Maria fuhr langsam durch die vertrauten Straßen ihrer Heimatstadt.
Zehn Jahre Leben in der Hauptstadt hatten viele Erinnerungen ausgelöscht.

Zur Wohnung der Mutter fand sie mithilfe des Navigators.
Die Eingangstür öffnete sich, noch bevor Maria klingeln konnte.
Auf der Schwelle stand ihre Mutter — gealtert, erschöpft.
— Endlich bist du gekommen, — sagte Galina Petrowna trocken.
— Komm herein.
Maria trat über die Schwelle.
Im Flur drängten sich Jugendliche.
Halbbruder und Halbschwester musterten sie mit unverhohlener Neugier.
— Kinder, das ist Maria, — stellte die Mutter vor.
— Eure Schwester.
Ein etwa vierzehnjähriges Mädchen betrachtete Maria offen von Kopf bis Fuß.
Markenmantel, teure Handtasche, elegante Schuhe — alles verriet eine erfolgreiche Städterin.
— Sie hat so ein schönes Auto, — flüsterte das Mädchen ihrem Bruder zu.
— Sei still, Lena, — fuhr die Mutter sie an.
Aus der Küche trat ein Mann mittleren Alters.
Der Stiefvater nickte Maria wortlos zu.
Sein Blick glitt über ihre Kleidung und blieb an der teuren Uhr hängen.
Im Wohnzimmer standen ein altes Sofa, abgenutzte Sessel.
Der Fernseher hatte seine besten Zeiten längst hinter sich.
Maria setzte sich und musterte die Einrichtung.
— Wie du siehst, leben wir bescheiden, — begann die Mutter.
Maria nickte.
— Wladimir arbeitet als Meister im Werk, — fuhr Galina Petrowna fort.
— Der Lohn ist klein.
Und die Kinder brauchen so viel.
Der jugendliche Sohn saß in der Ecke und starrte auf sein Handy.
Der Bildschirm war gesprungen.
Lena zupfte nervös am Ärmel ihres Pullovers — offensichtlich nicht mehr neu.
— Mama, wann kaufst du mir neue Turnschuhe? — fragte das Mädchen laut.
— Alle in der Klasse haben normale, nur ich diese alten.
— Lena, nicht jetzt, — zischte die Mutter.
Maria schwieg.
Die Atmosphäre wurde immer angespannter.
— Du bist sicher müde von der Fahrt? — fragte der Stiefvater.
— Ein wenig, — gab Maria zu.
— Und die Arbeit in Moskau? Ist sie gut? — erkundigte sich die Mutter.
— Ja, alles in Ordnung.
— Ich habe gehört, dein Vater hat dir die Firma hinterlassen, — begann Galina Petrowna vorsichtig.
— Wahrscheinlich läuft es dort nicht schlecht?
Maria seufzte.
Gestern hatte sie sich mit dem Geschäftsführer getroffen.
Die Dimensionen des Geschäfts hatten sie beeindruckt.
Der Umsatz der Firma ging in die zig Millionen.
— Ja, es läuft gut, — sagte sie.
Wladimir Sergejewitsch wechselte einen Blick mit seiner Frau.
In ihren Augen blitzte etwas Gieriges auf.
— Maria, können wir kurz reden? — bat die Mutter.
— Unter vier Augen.
Sie gingen ins Schlafzimmer.
Galina Petrowna schloss die Tür.
— Tochter, du siehst doch, wie wir leben, — begann sie leise.
— Die Kinder brauchen so viel.
Lena braucht Nachhilfe in Mathe.
Und Andrej möchte einen Programmierkurs besuchen.
Maria hörte schweigend zu.
— Bei Wladimir im Werk sind Kürzungen geplant, — fuhr die Mutter fort.
— Wir wissen nicht, wie es weitergehen soll.
Und nun hast du so viel Geld…
— Mama, ich bin gerade erst angekommen, — unterbrach Maria sanft.
— Lasst uns zuerst Vater würdig verabschieden.
— Natürlich, natürlich, — stimmte Galina Petrowna zu.
— Aber du verstehst doch — Familie ist Familie.
Dein Vater hat immer gesagt, man muss einander helfen.
Maria nickte.
Streiten wollte sie nicht.
Als sie ins Wohnzimmer zurückkam, fand sie die Familie in Beratungsrunde.
Wladimir flüsterte den Kindern etwas zu.
Als sie Maria sahen, verstummten alle.
— Maria, bleibst du lange in der Stadt? — fragte der Stiefvater.
— Ich weiß es noch nicht.
Ich muss erst die Angelegenheiten meines Vaters regeln.
— Ist das Haus groß, das er hinterlassen hat? — erkundigte sich Lena.
— Lena! — sagte die Mutter streng.
— Was denn? Mich interessiert es nur, — zuckte das Mädchen die Schultern.
Andrej löste sich endlich vom Handy:
— Stimmt es, dass Marias Vater eine Baufirma hatte? Ist bestimmt cool, Chef zu sein.
Maria sah diese Familie an und verstand — alles drehte sich um Geld.
Ihr Geld.
Niemand fragte, wie sie den Verlust des Vaters verkraftete.
Niemand interessierte sich für ihre Pläne.
— Gut, ich gehe ins Hotel, — sagte Maria und stand auf.
— Welches Hotel? — empörte sich die Mutter.
— Du bist zu Hause! Bleib bei uns.
— Nein, Mama.
Ich erhole mich lieber getrennt.
Galina Petrowna begleitete ihre Tochter zur Tür.
Zum Abschied drückte sie sie fest:
— Denk über das nach, was ich dir gesagt habe.
Familie ist heilig.
Maria kehrte mit schwerem Herzen ins Hotel zurück.
Die Worte der Mutter kreisten in ihrem Kopf.
Am nächsten Tag verabschiedete sie sich von ihrem Vater.
Die Zeremonie war bescheiden.
Die Mutter mit ihrer Familie hielt sich abseits.
Nach dem Friedhof trat Galina Petrowna auf ihre Tochter zu:
— Komm morgen zum Abendessen zu uns.
Tante Walja und Onkel Pjotr kommen auch.
Wir müssen alles in der Familie besprechen.
Maria nickte.
Es wäre unhöflich gewesen, abzulehnen.
Am nächsten Abend betrat sie die Wohnung der Mutter.
Am Tisch saßen die Verwandten — Tante Walentina und Onkel Pjotr.
Ihre Gesichter waren ernst.
— Setz dich, Maria, — wies die Mutter auf einen freien Stuhl.
Die Atmosphäre war angespannt.
Lena und Andrej saßen still, warfen Maria aber verstohlene Blicke zu.
— Wir haben nachgedacht, — begann Galina Petrowna.
— Dein Vater war immer ein gerechter Mensch.
Er liebte die Familie.
Tante Walentina nickte:
— Boris sprach immer von Familienwerten.
Dass die Nächsten einander unterstützen müssen.
— Und was wollt ihr damit sagen? — fragte Maria vorsichtig.
Onkel Pjotr räusperte sich:
— Siehst du, Maria, du hast jetzt ein großes Erbe.
Und deine Geschwister leben in Not.
— Das ist ungerecht, — fügte die Tante hinzu.
— Ein Kind reich, die anderen arm.
Maria spannte sich an.
Das Gespräch nahm eine unangenehme Wendung.
— Wir meinen, — fuhr die Mutter fort, — du solltest mit Lena und Andrej teilen.
Mindestens die Hälfte abgeben.
— Was? — Maria traute ihren Ohren nicht.
— Wieso nicht? — zuckte Wladimir Sergejewitsch mit den Schultern.
— Eine echte Tochter würde die Familie nicht in Not lassen.
— Dein Vater hätte gewollt, dass du mit deinen Brüdern und Schwestern teilst, — sagte die Mutter kalt.
Lena sah Maria hoffnungsvoll an.
Auch Andrej wartete auf eine Antwort.
— Versteh doch, — mischte sich Tante Walentina ein, — das ist eine Familienschuld.
Du hast zehn Jahre in Moskau gelebt.
Du hast nicht geholfen.
Jetzt hast du die Chance, es wiedergutzumachen.
— Ja, genau, — bestätigte Onkel Pjotr.
— Gerechtigkeit steht über allem.
Die Kinder haben ein Recht auf einen gleichen Anteil.
Maria blickte in die Runde.
Alle sahen sie erwartungsvoll an.
— Ich bin nicht verpflichtet, etwas abzugeben, — sagte sie leise.
— Wie, nicht verpflichtet? — empörte sich die Mutter.
— Das ist deine Familie!
Maria erwiderte:
— Wenn Vater das Erbe hätte teilen wollen, hätte er es im Testament geschrieben.
Aber von euch hat er nie gesprochen.
Nie gesagt, dass er euch liebt.
Und wen auch? Ihr seid doch Fremde geworden! Ich bin seine einzige Tochter!
Galina Petrowna kochte vor Wut.
— Ach so! Also bist du egal, was mit uns passiert?
— Nicht ganz…
— Nicht? — unterbrach die Mutter.
— Dann beweise es! Gib den Kindern ihren Anteil!
Wladimir Sergejewitsch beugte sich vor:
— Maria, denk doch vernünftig.
Du hast Millionen.
Wir leben am Hungertuch.
— Lena wird bald aufs Institut gehen, — fügte die Tante hinzu.
— Geld fürs Studium fehlt.
— Und Andrej braucht einen Computer für die Schule, — ergänzte Onkel Pjotr.
Maria sah, wie die Kinder sie ansahen.
In ihren Augen lagen Kränkung und Hoffnung zugleich.
— Entscheide dich, — sagte die Mutter hart.
— Entweder du teilst das Erbe, oder du verlierst die Familie für immer.
Alle schwiegen.
Maria erhob sich langsam vom Tisch.
— Nein, — sagte sie fest.
Galina Petrowna sprang so heftig auf, dass der Stuhl umfiel:
— Was?! Hast du jede Scham verloren?! Wie kannst du diese Kinder ansehen und ihnen verweigern?!
— Undankbare Egoistin! — schrie Tante Walentina und fuchtelte mit den Händen.
— Zehn Jahre warst du weg! Nicht einmal zum Geburtstag der Mutter bist du gekommen!
— Herzlos, — schüttelte der Stiefvater den Kopf, Maria voller Verachtung ansehend.
— Ich dachte, in dir sei noch ein Funken Menschlichkeit.
Lena brach in Schluchzen aus, vergrub das Gesicht in den Händen:
— Ich habe doch gehofft… wir alle haben gehofft… Und du…
Andrej starrte seine Halbschwester wortlos an.
In seinem Blick loderte der Hass eines Jugendlichen, dessen Träume zerbrechen.
— Vater hat mir das Erbe hinterlassen, weil ich seine Tochter bin, — erklärte Maria ruhig und versuchte, sich nicht provozieren zu lassen.
— Also ist es so, wie es sein soll.
— Wie kannst du nur?! — schluchzte die Mutter, ans Herz greifend.
— Wir sind deine Familie! Dein Blut! Sind dir Geldscheine wichtiger als deine Verwandten?!
— Siehst du nicht, wie wir leben! — schluchzte Lena, zeigte auf ihre abgetragene Kleidung.
— So geizig… Ich dachte, die große Schwester hilft…
— Jetzt zeigst du dein wahres Gesicht, — sagte Onkel Pjotr drohend aufstehend.
— Wir dachten, die Hauptstadt hätte dich besser gemacht.
— Und du bist nur kalt geworden, — zischte Tante Walentina.
— Schlimmer als eine Fremde!
Andrej erhob plötzlich die Stimme, sie zitterte vor Wut:
— Du bist mit einem teuren Auto gekommen!
Deine Tasche kostet so viel wie unser ganzes Monatsessen! Und uns fehlt es sogar an neuer Kleidung!
— Der Junge hat recht, — nickte Wladimir Sergejewitsch.
— Du badest im Luxus, während wir ums Überleben kämpfen.
Maria wollte zur Tür, doch die Mutter stellte sich ihr in den Weg:
— Halt! — schrie Galina Petrowna und packte die Tochter am Arm.
— Wenn du jetzt gehst, komm nie wieder! Du bist nicht meine Tochter! Überhaupt keine Tochter!
— Ich erzähle der ganzen Stadt, wie geizig du bist! — drohte die Tante, zitternd vor Wut.
— Alle werden wissen, dass du deine Familie im Stich gelassen hast!
— Ich sage es allen Nachbarn! — rief die Mutter.
— Im Laden, in der Klinik! Jeder wird es wissen!
— Und dein Geschäft bekommt Probleme, — warnte Wladimir Sergejewitsch kalt, erstmals an diesem Abend die Stimme erhebend.
— Ich habe Verbindungen. Wir machen dir hier das Leben schwer.
— Geh! — schrie Lena unter Tränen.
— Geh und komm nie wieder! Wir schaffen es auch ohne dich!
— Schande der Familie! — fügte Onkel Pjotr hinzu.
— Dein Vater dreht sich im Grab um!
Maria stieß die Mutter beiseite und ging zur Tür.
Hinter ihr schrien die Stimmen:
— Ich verfluche dich! — kreischte Galina Petrowna.
— Mögest du niemals Glück kennen!
— Du wirst allein enden! — schrie die Tante.
— Ganz allein!
Die Tür knallte zu.
Doch die Schreie waren noch durch die Wand zu hören.
Am nächsten Tag zog Maria ins Haus des Vaters.
Sie tauschte die Schlösser, brachte die Zimmer in Ordnung.
Das Haus war groß und gemütlich.
Ein Jahr verging.
Die Mutter sprach kein Wort mit ihr.
Bei Begegnungen drehte sie demonstrativ den Kopf weg.
Auch die Kinder blieben in ihrem Groll.
Die Nachbarn tuschelten hinter ihrem Rücken.
— Siehst du, wie geizig sie ist, — sagten sie.
— Hat die Familie für Geld aufgegeben.
— Ganz ohne Herz, — schüttelten alte Frauen die Köpfe.
Doch Maria berührte das nicht.
Die Firma wuchs, neue Aufträge kamen.
Sie baute Häuser für andere Menschen, schuf Arbeitsplätze.
Das Werk des Vaters lebte und entwickelte sich.
Sie erinnerte sich gut daran, warum die Eltern sich hatten scheiden lassen.
Der Vater hatte die Firma gerade erst aufgebaut, es gab kaum Geld.
Und die Mutter war zu Wladimir gegangen, der damals gut verdiente.
Der Vater hatte schwer unter der Trennung gelitten.
Und danach all seine Liebe in die Tochter gelegt.
Zuerst nahm er sie zu sich.
Dann schickte er sie zum Studium in die Hauptstadt, half ihr, auf eigenen Beinen zu stehen.
Über die neue Familie der Mutter sprach er nie.
Jetzt aber wollte die Mutter so tun, als hätte es die Vergangenheit nie gegeben.
Sich einen Teil von dem aneignen, was der Vater so mühsam aufgebaut hatte.
Aber Maria hatte nicht vor, so leicht das Lebenswerk ihres Vaters zu zerstören.
Abends saß sie oft im Sessel des Vaters, blätterte in seinen Fotos.
Sie wusste — sie hatte richtig gehandelt.
Sie hatte sein Erbe für sich bewahrt.
Die Verwandten riefen nie wieder an.
Die Familienbande waren endgültig zerrissen.
Aber sie empfand keine Reue.
Der Vater hatte ihr sein Lebenswerk anvertraut.
Und sie hatte ihn nicht enttäuscht.







