Mama ist zum Süßigkeiten holen gegangen und niemand hat sie je wieder gesehen

Mascha hielt den Griff des Koffers fest umklammert, als hinge davon ab, ob sie und ihre Schwester in dieser Welt bleiben würden.

Papa war irgendwo verschwunden, und jetzt war auch Mama hinter ihm her.

— Mädchen, bleibt hier, geht nicht weg, ich komme bald zurück, — warf die Mama genervt zum Abschied hin, richtete den buschigen Fuchspelzkragen und ging davon.

— Mama! — schrie Mascha ihr durchdringend hinterher.

— Mama, bleib bitte hier!

— Ich gehe nur schnell Süßigkeiten holen und komme sofort zurück, — antwortete sie unzufrieden und verschwand hinter einer Säule des Kasaner Bahnhofs.

Mascha sah hilflos zu ihrer älteren Schwester Walja und klammerte sich noch fester an den Lederriemen, während sie mit dem Handrücken eine Träne wegwischte:

— Walja, sie werden doch zurückkommen, oder?

— Weine nicht, Maria, — sagte Walja streng und versuchte, selbstsicher zu wirken.

— Papa ist nur Karten besorgen gegangen, er kommt gleich wieder.

Und Mama — ist Süßigkeiten holen.

Wir schaffen es noch, den Zug zu nehmen und in eine andere Stadt zu fahren.

Dort wird ein schöner Weihnachtsbaum in der neuen Wohnung stehen — groß, weil es in Moskau solche nicht gibt, — fügte sie weniger zuversichtlich hinzu.

Walja sah sich nervös um: eine Menschenmenge ging vorbei, ein lautes Pfeifen der Lokomotive ließ sie zusammenzucken.

Sie drückte sich an ihre Schwester und umarmte sie.

Der Koffer war riesig und schwer, nur Papa konnte ihn tragen.

Aber selbst in ihn passten nicht alle Spielsachen, die die Mädchen unbedingt mitnehmen wollten.

Jedes Mal, wenn Mascha heimlich mit ihrer Lieblingspuppe ins Elternschlafzimmer schlich und versuchte, sie im Koffer zu verstecken, bemerkte Mama es und warf die Puppe wütend zurück:

— Mascha, hör auf, deine Puppen mitzuschleppen! Wegen ihnen passen meine Kleider nicht mehr rein, und Papas Anzüge auch nicht!

Er muss doch würdevoll aussehen — er ist jetzt Hauptingenieur der Fabrik!

— dann ließ sie sich theatralisch aufs Bett fallen, verbarg ihr Gesicht in den Händen und begann laut zu weinen, damit Papa es aus dem Arbeitszimmer hörte.

— Besser wäre es, er wäre Meister in Moskau geblieben, als Chef in so einem Nest!

— Lena! — empörte sich Papa sonst, obwohl er längst beschlossen hatte, keine Streitigkeiten mehr zu führen.

— Wie kannst du so reden? Mir wurde eine wichtige Arbeit anvertraut! Das heißt, die Partei vertraut mir.

Wir müssen dem Land helfen, die Produktion in neuen Regionen ausbauen!

— Nikolai, dich haben sie verbannt! Uns beide! Dort, in diesem Taiga, gibt es nicht mal Theater — kein Tageslicht!

Mit wem soll ich da reden? Welche Freundinnen? Welche Bildung für die Mädchen?

Denkst du, sie werden von Kindern guter Familien umgeben sein? Nein! Nur Jungs aus Baracken!

— Mama, was sind Baracken? — fragte Mascha.

Das Wort klang für sie lustig — mit dem klingenden „r“ in der Mitte, das sie erst kürzlich richtig auszusprechen gelernt hatte.

— Geh jetzt sofort ins Kinderzimmer! — schimpfte Mama, schob Mascha die Puppe zurück in die Hand und schickte sie aus dem Zimmer.

— Später bringen sie alles mit dem Auto — Sachen, Möbel, Bücher.

Man muss diesen ganzen Kram nicht mit sich herumtragen!

Mama bestand darauf, dass die Mädchen sich eine Puppe teilten, aber Papa bestand sanft, aber bestimmt:

— Jede soll ihre eigene Lieblingspuppe mitnehmen.

So wird es ihnen leichter fallen, sich an den neuen Ort zu gewöhnen.

Lena räumte demonstrativ ihr Lieblings-Theaterkleid weg, um Platz für die Puppen zu schaffen, und sprach danach zwei Stunden lang kein Wort mit ihrem Mann.

Sie ging immer wieder in die Küche, nahm Tropfen ein, seufzte laut und stöhnte — extra, damit er es hörte.

Nikolai fühlte sich schuldig, gab aber nicht nach.

Er war bereit, sogar auf seinen Lieblingsanzug zu verzichten und in einem abgetragenen zu gehen, doch Lena ließ das nicht zu.

Und nun standen sie allein auf dem lauten Bahnhof, klammerten sich an den Koffer, als ob nur er sie noch mit den Eltern verband.

— Töchterchen! — keuchte der Vater und rannte herbei.

— Was für eine Schlange an der Kasse! Nur mit Glück habe ich Tickets bekommen.

— Aber wo ist Mama?

Da hielt Mascha es nicht mehr aus und begann laut zu weinen:

— Mama… Mama ist zum Süßigkeiten holen… — schluchzend zeigte sie mit der Hand zum Haupteingang.

Der Vater sah sich ratlos um.

Der Zug sollte in zehn Minuten abfahren, zum Waggon musste man fast rennen.

Was tun — die Frau suchen oder mit den Kindern zum Zug eilen?

Wie erklärt man den Genossen in Moskau und Perm, dass er sich verspätet hat, weil die Frau Süßigkeiten holen gegangen ist?

Völliger Unsinn.

Und welche Süßigkeiten gibt es überhaupt am Bahnhof? Was ist mit ihr passiert? Hat sie etwa den Verstand verloren?

Die Angst vor Verurteilung durch Kollegen und Vorgesetzte siegte.

Der Vater griff den Koffer, nahm Walja entschlossen bei der Hand und sagte:

— Walja, halt Mascha gut fest! Ab zum Waggon.

Mama kommt gleich von selbst.

— Aber wie wird sie uns finden? — jammerte Walja.

Doch der Vater sah sie nur streng an und wiederholte:

— Sie wird uns finden.

Sie rannten zwei Minuten vor Abfahrt in den Waggon.

Verschwitzt, außer Atem, verängstigt.

Der Vater gab der Schaffnerin die Tickets, quetschte den Koffer schnell in eine Ecke und setzte die Mädchen hin:

— Bitte passt gut auf sie auf! Ich muss meine Frau suchen — sie hat sich irgendwo am Bahnhof verlaufen!

Die Schaffnerin umarmte die Mädchen:

— Natürlich, ich passe auf sie auf, aber ihr habt weniger als eine Minute! Nicht verpassen — wir fahren ohne euch los!

Mascha begann wieder zu weinen.

Wie — ohne Papa? Mama ist weg, und jetzt auch noch Papa?

— Nein, Papa, geh nicht weg! Lass uns nicht allein! — schrie Mascha verzweifelt und klammerte sich an den Ärmel von Papas Mantel.

— Ich finde Mama und komme zurück.

Ich verspreche, ich bin schnell! — antwortete der Vater und bemühte sich, sicher zu klingen.

Die Mädchen blieben im Waggonflur stehen, immer noch den Kofferggriff festhaltend.

Plötzlich ruckelte der Zug und setzte sich langsam in Bewegung.

Die Schaffnerin sah sie besorgt an:

— Mein Gott, wo ist euer Papa?

Obwohl, wahrscheinlich hat er es doch noch geschafft, in den letzten Waggon zu springen.

Mit Mama.

Sie schaute noch einmal aus dem Fenster zum sich entfernenden Bahnsteig und schlug entschlossen die Tür zu.

— Na gut, den Koffer lassen wir erstmal hier, und ihr kommt mit mir ins Abteil.

Dort wartet ihr auf Papa.

— Nein! — kreischte Mascha.

Die Schaffnerin seufzte und willigte sofort ein:

— Gut, wir nehmen den Koffer mit, und ihr wartet direkt im Abteil auf Papa.

Abgemacht? Ich mache euch Tee mit heißen, leckeren Piroggen.

Mit missmutigem Murmeln hob sie den schweren Koffer mühsam auf und zog ihn den Gang entlang, dabei zertrat sie gnadenlos die weichen Läufer.

— Hier ist euer Abteil, — atmete sie aus und öffnete die Tür.

— Seht mal, wie gemütlich es hier ist.

Setzt euch, ich bringe euch Tee, und eure Eltern sind bald hier.

Und wirklich, bald kam der Vater — genau in dem Moment, als die Schaffnerin das Tablett mit dem Tee auf den Tisch stellte.

Aber er war allein.

Ohne Mama.

Sein Gesicht war blass, die Augen voller Sorge und Schmerz.

Nach einem Tag kamen sie in einer ihnen unbekannten Stadt an.

Dort wartete schon ein großer schwarzer Wagen, der sie zur neuen Wohnung neben der Fabrik brachte.

Sie war klein und fast leer — nur zwei Zimmer.

Der Fahrer half, den Koffer hineinzubringen.

— Hier ist euer Zuhause, — sagte der Vater mit gezwungenem Lächeln.

— Wo ist der Weihnachtsbaum? — fragte Walja enttäuscht.

— Du hast uns einen Weihnachtsbaum versprochen! — schluchzte Mascha.

— Morgen bringen wir ihn bestimmt! — sagte der Fahrer aufmunternd.

— Und dann geht ihr zum Kinderfest ins Kulturhaus — da werden alle Kinder sein! Habt ihr Kostüme?

Vielleicht Hasen oder Schneeflocken? — zwinkerte er den Mädchen zu.

— Bis morgen! Oh, fast vergessen — die Möbel werden auch morgen geliefert.

Und heute könnt ihr euch Feldbetten von den Nachbarn leihen.

So hübsche Mädchen sollten nicht auf dem Boden schlafen!

Bald kamen Nachbarn in die Wohnung — nette, lebhafte Leute, die Feldbetten, Decken und sogar Bettwäsche mitbrachten.

Sie fütterten die Mädchen mit leckerem Abendessen und luden sie zu Kuchen ein.

Die Nachbarin gegenüber, die das Thema Mama geschickt vermied, bot an, mit den Mädchen zu spielen, solange Papa auf der Arbeit ist.

Nikolai war gerührt von so viel Aufmerksamkeit fremder Menschen.

Spät abends, als er seine Töchter vor dem Schlafengehen küsste, sagte er:

— Uns wird es hier gut gehen.

Ehrlich.

Seht, was für nette Menschen hier wohnen.

Wir werden glücklich sein.

— Kommt Mama? — fragte Mascha leise.

— Wahrscheinlich hat sie den Zug nur verpasst.

Morgen werde ich sie von der Telefonzelle anrufen und sagen, dass wir alle auf sie warten, — seufzte Papa.

Jeden Tag ging Nikolai telefonieren.

Mit jedem Tag wurde sein Gesicht dunkler.

In Moskau meldete sich niemand.

Er wusste: die Dienstwohnung wurde längst an einen neuen Spezialisten übergeben.

Aber die Hoffnung, herauszufinden, wo seine Frau ist, gab er nicht auf.

Und nach zwei Monaten nahm endlich jemand ab.

— Hallo? — erklang eine junge Frauenstimme.

— Das ist die Wohnung von Skhodchenko.

Wer spricht?

Nikolai stockte, schluckte schwer den Kloß im Hals.

Er hatte nicht erwartet, eine fremde Stimme zu hören.

— Entschuldigung… hier ist Nikolai Iwanowitsch… Wir haben früher in dieser Wohnung gewohnt…

— Und was wollen Sie? — fragte die Frau gleichgültig.

— Ich wollte wissen… ist meine Frau bei Ihnen gewesen?

— Nein, als wir eingezogen sind, war die Wohnung leer.

Und seitdem kam niemand mehr, — nach diesen Worten legte sie auf.

Nikolai heiratete nie wieder.

Er zog die Töchter groß, gab ihnen seine Wohnung und starb still auf dem Landhaus außerhalb der Stadt.

Zwei Jahre nach seinem Tod kam ein Brief an seinen Namen.

Mascha drehte nachdenklich den Umschlag in ihren Händen.

Soll sie ihn öffnen oder nicht? Immerhin war er an den Vater adressiert.

Aber nachdem sie mit Walja gesprochen hatte, entschied sie sich doch dazu.

Nachdem sie den Brief gelesen hatte, rief Mascha sofort ihre Schwester an:

— Komm schnell! Es ist sie! Das ist unsere Mama!

Sie hat an uns gedacht und will ihre Töchter sehen! Ihre eigenen! Kannst du dir das vorstellen? — rief sie aus.

— Ich habe keine Mutter, — antwortete Walja kalt und legte auf.

Die Briefe kamen weiter.

Mascha warf sie weg, aber eines Tages klingelte das Telefon:

— Mascha, mein Mädchen… Bist du das? — zitterte eine alte Stimme am Telefon.

— Maschenka, ich weiß, dass du es bist! Ich bewahre eure Puppen immer noch auf.

Komm zu mir! Ich will euch alles geben, was ich habe.

Ich habe eine große Wohnung mitten in Moskau…

Mascha zögerte.

Nach langem Überlegen und einem weiteren Gespräch mit Walja fuhr sie schließlich hin.

Moskau, die Wohnung, und das Treffen mit der Mutter — das alles schien zu wichtig, um es einfach zu ignorieren.

Sie kam schnell zurück.

Mit einem Gefühl tiefer Abscheu und Enttäuschung.

Sie wollte der Schwester alles erzählen, aber Walja fragte nur, ob sie gut angekommen sei.

Mascha wollte sagen, dass die Mutter keine Puppen hat — sie log.

Und auch keine Wohnung im Zentrum.

Sie lebt in einer vergessenen Hütte am Stadtrand, allein, krank, vergessen.

Sie erinnerte sich an ihre Töchter nur, weil sie Angst hatte, allein zu sterben.

Und damals, vor vielen Jahren, hatte sie einfach Angst, in eine fremde Stadt zu ziehen, wo es keine Theater gibt, niemanden zum Reden, und das Leben unerträglich schien.

— Und was ist mit uns? — fragte Mascha nur.

— Wir sind doch deine Töchter?

— Ich habe immer an euch gedacht, — antwortete die Frau.

— Aber Nikolai ist ein guter Vater.

Er hätte euch nie verlassen.