meiner Zeit…
— Schluss, ich gehe jetzt, — Wera öffnete die Tür und ließ die frostige Luft herein.
— Ich bin gleich wieder da.
Als sie die Treppe hinunterging, erinnerte sie sich daran, wie glücklich sie gewesen war, als sie und Andrej endlich dieses kleine Haus am Stadtrand gekauft hatten.
Ein eigenes Grundstück, eine ruhige Gegend, separate Zimmer für jedes Familienmitglied — ein Paradies nach der engen Zweizimmerwohnung.
Wer hätte gedacht, dass ihre Familienidylle so kurz dauern würde?
Draußen war es frisch und eisig nach dem jüngsten Schneefall.
Wera ging den schmalen freigeschaufelten Weg entlang und dachte darüber nach, wie sehr sich ihr Leben in den letzten Monaten verändert hatte.
— Hallo, Mama, — ertönte Maschas helle Stimme.
Die Tochter kam ihr entgegen, auf dem Heimweg von der Schule.
— Maschenka, schon da?
Und ich gehe gerade in den Laden.
— Sollen wir zusammen gehen? — Mascha hakte sich bei der Mutter ein.
— Hat Oma wieder gemeckert?
Wera seufzte:
— Wie immer.
Sie wollte schon wieder deine Sachen im Schrank sortieren.
— Oh nein, bloß nicht! — Mascha runzelte die Stirn.
— Sie bringt doch alles durcheinander, wie letztes Mal.
Ich kann meine Lieblingsbluse, die weiße, bis heute nicht finden.
— Die findest du auch nicht.
Sie hat beschlossen, die Bluse sei alt, und hat sie in einen Secondhand-Laden gebracht.
— Was? — Mascha blieb stehen.
— Mama, aber das war doch ein Geschenk von Papa!
— Ich weiß, mein Sonnenschein.
Mama… sie will es gut machen.
Sie versteht nur nicht, dass man nicht über fremde Sachen verfügen darf.
Sie gingen in den Supermarkt.
Drinnen war es warm, und es roch nach frischem Gebäck.
Mascha nahm einen Korb:
— Mama, sollen wir vielleicht mit Papa reden?
Also wegen einer eigenen Wohnung für Oma?
— Wir haben darüber gesprochen, — Wera schüttelte den Kopf.
— Aber du siehst ja, wie ihre Augen sind.
Die Ärzte haben gesagt, alleine zu leben sei gefährlich.
Und andere Verwandte haben wir nicht.
— Aber so ist es doch unmöglich! — rief Mascha aufgebracht.
— Sie kontrolliert alles!
Stell dir vor, was gestern war.
Ich saß in meinem Zimmer und habe Hausaufgaben gemacht.
Da kommt Oma rein und fängt an: „Warum hängst du dauernd am Handy?“
Und ich habe das Handy nicht mal angefasst!
Ich habe nur einen Aufsatz geschrieben.
Wera suchte Gemüse aus:
— Und was hast du geantwortet?
— Nichts.
Ich habe ihr das Heft gezeigt.
Und sie so: „Zu meiner Zeit haben wir ohne Handys wunderbar gelernt.
Und die Schrift war kalligrafisch!“ — Mascha versuchte, Omas Intonation nachzuahmen.
— Äff Oma nicht nach, — rügte Wera die Tochter automatisch.
— Und was soll ich machen?
Sie ist unerträglich!
Weißt du, was sie gestern zu Papa gesagt hat?
Dass er mich verwöhnt hat, weil er einen neuen Rucksack gekauft hat.
Und der alte ist erst fünf Jahre alt, den kann man doch noch tragen!
Wera erinnerte sich an dieses Gespräch.
Andrej hatte sich damals kaum beherrschen können.
Er versuchte generell, sich nicht in die Konflikte zwischen Wera und ihrer Mutter einzumischen, aber manchmal war auch seine Geduld am Ende.
— Meine Kleine, lass uns noch einmal versuchen, mit Oma zu reden.
Ruhig, ohne Vorwürfe.
Vielleicht, wenn wir uns alle zusammensetzen und Regeln besprechen…
— Regeln? — Mascha schnaubte.
— Mama, hast du vergessen, wie der letzte Versuch geendet hat?
Als wir einen Plan für die Nutzung der Küche machen wollten?
Wera erinnerte sich.
Wie könnte sie das vergessen!
Anna Petrowna war damals so beleidigt, dass sie drei Tage lang nicht aus ihrem Zimmer herauskam.
Sie lebte von Keksen und heißem Wasser aus dem Wasserkocher, den sie vorsorglich zu sich hineingeschleppt hatte.
Auf alle Bitten, an den Tisch zu kommen, antwortete sie, sie wolle niemandem im Weg sein, wenn ihre Anwesenheit die Familie so belaste.
— Mama, erinnerst du dich, wie Oma früher war? — fragte Mascha plötzlich leise, als sie an der Kasse anstanden.
— Als ich klein war, hat sie Piroschki gebacken, Märchen erzählt.
Und mit dir hat sie sich irgendwie verstanden.
— Sie hat sich verstanden, — wiederholte Wera.
— Solange sie getrennt gewohnt hat.
Solange sie ihren eigenen Raum hatte, ihre Gewohnheiten, ihren Alltag.
Und jetzt kommt es ihr so vor, als wäre sie allen zur Last.
Und sie versucht, ihre Nützlichkeit zu beweisen — mit Putzen, Kochen, Ratschlägen.
Nur macht sie es… falsch.
— Vielleicht hat sie einfach Angst? — vermutete Mascha unerwartet.
— Stell dir vor: das Sehen wird schlechter, alleine kann man nicht leben, man musste umziehen.
Alles hat sich verändert, du kontrollierst nichts mehr.
Also versucht sie wenigstens irgendetwas zu kontrollieren.
Und sei es nur Kleinkram.
Wera sah die Tochter überrascht an.
Wann war sie so weise geworden?
— Weißt du, wo das Problem liegt? — dachte Mascha weiter laut nach.
— Oma kann sich nicht damit abfinden, dass sie jetzt von anderen abhängig ist.
Ihr scheint, wenn sie nicht alles kontrolliert, dann wird sie völlig hilflos.
Überflüssig.
Sie gingen aus dem Laden.
Der Frost zwickte in die Wangen, der Schnee knirschte unter den Füßen.
Wera dachte über die Worte der Tochter nach.
Vielleicht sollte man die Situation wirklich aus einem anderen Blickwinkel betrachten.
Als sie schon zum Haus gingen, sahen sie, wie die Nachbarin, Raisa Michailowna, aus dem Gartentor kam.
— Mädels, guten Tag! — winkte sie freundlich.
— Ich war gerade bei eurer Anna Petrowna.
Was für wunderbare Rezepte hat sie mir erzählt!
Zum Einlegen und zur Marmelade.
Goldene Hände hat deine Mama, Werochka!
Wera lächelte angestrengt.
Natürlich, zu den Nachbarn ist Mama immer lieb und freundlich.
Für sie ist sie eine gastfreundliche Hausherrin, ein Quell der Lebensweisheit.
Nur die Nahestehenden bekommen eine ganz andere Seite ihres Charakters ab.
Zu Hause empfing sie der Duft von frischem Gebäck.
Anna Petrowna klapperte in der Küche mit Geschirr.
— Da, ich habe Piroggen gebacken, — sagte sie, ohne sich umzudrehen.
— Wenn euch meine Suppe ja nicht schmeckt.
Wera tauschte einen Blick mit der Tochter.
Mascha schüttelte kaum merklich den Kopf — so nach dem Motto: Fang nicht an.
— Danke, Mama.
Es riecht lecker, — Wera begann, die Einkaufstüten auszupacken.
— Und ich habe inzwischen Ordnung gemacht, — berichtete Anna Petrowna wie nebenbei.
— In Maschenkas Schrank.
Mascha erstarrte mit der Milchpackung in der Hand.
— Mama, wir hatten doch abgesprochen… — begann Wera.
— Gar nichts haben wir abgesprochen! — Anna Petrowna drehte sich scharf um.
— Soll ich etwa ruhig zusehen, wie die Sachen kaputtgehen?
Ich habe übrigens zwei Pullover gefunden — die Ärmel sind ausgeleiert, man muss sie abnähen.
Und die Schuluniform muss man überhaupt neu kaufen, diese ist völlig abgetragen.
— Oma, — sagte Mascha leise.
— Das ist meine Lieblingsuniform.
Sie ist bequem.
— Bequem! — schnaubte Anna Petrowna.
— Zu meiner Zeit hat man nicht an Bequemlichkeit gedacht.
Hauptsache ordentlich, gepflegt.
Und was trägst du zur Schule?
Eine Schande!
— Mama! — Wera wurde laut.
— Schluss!
Du hast nicht das Recht, in fremden Sachen herumzuwühlen!
— Fremden? — Anna Petrowna wurde bleich.
— Also bin ich jetzt fremd?
Die Enkelin ist fremd?
— Das meinte ich nicht…
— Doch, genau das meintest du! — Tränen traten Anna Petrownas Augen.
— Für euch bin ich ein fremder Mensch, der beim Leben stört!
Der sich in Dinge einmischt, die ihn nichts angehen!
Und ich will doch nur helfen!
Ihr achtet ja überhaupt nicht auf Ordnung, alles ist irgendwie…
In diesem Moment ging die Haustür auf, und Andrej kam herein.
— Oh, was für Dramen! — versuchte er, die Stimmung zu entspannen.
— Ich dachte, es riecht nach Kuchen.
— Genau, Dramen! — Anna Petrowna schlug die Hände zusammen.
— Andrej, sag du deiner Frau wenigstens was!
Ich versuche Ordnung zu machen, und sie…
— Anna Petrowna, — unterbrach Andrej sie sanft.
— Lassen Sie uns alle zusammen hinsetzen und reden.
— Es gibt nichts zu reden! — Anna Petrowna ging Richtung Ausgang der Küche.
— Macht, was ihr wollt!
Lebt, wie ihr wollt!
Und ich… ich werde euch nicht im Weg stehen!
Sie ging in ihr Zimmer und knallte die Tür laut zu.
— Papa, — Mascha umarmte den Vater.
— Gut, dass du gekommen bist.
— Was ist es diesmal? — Andrej ließ sich müde auf einen Stuhl sinken.
— Das Gleiche, — Wera begann, die Lebensmittel in die Schränke zu räumen.
— Mama hat wieder eine Revision in Maschas Schrank gemacht.
Und jetzt ist sie beleidigt, dass wir unzufrieden sind.
— Vielleicht sollten wir eine Pflegerin einstellen? — schlug Andrej vorsichtig vor.
— Wenigstens für einen halben Tag?
— Bist du verrückt! — Wera schüttelte den Kopf.
— Das würde sie nicht verkraften.
Für sie würde das vollständige Hilflosigkeit bedeuten.
— Und so ist es besser? — meldete sich vom Türrahmen Nikolai Iwanowitsch, der Nachbar, der oft bei ihnen vorbeikam.
— Entschuldigt, die Tür war offen, ich habe geklopft…
— Kommen Sie rein, Nikolai Iwanowitsch, — winkte Wera.
— Möchten Sie Tee?
— Nicht nein, — setzte sich der Nachbar an den Tisch.
— Ich sage euch mal was…
Meine verstorbene Mutter war auch so.
Sie hat alles kontrolliert, sich überall eingemischt.
Und dann habe ich verstanden: Sie hatte einfach Angst, unnötig zu werden.
— Und was haben Sie gemacht? — fragte Mascha.
— Ich habe ihr eine Beschäftigung ausgedacht.
Sie war bei mir eine Meisterin — Marmelade gekocht, Eingemachtes gemacht.
Also habe ich ihr vorgeschlagen, das den Nachbarskindern beizubringen.
Ich habe so etwas wie einen kleinen Kurs organisiert.
Und wissen Sie, sie hat sich so reingesteigert!
Sofort hat sie ihre Sticheleien, ihren Kontrollzwang vergessen.
Weil sie sich gebraucht fühlte.
Wera rührte nachdenklich den Tee um:
— Mama hat auch goldene Hände.
Sie kocht gut und kann nähen…
— Genau! — Nikolai Iwanowitsch wurde lebhaft.
— Und im Haus gegenüber hat gerade ein Nähkreis aufgemacht.
Vielleicht könnte man es ihr vorschlagen?
— Sie wird nicht zustimmen, — seufzte Wera.
— Sie wird sagen, die Augen seien schlecht.
— Versuchen Sie es trotzdem, — drängte der Nachbar.
— Hauptsache, Sie präsentieren es richtig.
Nicht als „Wir wollen dich beschäftigen“, sondern als „Wir brauchen deine Hilfe“.
In diesem Moment kam Anna Petrowna lautlos in die Küche.
Offenbar hatte Nikolai Iwanowitschs vertraute Stimme sie aus dem Zimmer gelockt.
— Trinkt ihr Tee? — fragte sie misstrauisch.
— Anna Petrowna! — freute sich der Nachbar.
— Ich habe gerade an Sie gedacht.
Es ist nämlich so…
Meine Enkelin lernt Nähen, und ich bin darin ein absoluter Laie.
Könnten Sie mir mit einem Rat helfen?
Anna Petrowna blieb unschlüssig stehen.
— Was soll ich schon helfen, — brummte sie.
— Meine Augen taugen kaum noch.
— Ich brauche nicht Ihre Augen, sondern Ihre Erfahrung! — lächelte Nikolai Iwanowitsch.
— Sie haben doch Ihr ganzes Leben genäht.
Sie haben Wera eingekleidet und Maschenka.
Ich habe neulich Ihre Arbeit gesehen — die Weste, die Sie Andrej zum Geburtstag geschenkt haben.
Goldene Hände!
Anna Petrowna wurde von dem Lob leicht rosa:
— Das war früher…
Und jetzt, was kann ich schon?
— Oma, — mischte sich Mascha plötzlich ein.
— Bringst du mir bei, wie man einen Knopf annäht?
Bei mir reißen die dauernd ab, und ich kann das nicht.
Wera sah die Tochter erstaunt an.
Am Morgen hatte Mascha sich noch über Omas Einmischung aufgeregt, und jetzt bittet sie selbst um Hilfe?
— Stimmt, Mama, — griff Wera auf.
— Maschenka ist schon groß, sie sollte das lernen.
Und ich habe keine Zeit, es ihr zu zeigen…
— Keine Zeit hat sie, — brummte Anna Petrowna, aber schon ohne den früheren Zorn.
— In deinem Alter konnte ich alles.
Na gut, Maschenka, setz dich neben mich.
Ich zeige es dir jetzt.
Nach einer halben Stunde herrschte in der Küche eine ganz andere Stimmung.
Anna Petrowna, beflügelt von der Aufmerksamkeit, erzählte von verschiedenen Nahtarten und zeigte, wie man die Nadel richtig hält.
Mascha hörte, zur Überraschung der Mutter, mit echtem Interesse zu.
— Ich habe eine ganze Schachtel mit Knöpfen, — fiel Anna Petrowna plötzlich ein.
— Noch aus der Zeit, als die Schneiderei gearbeitet hat.
Ganz verschiedene!
Willst du sie sehen?
— Natürlich! — Mascha stand vom Tisch auf.
— Gehen wir zu dir?
— Gehen wir, Enkeltöchterchen, — Anna Petrowna strahlte.
— Da sind auch Bänder und Spitzen…
Ich erzähle dir, wie man früher Kleider genäht hat.
Sie gingen hinaus und redeten lebhaft miteinander.
Wera sah ihnen nach.
— So ist das, — sagte Nikolai Iwanowitsch zufrieden.
— Das Wichtigste ist, den richtigen Zugang zu finden.
— Danke Ihnen, — bedankte sich Wera aufrichtig.
— Ich hätte nie gedacht…
— Reden Sie mehr miteinander, — riet der Nachbar, während er aufstand.
— Schweigen Sie nicht, sammeln Sie keine Kränkungen.
Ihr seid doch eine Familie.
Als er gegangen war, umarmte Andrej seine Frau:
— Weißt du, vielleicht ist das der Anfang von Veränderungen?
— Von welchen Veränderungen?
— Schau: Mama fühlt sich gebraucht, wenn sie ihre Erfahrung teilt.
Mascha interessiert sich offenbar fürs Nähen.
Vielleicht sollten wir Mama wirklich anbieten, einen Kreis zu leiten?
Nicht im Haus gegenüber, sondern direkt hier?
Einmal pro Woche ein paar Nachbarsmädchen zusammenrufen…
— Meinst du, sie stimmt zu?
— Wenn du es richtig präsentierst.
Sag, viele Mütter fragen, wo du so gut nähen gelernt hast.
Und dass sie wollen, dass ihre Töchter das auch können…
Wera dachte nach.
Und tatsächlich — Mama blühte immer auf, wenn sie jemandem etwas beibringen, etwas zeigen konnte.
Vielleicht liegt genau darin die Lösung ihrer Probleme.
Aus Anna Petrownas Zimmer klang Maschas fröhliche Stimme:
— Oma, und was ist das für ein so ungewöhnlicher Knopf?
— Oh, das ist eine besondere Geschichte!
Diesen Knopf hat mir deine Urgroßmutter geschenkt.
Im Krieg hat sie ihn aufbewahrt, stell dir vor!
Und jetzt schenke ich ihn dir…
Wera hörte dem Gespräch zu.
Zum ersten Mal seit langer Zeit war in der Stimme der Mutter weder Vorwurf noch Gekränktheit — nur Wärme und Freude über die Nähe zur Enkelin.
— Mama, — rief sie.
— Darf ich eure Schätze auch anschauen?
— Natürlich, Tochter! — kam die Antwort.
— Komm zu uns.
Ich wollte gerade erzählen, wie ich dein erstes Kleid genäht habe…
Der Abend wurde zu einer echten Reise in die Vergangenheit.
Anna Petrowna holte aus einer alten Schatulle Knöpfe, Bänder, Spitzen, und jedes Stück bewahrte seine eigene Geschichte.
— Und dieses Band habe ich für einen besonderen Anlass aufgehoben, — Anna Petrowna strich liebevoll einen seidig-rosa Streifen glatt.
— Ich dachte, es wäre für dein Hochzeitskleid, Werochka.
Aber du wolltest ein gekauftes…
In der Stimme der Mutter blitzte die alte Kränkung auf, aber Wera ließ sie nicht aufflammen:
— Dann kann dieses Band jetzt Maschas Kleid schmücken!
Erinnerst du dich, Tochter, du wolltest doch ein besonderes Outfit für den Schulabschluss?
— Wirklich, das geht? — Mascha sah die Großmutter begeistert an.
— Natürlich geht das! — Anna Petrowna strahlte.
— Wir nähen dir so ein Kleid — alle werden staunen!
Irgendwo habe ich auch noch alte Schnittmuster…
Sie begann, in den Schubladen der Kommode zu wühlen.
Wera beobachtete die Mutter erstaunt — wohin war ihre Nörgelei verschwunden?
Als stünde ein anderer Mensch vor ihnen.
— Wera, erinnerst du dich an diesen Stoff? — Anna Petrowna holte ein Bündel dunkelblauen Stoff hervor.
— Das ist von dem Anzug, den ich dir zum Abschluss an der Uni genäht habe.
— Ich erinnere mich, — lächelte Wera.
— Es war der schönste Anzug im ganzen Jahrgang.
— Und du wolltest ihn zuerst nicht anziehen!
Du hast immer gesagt — ein unmoderner Schnitt…
— Weil ich dumm war, — gab Wera ehrlich zu.
— Und dann habe ich verstanden, dass Dinge, die mit Liebe gemacht sind, nie aus der Mode kommen.
Anna Petrowna sah die Tochter gerührt an:
— Und ich habe all die Jahre alles aufgehoben…
Ich dachte, vielleicht braucht man es irgendwann.
— Oma, — Mascha schmiegte sich an sie.
— Bringst du mir bei, so zu nähen?
Damit es auch so schön wird?
— Ich bringe dir alles bei, mein Enkeltöchterchen! — Anna Petrowna umarmte das Mädchen.
— Nur die Augen lassen nach…
Aber vieles kann ich nach Gefühl, und erklären kann ich es auch.
— Dann machen wir es so, — schlug Wera vor.
— Mascha ist deine Augen.
Du erklärst und zeigst, wie es geht, und sie macht es.
— Und anderen Mädchen können wir es auch zeigen! — fiel Mascha ein.
— Bei uns in der Klasse wollen viele nähen lernen, aber niemand kann es ihnen beibringen.
Anna Petrowna wurde sichtbar lebendiger:
— Na, das ist eine gute Idee!
Man könnte sich einmal pro Woche treffen…
Ich würde auch über Stickerei erzählen und über Stricken…
— Mama, — begann Wera vorsichtig.
— Vielleicht organisieren wir wirklich einen Kreis?
Direkt bei uns zu Hause?
Zum Beispiel am Wochenende…
— Meinst du, das interessiert jemanden? — zweifelte Anna Petrowna.
— Natürlich interessiert das! — rief Mascha.
— Katja aus dem Nachbaraufgang will schon lange lernen.
Und Sweta aus meiner Klasse…
— Nur nehmt es mir nicht übel, wenn etwas nicht klappt, — Anna Petrowna wurde plötzlich verlegen.
— Das Sehen ist ja wirklich schlecht…
— Mama, — Wera nahm ihre Hand.
— Deine Hände sehen besser als jede Augen.
Und wir beide helfen dir.
Andrej steckte den Kopf zur Tür herein:
— Was ist das für ein Frauenclub hier?
Und essen wir heute auch zu Abend?
— Ja, ja, — kam Anna Petrowna wieder zu sich.
— Ich wärme gleich die Piroggen auf.
Wera, Tochter, deck den Tisch…
Ende.
Den ganzen Abend verbrachten sie zusammen — sie tranken Tee, sahen alte Fotos an und schmiedeten Pläne für den zukünftigen Nähkreis.
Anna Petrowna wirkte wie verjüngt — die Augen glänzten, die Wangen waren gerötet.
Spät am Abend, als Mascha schon schlafen gegangen war und Andrej im Wohnzimmer fern sah, rief Anna Petrowna die Tochter leise zu sich.
— Wera, — begann sie ungewohnt sanft.
— Verzeih mir…
— Wofür, Mama?
— Für alles.
Dafür, dass ich mich eingemischt habe, wo man mich nicht gebeten hat.
Dafür, dass ich fremde Sachen angefasst habe.
Ich habe es nicht böse gemeint — ich hatte einfach… Angst.
Ich habe mich niemandem mehr nötig gefühlt.
Und so habe ich versucht zu beweisen, dass ich noch etwas kann…
— Mama, — Wera umarmte die Mutter.
— Du wirst immer gebraucht.
Nur… lass uns lernen, die Grenzen des anderen zu respektieren.
Du hast mir das als Kind doch selbst beigebracht.
— Habe ich, — seufzte Anna Petrowna.
— Und selbst vergessen.
So ist das Alter…
Man denkt immer, die Zeit läuft davon, man müsse noch alles sagen, alles tun…
— Sie läuft nirgendwohin, Mama.
Wir haben noch so viel vor uns!
Wir organisieren doch den Kreis…
— Wirklich organisieren wir ihn? — Anna Petrowna wurde lebhaft.
— Ich habe mir gedacht: Vielleicht fangen wir mit einfachen Sachen an?
Mit Knöpfen, mit Knopflöchern…
Und dann gehen wir erst zu Schwierigerem über?
— Natürlich, Mama.
Du hast dir alles richtig ausgedacht.







