Natalja hörte die vertraute Stimme im Treppenhaus, noch bevor es klingelte.
Larisa Nikolaevna sprach immer laut, als müsste die ganze Welt wissen, was in der Familie vor sich ging.

Die Stimme der Schwiegermutter hallte von den Wänden wider, vermischte sich mit dem Stampfen der Absätze auf den Stufen.
— Andryuschka, mach auf! Ich habe so tolle Neuigkeiten! — drang es von hinter der Tür.
Natalja wischte sich die Hände am Küchentuch ab und ging öffnen.
Die Schwiegermutter stand auf der Schwelle mit zwei riesigen Taschen, das Gesicht leuchtend vor Vorfreude.
Es roch nach teurem Parfum und etwas Süßem — wohl wieder eine kleine Aufmerksamkeit mitgebracht.
— Natuseschka, Liebes! — Larisa Nikolaevna drückte ihre Schwiegertochter an sich, ohne die Taschen loszulassen.
— Und wo ist mein Söhnchen? Zuhause?
— Andrej ist unter der Dusche, — antwortete Natalja und half, die Taschen in die Küche zu tragen.
— Wie war die Fahrt? Nicht zu anstrengend?
— Ach was! Ich bin so aufgeregt, dass ich gar nicht gemerkt habe, wie die Zeit vergangen ist.
Ich habe Neuigkeiten!
Solche Neuigkeiten, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll.
Larisa Nikolaevna setzte sich an den Tisch und begann, die Bündel aus den Taschen auszupacken.
Es kamen Gläser mit Marmelade, Keksdosen, irgendwelche Kräutermischungen.
Natalja fand es immer seltsam, wie die Schwiegermutter bei jedem Besuch so viel mitbringen konnte, als wollte sie für immer umziehen.
— Mama, du bist ja da! — Andrej kam aus dem Bad, wischte seine nassen Haare mit dem Handtuch.
— Ich dachte schon, ich hätte mich getäuscht.
— Andryuschenka! — Larisa Nikolaevna sprang auf und umarmte ihren Sohn.
— Setz dich, setz dich schnell.
Wir müssen ernsthaft reden.
Natalja kochte Tee und schnitt die mitgebrachten Kekse auf.
Die Schwiegermutter zappelte meanwhile ungeduldig auf dem Stuhl, offensichtlich bemüht, den Drang zu unterdrücken, sofort ihre Pläne zu verkünden.
— Na, erzähl mal, was für Neuigkeiten du hast, — sagte Andrej und setzte sich seiner Mutter gegenüber.
— Erinnerst du dich, dass ich von dem Grundstück in der Altstadt erzählt habe?
Dieses neben dem See?
Andrej nickte.
Natalja erinnerte sich an Gespräche über ein Grundstück, das die Schwiegermutter von einer entfernten Verwandten geerbt hatte.
Der Ort war schön, touristisch, aber seit Jahren vernachlässigt.
— Also! — rief Larisa Nikolaevna und klatschte in die Hände.
— Ich habe Valentina Stepanovna getroffen, erinnerst du dich, sie arbeitet in der Verwaltung?
Sie sagt, dass sie jetzt ein Programm zur Unterstützung von Kleinunternehmen haben.
Man kann Vorteile bekommen, wenn man etwas für Touristen eröffnet.
— Und was willst du eröffnen? — fragte Natalja, obwohl sie am Glanz in den Augen der Schwiegermutter schon ahnte, was kommen würde.
— Ein Mini-Hotel! — Larisa Nikolaevna breitete die Arme aus, als sähe sie das fertige Gebäude schon.
— Stellt euch vor, wie schön das wird!
Holzhäuser im russischen Stil.
Die Touristen kommen, um den See zu sehen, und haben einen Platz zum Übernachten.
Im Sommer — volles Haus!
Andrej lehnte sich interessiert vor.
Bei neuen Geschäftsideen, besonders solchen, die schnelles Geld ohne großen Aufwand versprachen, leuchteten seine Augen immer.
— Was braucht man für den Start? — fragte Andrej.
— Hier kommt das Interessante! — Larisa Nikolaevna zog ein Notizbuch aus ihrer Tasche, mit winziger Schrift vollgeschrieben.
— Ich habe alles durchgerechnet.
Valentina Stepanovna hat mich den Bauarbeitern vorgestellt, sie arbeiten ehrlich, nehmen nicht zu viel.
Die Materialien sind jetzt günstiger, weil die Saison endet.
Natalja sah zu, wie die Schwiegermutter die Seiten durchblätterte, und merkte, dass das Gespräch ernst wurde.
Larisa Nikolaevna kam nie einfach so — immer mit Plänen, die irgendwie das Leben von Sohn und Schwiegertochter betrafen.
— Wie viel Geld braucht man? — fragte Andrej.
— Vier Millionen für alles.
Das sind die Häuser, die Ausstattung, die Genehmigungen.
Aber der Gewinn!
Andryusha, stell dir vor — in einer Saison kann man die Hälfte der Investition zurückbekommen, und ab dem zweiten Jahr reiner Gewinn!
Natalja spürte, wie ihre Schultern sich anspannten.
Vier Millionen Rubel — eine Summe, die die Familie eindeutig nicht hatte.
Andrej arbeitete unregelmäßig, wechselte ständig Projekte, und das Gehalt in der Fahrschule reichte nicht, um so viel anzusparen.
— Mama, das ist ja eine Riesensumme, — sagte Andrej.
— Wo sollen wir das hernehmen?
— Auch dafür habe ich alles durchdacht! — Larisa Nikolaevna schloss das Notizbuch und sah ihre Schwiegertochter an.
— Wir haben doch die Wohnung.
Natalja erstarrte mit der Tasse in der Hand.
Das musste der Moment sein, warum die Schwiegermutter gekommen war.
— Welche Wohnung? — fragte Natalja leise, obwohl sie genau wusste, wovon die Rede war.
— Na, die, in der ihr wohnt, — sagte Larisa Nikolaevna und zeigte mit der Hand die Küche.
— Sie ist teuer, im Zentrum.
Verkauft sie — und das Geld reicht locker für das Hotel.
— Mama, — Andrej sah seine Frau, dann seine Mutter an.
— Das ist Nataljas Wohnung.
Oma hat sie ihr hinterlassen.
— Andryuschenka, wir sind doch eine Familie! — Larisa Nikolaevna streckte die Hand nach ihrem Sohn aus.
— Was heißt hier deine, meine?
Wir sind zusammen, und wenn wir ein gemeinsames Projekt machen, müssen alle mitmachen.
Natalja stellte die Tasse auf den Tisch.
Ihre Hände zitterten leicht, doch ihre Stimme klang ruhig:
— Larisa Nikolaevna, ich bin nicht bereit, die Wohnung zu verkaufen.
— Kind, du hast nicht nachgedacht! — Die Schwiegermutter wandte sich zu ihrer Schwiegertochter.
— Es ist nicht einfach ein Verkauf.
Es ist eine Investition in die Zukunft der Familie.
Ihr seid jung, könnt überall wohnen.
Und in ein paar Jahren, wenn das Hotel läuft, kauft ihr euch ein noch besseres Haus!
Andrej schwieg und starrte auf das Muster der Tischdecke.
Natalja erwartete, dass ihr Mann etwas sagen würde, die Mutter erklären, dass die Wohnung das einzige stabile Gut sei.
Doch Andrej zog nur die Augenbrauen zusammen, als würde er das Angebot abwägen.
— Und wo werden wir wohnen, bis das Hotel läuft? — fragte Natalja.
— Bei mir! — rief Larisa Nikolaevna mit ausgebreiteten Händen.
— Mein Haus ist groß, Platz genug.
Und überhaupt, die Luft ist sauberer, die Natur.
Gut für die Gesundheit.
— In einer anderen Stadt, — präzisierte Natalja.
— Na und?
Andryusha findet dort Arbeit, und du… — die Schwiegermutter schwieg kurz, offenbar erst jetzt daran denkend.
— Du findest auch etwas.
Oder machst gleich mit beim Hotel.
Natalja stellte sich vor, ihre Arbeit in der Fahrschule, in der sie schon sieben Jahre tätig war, aufzugeben, in eine fremde Stadt zu ziehen, im Haus der Schwiegermutter zu leben und darauf zu warten, dass das sagenumwobene Hotel Gewinn abwirft.
Kein erfreuliches Bild.
— Ich will nicht umziehen, — sagte Natalja.
— Natusja, du hast nicht richtig nachgedacht! — beugte sich Larisa Nikolaevna zu ihrer Schwiegertochter.
— Versteh doch, das ist die Chance, unabhängig zu werden.
Eigenes Geschäft, eigenes Geld.
Niemandem untergeordnet, frei sein.
— Frei von der eigenen Wohnung, — bemerkte Natalja trocken.
— Kind, was redest du da! — winkte die Schwiegermutter ab.
— Die Wohnung ist nicht das Wichtigste.
Wichtig ist die Perspektive.
Überall kann man leben.
Andrej hob endlich den Kopf und sah seine Frau an.
— Natascha, vielleicht hat Mama recht?
Wir verlieren doch eigentlich nichts.
Die Wohnung wird zum Geschäft, das Geschäft zu Geld.
Natalja starrte ihren Mann an.
Meint er wirklich, dass der Verkauf des einzigen Zuhauses eine gute Idee ist?
— Und wenn das Hotel nicht klappt? — fragte Natalja.
— Wenn die Touristen nicht kommen, wenn etwas schiefgeht?
— Es wird klappen! — versicherte Larisa Nikolaevna.
— Ich habe alles durchgerechnet.
Valentina Stepanovna sagt, der Touristenstrom wächst jedes Jahr.
Und der See ist schön, die Umgebung malerisch.
— Aber wenn es doch schiefgeht? — beharrte Natalja.
Die Schwiegermutter und der Sohn sahen sich an.
In diesem Blick las Natalja, wovor sie sich am meisten fürchtete — die Entscheidung war schon gefallen.
Ohne sie, ohne ihre Meinung.
Larisa Nikolaevna war nicht gekommen, um zu diskutieren, sondern um zu informieren.
— Natascha, — Andrej griff über den Tisch nach seiner Frau.
— Lass uns nicht das Schlimmste denken.
Mama hat alles durchdacht, sie hat Kontakte, Erfahrung…
— Welche Erfahrung? — unterbrach Natalja.
— Im Hotelgeschäft?
— Ich habe Lebenserfahrung, — sagte Larisa Nikolaevna bestimmt.
— Und Intuition.
Valentina Stepanovna wird bei den Formalitäten helfen.
Natalja lehnte sich zurück.
Es war nutzlos zu sprechen — Schwiegermutter und Mann hatten bereits alles entschieden.
Es blieb nur herauszufinden, welche Rolle ihr in diesem Schauspiel zugewiesen wurde.
— Und was von mir wird erwartet? — fragte Natalja.
— Einfach zustimmen, — lächelte Larisa Nikolaevna.
— Die Unterlagen für den Verkauf unterschreiben, und fertig.
Wir sind doch Familie, wir müssen uns gegenseitig unterstützen.
— Und wenn ich nicht zustimme?
Es wurde still.
Larisa Nikolaevna hörte auf zu lächeln, Andrej starrte wieder auf den Tisch.
— Natascha, — sagte ihr Mann, ohne aufzusehen.
— Du weißt doch, das ist unsere Chance.
Vielleicht die einzige.
— Chance wofür?
Das Dach über dem Kopf zu verlieren?
— Chance, das Leben zu verbessern, — mischte sich die Schwiegermutter ein.
— Natalja, du bist jung, gesund.
Dein ganzes Leben liegt vor dir.
Klammere dich nicht an das Alte, denk an die Zukunft.
Natalja stand auf und ging zum Fenster.
Draußen sah sie vertraute Höfe, den Spielplatz, auf dem sie selbst als Kind gespielt hatte, die Bänke, auf denen sie mit der Großmutter gesessen hatte.
Diese Wohnung war nicht nur ein Zuhause — sie war Familiengeschichte, Erinnerung, der einzige Ort auf der Welt, der nur ihr gehörte.
— Verkauf deine eigene, wenn es dir so brennt, — sagte Natalja, ohne sich umzudrehen.
— Diese Wohnung gebe ich niemandem her — weder dir noch deiner Mutter.
Andrej fuhr hoch.
Larisa Nikolaevna öffnete den Mund, fand aber keine Worte.
— Wie kannst du so etwas sagen? — flüsterte ihr Mann.
— Das ist doch meine Mutter.
— Und? — drehte sich Natalja um.
— Daraus wird die Wohnung nicht weniger meine.
Die Luft in der Küche schien sich zu verdichten.
Larisa Nikolaevna stand langsam auf, richtete den Rücken und verschränkte die Arme vor der Brust.
Ihr Gesicht errötete vor Empörung.
— Wie kannst du es wagen, so zu sprechen! — Larisa Nikolaevnas Stimme zitterte vor Entrüstung.
— Bin ich dir etwa fremd?
Wir sind Familie!
Und du benimmst dich wie… wie eine kleinliche Geizhalsin!
— Mama, beruhige dich, — versuchte Andrej einzuschreiten, doch seine Stimme klang unsicher.
— Ich werde mich nicht beruhigen! — drehte sich die Schwiegermutter zu ihrem Sohn.
— Andryusha, hörst du, wie deine Frau mit mir spricht?
— Ich habe dich mein Leben lang erzogen, alles gegeben, und jetzt hält irgendeine… — die Schwiegermutter stockte, suchte nach Worten — …irgendeine Besitzerin uns davon ab, voranzukommen!
Natalja stand am Fenster, sah ihr eigenes Spiegelbild im Glas.
Seltsam, aber zum ersten Mal seit langer Zeit erschien ihr eigenes Gesicht ihr fremd — hart, entschlossen.
So, wie sie sich nie zuvor gesehen hatte.
— Larisa Nikolaevna, — sagte Natalja, sich ihrer Schwiegermutter zuwendend.
— Ich halte niemanden davon ab, sich zu entwickeln.
Entwickelt euch so viel ihr wollt.
Nur nicht auf meine Kosten.
— Auf deine Kosten?! — riss Larisa Nikolaevna die Hände hoch.
— Wir bieten dir an, Partner zu werden!
Vom gemeinsamen Geschäft zu profitieren!
Und du denkst nur an dich!
— An mich selbst? — Natalja lächelte, aber ohne Groll.
— Ja, ich denke an mich.
Und wissen Sie was?
Ich werde weiterhin an mich denken.
Denn außer mir wird niemand an mich denken.
Andrej sprang ruckartig vom Stuhl auf.
Die Bewegung war so schnell, dass die Tasse mit dem ungetrunkenen Tee schwankte.
— Natascha, du hast es falsch verstanden, — begann ihr Mann, während er einen Schritt auf seine Frau machte.
— Wir haben nur gedacht…
Also, wir wollten nicht…
— Was habt ihr gedacht? — unterbrach Natalja.
— Dass ich die Wohnung abgebe und bei deiner Mutter wohne, bis euer Hotel sich rentiert?
Oder bis es sich nicht rentiert?
Und dann, Andrej?
Dann stehen wir ohne Zuhause da, aber immerhin mit Erfahrung aus einem gescheiterten Geschäft?
— Du siehst alles in schwarzer Farbe! — mischte sich Larisa Nikolajewna ein.
— Das Hotel wird bestimmt profitabel sein!
Ich habe ein Gespür für solche Dinge!
— Gespür, — wiederholte Natalja.
— Und die Unterlagen haben Sie?
Einen Businessplan?
Berechnungen zur Rentabilität?
— Welche Unterlagen noch? — schnaufte die Schwiegermutter.
— Ich gehe doch nicht zur Bank, um einen Kredit zu beantragen!
— Das ist Familiensache!
— Genau, — nickte Natalja.
— Familiensache mit meinem Geld.
Andrej trat näher, streckte die Hände nach seiner Frau aus.
Die Geste wirkte unbeholfen, als wüsste er nicht, ob er sie umarmen oder nur die Schulter berühren sollte.
— Natascha, wir können doch die Details besprechen, — sagte Andrej.
— Vielleicht nicht die ganze Wohnung verkaufen, sondern nur…
— na ja, einen Kredit aufnehmen mit Hypothek?
Natalja machte einen Schritt zurück.
Zum ersten Mal in sieben Jahren Ehe erschien ihr ihr Mann wie ein völlig fremder Mensch.
— Einen Kredit aufnehmen? — wiederholte Natalja.
— Mit Hypothek auf meine Wohnung?
— Für das Hotel deiner Mutter?
— Nun… prinzipiell… — Andrej stockte.
— Das ist ja nicht so riskant wie der Verkauf.
— Andrej, — Natalja sprach den Namen ihres Mannes langsam aus, als ob zum ersten Mal.
— Weißt du, dass, wenn euer Hotel scheitert, die Wohnung trotzdem weg ist?
— Zur Tilgung der Schulden?
— Es wird nicht scheitern! — kochte Larisa Nikolajewna wieder auf.
— Warum bist du so negativ eingestellt?
— Wo ist dein Glaube an die Familie?
— Mein Glaube an die Familie endete in dem Moment, als ihr beschlossen habt, meine Wohnung ohne meine Zustimmung zu verkaufen, — antwortete Natalja ruhig.
— Wir haben nichts beschlossen! — empörte sich Andrej.
— Wir haben nur Möglichkeiten diskutiert!
— Diskutiert.
— Ohne mich.
— Meine Wohnung. — Natalja ging zum Tisch und begann, die Tassen einzusammeln.
Ihre Bewegungen waren klar und praktisch.
— Verstanden.
Larisa Nikolajewna setzte sich wieder auf den Stuhl und zog ein Taschentuch aus der Handtasche.
Die Augen der Schwiegermutter waren gerötet, aber Tränen gab es noch nicht — nur theatralische Vorbereitung darauf.
— Ich habe mein Leben lang davon geträumt, den Kindern etwas Ernstes zu hinterlassen, — sagte Larisa Nikolajewna mit zitternder Stimme.
— Nicht nur eine kleine Wohnung, sondern ein echtes Geschäft.
— Eine Sache, die die Familie über Jahrzehnte ernähren wird.
— Dann hinterlassen Sie, — stimmte Natalja zu, während sie die Tassen unter dem Wasserhahn ausspülte.
— Aber nur von Ihrem eigenen.
— Ich habe nicht so viel Geld! — schluchzte die Schwiegermutter.
— Und ich habe? — Natalja drehte sich um.
— Larisa Nikolajewna, ich habe auch keine vier Millionen Rubel.
— Ich habe eine Wohnung, die ich nicht verkaufen werde.
— Kleinlich, — flüsterte die Schwiegermutter, laut genug, dass es jeder hören konnte.
— Vielleicht, — nickte Natalja.
— Aber ich habe wenigstens ein Zuhause.
Andrej lief zwischen seiner Frau und seiner Mutter hin und her, als könnte er sich nicht entscheiden, auf wessen Seite er stehen sollte.
Schließlich blieb er mitten in der Küche stehen und hob die Hände.
— Vielleicht gibt es andere Möglichkeiten? — schlug der Mann vor.
— Man könnte Investoren finden, einen Bankkredit aufnehmen…
— Kann man, — stimmte Natalja zu.
— Sucht sie.
— Banken geben Kredite nur gegen Sicherheit, — sagte Larisa Nikolajewna niedergeschlagen.
— Und wir haben keine Sicherheit.
— Ihr habt keine, — korrigierte Natalja.
— Ich habe eine.
— Aber die werde ich nicht geben.
Es herrschte Stille.
Larisa Nikolajewna zerknüllte das Taschentuch in den Händen.
Andrej starrte auf den Boden.
Und Natalja wischte das Geschirr so sorgfältig ab, als hinge ihr Leben davon ab.
— Na gut, — sagte Andrej schließlich.
— Wir werden über andere Möglichkeiten nachdenken.
— Denkt nach, — erlaubte Natalja.
Am nächsten Morgen wachte Natalja früh auf.
Andrej schlief noch, die Arme ausgebreitet, fast das ganze Bett einnehmend.
Normalerweise hätte das genervt, aber heute erschien es symbolisch — der Mann nahm immer mehr Platz ein, als ihm zustand.
Natalja zog sich leise an und verließ die Wohnung.
Sie musste einige wichtige Dinge erledigen, während die anderen noch schliefen.
Der erste Punkt war die Bank.
Natalja ging zum Manager und beantragte, dass alle Zugriffe auf die Konten geändert werden.
Ab sofort erforderten alle Transaktionen großer Summen nur ihre Bestätigung.
Der zweite Punkt war das Notariat.
Natalja erließ ein Verbot jeglicher Handlungen mit der Wohnung ohne persönliche Anwesenheit der Eigentümerin.
Der dritte Punkt war die Hausverwaltung, wo Natalja mitteilte, dass ihr Mann keine Dokumente mehr unterschreiben darf, die die Wohnung betreffen.
Bis zum Mittag war alles erledigt.
Natalja kehrte nach Hause zurück und fand Andrej und Larisa Nikolajewna beim Frühstück.
An ihren Gesichtern war zu erkennen, dass sie aktiv das gestrige Gespräch diskutierten.
— Ah, Natascha, — Andrej hob den Kopf.
— Mama und ich haben überlegt…
— Vielleicht verkaufen wir erstmal das Ferienhaus?
— Welches Ferienhaus? — fragte Natalja überrascht.
— Nun… dein Ferienhaus, — sagte ihr Mann unsicher.
— Ich habe kein Ferienhaus, — antwortete Natalja ruhig.
— Wie kein?
— Und das Grundstück, das die Großmutter hinterlassen hat?
— Ach, dieses Grundstück. — Natalja setzte sich an den Tisch.
— Ich habe es vor zwei Jahren verkauft.
— Erinnerst du dich, ich sagte, dass wir das Badezimmer renovieren müssen?
Andrej und Larisa Nikolajewna sahen sich an.
— Verkauft? — fragte der Mann nach.
— Und wohin ist das Geld geflossen?
— Für die Renovierung von Bad, Küche und Balkon.
— Plus auf die Seite für schlechte Zeiten. — Natalja goss sich Kaffee ein.
— Hattet ihr auch auf das Grundstück gerechnet?
Larisa Nikolajewna schnaubte und wandte sich vom Fenster ab.
Andrej schwieg, starrte auf seinen Teller.
— Also ist die Entscheidung endgültig? — fragte der Mann nach einigen Minuten.
— Welche Entscheidung?
— Wegen der Wohnung.
— Bist du sicher, dass du es dir nicht anders überlegst?
Natalja nahm einen Schluck Kaffee und sah ihren Mann an.
In seinen Augen lag Hoffnung — schwach, aber noch nicht erloschen.
— Andrej, — sagte Natalja.
— Willst du im Haus deiner Mutter wohnen?
— Nun… vorübergehend…
— Dann zieh hin.
— Niemand hält dich auf.
— Und du?
— Ich bleibe hier.
— Wie bitte?
— Ganz normal.
— Ich werde in meiner Wohnung wohnen, meiner Arbeit nachgehen, meine Rechnungen bezahlen.
— Aber wir sind doch Mann und Frau!
— Ja, — nickte Natalja.
— Aber das bedeutet nicht, dass ich alles, was ich habe, für deine und Mamas Träume hergeben muss.
Larisa Nikolajewna sprang ruckartig vom Tisch auf.
— Alles klar, — sagte die Schwiegermutter.
— Familie ist für dich bedeutungslos.
— Lebe allein, wenn du so selbstständig sein willst.
— Das werde ich, — stimmte Natalja zu.
Noch am selben Tag packte Larisa Nikolajewna ihre Sachen und fuhr weg.
Beim Abschied sagte sie zu ihrem Sohn, dass sie ihn immer bei sich willkommen heiße.
Von der Schwiegertochter erwähnte sie nichts.
Andrej blieb noch eine Woche, versuchte einen Kompromiss zu finden.
Er schlug vor, wenigstens ein Zimmer zu verkaufen, einen Kredit für ein Jahr aufzunehmen, die Wohnung teilweise zu beleihen.
Aber Natalja blieb unnachgiebig.
Schließlich packte auch der Mann seinen Koffer.
— Vielleicht überlegst du es dir noch einmal? — fragte Andrej, als er im Flur stand.
— Das werde ich, — versprach Natalja.
— Jeden Abend, sitzend in meiner Küche, in meiner Wohnung, werde ich daran denken, wie gut es ist, dass ich sie nicht fremden Menschen für ihre Fantasien gegeben habe.
Nach der Abreise ihres Mannes war die Wohnung ungewöhnlich ruhig.
Natalja ging von Zimmer zu Zimmer und gewöhnte sich an die neue Realität.
Weniger Dinge, aber mehr Platz.
Im Schrank war die Hälfte der Regale frei, im Badezimmer die Hälfte des Schränkchens.







